13.08.2012

Tiefer schweigen

LITERATURKRITIK: Marjana Gaponenko stammt aus der Ukraine, ihren Roman „Wer ist Martha?“ aber hat sie auf Deutsch geschrieben.
Sterben? Wenn schon, dann vornehm und in Würde. In einer Elisabeth-Suite des Hotel Imperial. Mitten in Wien, unweit von Staatsoper, Musikverein und Stephansdom. Mit Butler-Service und gebügelten Tageszeitungen.
Luka Lewadski aus der Ukraine, 96 Jahre alt, als Professor der Zoologie eine international beachtete Kapazität, weiß sofort, was er will, als er die Schreckensnachricht erhält: Lungenkarzinom, inoperabel. Er will dorthin zurück, wo er als Kind die köstlichste Schokoladentorte seines Lebens gegessen hat, dorthin, wo die Heimat seiner Mutter ist.
"Wer ist Martha?" heißt der zweite Roman der in der Ukraine geborenen Marjana Gaponenko, 30, die heute in Mainz lebt.
Sie hat Deutsch auf einem Gymnasium in Odessa gelernt. Und sie war von der Sprache derart fasziniert, dass sie sich einen Privatlehrer nahm, einen ehemaligen KGB-Offizier, der lange in der DDR gelebt hatte. Noch als Schülerin schrieb sie ihre ersten Gedichte in der fremden Sprache.
Welch ein wunderschönes und differenziertes Deutsch sie spricht, zeigt sich in einem Video, das auf YouTube und der Website des Suhrkamp-Verlags zu betrachten ist. Dort erzählt sie von der Literatur, die sie gern schreiben möchte, nämlich einer Literatur mit Mut "zum Pompösen, zum Opulenten, zum Barocken". Sie ist eine Autorin ohne Angst vor Pathos, ihre Devise lautet: "Mehr Musik, mehr Blech, mehr Trompeten und Pauken."
So erstaunlich wie die junge Frau, die so aussieht wie eine russische Fürstin, ist auch ihr Roman: Jubel über die Schöpfung und ihre Wunder, voll Lebensfreude, auch wenn es um letzte Dinge geht.
Der alte Lewadski ist ein außergewöhnlicher Held. Seine Ehrfurcht gilt der
Musik und den Vögeln. Er ist ein Mann, der die Menschen keineswegs als Krone der Schöpfung betrachtet. Gegen die Vögel "mit ihren hohlen Knochen und dem geringen Gewicht" sind wir in seinen Augen eher eine Lachnummer. Und erst recht gegen den Flugsaurier Quetzalcoatlus aus der Kreidezeit.
Der habe eine Flügelspannweite von 15 Metern gehabt und "wog so viel wie Sie", sagt Lewadski zu Habib, seinem persönlichen Butler, den er im Hotel gebucht hat und der ihm ein willkommener Gesprächspartner ist. "Was für ein erstaunliches Experiment der Natur."
Schon die Mutter hat zu ihm gesagt: "Wer Vögel beobachtet, kennt die Daseinsfreude." Dank reichlicher Ersparnisse kann es sich der Vogelnarr leisten, hier in Wien fürstlich zu residieren. Einen neuen Anzug und einen Gehstock hat er sich gekauft, außerdem weiße Hemden mit Perlmuttknöpfen.
Da der Tod auf sich warten lässt, ist Lewadski zwar besorgt, was sein schwindendes Vermögen angeht, doch er genießt jeden Tag nur umso mehr. Die Vergangenheit, immerhin der größte Teil des 20. Jahrhunderts, ist für ihn nur noch ein Schatten.
Zwei Weltkriege zogen an ihm vorbei, Staaten wechselten ihren Namen, in Polen und Tschetschenien hat er gelebt, "doch historisch gesehen kam er aus zwei Utopien: aus Österreich-Ungarn und der Sowjetunion". Nun hat Lewadski einen ukrainischen Pass, isst Schokoladentorte und besucht den Musikverein, jenes wunderbare Konzerthaus, in das ihn als Kind schon die Großtanten geführt haben.
Dorthin geht er übrigens nicht allein. Im Hotelfahrstuhl trifft er auf einen anderen Alten. Zunächst streiten sich die Greise darüber, wer von ihnen der Ältere sei und wem der Vortritt gebühre. Erst auf den zweiten Blick mag Lewadski diesen Witzturn, einen Leidensgenossen.
Respektlos verhalten sich die beiden Moribunden nicht nur gegeneinander, sondern sie benehmen sich auch während des Konzerts in ihrer Loge wie die Kinder, zum Unmut der anderen Zuhörer.
Anschließend gehen Lewadski und Witzturn in die Hotelbar. An der Theke schwingen sie sich mühsam auf den Hocker und bestellen einen "Imperial-Früchte-Wodka". Sie sprechen nicht viel und wenn, dann darüber, ob der eine "tiefer schweigt als der andere", wie Lewadski sagt. "So wie es in einem Gespräch immer einen gibt, der mehr redet."
Unbekümmert und ein wenig verrückt ist das alles, erzählt von einer Autorin, die sogar versteckt im Roman selbst erscheint. Jedenfalls setzt sich, während die beiden Alten sich langsam in einen zarten Alkoholrausch hineinsteigern, eine junge Frau dazu und erklärt dem Barmann, dass sie ein Buch über einen alten Mann schreibe, der in die Stadt seiner Kindheit zurückkehrt, um dort zu sterben: "Darum muss ich alle Cocktails durchprobieren, die ein betagter Herr bestellen würde."
Genau diese Geschichte hat Marjana Gaponenko geschrieben.
Marjana Gaponenko: "Wer ist Martha?". Suhrkamp Verlag, Berlin; 242 Seiten; 19,95 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 33/2012
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