13.08.2012

ARBEITSMARKT

Spanier am Friesenspieß

Von Kleinhubbert, Guido

Die deutsche Provinz versucht, junge Menschen aus den EU-Krisenstaaten anzulocken. Doch die Südeuropäer zieht es nach Berlin - obwohl sie dort kaum Jobs finden.

Die potentiellen Stützen der deutschen Wirtschaft kamen mit Flug FR 5406 aus Madrid und landeten planmäßig um 15.05 Uhr auf dem Flughafen Eindhoven in den Niederlanden. Ein Kleinbus brachte sie bei strömendem Regen in die deutsche Provinz nach Papenburg. Dort lernten die Gäste dann, dass Norddeutschland ganz anders ist als Südspanien, nicht nur klimatisch.

Die 15 jungen Männer und Frauen aus Murcia und Albacete absolvierten im Mai Schnupperpraktika in Unternehmen und erfuhren nebenbei, wie man im Norden Deutschlands seine Freizeit gestaltet. Gemeinsam mit Unternehmern und Kommunalpolitikern machten sie Radtouren zwischen Sögel und Haselünne, dann besuchten sie einen Wettkampf im "Tractorpulling" auf einem Acker in Harpendorf.

Die Gastgeber mühten sich, den jungen Südeuropäern zu gefallen, schließlich wollte man sie überzeugen, eine Berufsausbildung im Emsland oder in Ostfriesland zu beginnen. In der Region entlang der Friesenspieß genannten Autobahn A 31 wächst die Wirtschaft seit Jahren.

Metallverarbeitende Betriebe und Bauunternehmer haben viele Aufträge, die Firmen brauchen neue Leute. "Weil wir hier nicht genügend Personal finden, wollen wir nun junge Spanier oder Portugiesen für ein Arbeitsleben in unserer Region begeistern", sagt Dirk Lüerßen, Geschäftsführer der Wirtschaftsinitiative "Wachstumsregion Ems-Achse". Lüerßen begann in Murcia und Albacete zu suchen. Dort ist fast jeder Dritte arbeitslos.

Auch andere deutsche Regionen werben in diesen Tagen um junge Menschen aus EU-Krisenstaaten. Firmen suchen Ingenieure und andere Akademiker, außerdem Maurer, Elektriker, Schweißer, Pflegekräfte. "Eigentlich gieren fast alle Branchen und vor allem die Mittelständler nach neuen Mitarbeitern und Auszubildenden", resümiert Norbert Czerwinski, Personalentwickler in Mannheim. Wenn nicht gegengesteuert wird, könnten der Rhein-Neckar-Region bis Ende 2013 etwa 35 000 Fachkräfte fehlen. Auch in Boom-Städten wie Villingen-Schwenningen oder Schwäbisch Hall sind Arbeitskräfte aus dem Süden gefragt. Leider sind das Orte, von denen in Spanien und Portugal allenfalls Erdkundelehrer mal etwas gehört haben.

Deutsche Wirtschaftsvertreter und Politiker sprachen daher in Schulen und Universitäten in Barcelona und Porto vor, luden Journalisten aus Portugal zu Recherchereisen in unbekannte Regionen des Jobwunderlands und schalteten Anzeigen in griechischen Zeitungen, um Werbung für die Provinz zu machen. Die Arbeitgebervereinigung BDA ließ sogar einen Leitfaden für Unternehmer zum Thema "Willkommenskultur" drucken, Kommunen überlegten sich Wege, wie sich die Neuankömmlinge aus dem Süden integrieren ließen.

"Wegen unserer Aktivitäten im Ausland wurde uns in den vergangenen Wochen oft von Bürgern vorgehalten, dass wir uns zu wenig darum bemühten, Ausbildungsplätze oder Arbeitsplätze an Deutsche zu vermitteln", sagt Dirk Lüerßen, "das stimmt aber nicht." Der Verein habe auf Messen in Bremerhaven und anderen Städten mit höherer Arbeitslosigkeit seine Jobs angepriesen - weitgehend erfolglos. Besonders Menschen unter 25 Jahren seien "äußerst unflexibel", sagt Lüerßen. Für viele sei es schon eine Zumutung, wenn sie 70 Kilometer weit umziehen sollen, dazu noch aufs Land.

Also suchen die Unternehmen im Ausland - selbst wenn es dann Verständigungsprobleme gibt. Daniel Marín, 19, war einer der 15 Spanier, die im Frühjahr zum Praktikum an die Ems reisten. Zehn der jungen Erwachsenen bekamen eine Lehrstelle angeboten, fünf schlugen ein, auch Daniel. In seiner Heimat Murcia haben 50 Prozent aller erwerbsfähigen Menschen unter 25 Jahren keinen Job.

