13.08.2012

1326 Gramm Hoffnung

Von Neufeld, Dialika

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Wie eine Hartz-IV-Empfängerin 32 000 Euro im Monat verdiente

Sie spürte, dass etwas anders war an diesem Freitag, als sie zum letzten Mal über die Grenze fuhr. Sie ahnte, dass sie verfolgt wurde in ihrem weißen Audi TT, sie trat aufs Gas, sie hatte 1326 Gramm Heroin im Wagen, ein bisschen Koks und einen Traum, der zu groß geworden war für sie.

Er hatte mit dem Audi zu tun und mit ihrem Sohn, der im Kindergarten auf sie wartete. In ihrem Traum war ein anderes Leben für sie geplant.

Sechs Monate U-Haft später, an einem Julimorgen um neun Uhr, führen Justizbeamte die Angeklagte Frau B. in Saal 106 des Amtsgerichts Moers, draußen Sommersonne, drinnen Handschellen. Auf dem Tisch des Richters liegen zwei dicke Stapel Akten.

Frau B. ist 26 Jahre alt, nicht vorbestraft, alleinerziehende Mutter. Sie trägt blondes Haar mit einer braunen Strähne im Pony und einen glitzernden Stern im Ohr. Sie sieht nicht aus wie eine Verbrecherin. Aber ihr Leben lief immer anders, als sie sich das vorgestellt hatte, davon erzählte sie ihrem Rechtsanwalt.

Als sie mit der Schule fertig war, wollte sie studieren, sie dachte an etwas Kaufmännisches. Sie wünschte sich einen geregelten Job mit einem Gehalt, das für ein schickes, schnelles Auto reichen würde und ab und zu für einen Urlaub. Dann, mit Anfang zwanzig, wurde sie schwanger.

Aus dem Studium wurde nichts, stattdessen machte sie eine Ausbildung zur Verkäuferin. Sie verpasste den Berufseinstieg und lebte nun von Hartz IV. Sie hatte ihren Sohn, allein, eine kleine Wohnung in Sonsbeck am Niederrhein und keine Perspektive. Aber ihre Wünsche waren noch da.

Dann lernte sie einen Mann kennen. Er war älter als sie, er habe sich rührend um den Kleinen gekümmert, sagt sie, wie ein richtiger Vater. Ihr neuer Freund kannte eine Menge Leute, auch einen Marokkaner, der in Rotterdam lebte. Einmal waren sie zu Besuch bei ihm. Der Marokkaner erfuhr von ihrem Leben als alleinerziehende Mutter, die keine Arbeit hat und von einem Auto träumt. Er machte ihr ein Angebot.

Drogenhändler ködern ihre Dealer meist auf eine dieser zwei Arten: Sie fixen sie selbst an, schenken ihnen ein paarmal Drogen für einen hübschen Rausch, bis sie abhängig sind und Geld für Nachschub brauchen. Oder sie ködern sie gleich über das Versprechen auf Geld.

Bei Frau B. genügte das Versprechen auf ein schönes Auto. Der Mann aus Rotterdam hatte einen Audi TT im Angebot, weiß, für 150 Euro im Monat. 15 000 Euro sollte sie insgesamt bezahlen. Von Drogen war da noch nicht die Rede. Frau B. fuhr jetzt Sportwagen. Doch die 150 Euro im Monat bekam sie nicht zusammen.

Also bot ihr der Mann Arbeit an: Sie sollte in ihrem schönen Auto Drogen von Holland nach Deutschland fahren.

Als Jugendliche hat Frau B. Kontakt mit Drogen gehabt, aber sie sei davon losgekommen, erzählt sie. Sie sah kein großes Problem darin, Drogen zu nehmen, jeder Mensch könne das für sich selbst entscheiden, habe sie gedacht. Das Geschäft schien ihr moralisch machbar. Sie mietete einen Container in einem Gewerbegebiet in Alpen am Niederrhein. Sie stellte einen Schreibtisch hinein und hängte eine Wolldecke als Sichtschutz vor den Tisch, dahinter verpackte sie den Stoff in kleine Tütchen. An die Tür klebte sie ein Namensschild. Bald machte sie die ersten Fahrten, und auf ihrem blauen Sparbuch bei der HypoVereinsbank Sonsbeck gingen nun fast wöchentlich kleine Vermögen ein: mal 6000, mal 4000, mal 8000 Euro. Das Leben wurde besser.

Im Herbst vergangenen Jahres starb ihr Freund bei einem Unfall. Was ihr blieb, waren der weiße Audi TT und die Verbindung zu dem Mann aus Rotterdam. Ihre beste Freundin half, den Arbeitsalltag zu bewältigen.

Morgens brachten die Frauen den Kleinen in die Kita, dann fuhr Frau B. mit dem Opel Corsa ihrer Freundin nach Rotterdam und besorgte ein gutes Kilo Heroin. Die Freundin fuhr mit dem Audi TT hinterher. Sie trafen sich vor der Grenze wieder und tauschten ihre Autos, sie dachten, das sei ein geschicktes Ablenkungsmanöver. Die Freundin fuhr dann im Corsa vor und schaute, ob die Grenze sauber war, dann kam Frau B. im Audi hinterher. Nach der Arbeit holten sie den Jungen aus der Kita.

Mindestens neun Drogenfahrten machten die Freundinnen. Frau B. konnte sich jetzt größere Einkäufe leisten, Markenkleider und Kinderspielzeug. Sie verdiente bis zu 32 000 Euro im Monat. Nie gab es Probleme, bis zu jenem Tag, als ihr die Polizei folgte. Die Beamten hatten einen Tipp aus der Drogenszene bekommen und die Telefonate der beiden Frauen überwacht. Schließlich statteten sie die Autos mit GPS-Sendern aus. Sie schnappten sie kurz hinter der Grenze.

Das Gericht verurteilt Frau B. zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und neun Monaten. Die 47 388,52 Euro auf ihrem Sparkonto und das Geld, das noch in ihrer Wohnung lag, werden in die Staatskasse überführt. Den weißen Audi TT hat die Staatsanwaltschaft erst mal auf einen Parkplatz schaffen lassen. Wahrscheinlich wird er versteigert.


DER SPIEGEL 33/2012
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