13.08.2012

Angst vor dem eigenen Volk

Von Diez, Georg; Mayr, Walter; Schepp, Matthias

Der Prozess gegen die Frauen von Pussy Riot ist der vorläufige Höhepunkt einer Hexenjagd auf Oppositionelle. Russlands Präsident Putin setzt auf einen Unterdrückungsstaat nach altem Muster.

Das Fenster, durch das die Welt derzeit auf Wladimir Putins Russland schaut, ist schmal und nur von außen zu öffnen. Wie die Futterklappe an einem Käfig.

Das Fenster gehört zu dem Verschlag aus Glas, in dem die Angeklagten am Moskauer Bezirksgericht Chamowniki während der Verhandlung eingesperrt sind. Die geöffnete Klappe ist ihre Verbindung zur Außenwelt. Schon Michail Chodorkowski, bis 2003 reichster Mann und seither berühmtester Häftling Russlands, hat hier, aus diesem Verlies heraus, Worte der Empörung an die Welt richten können - als ihm 2010 ein zweites Mal der Prozess gemacht wurde.

Am vergangenen Mittwoch nun ist es Nadeschda Tolokonnikowa, deren Stimme aus dem Käfig dringt: eine Studentin von 22 Jahren, gemeinsam mit zwei Mitstreiterinnen von der feministischen Punk-Gruppe Pussy Riot angeklagt des "Rowdytums". Den Frauen drohen, wenn am Freitag das Urteil gesprochen wird, bis zu drei Jahre Haft.

Der Gegenstand der Anklage ist dokumentiert. Videoaufnahmen zeigen die mit wollenen Sturmhauben maskierten Musikerinnen, wie sie am 21. Februar 2012 vor der Ikonenwand der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale eine Performance hinlegen, in deren Verlauf unter anderem die Sätze fallen: "Mutter Gottes, heilige Jungfrau, verjag Putin"; "Scheiße, Scheiße, Gottesscheiße" und: "Der Patriarch glaubt an Putin, der Schweinehund sollte lieber an Gott glauben".

In ihrem Schlusswort vor Gericht versuchen die Angeklagten, den Tatvorwurf des "Rowdytums" zu widerlegen. Nadeschda Tolokonnikowa - sorgsam gezupfte Augenbrauen, perfektes Styling - ruft dabei ungeniert jene zu Kronzeugen auf, die für ihre Überzeugung bis zum Äußersten gingen: den urchristlichen Märtyrer Stephanus etwa; auch den wegen seines Widerstands gegen geistliche wie weltliche Herrscher zum Tode verurteilten Dichter Fjodor Dostojewski; und den Gulag-Chronisten Alexander Solschenizyn, der prophezeit habe, "dass das Wort am Ende den Beton durchbricht".

Hybris oder Herzenssache? Um was geht es wirklich im Bezirksgericht am Moskwa-Ufer, wenn unter den Augen der Weltöffentlichkeit das Urteil über die Pussy-Riot-Frauen gefällt wird? Die einen sagen: Es geht um eine bloße Flegelei aufmüpfiger Regimegegnerinnen, die in Russland wenig Zustimmung geerntet hätte, wäre da nicht die Reaktion der Machthaber gewesen - eine fünfeinhalbmonatige Untersuchungshaft für die Beschuldigten, unter ihnen zwei junge Mütter. Andere sagen: Es geht um einen Fall, der das ganze System Putin der Lächerlichkeit preisgibt.

Hunderttausendfach ist das Video vom Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale angeklickt worden, millionenfach werden nun die Bilder von der Brandrede der Studentin Tolokonnikowa gegen den Putin-Staat abgerufen.

Schon jetzt haben die schöne junge Frau und ihre Gefährtinnen mehr erreicht als viele der im Widerstand gegen Putin gealterten Oppositionsführer und kritischen Kulturschaffenden - die Punkerinnen stehen, simplen Botschaften zum Trotz, mit ihren Gesichtern für ein Russland, das die Nase voll hat von Rechtswillkür, Gängelung und korrupten Eliten.

