Von Schulz, Thomas
Die Lage könnte kaum besser sein: Zum Apple-Hauptquartier sind es neun Kilometer, zu Google zehn. Zumindest geografisch hat der deutsche Technologienachwuchs die Nähe zur Weltspitze schon einmal gefunden: Das im Frühjahr aufgeschlagene Basislager für ehrgeizige Jungunternehmer liegt in einem unscheinbaren Bürokomplex am Stadtrand von Sunnyvale, mitten im Silicon Valley.
Eine Handvoll Schreibtische, Pappstellwände und eine Kuckucksuhr grenzen den Arbeitsbereich des German Silicon Valley Accelerator (GSVA) ein. Gerade genug Platz für die Abgesandten der vier ausgewählten Unternehmen, die hier jeweils drei bis sechs Monate lang lernen sollen, wie man in der Champions League spielt.
"Wir haben in Deutschland zwar mindestens genauso gute Ideen und oft die bessere Technologie, aber die Amerikaner sind so viel besser, wenn es darum geht, zu verkaufen, zu vermarkten und sich am globalen Markt durchzusetzen", sagt Oliver Hanisch, Mitbegründer des GSVA und verantwortlicher Manager in Sunnyvale.
Das Projekt ist eine private Initiative, aber staatlich mitfinanziert: 2,5 Millionen Euro schießt das Bundeswirtschaftsministerium zunächst zu. "Für junge deutsche IT-Unternehmen ist es entscheidend, sich schnell eine weltweit führende Position zu erarbeiten", betonte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) zum Start des Programms. In der IT-Branche komme es vor allem auf frühe Präsenz in den USA an.
Die Verantwortlichen des deutschen Start-up-Beschleunigers kennen sich bestens aus im Silicon Valley. Hanisch hat bereits Unternehmen gegründet, Co-Initiator Dirk Kanngiesser arbeitet als Wagnisfinanzierer vor Ort. Dritter Kopf im Team ist der Münchner Wirtschaftsprofessor Dietmar Harhoff, der führende Technologieberater der Bundesregierung und einst Gastprofessor in Stanford.
Die GSVA-Macher wollen den Programmteilnehmern vor allem helfen, durch die Vermittlung von Mentoren den Erfahrungsschatz im Silicon Valley abzugreifen. Auf engstem Raum finden sich hier zahllose erfolgreiche Technologiefirmen und Seriengründer, die bereit sind, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Denn das gehört schon lange zur Kultur des Gründermekkas an der US-Westküste: Wer es nach oben geschafft hat, hilft der nächsten Generation.
Die deutschen Nachwuchsunternehmer können die Hilfe gebrauchen. In der Ausbildung sind sie jungen Amerikanern zwar oft überlegen, und auch an Ideen fehlt es nicht. Aber bei erfolgreichen Gründungen hinken nicht nur die Deutschen, sondern alle Europäer den USA meilenweit hinterher. Von den 500 weltgrößten Unternehmen wurden in Europa zwischen 1975 und 2007 gerade einmal drei gegründet. Die USA brachten in derselben Zeit dagegen rund zwei Dutzend neue Unternehmen in die Weltspitze.
Den deutschen Gründern mangelt es vor allem an Geld in der Anfangsphase, wenn es um die ersten ein, zwei Millionen Euro Anschubfinanzierung geht. Die europäische Schuldenkrise hat die Situation weiter verschlechtert. Während die Wagnisfinanzierung in den USA zwischen 2007 und 2011 erheblich zulegte, halbierte sie sich in Europa. Neben Rat und technologischer Hilfe suchen die deutschen Gründer während ihres Aufenthalts in Sunnyvale deswegen vor allem eines: Geld.
Das Kölner IT-Unternehmen Parstream ist bereits fündig geworden. Die beiden Gründer, Michael Hummel und Jörg Bienert, gehören zu den ersten Teilnehmern des GSVA-Projekts, Ende Juli konnten sie einen der führenden Wagniskapitalfinanzierer des Silicon Valley für sich gewinnen: Vinod Khosla, einst Co-Gründer des Computerriesen Sun Microsystems, war nach mehreren persönlichen Treffen so überzeugt von den Deutschen, dass er sie gleich mit 5,6 Millionen Dollar Anschubfinanzierung ausstattete. Zu den Investoren gehört auch der Ehemann der neuen Yahoo-Chefin Marissa Mayer, der Wagnisfinanzierer Zachary Bogue.
"In Deutschland wäre das für uns so nicht möglich gewesen", sagt Mitgründer Bienert. "Der Markt für Wagniskapital ist einfach nicht vergleichbar." Dabei hat Parstream sich in Fachkreisen bereits einen Namen gemacht und große Unternehmen als Kunden gewinnen können.
Das Kölner Unternehmen hat eine Technologie entwickelt, die es ermöglicht, riesige Datenmengen blitzschnell zu analysieren. Sie ist vor allem für Telekommunikations- oder Energieunternehmen interessant. Zu den Kunden gehört etwa der Konzern Rio Tinto, der weltweit nach neuen Rohstoffvorkommen sucht und dafür die Metallzusammensetzung im Boden mit Hilfe von Parstream analysiert.
Bienert und Hummel haben allerdings nicht nur Geld aus dem Silicon Valley mitgebracht, sondern auch Kontakte. Die beiden Deutschen, die vorher viele Jahre als IT-Berater gearbeitet hatten, waren beeindruckt, wie schnell und unkompliziert sich Beziehungen selbst zu Top-Managern und Industrielegenden ergeben. So habe etwa aus heiterem Himmel der Chefingenieur des IT-Konzerns Oracle angerufen, weil er von der Technologie der Kölner gehört habe, "um dann ganz spontan eineinhalb Stunden am Telefon zu fachsimpeln", erzählt Bienert. "In Deutschland wären wir an Leute in solchen Positionen niemals rangekommen."
Grundsätzlich müssen sich die deutschen Gründer meist erst daran gewöhnen, in amerikanischen Maßstäben zu denken. "Und das heißt: Think big!", sagt GSVA-Mann Hanisch. Im Silicon Valley sind überdimensionierte Ambitionen Pflicht, nur so lassen sich potentielle Investoren überzeugen.
Hochfliegende Pläne haben sich die beiden Parstream-Gründer jedenfalls schon einmal vorgenommen: Mit Hilfe der Millionenspritze wollen sie zunächst die Vereinigten Staaten und dann den "globalen Markt erobern". Eine Niederlassung im Silicon Valley haben sie bereits gegründet. In Palo Alto. Gleich um die Ecke von Hewlett-Packard.
DER SPIEGEL 33/2012
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