13.08.2012

UNION

Die Aussöhnung

Von Müller, Peter

Zum 30. Jahrestag der Kanzlerwahl Helmut Kohls plant die CDU ein Gedenkmarathon. Ausgerechnet seine alte Gegenspielerin Angela Merkel soll von ihm profitieren.

Was Helmut Kohl von Angela Merkel hält, lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: nicht viel. Der "Kanzler der Einheit" ist ein alter, kranker Mann. Selten meldet er sich noch öffentlich zu Wort. Doch wenn das Orakel von Oggersheim spricht, dann ohne jede Sympathie für "diese Dame, diese formidable", die da nun im Kanzleramt residiert.

Deutschland sei "keine berechenbare Größe mehr - weder nach innen noch nach außen", sagt er dann, der Außenpolitik fehle jeder "Kompass". Auch an

der Euro-Rettungspolitik lässt Kohl kein gutes Haar. "Viele bei uns tun so, als ginge sie Griechenland nichts an", mahnte er, als er vor zwei Jahren 80 wurde.

In der ersten Reihe des Geburtstagsempfangs hörte die Frau zu, der er nie verziehen hat, dass sie sich im Dezember 1999 auf dem Höhepunkt der Parteispendenaffäre als Erste in der Union öffentlich von ihm lossagte. Jene Angela Merkel also, die zwar in der Vergangenheit hin und wieder einmal die "historische Leistung der deutschen Einheit" lobte, aber selten den Mann, der sie gestaltet hatte.

Die Partei müsse sich "wie jemand in der Pubertät von zu Hause lösen" und eigene Wege gehen, hatte die damalige Generalsekretärin in der "FAZ" geschrieben. Trotzdem werde die CDU "immer zu dem stehen, der sie ganz nachhaltig geprägt hat - vielleicht später sogar wieder mehr als heute".

Diesen Zeitpunkt hält Merkel offenbar für gekommen. Kohl war lange genug im politischen Abklingbecken, jetzt soll die Partei wieder von ihm profitieren. Und so wird die Kanzlerin am 27. September ihren Vorvorgänger als Partei- und Regierungschef auf großer Bühne in einer halbstündigen Rede würdigen.

Drei Jahrzehnte nachdem Kohl am 1. Oktober 1982 Kanzler geworden war, lässt die Union ihn bei einem Festakt im Deutschen Historischen Museum in Berlin hochleben. Neben Merkel werden auch Karl Kardinal Lehmann sprechen und Jacques Delors, der ehemalige Chef der EU-Kommission. Der oft übellaunige Patriarch soll wieder in die Mitte der Partei geholt werden.

Kohl soll Merkel helfen, die CDU auf proeuropäischem Kurs zu halten. Er steht noch für ein Europa, dessen Alltag nicht von aussichtslosen Troika-Missionen und einer unverständlichen Buchstabensuppe aus EFSF und ESM dominiert wurde. Für die Kanzlerin ist Kohl ein willkommenes Bollwerk gegen Euro-Populisten wie die CSU-Lautsprecher Alexander Dobrindt oder Markus Söder. "Helmut Kohls Verdienste um die deutsche Einheit sind groß. Seine Verdienste um Europa sind aber noch größer", sagt Armin Laschet, der Chef der NRW-CDU.

Die Kohl-Festspiele zum Kanzlerjubiläum sind seit Monaten geheime Chefsache. Ende August geht es los mit einer Veranstaltung der parteinahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Im früheren Plenarsaal des Bundestags in Bonn wird Ex-Bundespräsident Roman Herzog eine Laudatio halten. Im Anschluss diskutieren Kohls ehemaliger Finanzminister Theo Waigel (CSU) und Philipp Mißfelder, der Chef der Jungen Union.

Mißfelder plant zudem eine eigene Ehrenveranstaltung für das Idol der Parteijugend. Beim Deutschlandtag der JU sollen sich Anfang Oktober die Weggefährten des Altkanzlers erinnern. Zugesagt haben Kohls Kanzleramtsminister Rudolf Seiters und Bernhard Vogel, Kohls Nachfolger im Amt des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten.

Die eigentliche Kohl-Festwoche startet am Nachmittag des 25. September im Fraktionssaal der Union im Bundestag. Der Patriarch im Machtzentrum der Union - ohne Merkels Placet wäre die Visite undenkbar. Es ist der erste Besuch des Altkanzlers bei den Unionsabgeordneten seit seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 2002. "Sollte es sein Gesundheitszustand zulassen, wird Kohl ein paar Worte an die Parlamentarier richten", heißt es in seinem Büro.

Zwei Tage später folgt der Gedenkabend der Adenauer-Stiftung im Deutschen Historischen Museum, mit Grußbotschaften aus aller Welt und Merkels Rede. Auch hier plant der Altkanzler, der seit einem schweren Sturz im Februar 2008 im Rollstuhl sitzt, selbst zu sprechen.

Die Kohl-Renaissance ist damit im Zentrum der Partei angelangt. Bislang hat sich nur der Parteinachwuchs mit ihm versöhnt. Für die Jung-Unionisten ist Kohls Bungalow in Ludwigshafen-Oggersheim ein Pilgerort, zum 80. Geburtstag des Altkanzlers vor zwei Jahren brachten ihm 500 JU-ler ein Ständchen dar. "Gerade die junge Generation fühlt sich Helmut Kohl stark verbunden", flötete JU-Chef Mißfelder damals.

