AFFÄREN
Zweier mit
Sie startete bei Olympia für Deutschland, dann kam heraus, dass sie einen Nazi liebt. Jetzt liegt ihre Welt in Trümmern. Der Fall der Ruderin Nadja Drygalla zeigt, wie hysterisch der Sport reagiert, wenn das Thema Rechtsextremismus im Spiel ist.
Im dritten Stock des Deutschen Hauses in London liegt ein Zimmer abseits des Trubels. Unter altem Dachgebälk stehen Wasserflaschen und ein Obstkorb auf dem Tisch, flankiert von einigen Küchenstühlen und zwei schwarzen Ledersofas. Der Raum ist gedacht für diskrete Gespräche. Am Abend des 2. August saß die Ruderin Nadja Drygalla auf der Couch. Tränen liefen über ihr Gesicht. Vor ihr saß Michael Vesper. Er hatte viele Fragen.
Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und Chef der Olympiamannschaft, hatte von Drygallas Beziehung zu einem Neonazi namens Michael Fischer erfahren, einem ziemlich unangenehmen Typen. Mutmaßlich gewaltbereit, besessen.
Eine deutsche Ruderin, ein deutscher Nazi, und das alles während Olympia. Eine schwierige Geschichte. Man redete anderthalb Stunden lang.
Drygalla heulte und erzählte. Sie bekannte sich zu den demokratischen Werten und zur olympischen Charta, stand aber auch zu ihrem Freund. Zum Ende des Gesprächs bot die Ruderin dann doch an, aus London abzureisen. Weder Vesper noch Mario Woldt, Sportdirektor der deutschen Ruderer, der bei dem Gespräch dabei war, hielten sie davon ab.
Am nächsten Morgen um halb neun verließ die Sportlerin das olympische Dorf und reiste zurück nach Rostock. Drygalla hat Flugangst, deshalb fuhr sie mit der Bahn.
Für die deutschen Sportfunktionäre in London schien mit der Flucht der Athletin eine unangenehme Episode erledigt. Für Drygalla fingen die Probleme erst an. Nadja Drygalla, 23, war bis vor zwei Wochen eine unbekannte Ruderin, ein Mitglied der deutschen Sportfamilie in London. Doch als sie wieder zu Hause ankam, war sie aus der Welt gefallen.
Die "taz" bezeichnete sie als "Nazibraut"; die "Welt am Sonntag" druckte ein Foto, auf dem eine strohblonde Frau inmitten rechtsextremer Demonstranten zu sehen ist. Unter dem Bild stand die Frage: "Ist Nadja Drygalla die blonde Frau mit dem weißen Pullover rechts?"
Sie ist es nicht.
Man hätte das leicht recherchieren können. Doch in der Causa Drygalla ließen Journalisten, Politiker und Sportfunktionäre jede Vernunft fahren. Der Fall ist ein Lehrstück dafür, wie verquer, verworren und scheinheilig Debatten hierzulande laufen, sobald das Thema Rechtsextremismus im Spiel ist.
Nadja Drygalla ist abgetaucht. Sie sei in einer "äußerst angespannten psychischen Verfassung", sagt Hans Sennewald, stellvertretender Vorsitzender ihres Heimatvereins Olympischer Ruderclub Rostock und Vorsitzender des Mecklenburgischen Ruderverbands. Sennewald kennt die Sportlerin seit Jahren. Seine Tochter Ulrike, die ebenfalls im deutschen Frauenachter rudert, ist mit Drygalla befreundet.
Nur einmal, am vorvergangenen Sonntag, kam Drygalla bislang aus ihrem Versteck. Sie stellte sich den Fragen der Deutschen Presse-Agentur. Sennewald und seine Vorstandskollegen hatten sie zu dem Interview überredet. Der öffentliche Druck war so massiv geworden, dass Drygalla sich erklären musste. Sie saß im Vereinslokal ihres Ruderclubs. Drygalla hatte sich ein Tuch um den Hals gewickelt, sie musste das Gespräch mehrere Male unterbrechen, weinte.
Die Ruderin distanzierte sich von dem rechtsextremen Gedankengut ihres Freundes und von dessen Gesinnungsgenossen. Sie bestritt, sich jemals an Demonstrationen von Neonazis beteiligt zu haben. Sie schilderte, wie stark die Beziehung unter dem Weltbild ihres Partners leide. Und sie beschrieb, dass Fischer auch durch ihren Einfluss im Frühjahr aus der NPD ausgetreten sei.
Tatsächlich hat Fischer bereits im Mai die Partei verlassen. Vorigen Montag erklärte er zudem, dass er damit abgeschlossen habe, "dass ich Neonazi bin". Seinen angeblichen Ausstieg nehmen ihm viele Beobachter der rechten Szene allerdings nicht ab.