Vor allem aber von dem Mann, der einst versprochen hatte, sein Land von den Altlasten der kommunistischen Diktatur zu befreien, dessen harter, jeden Widerstand niederwalzender Regierungsstil anfangs noch in weiten Teilen seines Reichs bejubelt wurde. Der seinen autokratischen Staat dann aber auf einen Weg lenkte, an dessen Ende sich schon jetzt ein Unterdrückungsregime abzeichnet, in dem Oppositionelle wahllos verhaftet und ihre Wohnungen durchsucht werden. In dem Staatsanwaltschaften politisch passende Anklagen basteln und Gegner durch Verhöre einschüchtern. Das Ganze verantwortet von einem Mann, der Russland womöglich noch bis ins Jahr 2024 mit tyrannischen Methoden regieren könnte: Wladimir Wladimirowitsch Putin, 59.

Es war ein Oligarch, der Medienzar Boris Beresowski, der um die Jahrtausendwende Putins Einzug in den Kreml orchestriert hatte: Die meisten Russen begrüßten damals den Judoka und erklärten Alkoholfeind Putin; sie hatten genug von seinem ewig kränkelnden und sogar in der Öffentlichkeit immer häufiger betrunkenen Vorgänger Boris Jelzin. Der Westen wünschte sich vom jungen, scheinbar unerfahrenen Kreml-Herrn die Fortsetzung der um Verständigung bemühten Außenpolitik Jelzins und hoffte darauf, dass sie weniger erratisch ausfallen würde.

Putins von den Abgeordneten stehend beklatschte Rede im Deutschen Bundestag am 25. September 2001 nährte die Erwartung, der perfekt Deutsch sprechende ehemalige KGB-Offizier werde Russland modernisieren und für europäische Werte eintreten. Solche Illusionen kulminierten in einer Einschätzung des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, der seinem Moskauer Freund im November 2004 bestätigte, ein "lupenreiner Demokrat" zu sein.

Inzwischen hat Putin seine deutschen Freunde enttäuscht, musste sie enttäuschen. Sie hatten nicht wahrhaben wollen, dass Russland sich nach wie vor als eigenständige Macht zwischen Europa und Asien begreift, dass 500 Jahre autoritärer Regierung unter Zaren und Kommunisten nicht über Nacht abzuschütteln sind und Vorbehalte gegenüber dem Westen nicht einfach deshalb verschwinden, weil Russen gern Coca-Cola trinken und Designertaschen von Yves Saint Laurent tragen.

Zu wenig auch wussten sie über Putin selbst, der es in den Umbruchjahren gerade einmal zum stellvertretenden Bürgermeister in Sankt Petersburg gebracht hatte.

Und doch hat es immer schon Zeichen gegeben, dass Putin zeitlebens davon überzeugt war, seine Aufgaben nur mit Härte und Rücksichtslosigkeit erledigen zu können. Im Sommer 1991 beispielsweise, als das Sowjetreich gerade zusammenbrach, bezog Putin sein neues Petersburger Amtszimmer. Er ließ das Lenin-Porträt abnehmen und eines von Peter dem Großen aufhängen.

Ein Hausmeister hatte Putin zwei Bilder des Zaren gebracht. Das eine zeigte den jungen Peter, freundlich, idealistisch, einen Modernisierer, der für sein rückständiges Großreich das "Fenster nach Europa" öffnen wollte. Putin lehnte das Bild ab.

Er bevorzugte einen ernsten, älteren, von vielen Schlachten und Auseinandersetzungen gezeichneten Zaren, einen, der sein Reich um neue Eroberungen erweitert hatte, und einen, der nach innen so unbarmherzig regierte, dass er seinen eigenen Sohn zu Tode foltern ließ, weil er ihn der Verschwörung bezichtigte.

