13.08.2012

ARCHITEKTUR

Der Koloss von Peking

Von Knöfel, Ulrike

Der junge Deutsche Ole Scheeren entwickelt sich gerade zum Erfolgsbaumeister Asiens. Er will seinen Triumphzug in Europa fortsetzen.

Ole Scheeren ist der Mann, der in der Architektur das Unmögliche möglich macht. Der die Statik zum Tanzen bringt. Bei dem sich Hochhäuser in Luft aufzulösen scheinen. Der ein Kino im Indischen Ozean schwimmen lässt. Der Erfolg hat ihn schon weit getragen, und wenn es nach ihm geht, ist das alles erst der Anfang.

Jetzt aber, an diesem glühend heißen Samstagmittag in Peking, erlebt er ausgerechnet vor seinem berühmtesten Gebäude einen kleinen, kuriosen Moment des Scheiterns.

Um das neue Sendezentrum des Staatssenders CCTV zieht sich ein Bauzaun, das Tor steht offen, alles wirkt ein wenig verwaist. Kaum aber setzt Scheeren einen Schritt auf das Gelände, tauchen ein paar Männer auf, einige uniformiert, andere nicht. Wahrscheinlich halten sie ihn für einen Touristen. Sie fragen ihn nicht, was er will, sie versperren ihm einfach den Weg. Scheeren kehrt um.

Er lacht, er hat nichts anderes erwartet. Auch auf offiziellem Wege, das hat er vorher schon gesagt, sei es selbst für ihn "derzeit so gut wie unmöglich, in dieses Gebäude zu kommen".

Im Hintergrund erhebt sich der Bau. Zwei schräge Türme, oben und unten L-förmig miteinander verbunden. Einen "Loop" nennt Scheeren diese Form, ein Symbol des Miteinanders. Es ist das größte Mediengebäude der Welt, in keinem anderen steckt so viel teure Technik.

Vollendet wirkt es, von außen, schon seit drei, vier Jahren. In Betrieb genommen wird es erst in diesen Wochen. Etwa 14 000 CCTV-Angestellte siedeln nach und nach von dem alten, ein paar Kilometer entfernten kommunistischen Zweckbau in diese Avantgarde um. Jede weitere Person scheint da im Moment eine zu viel zu sein, aber es erstaunt, dass das sogar für Scheeren gilt.

Als ob die chinesischen Bauherren ihren Baumeister vergessen hätten, sobald der ihre Aufgaben erfüllt hat. Als ob er nur noch ein Ausländer wäre, der doch nicht dazugehört. Aber Scheeren ist nicht der Typ, den das verunsichert. Das CCTV-Gebäude ist das Denkmal seiner Höchstleistung. Er sieht es übrigens täglich, auf dem Fußweg zur Arbeit, und sogar von seinem Büro aus. Vor ein paar Monaten war er zum letzten Mal auch drin.

Der Deutsche hat den Bau als einer der führenden Mitarbeiter des Rotterdamer Architekturstars Rem Koolhaas und dessen Büros OMA verwirklicht. Der Entwurf war Teamarbeit, "aber mein Anteil war schon sehr groß". Vor zehn Jahren gewann OMA den Wettbewerb. Scheeren zog nach Peking, er war Anfang dreißig, sah in Asien lauter Chancen, viel Zukunftsglauben und im Westen nur Erstarrung.

Er wusste in dieser Zeit auch das Jugendliche und Coole seiner eigenen Person zu inszenieren. Scheeren trat auf wie ein Popstar der Architektur. Dann war da bis vor kurzem die Beziehung mit der berühmtesten Schauspielerin des Landes, mit der auch international gefeierten Maggie Cheung. Es gab, an ihrer Seite, ein Leben auf dem roten Teppich. Der Rest der Welt wunderte sich, wie glamourös der Job eines Architekten in Peking sein kann.

Vor zwei Jahren machte er sich selbständig, er eröffnete das "Büro Ole Scheeren". Das Ambiente: grauer Betonfußboden, weiße Wände, junge Menschen vor Computern. Genauso könnte es auch bei einem Architekten in Berlin oder London aussehen. Am Abend zuvor hat er mit seinen inzwischen 50 Mitarbeitern gefeiert, er hat seine Leute auf die Zukunft eingestimmt. Er sagte ihnen, dass Architektur immer harte Arbeit bedeute. Und das klang wie ein Versprechen.

