13.08.2012

Fluch der Herdprämie

Peugeot kämpft ums Überleben. Der Niedergang des Autoherstellers zeigt, dass die Industriepolitik Frankreichs gescheitert ist. Unternehmen und Politik haben die Globalisierung verschlafen.
Besonders gefährlich sind jene, die es gut meinen: der französische Präsident François Hollande beispielsweise und sein Industrieminister Arnaud Montebourg. Sie wollen dem Autohersteller PSA zur Hilfe eilen, der mit seinen Marken Peugeot und Citroën in die Krise gefahren ist. Helfen wollen auch Vertreter der Gewerkschaft CGT wie Jean-Pierre Mercier, der sagt: "Wir werden hier kämpfen um unsere Jobs und das Leben unserer Familien."
Die französische Regierung und die Gewerkschaften wollen verhindern, dass Peugeot sein Werk in Aulnay-sous-Bois in der Nähe von Paris schließt und insgesamt 8000 Arbeitsplätze streicht. Doch Politik und Arbeitnehmervertreter werden, wenn sie Erfolg haben, alles nur noch schlimmer machen. Vielleicht können sie kurzfristig ein paar tausend Jobs in Frankreich retten. Die Zukunft des Konzerns wird dadurch aber erst recht gefährdet.
Das Unternehmen, das seit 1890 Automobile herstellt, kämpft ums Überleben. Der Absatz ist eingebrochen, die Fabriken sind nicht annähernd ausgelastet. Jeden Monat läuft ein Verlust von fast 140 Millionen Euro auf.
Für die 3000 Peugeot-Arbeiter in Aulnay-sous-Bois war am 26. Juli um 22.30 Uhr Feierabend. Das Werk wurde für fünf Wochen geschlossen, wie jedes Jahr zu den Sommerferien. Doch diesmal war es etwas anders. Der Abschied in den Urlaub hatte einen bitteren Beigeschmack. Kurz zuvor hatten die Arbeiter erfahren, dass die Fabrik 2014 für immer stillgelegt werden soll.
Präsident Hollande reagierte sofort. Die Pläne zum Stellenabbau seien "nicht akzeptabel" und müssten neu verhandelt werden. Minister Montebourg sagte, er habe kein großes Vertrauen in die Firmenleitung, möglicherweise spiele der Autokonzern nur den "eingebildeten Kranken". Im Übrigen habe er ein "echtes Problem" mit der Strategie des Unternehmens und dem Verhalten des Hauptaktionärs, der Familie Peugeot, der gut 25 Prozent der Aktien gehören und die sich im vergangenen Jahr noch eine ordentliche Dividende auszahlen ließ.
Firmenchef Philippe Varin wurde ebenso zum Rapport bestellt wie Aufsichtsratschef Thierry Peugeot. Die Familie Peugeot musste sich von Montebourg Nachhilfe in Sachen Patriotismus erteilen lassen: Das Unternehmen gehöre nicht nur den Aktionären, sondern auch "der Geschichte Frankreichs, einem Territorium, einer nationalen Idee".
Der französische Staat ist zwar am zweiten französischen Autohersteller Renault beteiligt, nicht aber an Peugeot. Dennoch agiert die französische Regierung, als wäre Peugeot ein Staatskonzern. Sie zeigt, mit welcher Selbstverständlichkeit sich die französische Politik in die Führung der großen Konzerne einmischt.
Für die Regierung geht es bei dem Kampf um das Werk in Aulnay nicht nur um das Schicksal einer Fabrik. Auf dem Spiel steht auch die Glaubwürdigkeit des Präsidenten, der im Wahlkampf versprochen hatte, der Industrie auf die Füße zu helfen. Doch jetzt führt der Fall Aulnay den Franzosen vor, wie schlecht es um die Industrie des Landes bestellt ist.
Noch ist Frankreich eine der stärksten Industrienationen der Welt. Die Autofirmen Peugeot und Renault, der Pharmakonzern Sanofi, der Bahn- und Kraftwerkshersteller Alstom sowie die Rüstungsfirma Thales bilden einen industriellen Kern, der aber seit vielen Jahren und an vielen Stellen schmilzt. Frankreich hat an internationaler Wettbewerbsfähigkeit verloren.
Schon Hollandes Vorgänger Nicolas Sarkozy klagte, Frankreich sei keine "große Nation mehr, wenn wir nicht in der Lage sind, Züge, Flugzeuge, Autos und Schiffe zu bauen".
Aufhalten aber konnte Sarkozy den Abbau der Fabriken in Frankreich nicht. In der Automobilindustrie hat sich die Zahl der Arbeitsplätze von 1980 bis 2010 mehr als halbiert. Dass dies keine zwangsläufige Entwicklung ist, zeigt Nachbar Deutschland. VW, Daimler, BMW und Co. beschäftigen nicht weniger, sondern mehr Menschen als vor drei Jahrzehnten.
Bei der Suche nach den Ursachen landet man schnell beim Management. Vom einstigen Charme der Marken Peugeot und Citroën ist kaum noch etwas übrig. Der Citroën DS, der sich mit seiner hydropneumatischen Federung beim Parken absenkte, und der 2 CV, der als Ente in Deutschland fast so populär war wie Volkswagens Käfer, sind nur noch Erinnerungen.