Putins Vorliebe für Peter den Gnadenlosen könnte symptomatisch sein für die gesamte Ära Putin, die schon zwölf Jahre währt und die laut Verfassung noch weitere zwölf Jahre andauern könnte.

Kaum hatte Putin, in den Anfangstagen seiner Regentschaft nervös und unsicher, das Präsidentenamt übernommen, nutzte er eine überfällige Justizreform, um alle Gerichtsvorsitzende dem Kreml zu unterstellen. Die für jede westliche Demokratie grundlegende Trennung von Exekutive und Judikative war an entscheidender Stelle aufgehoben worden.

Der Krieg im Kaukasus bot dem jungen Präsidenten die Gelegenheit, seine Macht zu festigen. Nach wiederholten Anschlägen tschetschenischer Terroristen mit insgesamt vielen hundert Toten machte sich Putin daran, die Zentralmacht des Kreml zu stärken, und schaffte im Dezember 2004 für die nächsten acht Jahre die Direktwahl der Gouverneure durch das Volk ab.

Loyalität erwartete Putin auch von der von Jelzin gehätschelten Klasse der Oligarchen. Wer nicht spurte, wurde außer Landes gedrängt oder mit Gerichtsverfahren überzogen. Mit Hilfe des Inlandsgeheimdienstes FSB schuf Putin neue, ihm ergebene Oligarchen-Imperien. Das Eigentum der reichsten Russen war fortan nur dann sicher, wenn sie Putin die Treue hielten.

In seinen ersten beiden Amtszeiten bemühte sich Putin noch darum, eine heikle Balance zwischen konservativen Hardlinern und liberaler gesinnten Teilen der Moskauer Machtelite zu wahren. Den Kampf der beiden Lager um die außenpolitische Ausrichtung der Weltmacht und um die Kontrolle über die lukrativsten Teile der russischen Wirtschaft nutzte er, um seine eigene Macht zu erweitern. Sie gab ihm die Rolle eines Schiedsrichters, Putin war die letzte Instanz.

Doch nach seinen vier Jahren als Ministerpräsident und seiner Rückkehr in den Kreml Anfang Mai gab Putin den Kurs des Ausgleichs auf. Forderungen nach mehr Demokratie und dem Ausbau der schwächelnden Zivilgesellschaft galten plötzlich als staatszersetzend.

Im Eilverfahren ließ er von der Kreml-Partei Einiges Russland, die in den gut zehn Jahren ihres Bestehens immer deutlicher die Strukturen und Riten der einstigen Staatspartei KPdSU übernommen hat, eine drastische Verschärfung des Demonstrationsrechts durchsetzen. Führende Mitglieder der Opposition überzog er mit einer Schmutzkampagne.

In nur drei Monaten nahm Putin mit Hilfe seiner absoluten Mehrheit in der Duma die wenigen Reformen zurück, die sein von ihm ins Amt geschobener Vorgänger Dmitrij Medwedew durchgesetzt hatte. Der Staatspräsident und seine engsten Berater sahen in dessen Reformen den eigentlichen Treibsatz für die Massenproteste, die seit der Parlamentswahl Ende vergangenen Jahres zum Moskauer Alltag gehörten. Vor allem Medwedews Grundsatzartikel "Vorwärts, Russland" vom September 2009 hatte bei der gutausgebildeten städtischen Mittelschicht Hoffnungen auf ein freieres Russland geweckt.

Der Putin-Nachfolger hatte eine Atmosphäre geschaffen, in der die Mittelschicht politisch aufgewacht war und begriff, dass ein anderes, modernes Russland möglich sein könnte. Dieses politische Tauwetter sei mittlerweile als Fehler erkannt worden, sagt der Moskauer Politologe Witalij Iwanow. Medwedews programmatischen Grundsatz, wonach Freiheit immer besser sei als Unfreiheit, beantwortete Putins Mannschaft mit der Überzeugung, dass Ordnung immer besser sei als Unordnung.

