13.08.2012

ENERGIEWENDEGenerator gesucht

Die Unternehmen müssen in Zukunft häufiger mit Stromausfällen rechnen, Hersteller von Notaggregaten erleben einen Boom.
Es war an einem Mittwoch, nachts um drei, als die Maschinen bei Hydro Aluminium im Hamburger Industriegebiet Finkenwerder plötzlich stehenblieben. Die hochsensiblen Rechner des Walzwerks stoppten die Produktion so abrupt, dass Alu-Bänder rissen. Sie schlugen gegen die Maschinen und zerstörten Teile einer Walze. Mehrere Stromrichter schmorten durch. Der Grund: Für Millisekunden hatte die Spannung im Stromnetz geschwankt.
Arbeiter mussten die halbfertigen Alu-Rollen aus den Maschinen befreien. Mehrere Stunden dauerte es, bis sie die Produktion erneut starten konnten. Sachschaden an den Maschinen: rund 10 000 Euro.
Noch zweimal schwankte die Netzspannung im Hamburger Werk innerhalb der folgenden drei Wochen für Bruchteile von Sekunden. Größere Schäden gab es in beiden Fällen nicht, weil die Maschinen gerade in einer Betriebspause waren. Trotzdem hat das Unternehmen rund 150 000 Euro in den Aufbau einer eigenen Notstromversorgung durch Batterien investiert, um sich vor größeren Schäden zu schützen.
"Es hätte uns auch wieder mitten in der Produktion treffen und sogar zu einem Feuer führen können", sagt der Hamburger Werksleiter Axel Brand. "Das wäre dann richtig teuer geworden."
Auch in vielen anderen Industriebetrieben machen sich derzeit die Manager in den Chefetagen Gedanken darüber, wie sie sich vom deutschen Elektrizitätsnetz unabhängig machen können, um die Folgen der Energiewende abzufedern. Firmen mit sensiblen Steuerungsanlagen sichern ihre Produktion durch Batterien und Generatoren ab. Deren Hersteller profitieren. "Sie werden kaum noch ein Unternehmen finden, das sich nicht Sorgen um seine Stromversorgung macht", sagt der CDU-Abgeordnete und wirtschaftspolitische Sprecher der Union, Joachim Pfeiffer.
Grund ist der steigende Anteil erneuerbarer Energien, der in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden soll. Anders als Atom- oder Gaskraftwerke liefern Windräder und Solaranlagen nicht permanent dieselbe Menge Elektrizität. Um rechtzeitig mit herkömmlichen Energien gegenzusteuern, müssten die Netzbetreiber exakt vorhersagen, wie stark der Wind wehen oder die Sonne scheinen wird.
Doch eine so präzise Prognose ist schwierig. Schon wenn die Betreiber um wenige Prozent falschliegen, schwankt die Spannung im Stromnetz. Normalen Haushaltsgeräten wie Staubsaugern oder Kaffeemaschinen macht das nichts aus. Hochleistungsrechner in der Industrie können durch solche Ausfälle im Millisekundenbereich jedoch schnell zum Absturz gebracht werden.
Eine Umfrage unter den Mitgliedern des Verbands der Industriellen Kraftwirtschaft hat ergeben, dass die Anzahl der Kurzunterbrechungen in deutschen Stromnetzen innerhalb der vergangenen drei Jahre um etwa 29 Prozent gestiegen ist. Die Zahl der Versorgungsstörungen nahm im selben Zeitraum um 31 Prozent zu, bei fast jeder zweiten kam es zu Produktionsausfällen. Die Schäden liegen nach Firmenangaben zwischen 10 000 und mehreren 100 000 Euro.
Nutznießer der Störungen sind die Hersteller von Batterien und Notstromaggregaten. "Wir liegen schon jetzt 13 Prozent über unserem Umsatz vom vergangenen Jahr", erklärt Manfred Rieks, Betriebsleiter des mittelständischen Unternehmens Jovyatlas, das sich auf Energiesysteme für die Industrie spezialisiert hat.
APC, einer der weltweit führenden Hersteller von Notstromtechnik, konnte den Absatz in den vergangenen drei Jahren jährlich um rund zehn Prozent steigern. "Vom mittelständischen Unternehmen bis zum Dax-Konzern kaufen alle bei uns ein", sagt Michael Schumacher, leitender Systemingenieur bei APC.
Auch August Wagner, Geschäftsführer eines mittelständischen Textilunternehmens mit rund 180 Mitarbeitern im bayerischen Helmbrechts, sorgt aus Angst vor Stromausfällen vor. Ein Produktionsstopp wäre für ihn eine Katastrophe. "Wenn wir Stoffe färben, sind mehrere tausend Meter in der Färberei. Fällt dann der Strom aus, ist die komplette Ware dahin, und wir hätten einen Riesenschaden", erklärt der Unternehmer.
Damit es nicht so weit kommt, regelt Wagner die Stromversorgung seiner Produktion inzwischen selbst, außerdem steht seit einigen Monaten ein Notstromaggregat in einem Container neben seiner Produktionshalle. Seither bekommt er Besuch von Unternehmern aus der Umgebung, die sich das Konzept anschauen wollen.
Der Hamburger Kupferkonzern Aurubis hat inzwischen rund zwei Millionen Euro ausgegeben, um sich für den Notfall abzusichern. "Solange sich die Netzstabilität nicht deutlich verbessert, werden wir auch in diesem und in den kommenden Wintern wieder auf Notstromaggregate setzen", heißt es aus dem Unternehmen.
Die Vorsorge der Firmen ist hilfreich, aber sie löst nicht alle Probleme. Ungeklärt ist vor allem die Frage, wer haftet, wenn alle Notmaßnahmen versagen. Bislang sind die Netzbetreiber nur verpflichtet, einem Unternehmen gegenüber Schadensersatz bis zu 5000 Euro zu leisten. Hydro Aluminium verlangt jedoch von seinen Netzbetreibern, dass sie auch für Ausfälle aufkommen, die darüber hinausgehen. "Die Schäden haben bereits eine Größenordnung erreicht, die wir auf Dauer nicht selber tragen können", heißt es in dem Unternehmen.
Hydro Aluminium plädiert daher dafür, bei der Bundesnetzagentur eine Clearingstelle einzurichten. Sie soll wie ein Gericht bei Konflikten zwischen Netzbetreibern und Unternehmen vermitteln und entscheiden, ob das Unternehmen selbst oder der Netzbetreiber für Materialschäden und Produktionsausfälle aufkommen muss.
Doch Behördenchef Jochen Homann will davon vorerst nichts wissen. Er hat vor, das Problem in Gesprächen mit Experten und Verbänden zunächst einmal gründlich zu erörtern.
Für Unternehmen wie Hydro Aluminium dauert das möglicherweise zu lange. Eine eigene Stromversorgung für die neun deutschen Produktionsstandorte aufzubauen wäre zu teuer. Und ohne Lösung der Haftungsfrage werden die Verluste zu groß. "Wenn wir keine stabilen Netze garantieren können, werden Unternehmen auf lange Sicht abwandern", sagt der Wirtschaftspolitiker Pfeiffer. "Das können wir uns als Industriestandort nicht leisten."
Von Catalina Schröder

DER SPIEGEL 33/2012
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