2100 Kilometer entfernt steht der junge Mann nun auf einer Hebebühne der Emsbürener Firma Paus, die Maschinen für Bau und Bergbau herstellt. In dreieinhalb Jahren wollen seine Chefs ihn zum Mechatroniker ausbilden. Daniel, den "abends ein bisschen" das Heimweh plagt, versteht gerade nicht, was sein Ausbildungsleiter ihm begreiflich machen will. "Da drücken", sagt der Ausbilder, "roter Knopf." Daniel hat im April einen Crashkurs Deutsch besucht und geht zur Volkshochschule. Die Worte "roter Knopf" kennt er aber offenbar noch nicht. Der Lehrmeister steigt auf die Hebebühne, lächelt seinen Azubi an und drückt dann selbst. "Braucht alles seine Zeit", sagt er, "außerdem ist Deutsch ja auch ziemlich schwierig."

Die Sprachbarrieren halten derzeit noch viele Spanier, Griechen oder Portugiesen davon ab, ihre berufliche Zukunft in Deutschland zu suchen. Das Goethe-Institut vermeldet zwar einen Anstieg bei den Deutschkursen, Englisch lernen die Südeuropäer aber deutlich lieber.

Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit verzeichnet zwar einen merklichen Anstieg bei der Einwanderung aus den EU-Krisenstaaten, doch weitaus mehr Menschen sind aus Polen, Tschechien und anderen osteuropäischen Ländern gekommen.

Gegenüber dem Vorjahr stieg die Zahl der in Deutschland beschäftigten Spanier, Griechen, Portugiesen und Italiener im Mai zwar um etwa 28 000 (6,5 Prozent) auf eine knappe halbe Million; die Zahl der in Deutschland arbeitenden Osteuropäer, die seit 2011 uneingeschränkt Jobs in der EU annehmen können, dagegen um 94 000 (36 Prozent).

Dax-30-Firmen wie BASF, Deutsche Bank, Bayer, Lufthansa oder die Daimler AG teilen übereinstimmend mit, dass sie gegenüber dem Vorjahr nicht auffallend mehr Bewerbungen aus Südeuropa bekommen hätten. Nur nach Berlin ziehe es deutlich mehr Südeuropäer, sagt ZAV-Direktorin Monika Varnhagen - dummerweise gebe es in der Hauptstadt aber viel weniger Jobs als in der Provinz.

"Busweise" könnte er gutausgebildete Leute zum Beispiel in Calw in Baden-Württemberg unterbringen, berichtet der private Arbeitsvermittler Manuel Wagner. Er will von Alicante aus Spanier mit deutschen Unternehmen zusammenbringen; leider zögen es viele ausreisewillige Spanier vor, ins hippe Berlin zu ziehen und dort hinter der Theke oder erst mal schwarz auf dem Bau zu arbeiten.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks nahm sogar Kontakt zu spanischen Kirchengemeinden auf - die sollten ein gutes Wort fürs Emsland oder andere boomende Kreise und Städte einlegen. Auf die Überzeugungskraft spanischer Landsleute setzt auch die Region Rhein-Neckar. Als kürzlich eine Delegation nach Barcelona reiste, um dort Nachwuchskräfte zu rekrutieren, waren Exil-Spanier dabei, die schon vor vielen Jahren zum Arbeiten nach Deutschland gekommen waren, etwa Miguel Angel Herce, Vorsitzender des Spanischen Kulturvereins Mannheim.

"Wenn man Spanier anlocken will, dann darf man nicht nur über Verdienstmöglichkeiten und krisensichere Jobs reden", sagt er, "es muss auch um Lebensfreude gehen." Spanier hätten einen ganz anderen Takt als die Deutschen; der Abend beginne erst um 21 Uhr, wenn danach nichts mehr geboten werde, sei das für viele seiner Landsleute problematisch, sagt Herce.

Das zeigte sich auch in Düren in der Eifel. Auf Einladung der Wirtschaft waren spanische Lehrlinge zum Praktikum gekommen, zum Beispiel aus Sevilla. Die Arbeitgeber waren begeistert - auch von Javier Saintmartin, 26. Doch genau wie die anderen jungen Leute lehnte Saintmartin den Job als Kfz-Mechaniker ab, den eine Firma ihm angeboten hatte. "Die Kollegen sind alle sehr nett", schrieb er zum Abschied. Aber in Düren werde um sechs Uhr zu Abend gegessen, und nach acht sei kaum noch etwas los. Da bleibe er lieber in Sevilla. Derzeit jobbt Javier dort bei der Müllabfuhr.


DER SPIEGEL 33/2012
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