13.08.2012

GRIECHENLANDDer letzte Vorhang

Eine Serie von Selbstmorden erschüttert das krisengeschwächte Land. Ein Apotheker erschoss sich mitten im Stadt zentrum von Athen. Seine Tochter kämpft um sein politisches Erbe.
Am 16. Juli: Ein Geschäftsmann, Vater dreier Kinder, erhängt sich in seinem Laden auf Kreta. 21. Juli: Ein Mann aus Patras, 49, wird von seinem Sohn gefunden, auch er hat sich erhängt. 25. Juli: Auf der Peloponnes hängt sich ein Mann, 79, mit einem Kabel an einem Olivenbaum auf. 3. August: Ein Mann, 31, erschießt sich zu Hause in der Nähe von Olympia. 5. August: Ein Jugendlicher, 15, erhängt sich in Pieria. 6. August: Ein ehemaliger Fußballspieler, 60, verbrennt sich in Chalkis.
Auch das sind Nachrichten aus Griechenland. Nachrichten, die auf den ersten Blick nichts mit Ökonomie zu tun haben. Sie verdichten sich zu einer düsteren Statistik. Die Frage ist: Warum? Ist es Zufall? Oder sehen die Menschen im Suizid einen Ausweg aus der Krise, in die sie und ihr Land geraten sind? Machen sie Schluss, bevor es noch schlimmer wird? Deutschland und der Weltwährungsfonds lehnen ein neues Hilfspaket für Athen ab. Dem Land fehlen mindestens 40 Milliarden Euro. Im Herbst ist Griechenland womöglich auch offiziell pleite.
Griechenland hatte stets eine der niedrigsten Suizidraten Europas, die orthodoxe Kirche billigt keine Selbstmorde. Und jetzt gab es im Juni allein in Athen 350 Suizidversuche, 50 Menschen starben. Auffällig ist, dass die meisten dem Mittelstand angehörten. Oft wurde der Akt in der Öffentlichkeit vollzogen, wie ein Stück im Theater.
4. April, kurz vor neun Uhr morgens: Ein Apotheker, 77, erschießt sich auf dem Syntagma-Platz im Zentrum von Athen.
Dimitris Christoulas, ein kleiner, zierlicher Mann, stellte sich an einen der breiten Bäume am Platz, setzte sich die Pistole an die Schläfe und drückte ab.
"Mein Vater war ein politischer Mensch, ein Kämpfer", sagt Emmy Christoulas, seine Tochter. Wochen nach dem Tod ihres Vaters sitzt sie in ihrem Wohnzimmer in Chalandri, einem Athener Vorort. Schmal ist sie, 42 Jahre alt, sie trägt viel zu weite Jeans, silberne Fäden durchziehen ihre kurzen schwarzen Haare.
Ihr Vater engagierte sich, er war Mitglied der "Wir zahlen nicht"-Bewegung. Immer wieder forderte er eine internationale Überprüfung der griechischen Staatsschuld. Denn die, so sagte Christoulas, sei sicherlich nicht vom Volk verursacht worden. Im vergangenen Sommer war er jeden Tag in das belagerte Athener Zentrum gekommen, um zu streiten, um zu helfen, meist im Zelt vom Roten Kreuz.
Als er am 4. April zum letzten Mal zum Syntagma-Platz aufbrach, schickte er seiner Tochter eine SMS mit nur einem Satz: "Das ist das Ende." Dann schaltete er sein Handy aus. "Es war genau um 8.31 Uhr", sagt Emmy, sie zieht einen Zigarillo aus dem zerknautschten Päckchen. Als sie ihren Vater nach der SMS am Telefon nicht mehr erreichen konnte, fuhr sie los, mit zwei Freunden, zu seiner Wohnung.
Im Autoradio hörte sie eine Nachricht. Jemand habe sich erschossen, unter einem Baum auf dem Syntagma-Platz. "Zuerst die SMS. Dann diese Nachricht. Ich war mir sicher, dass er es ist", sagt sie.