Medwedew, den Putin durch die von vielen Russen mit Empörung aufgenommene Ämterrochade mit dem Posten des Ministerpräsidenten abgefunden hat, schluckt bisher alle Demütigungen seines Freundes und Mentors. Seine Position als Ministerpräsident von Putins Gnaden ist inzwischen so schwach, dass fraglich scheint, ob er sich noch lange im Amt halten kann.

Vorvergangene Woche tauchte ein 47 Minuten langer Dokumentarfilm im russischen Internet auf. Darin erheben Generäle, die im August 2008 den Krieg gegen Georgien befehligten, schwere Vorwürfe gegen Medwedew. Durch seine Unentschlossenheit und sein langes Zögern nach dem georgischen Aufmarsch habe er den Tod Hunderter Zivilisten und zahlreicher Soldaten verschuldet.

"Zuvor war jegliche Kritik an Medwedew tabu, sogar in wissenschaftlichen Veröffentlichungen", sagt Russlands prominente Soziologin Olga Kryschtanowskaja, die jüngst aus der Kreml-Partei Einiges Russland ausgetreten ist. "Er stand unter Putins Schutz. Das ist nun vorbei." Sie sieht in den Vorwürfen ein Signal, das die Öffentlichkeit auf den Sturz Medwedews vorbereiten soll.

Auch ein weiteres prominentes Mitglied der Moskauer Machtelite sah sich Ende Juli mit einem Video konfrontiert. Der Finanzmagnat Alexander Lebedew war darin beim Sex mit zwei ukrainischen Prostituierten zu sehen. Lebedew finanziert das Kreml-kritische Blatt "Nowaja gaseta", an dem auch der pensionierte Reformer Michail Gorbatschow beteiligt ist. Der Oligarch war in jüngster Zeit durch beißende Kommentare aufgefallen, nach denen Russland "eine Zeit der Repressionen" durchleide.

Der fiese kleine Film offenbart die Methoden, mit denen das System Putin seine Gegner diffamiert. Lebedew, selbst ein Ex-Geheimdienstmann, verdächtigt den Inlandsgeheimdienst FSB, das Video organisiert und ins Netz gestellt zu haben. Jetzt überlegt er sich, ins Ausland abzuwandern.

Der Politologe und Rechtsanwalt Wladimir Pastuchow spricht mittlerweile von einer "Rückkehr des politischen Terrors als Instrument der Regierung". Selbstverständlich sei Putin kein neuer Stalin, aber der Präsident habe eine neue Form von Gleichheit geschaffen, nicht vor dem Gesetz, sondern vor seiner Willkür. "Jeder versteht, dass das Recht nicht länger schützt", sagt er. "Alle Unternehmer wissen, dass ihnen in jeder Sekunde die Firma weggenommen werden kann, die Freiheit und vielleicht sogar das Leben."

Pastuchow hat im Jahr 2008 das Land verlassen. Er vertrat damals den britischen Großinvestor William Browder in einem Konflikt mit hohen Beamten des Innenministeriums und der Steuerbehörde, die sich offenbar einige Firmen seines Mandanten angeeignet hatten. Inzwischen lehrt Pastuchow an der Universität Oxford. In den Augen von Putins Helfern ist er damit ein vom Ausland bezahlter Vertreter westlicher Interessen geworden.

Auch in den Protesten des Westens gegen den Pussy-Riot-Prozess kann Putins Kreml-Crew nur eine gezielte Kampagne erkennen, die das in ihren Augen wiedererstarkende Russland diskreditieren soll. Seine Mitarbeiter geben sich überzeugt davon, dass die Mädchen für die Schändung eines Gotteshauses in anderen Ländern weitaus härter bestraft würden als in Russland, "gerade in den islamischen Ländern, die der Westen mit Militärgewalt in seinen Einflussbereich holt". So jedenfalls interpretiert ein Putin-Vertrauter die westliche Unterstützung für den Arabischen Frühling, der in Moskau als "islamistische Machtergreifung" interpretiert wird.