Die aktuelle Führung von Peugeot hat Trends nicht erkannt. Vom Boom der Geländewagen kann Peugeot mangels Angebot kaum profitieren. Viel Geld investierte der Konzern stattdessen in Hybridmodelle mit einem Diesel und einem Elektromotor, die sich wegen des hohen Preises kaum verkaufen lassen.
Es sind Fehler, wie sie auch anderen Autobossen unterlaufen. Sie allein würden einen Hersteller aber nicht in eine tiefe Krise stürzen. Für den Niedergang von Peugeot gibt es eine andere Ursache: Der Hersteller hat die Globalisierung weitgehend verschlafen. Peugeot und Citroën verkaufen mehr als die Hälfte ihrer Autos in Europa. Dieser Markt schrumpft und mit ihm das Unternehmen.
Der VW-Konzern dagegen hat rechtzeitig Standbeine in China und Nordamerika aufgebaut. Die Wolfsburger profitieren jetzt vom Wachstum dort. In Europa muss VW rund ein Drittel seiner Autos loswerden.
Es ist kein Zufall, dass Peugeot so stark von Europa abhängt. Dies ist auch ein Ergebnis der französischen Industriepolitik. Paris zeigt sich großzügig gegenüber den einheimischen Unternehmen. Die Regierung, ganz gleich ob konservativ oder sozialistisch, unterstützt sie gern. Es gibt Subventionen. Aber sie fordert dafür Standorttreue.
So verschaffte Sarkozy Peugeot und Renault 2009 jeweils drei Milliarden Euro Staatskredite zu günstigen Zinsen. Im Gegenzug mussten sich beide Unternehmen verpflichten, fünf Jahre lang keine Produktionsstätten zu schließen oder ins Ausland zu verlagern.
Als Renault 2010 erwog, die Produktion seines Kleinwagens Clio komplett in die Türkei zu verlagern, zog sich das Unternehmen den Zorn des Präsidenten zu. Er werde das "nicht akzeptieren", ließ Sarkozy wissen. Die Regierung stecke nicht so viel Geld in die Autoindustrie, damit diese Fabriken im Ausland aufbaue. Renault nahm Abschied von seinen Plänen.
Auch der Aufbau eines Peugeot-Werks in Tschechien missfiel dem damaligen Präsidenten. Dass man eine Fabrik in Indien baut, um den Indern französische Autos zu verkaufen, sei gerechtfertigt. "Aber dass man ein Werk in Tschechien baut, um Autos in Frankreich zu verkaufen", sagte Sarkozy, "das ist es nicht."
Über die Jahre wirkte diese Art der Industriepolitik wie eine Herdprämie für Frankreichs Konzerne: Hilfe bekam, wer artig daheimblieb.
Zusätzlich geschwächt wurde Peugeot durch den Erfolg der französischen Gewerkschaften. Diese setzten, unterstützt von der Regierung, hohe Lohnsteigerungen durch. Zwischen den Jahren 2000 und 2010 sind die Lohnstückkosten in der französischen Autoindustrie um 8 Prozent gestiegen, in Deutschland dagegen nur um 1,6 Prozent.
Weil Peugeot im Gegensatz zu seinen deutschen Konkurrenten Audi, BMW und Mercedes-Benz keine Modelle der Oberklasse herstellt, konnten die Franzosen ihre Preise nicht im gleichen Maße anheben, wie die Kosten stiegen. Erst sanken die Gewinne, jetzt gibt es Verluste.
Opfer dieser beiden Entwicklungen, der Konzentration auf eine Produktion in Frankreich und der hohen Lohnsteigerungen, sind ausgerechnet jene, für die sich Regierungen und Arbeitnehmervertreter einsetzen: die Beschäftigten des Autokonzerns.
Die Arbeiter im Werk Aulnay mussten den schleichenden Niedergang ihres Unternehmens mitansehen. Die Fabrik war mal eine der modernsten des Landes. In einem Jahr rollten dort über 400 000 Autos vom Band. Nun sind es noch nicht einmal 140 000.
Ein Autowerk, in dem so wenige Fahrzeuge produziert werden, kann kaum profitabel sein. Sollten Präsident Hollande und die Gewerkschaften Peugeot dazu nötigen, die Fabrik dennoch weiterzubetreiben, werden sie den Niedergang des Unternehmens eher beschleunigen.
Peugeot benötigt Kapital, um Fabriken in China, in Indien und Brasilien auf- und auszubauen. Wenn das Unternehmen mit seinen französischen Fabriken weiter hohe Verluste einfährt, fehlt das Geld für Investitionen in Wachstumsmärkte.
Peugeot zeigt, dass es Zeit wäre für einen Kurswechsel in der französischen Industriepolitik. Aber der ist nicht in Sicht.
Industrieminister Montebourg sagt: "Wir werden bis zum letzten Blutstropfen um unsere Industriestandorte kämpfen."
Na dann.
Von Dietmar Hawranek und Isabell Hülsen

DER SPIEGEL 33/2012
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