Seit seinem Tod ist Emmy Christoulas viele Male die neun Stationen mit der U-Bahn zum Platz gefahren, zwei- bis dreimal in der Woche kommt sie an die Gedenkstätte für ihren Vater, meist abends. Sie steht dann an dem Baum, mit ein wenig Abstand. Auf dem Platz ist es ruhig geworden. Eine Band spielt, Gitarrenakkorde wehen durch die warme Luft. Emmy Christoulas hält die Arme über der Brust verschränkt, sie sieht die Leute, die stehen bleiben. Am Baum lehnen Kränze, ein paar Stofftiere. Zettel mit Botschaften heften am Stamm wie an einer Pinnwand. "Lauf nicht wie ein Roboter! Öffne deinen Geist!", steht auf einer Pappe mit roten Buchstaben. In eine Platte aus Marmor sind die Zeilen graviert, die Dimitris Christoulas, der Vater, vor seinem Tod in einem Abschiedsbrief hinterließ.
Die Regierung hat meine Überlebensmöglichkeit zerstört. Meine Rente, die ich selbst über 35 Jahre eingezahlt habe, ist bedroht. Bevor ich anfange, im Müll zu suchen, setze ich meinem Leben ein Ende.
Darüber, auf einem losen Blatt Papier, steht: "Die Geste von Dimitris darf sich nicht wiederholen". Aber Dimitris Christoulas' Geste wiederholt sich beinahe jeden Tag. Als eine "Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs" beschreibt die Zeitung "Ta Nea" den Gemütszustand der Griechen. Täglich wächst die Unsicherheit, was morgen sein wird.
Seinen Abschiedsbrief schloss Dimitris Christoulas mit den Worten: "Ich glaube, dass die um ihre Zukunft betrogene Jugend eines Tages zu den Waffen greifen und die Landesverräter am Verfassungsplatz kopfüber aufhängen wird."
Zu Hause, in ihrer Wohnung, sagt Emmy Christoulas, ihre Trauer werde nicht kleiner. Sie dreht den Silberring an ihrem Daumen und sagt: "Wenn ich davon mal absehe, dann bin ich nicht mehr nur in der Rolle der Tochter." Dann sieht sie die griechische Gesellschaft, das Leid um sich herum und will dem Land Botschaften vermitteln. Eine davon ist: "Der Fortschritt, die Veränderung, das kommt durch den Verlust."
Es klingt, aus dem Mund der Tochter, als sei der Freitod des Vaters eine politische Notwendigkeit gewesen. Als müsse sie das Beste daraus machen - den Kampf, den er begann, zu Ende führen.
Emmy war fünf, als sie das erste Mal demonstrieren ging, auf den Schultern ihres Vaters, am 25. April 1975, nach Ende der Obristen-Diktatur. Wenn sie erzählt, zitiert sie Rilke und Habermas, sie spricht von Demokratiemodellen, einer offenen Gesellschaft. Sie glaubt an die großen Worte, sie ist das Kind ihres Vaters. Wenn sie am Abend nicht in die Kneipe geht und einen Wodka trinkt, sitzt sie allein zu Hause mit ihren Hunden. Sie spricht nicht viel über ihren Schmerz.
Dimitris Christoulas zog sich am Morgen des 4. April seinen hellen Trenchcoat über, er steckte die Pistole in die eine Tasche, den Abschiedsbrief in die andere, machte sich auf den Weg zum Platz, wie viele Male zuvor, schrieb die letzte SMS an seine Tochter.
Am Tag nach der Trauerfeier für ihren Vater ist Emmy Christoulas 13 Stunden lang mit dem Leichnam nach Bulgarien gefahren, um ihn einäschern zu lassen, in Griechenland ist die orthodoxe Kirche dagegen. Das Geld für die Reise hatte ihr Vater hinterlegt.
Zwei Tage lang ging Emmy nicht zur Arbeit in das Büro, in dem sie als Assistentin einer Linkspartei-Abgeordneten arbeitet. Am dritten Tag machte sie sich wieder auf den Weg. Die Bürger formen die Politik, nicht umgekehrt. Das hatte ihr Vater Emmy eingetrichtert, schon immer, sagt sie.
Am Anfang nahm sie, wenn sie zum Baum am Syntagma-Platz ging, die Zettel ab, sie sammelte die Stofftiere ein und bewahrte sie zu Hause in einer Kiste auf. Wenn sie jetzt geht, liest sie die Zettel und Briefe nur noch flüchtig, und wenn Leute sie ansprechen, stört sie das nicht mehr. "Im Gegenteil", sagt sie. Oft gratulieren ihr fremde Menschen. "Das macht mich stolz, stark", sagt Emmy. Solange sein Tod nicht aus den Köpfen verschwindet, bekommt er einen Sinn. Sein Ende soll zu einer Chance werden für die, die Veränderung wollen. Für die, die mit dem Letzten, was ihnen bleibt, Politik machen. Mit ihrem Leben.