Die Kritik aus dem Westen an der Behandlung von Pussy Riot lässt den Staatschef ungerührt. Putin will an seiner Politik kompromissloser Härte festhalten, die Russland wieder jenen Rang in der Welt verschaffen soll, den die Sowjetunion hatte, als sie mit den USA um die Vormachtstellung rang.

Doch nun könnte sich Putins Weg als Irrweg erweisen, der seine Macht eher bedroht als festigt. Viele Russen, vor allem in Moskau, wo Putin bei der Bevölkerung inzwischen nicht mehr über eine Mehrheit verfügt, fordern mehr Mitsprache. Nur noch jeder dritte Russe hält den Staat, in dem er lebt, für eine Demokratie.

Dass aber jeder Druck auch Gegendruck hervorruft, darauf wies Anfang August Gleb Pawlowski hin, ein Veteran der "Polit-Technologie", wie die Manipulation der öffentlichen Meinung in Russland genannt wird. Zu Sowjetzeiten hatte der Historiker wegen angeblicher antisozialistischer Propaganda drei Jahre in der Verbannung gelebt, unter Jelzin und Putin für den Kreml gearbeitet und sich dann auf die Seite Medwedews geschlagen.

Pawlowski, der Putin jahrelang als Stabilitätsgarant der russischen Politik verteidigte, wirft seinem ehemaligen Dienstherrn nun vor, ebendiese Stabilität durch seinen Unterdrückungskurs zu zerstören. Der Polit-Stratege spricht angesichts der neuen drakonischen Dekrete von einer Notstandsgesetzgebung und einer "Gegen-Perestroika". Er sagt: "Putin führt demonstrativ eine Tyrannei ein. Es ist eine Warnung an alle, die ihm gegenüber loyal waren und die nun wankelmütig geworden sind."

Pawlowski prophezeit, dass Putin zur weiteren Einschüchterung seiner Gegner "ein quasi sakrales Opfer" aus seinem Umfeld bringen müsse. Zu den möglichen Kandidaten zählen Dmitrij Medwedew und prominente Oligarchen. Blogger und Oppositionelle wie Xenija Sobtschak oder der Anwalt Alexej Nawalny aber seien für diese Rolle zu kleine Fische, sagt Pawlowski.

Moskaus namhafte Regimegegner werden derzeit vornehmlich mit Hausdurchsuchungen inklusive der Verwüstung ihrer Wohnungen schikaniert. Bei Xenija Sobtschak, der Tochter des früheren Petersburger Bürgermeisters und alten Putin-Chefs Anatolij Sobtschak, fielen Anfang Juni um acht Uhr morgens Fahnder der Steuerbehörden ein. Die vom Fernsehstar und Society-Girl zu einer Art Jeanne d'Arc der Protestbewegung gewandelte 30-Jährige hatte Probleme, zu erklären, zu welchem Zweck sie umgerechnet knapp 1,5 Millionen Euro in bar zu Hause aufbewahrte.

Ihr Fall zeigt deutlich die Schwäche der russischen Opposition: Ihr fehlen eine politische Struktur und unangreifbare Köpfe. Viele ihrer Führer genießen nur wenig Rückhalt in der Bevölkerung. Fast alle haben sich in ihrem Privatleben angreifbar gemacht.

Sobtschak war zwar das Mitleid der Putin-Kritiker sicher, aber viele einfache Russen sahen sich in ihrer Einschätzung bestätigt, dass alle Prominenten im Geld schwimmen und von den wahren Problemen der Bürger keine Ahnung haben.

Auch der ehemalige Vizepremier Boris Nemzow hat sich in den vergangenen Jahren eher als Lebemann einen Namen gemacht. Zudem hat ihn die Kreml-Propaganda erfolgreich für die schmerzhaften Reformen der neunziger Jahre verantwortlich machen können.