Jetzt sind auch die Europapolitiker der Partei bereit, über die dunkleren Kapitel der Amtszeit Kohls hinwegzublicken. "Der düstere Schatten der Spendenaffäre verschwindet hinter der Erinnerung an die europäische Lichtgestalt", sagt einer der wenigen engen Vertrauten Angela Merkels, der gleichzeitig Kohl gut kennt.

"Der Ehrenbürger Europas, Helmut Kohl, steht wie kein anderer für den europafreundlichen Kurs der CDU", sagt auch der EU-Parlamentarier Elmar Brok. Und Steffen Kampeter, der Parlamentarische Staatssekretär im Finanzministerium, ergänzt: "Helmut Kohl ist wie kein anderer dafür geeignet, die CDU daran zu erinnern, dass Europa in erster Linie kein ökonomisches, sondern ein politisches Projekt ist."

Dass es ausgerechnet Kohl war, der nicht nur den Euro, sondern auch die Konstruktionsfehler aus der Anfangszeit der Gemeinschaftswährung zu verantworten hat, blendet die CDU tunlichst aus. "Kohl ist der Mitschöpfer des Euro unter strengen Regeln, die dann sein Nachfolger Gerhard Schröder aufgekündigt hat", sagt Christean Wagner, der Chef der CDU-Fraktion im hessischen Landtag.

Dabei war für den Gefühls-Europäer Kohl die unterschiedliche Leistungsfähigkeit der Euro-Volkswirtschaften nur eines jener Details, die die Zeit schon richten würde. Kohl konstruierte die Währungsunion, ohne die politischen Institutionen für eine gemeinsame europäische Finanzpolitik zu schaffen.

Manche CDU-Leute wie der Bundestagsabgeordnete Steffen Bilger sehen Kohls Bilanz daher kritisch. "Viele rufen sich die Hoffnungen von einst in Erinnerung - und sehen nicht, dass die Fehler des Euro schon bei seiner Geburt angelegt waren."

Doch von solchen Tönen wird bei den Kohl-Festspielen nichts zu hören sein. Dafür sorgt schon Maike Kohl-Richter, seine zweite Frau. "Ohne Frau Kohl geht bei den Planungen nichts", heißt es in der Adenauer-Stiftung. Denn bei den Jubelfeiern geht es auch um die Frage, bei wem die Deutungshoheit über das Kohl-Gedenken liegt: bei der Partei oder bei Kohl-Richter?

Rein physisch hat die Adenauer-Stiftung das Kohl-Erbe derzeit aus der Hand gegeben. Ein großer Teil der 44,6 Aktenmeter, die die Stiftung aus den Kohl-Jahren 1976 bis 1998 in ihrem Archiv hat, ist zurzeit an den Altkanzler ausgeliehen. Kohl braucht das Material für den vierten, abschließenden Teil seiner Memoiren.

Der Patriarch selbst verfolgt die europäische Debatte sehr genau. Immer wieder haben er und Maike Kohl-Richter Freunde zu Gast in Oggersheim. Europapolitiker Brok war zuletzt ebenso da wie JU-Chef Mißfelder. Es sind Runden, bei denen Kohl wenig redet und viel zuhört.

Natürlich sei er besorgt über die Lage in der EU, berichten Bekannte. Im Gegensatz zu seinen Wutausbrüchen in den vergangenen Jahren aber sei seine Kritik an Merkel inzwischen leiser. Allenfalls halte er der Kanzlerin vor, sie sei unfähig zur großen europäischen "Erzählung". Kriegskindheit, Nachkriegsjugend, katholisches Elternhaus - wenn Kohl über Europa sprach, spielte diese Prägung eine Rolle und nicht das Urteil von Rating-Agenturen.

Und so gibt es zarte Zeichen der Entspannung zwischen beiden Seiten, doch der Erfolg der Kohl-Festspiele ist damit nicht garantiert. Denn noch eine andere Parteigröße feiert in diesen Tagen Geburtstag. Wolfgang Schäuble wird 70, und dessen Verhältnis zu Kohl ist mindestens so kompliziert wie das der Kanzlerin.

Lange Jahre hatte Kohl Schäuble als Nachfolger vorgesehen, dann aber am Ende fallenlassen. Schließlich versank Schäuble in dem Spendensumpf, den Kohl ihm hinterlassen hatte, und musste als CDU-Chef zurücktreten.

Ausgerechnet zwischen Kohls Auftritt in der Fraktion am Dienstag und dem Festakt am Donnerstag hat Unionsfraktionschef Volker Kauder nun eine Feier zu Schäubles 70. Geburtstag angesetzt. Im Deutschen Theater soll es am Mittwoch einen bunten Abend geben, mit Schauspielern und Musik.

Ob sich Kohl und Schäuble da sehen, ist noch unklar. Zwar wurde Kohl gebeten, sich den Schäuble-Termin mitten in seiner eigenen Festwoche frei zu halten. "Eine Einladung", so heißt es in Kohls Büro feinsinnig, "liegt uns aber noch nicht vor."

Wem gehört Altkanzler Helmut Kohl? Auch darum geht es bei den Jubelfeiern.

(*) Am 1. Oktober 2010 in Berlin bei einer Feier zu "20 Jahre Vereinigungsparteitag der CDU".

DER SPIEGEL 33/2012
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