Nikiforos Angelopoulos, Psychiater in Athen, hat die Suizide genau verfolgt, und mit jedem Toten wuchs seine Angst. Er ist bemüht, jede einzelne Tat als Defekt einzelner Verwirrter zu betrachten.
Der 60-Jährige hat zum Thema "Feindseligkeit" promoviert. Selbstmord, sagt er, sei eine Störung, eine Form der Feindseligkeit. Feindseligkeit gegen sich selbst. Er sitzt in seinem Büro im schicken Kolonaki, ein drahtiger Mann mit weißem Haarkranz und wachen blauen Augen. Er möchte unbedingt verhindern, dass ein Suizid als Vorbild für den nächsten gelten könnte. Und er fürchtet, dass die Welle größer wird. So wie in den zwanziger Jahren, als sich die Intellektuellen nach dem verlorenen Krieg gegen die Türkei selbst töteten. Es sollen nicht noch mehr sich erhängen, sich vergiften, sich erschießen.
Die 90 Jahre alte Frau, die von der Dachterrasse am Vathi-Platz in den Tod stürzte, sprang zusammen mit ihrem Sohn. Aber eigentlich sprang sie gar nicht. Ihr Sohn schubste sie. Dann wartete er drei Minuten und folgte seiner Mutter 15 Meter in die Tiefe. Sein Name war Anthony Perris, ein Musiker, Schreiber, ein ruhiger Mann, 60 Jahre alt.
Die Stelle, an der er aufschlug, liegt drei Kilometer entfernt vom SyntagmaPlatz, neben dem Haus, in dem er mit seiner Mutter lebte. 20 Jahre lang hatte Perris die Mutter, die krank war, an Alzheimer litt, an Krebs, gepflegt. Jeden Tag führte er sie für fünf Minuten durch den kleinen Park. Am Abend bevor es passierte, hatte er die Jalousien geschlossen. Am Morgen führte er seine Mutter in den Lift, sie fuhren sechs Etagen hoch auf das Dach.
Auch Anthony Perris hinterließ einen Brief, er legte ihn auf den Küchentisch. "Mein Leben ist zur steten Tragödie geworden", schrieb er. Er habe versucht, seine Immobilie zu verkaufen, aber es gab niemanden, der sie kaufen konnte. Er besaß ein Haus, ein Boot, das Moped.
"Was nutzt mir Besitz, wenn man kein Geld hat, um Essen zu kaufen?", fragte der Mann in seinem Abschiedsbrief.
"Irreführend bis gefährlich" sei all das, was gerade in den Zeitungen stehe, sagt Psychiater Angelopoulos. Menschen, die Selbstmord begingen, seien keine politischen Kämpfer, auch wenn sie in der Öffentlichkeit zu Helden gemacht würden.
Der Apotheker vom Syntagma-Platz sei ein Einzelner, ein Verzweifelter gewesen, wie die anderen. Nikiforos Angelopoulos klingt selbst ein bisschen verzweifelt. Er führt einen einsamen Kampf. Das griechische Gesundheitsministerium bezahlt jedenfalls seit ein paar Wochen eine "Suizid-Hotline", trotz der Kürzungen, trotz aller Sparmaßnahmen.
Hat Emmy Christoulas, die Tochter, geahnt, dass ihr Vater in seinem Kampf so weit gehen würde? Sie denkt lange nach. Im Nachhinein, sagt sie, gebe es immer Anzeichen. Kurz vor seinem Tod hat Dimitris Christoulas ihr noch den roten VW-Käfer überschrieben, mit dem die Familie früher durch Europa fuhr. "Er hatte es damit plötzlich so eilig", sagt Emmy. Sie hat nicht verstanden, warum.
Am Morgen nach dem Besuch bei Emmy Christoulas geht bei der Polizei in Athen wieder ein Notruf ein. Ein Angestellter, 61, hat sich im Aghios-Philippos-Park erhängt, nicht weit von seinem Haus, an einem kräftigen Baum oben auf dem Hügel. Er hatte eine Frau, einen Sohn, eine Tochter, einen Hund, er war Seemann und seit kurzem ohne Arbeit. Am Nachmittag, wenige Stunden nach seinem Tod, ist seine Leiche weggeschafft. Das Absperrband hängt noch zwischen drei Bäumen, rot und weiß, es flattert im Wind über der großen Stadt.
Von Barbara Hardinghaus und Julia Amalia Heyer

DER SPIEGEL 33/2012
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