Im Grunde beginnt jetzt sogar erst die wichtigste Etappe seiner Karriere. Berühmt ist er schon, aber das reicht ihm nicht. Scheeren will beweisen, dass er mehr beherrscht als repräsentative Staats- oder Investorenbauten in Asien. "Die Frage nach der Zukunft wird immer noch hier gestellt" - und doch reizt es ihn, auch in Europa mitzumischen.

Ein sensationeller Turm in Thailand wird nach wie vor von der Architekturkritik übersehen. So bald wie möglich will er ein Büro in London eröffnen, in der Stadt, in der viele Architekturstars wie Zaha Hadid, David Chipperfield und Norman Foster ansässig sind. Sie alle gehören einer anderen Generation an, in seiner eigenen, Scheeren ist 1971 geboren, hat er schon alle überholt.

Derzeit arbeitet er an Hochhausprojekten von Singapur bis Bangkok, aber auch an Künstlerateliers, die selbst wie surrealistische Kunst aussehen. Er würde gern als Nächstes ein Museum bauen. Er sagt, ihm sei die Psychologie unseres gesellschaftlichen Zusammenseins sehr wichtig.

Mit seiner Auffassung von Architektur dürfte er tatsächlich weit kommen. Viele seiner Entwürfe überraschen, sie sind experimentell und doch baubar, sie sind für konkrete Orte geschaffen worden und in ihrem Wesenskern doch universell.

Da ist das Hochhaus, das er in Kuala Lumpur bauen soll, und zwar neben den für ihre Höhe und Protzigkeit weltbekannten Petrona Towers. Sein Turm ist niedriger, aber nicht minder auffällig. Scheeren hat zu Beginn der Entwurfsphase ein klassisches Hochhaus aufgezeichnet, hat es in weiteren Skizzen in fünf Einzelteile zerlegt und diese auf ungewohnte Weise neu angeordnet. Wieder ist eine Art Skulptur herausgekommen, aber eine, die für neue asiatische Verhältnisse fast puristisch wirkt.

In den Sockelbereich soll allerdings das Grün der Tropen und die Lebendigkeit der Stadt eindringen, dort hebt er die Geschossordnung auf. Die Ebenen für Parkplätze, Restaurants und Geschäfte durchdringen einander, und tief drinnen in diesem organisierten Chaos bringt er erstaunlich moderne und abgedrehte Gebetsräume für muslimische Besucher unter. Das Hochhaus soll ein Symbol sein für eine vielschichtige Gesellschaft in einer Stadt, in der Malaien, Chinesen, Europäer, Gastarbeiter aus der ganzen Welt leben.

Manches, woran er arbeitet, hat er noch als Angestellter von Koolhaas begonnen. Das schon weitgediehene Wohnprojekt Interlace in Singapur gehört dazu. Der Investor hatte sich eine Gruppe von Apartment-Hochhäusern gewünscht und bekommt nun eine verschachtelte Landschaft aus jeweils sechsgeschossigen Wohnblocks mit begrünten Dächern und vielen weiteren Außenflächen. Eine riesige Anlage mit mehr als tausend Apartments. Urbane Verdichtung, die nicht beengt wirkt, sondern luftig und vor allem wohnlich.

Zunehmend gelingt ihm, was mit dem Bauwerk für CCTV in Peking noch nicht eingelöst wurde und was dort wohl auch nicht gewollt war: der Architektur das Unnahbare zu nehmen, sie zu entmonumentalisieren. Der Sitz von CCTV ist zwar schon ein Gegenentwurf zum klassischen Hochhaus, aber er ist trotzdem noch ein Koloss.

Spektakuläre Wirkung ist ihm immer wichtig. Im Frühjahr ließ Scheeren ein schwimmendes Kino - eine Art Floß - vor einer thailändischen Insel ankern, in einer atemberaubenden Naturkulisse. Ende August schickt er es zur Architekturbiennale nach Venedig in ein altes Hafenbecken. Gezeigt werden soll dort übrigens auch eine filmische Dokumentation über ihn und seine Karriere. Das ist so seine Art, sich in Europa zurückzumelden.