Der Schriftsteller Boris Akunin hat zwar Millionen Leser, ist aber weit davon entfernt, zu einem russischen Václav Havel zu werden. Im Gegensatz zu dem tschechischen Revolutionär verzichtete er bisher darauf, das Putin-Regime bis aufs Blut zu reizen.

Der Jurist Alexej Nawalny schließlich hat mit dem Slogan "Partei der Gauner und Diebe" das populäre Etikett erdacht, das Putin und seiner Mannschaft nun anhaftet wie ein Brandmal. Doch der 36-Jährige ist liberalen Teilen der Opposition suspekt, weil er wiederholt zusammen mit russischen Neonazis auftrat.

Zudem lässt die Liste seiner Geldgeber Zweifel zu, ob Nawalny tatsächlich die unabhängige Figur ist, für die er sich ausgibt. Zu den Magnaten, die den Populisten finanzieren, zählen der Gründer von Russlands zweitgrößter Mobiltelefongesellschaft, der größte Autohändler des Landes und der Vizepräsident des größten Versicherers.

Doch heroische Worte allein genügen nicht, um einen wie Putin aus dem Amt zu jagen. Natürlich hat Nawalny, der sich demnächst selbst wegen eines angeblichen Korruptionsdelikts vor Gericht verantworten muss, recht, wenn er das Justizsystem für bankrott erklärt.

Natürlich trifft Nemzow die Stimmung im Volk, wenn er zum Pussy-Riot-Prozess feststellt: "Wären das meine Töchter, hätte ich ihnen was auf den Hintern gegeben. Aber sieben Jahre sind eine absurde Strafe. Putin hat einfach Angst vor seinem eigenen Volk."

Ein schlüssiges Konzept aber, um eine Mehrheit der Bevölkerung mitzureißen, haben weder Nawalny noch Nemzow. Sind also womöglich doch die Frauen von Pussy Riot die größere Gefahr für den Staatschef, weil sie ihn in den Augen einer ganzen Generation junger Russen der Lächerlichkeit preisgeben?

Vieles von dem, was am Freitag mit dem Urteil im Pussy-Riot-Prozess einem dramatischen Höhepunkt zustrebt, wirkte im vergangenen Winter noch wie eine Spielerei. Russland schien da, nach Tunesien, Ägypten und Occupy Wall Street, nur die nächste Haltestelle des Weltgeistes zu sein auf dem Weg zu mehr Demokratie. 60 000 Menschen demonstrierten in Moskau gegen Putin, und Pussy Riot, das waren die naiven, wilden Mädchen, die im Januar mit einem illegalen Konzert auf dem Roten Platz berühmt geworden waren.

"Die räudigen Hunde hinter den roten Mauern pissen sich in die Hose", riefen sie da über die Kreml-Mauern - Monate nach ihrer Gründung als Kunstkollektiv. Zum Interview waren sie ausschließlich konspirativ zu treffen. Da saßen sie - damals zu fünft - gelbe, rote, grüne Masken auf dem Kopf und am Leib die sommerlichen Kleider, die sie auch in der Eiseskälte auf dem Roten Platz getragen hatten. Sie erzählten von ihrer Wut auf die Gesellschaft und auf den Macho Putin.

Schon damals benutzten Pussy Riot die Zeichen eines Sexismus, den sie zu ihren Zwecken umdrehten. Sie sahen ja aus wie Puppen, die sprechen konnten und mehr oder weniger gut singen - sie waren zierliche, niedliche Spielzeuge mit schönem Busen, den die Kleider betonten, mit nackten Schultern und nackten Beinen: Schaut her, ihr traurigen russischen Frauen, schienen diese Kostüme zu sagen, wollt ihr wirklich so dumm sein, wie ihr ausseht?

Sie waren ruhig und bestimmt damals und doch nur ein Puzzleteil in jenem größeren Bild spontaner, anarchischer Aufbruchsstimmung, die in Teile der russischen Gesellschaft vorgedrungen war.

Der offene Widerstand gegen Putin aber, das war nicht nur eine Sache der Boheme und der Leute, die im Internet agitieren oder auf der Straße demonstrieren. Da waren auch Ärzte, Informatiker und Anwälte, sogar Reiche darunter, die Rechtssicherheit wollten für ihr Hab und Gut. Nicht wenige, die sich Wein für 40 Euro die Flasche leisten können oder einen Audi Q7, fuhren durch die Stadt mit einem weißen Schleifchen am Seitenspiegel, dem Symbol des Protests gegen Putin.

Ohne die fast schon rauschhafte Stimmung dieser Zeit, vom September 2011 bis zur Präsidentenwahl im März 2012, ist auch das Phänomen Pussy Riot schwer zu erklären. Mascha, Katja und Nadja, die drei, die nun vor Gericht stehen, waren zu diesem Zeitpunkt junge Frauen mit russischen Allerweltsnamen und mit Biografien, die wenig Nähe zum Rowdytum verraten. Eher eine Herkunft aus gutem Hause, und Lebenslinien, die jetzt plötzlich einen Knick beschreiben.

Mascha, bürgerlich: Marija Aljochina, ist noch keine 24, als sie die Christ-Erlöser-Kathedrale stürmt. Sie hat einen fünfjährigen Sohn und lebt bei ihrer Mutter in Moskau, engagiert sich ehrenamtlich bei Greenpeace für den Schutz des Baikalsees und in der Wohltätigkeitsorganisation Danilowzy, kümmert sich um psychisch kranke Kinder in Moskau. Im Studium eignet sie sich Wissen an, das ihr später, im Prozess, erlauben wird, den Spott der Richterin über Pussy Riots "sogenannte zeitgenössische Kunst" mit dem Hinweis zu kontern, dem Nobelpreisträger Joseph Brodsky sei zu Sowjetzeiten seine "sogenannte Poesie" vorgehalten worden. Daran dürfe in diesem "sogenannten Gericht" ja hoffentlich noch erinnert werden.

Katja, bürgerlich: Jekaterina Samuzewitsch, die älteste der drei Frauen, wohnt zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung noch beim Vater. Die gelernte Informatikerin hat in Moskau bei einem Rüstungskonzern als Programmiererin an der Entwicklung des Atom-U-Boots "K-152 Nerpa" mitgewirkt. Nach ihrem Abschied dort arbeitet sie erst einmal freiberuflich weiter und entscheidet sich schließlich, ein Studium der Fotografie anzuhängen. Irgendwann in dieser Zeit lernt sie Nadja kennen.

Nadja, bürgerlich: Nadeschda Tolokonnikowa, Studentin der Philosophie und Mutter einer vierjährigen Tochter, ist mit 22 Jahren zwar die Jüngste, in Sachen Aktionskunst aber die Erfahrenste aus dem Pussy-Riot-Trio. Geboren in der sibirischen Bergbaustadt Norilsk, ist Nadja in Moskau mit ihrem Mann Pjotr Wersilow bereits dabei, als die inzwischen über Russlands Grenzen hinaus bekannte Künstlertruppe "Woina" (Krieg) gegründet wird.

Obwohl im neunten Monat hochschwanger, nimmt sie mit Pjotr vor laufenden Kameras 2008 im Moskauer Biologischen Museum an einer Gruppensexaktion teil, zu der Woina aufgerufen hatte - unter der Losung: Für das "Bärchen" (Spottname für Dmitrij Medwedew) müsse schnellstmöglich ein Nachfolger gezeugt werden.