Er ist der Mann fürs Visionäre und für die effektvollen Details. Vor allem baut er mit Leidenschaft. Das ist unter Architekten nicht selbstverständlich. Sogar sein früherer Chef und Mentor Rem Koolhaas gefiel sich lange eher in der Rolle des Manifesteschreibers.

Scheeren ist der Sohn eines Architekten, er wuchs in Karlsruhe auf. Schon mit 18 Jahren durfte er den Vater wochenlang auf den Baustellen vertreten, und er hat das genossen. Doch er träumte bald auch von einem Job bei Koolhaas, dem Guru der Unangepassten. Inzwischen hat er sich von den Vaterfiguren emanzipiert. Rem Koolhaas sei eine intellektuelle Figur, sagt Scheeren. Er sieht sich dagegen als jemanden, der "Realität schafft".

Vor ein paar Jahren hat er einige Architekturstudenten Tausende Papierfiguren basteln lassen, die er dann vor das Modell des CCTV-Gebäudes stellen ließ. Er wollte sich die Masse an Menschen, die er da unterbringen sollte, in etwa vorstellen können. Nun wird das Papierpersonal lebendig, und er ist nicht dabei.

In Asien, ausgerechnet dort, wo in den vergangenen Jahren immer alles ganz schnell gehen musste, hat sich Scheeren in Geduld üben müssen. Viele rechneten damit, dass die Chinesen ihren Prestigebau bis zu den Pekinger Olympischen Spielen 2008 einweihen würden, doch es fehlte der aufwendige Innenausbau, der sollte 2009 abgeschlossen sein.

Anfang 2009 brannte ein zum Ensemble gehörender Nachbarturm. Die Verantwortung übernahm CCTV: Hochrangige Mitarbeiter hatten ein illegales Feuerwerk zünden lassen. Ein Feuerwehrmann starb. Der Sender entschuldigte sich, der Staat fühlte sich blamiert. Auch das dürfte ein Grund sein, weshalb der Umzug ins neue Gebäude, an diesen Ort der Macht, eher diskret abläuft.

Dass diese Architektur ein Regime aufwertet, das nie vorhatte, so modern zu werden wie seine Baukunst, ein Regime, das nach wie vor totalitär ist - das muss Scheeren anders sehen.

Er hält den Westen für voreingenommen, einseitig, er spricht von Hoffnung auf Veränderung, "wenn ich die nicht hätte, wäre ich nicht hier". Aber er sagt auch, die Macht der Architekten werde überschätzt. "Wie sich dieses Land entwickelt, dafür ist das Gebäude nicht verantwortlich."

Darf man so denken? Gesellschaft, das ist ein wichtiges Wort für ihn, auch Verantwortung, aber das Regime in China ist nicht sein Lieblingsthema. Auf keinen Fall möchte er mit den Architekten verglichen werden, die in Europa ansässig sind und von dort aus Aufträge in Peking oder Shanghai abwickeln, die ihre Architektur nur exportieren. "Ich lebe hier, das ist der Unterschied, ich habe mich auf Asien eingelassen." Vielleicht werde sein Leben nicht immer in Peking stattfinden, "aber auch nie ohne".

Es gibt etwas, das er für eine typische "europäische Sentimentalität" hält. Sie scheint ihn inzwischen zu amüsieren, nach all den Jahren in China. Er wirkt wie jemand, der sie abgelegt hat.

An diesem anstrengend heißen Samstag im August besucht Scheeren noch eine andere Baustelle, sie liegt nahe dem Nationalen Kunstmuseum. Ein Bagger reißt gerade die alten Gebäude ab. Ein Auktionshaus hat Scheeren beauftragt, hier einen Neubau zu errichten.

Kaum betritt er das Gelände, kommt ein Mann angelaufen. Der Mann ist freundlich, er lacht, er fragt, ob Scheeren das Grundstück erwerben wolle. Ein Scherz oder der Versuch, etwas zu verkaufen, das gar nicht zu verkaufen ist.

Scheeren winkt ab. Er spricht kein Chinesisch, einen Satz kann er akzentfrei: "Ich bin der Architekt." Stolz klingt das und auch ein bisschen europäisch und sentimental.


DER SPIEGEL 33/2012
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