Die von der diesjährigen Berlin-Biennale zu Co-Kuratoren ernannten Aktionskünstler von Woina sind inzwischen tief zerstritten. Der seit Sommer 2011 mit internationalem Haftbefehl gesuchte Anführer des Kollektivs, Oleg Worotnikow, erhebt schwere Vorwürfe gegen Nadeschdas Ehemann Wersilow. Dieser sei von Woina ausgeschlossen worden, weil er der Polizei als Informant zugearbeitet habe. Wersilow bestreitet die Vorwürfe ( siehe Seite 70 ).

Dennoch ist kaum zu leugnen, dass sich die russischen Geister an der Frage scheiden, ob der Auftritt der maskierten Punkerinnen vor der Ikonenwand als Akt bürgerlichen Ungehorsams oder als Straftat zu ahnden sei. Das alte, rechtgläubige, und das neue, junge, angstfreie Russland stehen sich da unversöhnlich gegenüber. Bisweilen gehen die Bruchlinien sogar mitten durch die Familien: Der Vater der Pussy-Riot-Aktivistin Katja hat sich gegenüber Ermittlern von den Standpunkten seiner Tochter distanziert.

Sprach sich anfangs noch beinahe die Hälfte aller Russen für eine Verurteilung der Punkerinnen aus, ist es inzwischen allerdings nur noch ein Drittel. Wenig beliebt aber sind Belehrungen aus dem Westen in der Frage, wo die Grenze zwischen Freiheitsliebe und Gotteslästerung zu ziehen sei.

Der vergiftete Twitter-Gruß von Vizepremier Dmitrij Rogosin an Madonna im Anschluss an deren Solidaritätsadresse für die Pussy-Riot-Frauen spiegelte solchen Unmut: "Jede ehemalige S. (für Schlampe) sehnt sich im Alter danach, anderen Menschen Lektionen in Sachen Moral zu erteilen."

Nur, haben die maskierten Punkerinnen mit ihrem Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale nicht wirklich den Finger auf die wunde Stelle der scheinheiligen Restauration vorsowjetischer Werte unter Putin und seinen alten Kameraden gelegt? Finden sie Gehör, weil oder obwohl sie Frauen sind?

Nur 13 Prozent aller Parlamentarier in der Staatsduma sind weiblich. Lediglich einen von 83 Gouverneurssitzen und ganze 6 von 165 Sitzen im Föderationsrat haben Frauen inne - während sie bei Demonstrationen, in Nichtregierungsorganisationen und auf allen Bühnen bürgerlichen Ungehorsams an vorderer Front stehen.

Dass die Sache mit Pussy Riot für Putin zu einem riesigen Problem wurde, hat vielleicht wirklich mehr mit dem Geschlecht der Angeklagten als mit dem Gewicht des Falls zu tun. Wären die Frauen zeitig freigelassen worden, die Welt hätte mutmaßlich nie von ihnen erfahren. So aber wurde, ungewollt, den Medien eine perfekte Dramaturgie geboten: drei schwache Frauen gegen einen starken Mann. Der scheinbar ungleiche Kampf macht den Reiz und das Geheimnis des Prozesses aus.

Denn Revolution kann sexy sein, und Revolutionärinnen in spe, zumal wenn sie kirschäugig Solschenizyn oder Simone de Beauvoir im Glaskasten zitieren, lassen sich in Kurznachrichtensendungen besser unters Volk bringen als jede noch so leiderfahrene Suada eines graubärtigen Dissidenten. Und auch leichter, zugegeben, als das tragische Schicksal ermordeter Kämpferinnen für die Menschenrechte wie Anna Politkowskaja und Natalja Estemirowa.

Die drei Frauen von Pussy Riot haben die Spielregeln kapiert und brillant genutzt. Am Freitag nun stehen sie zum vorerst letzten Mal im Fokus der Weltöffentlichkeit. Erst danach, wenn das Urteil verkündet und das Pathos der letzten Worte lange verklungen ist, wird sich zeigen, was ihre Aktion bewirkt hat.

Dann wird sich auch erweisen, wie beschädigt das Ansehen des Despoten im Kreml wirklich ist.


DER SPIEGEL 33/2012
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