An Drygallas Aussagen hingegen gibt es bislang keinen begründeten Zweifel. Der Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommerns hat keinen Hinweis darauf, dass die Ruderin jemals in der rechtsextremen Szene agitiert hätte. Auch die antifaschistischen Gruppierungen, die hartnäckig sämtliche braunen Umtriebe in Mecklenburg-Vorpommern dokumentieren, melden bei Drygalla: Fehlanzeige.
Man kann der jungen Frau vielleicht Naivität vorhalten, da sie seit fünf Jahren mit einem Mann zusammen ist, der sich für einen Herrenmenschen hält. Trotzdem stellt sich die Frage: Warum musste Drygalla Olympia eigentlich verlassen?
Nadja Drygalla, die kurz vor der Wende in Rostock zur Welt kam, schloss die Schule mit der mittleren Reife ab und machte im Warnemünder Fünf-Sterne-Hotel Neptun eine Lehre zur Sport- und Fitnesskauffrau. Ein "freundliches und fleißiges Mädchen" sei sie gewesen, erinnert sich eine Ausbilderin - aber so richtig interessiert habe sich die Nadja eigentlich nur für ihren Sport.
Schon als Teenager ruderte Drygalla im Verein, erst für den Rostocker Ruderclub, dann für den Olympischen Ruderclub. Das regelmäßige Training, die regelmäßigen Wettkämpfe gaben ihrem Leben Halt, den sie in ihrem Elternhaus verloren hatte. Ein Suizid erschütterte die Familie, als Drygalla noch ein Kind war.
Mit 18 verliebte sie sich in den ein Jahr älteren Michael Fischer, einen Clubkameraden, auch er ein hervorragender Ruderer. Kurz bevor sie zusammenkamen, wurde Fischer als Schlagmann im deutschen Achter Vizeweltmeister der Junioren.
Im September 2008 wechselte Drygalla in den Staatsdienst, sie begann an der Fachhochschule in Güstrow eine Ausbildung für den mittleren Polizeidienst. Außerdem wurde sie in die neugegründete Sportfördergruppe der Landespolizei aufgenommen. CDU-Innenminister Lorenz Caffier erschien zur Begrüßung, überreichte eine Ernennungsurkunde und schüttelte ihr die Hand.
Während Nadja Drygalla an ihrer sportlichen Karriere feilte, wendete ihr Freund
sich vom Leistungssport ab. Er fühlte sich zu einer Szene hingezogen, die auf ausländerfeindliche Parolen stand. Es waren keine stramm gescheitelten und blondbezopften Jungmänner- und Mädelscharen, die am Lagerfeuer und im Fackelschein vom Vierten Reich träumen. Fischer suchte die coole Variante des Rechtsextremismus: Sonnenbrille, schwarzes T-Shirt und Kapuzenpulli, Facebook, SMS.
Rechtsextreme dieses Schlags nennen sich Autonome Nationalisten, sie formieren sich bei Neonazi-Aufmärschen als schwarzer Block und greifen gezielt Polizisten, Journalisten und Gegendemonstranten an. In Mecklenburg-Vorpommern sind die Autonomen Nationalisten eine Randerscheinung im rechtsextremistischen Spektrum.
Doch Fischer fand in Rostock Gleichgesinnte. Sie trafen sich in Privatwohnungen oder in einer Gartenlaube. Bald hatten sie einen eigenen Internetauftritt. Dem Verfassungsschutz fielen die Nationalen Sozialisten Rostock, zu deren Kern wohl nie mehr als ein Dutzend Personen gehörte, erstmals 2008 auf. Zwei Jahre später hieß es im Jahresbericht des Landesverfassungsschutzes, die Gruppe präge "die Aktivitäten der neonazistischen Szene in Rostock maßgeblich".
Dass die Ermittler Fischer im Visier hatten, bekam der Vorstand seines Ruderclubs im Sommer 2010 mit. So schildert es der Vorsitzende Walter Arnold. Am Abend des 1. Juni zitierten sie den jungen Mann ins Vereinlokal "Zweier Mit". Sie hätten erfahren, dass er eine verfassungsfeindliche Gesinnung vertrete. Was es damit auf sich habe?
Fischer antwortete: stimmt. Er verteidigte sein Weltbild. Nachdem er sich verabschiedet hatte, berieten die Vereinsvorstände, ob sie ihm die Mitgliedschaft kündigen sollten. Sie entschieden sich dagegen. "Wir sagten uns: Wenn wir uns Ärger ersparen wollen, werfen wir ihn raus", erinnert sich Arnold, "aber wir wollten ihm noch eine Chance geben."
Man kann Arnold und seinen Mitstreitern Naivität vorhalten, dass sie einem Mann die Hand reichten, der sich für einen Herrenmenschen hält. Man kann aber auch die Ansicht vertreten, dass sie mutig waren. Sie nahmen die Hülse von der integrativen Kraft des Sports ernst. Fischer war einer von ihnen gewesen. Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass er schon so weit abgedriftet war.
Am folgenden Tag erklärte Fischer seinen Austritt. Seither, sagt Arnold, sei Fischer nie wieder auf dem Clubgelände an der Warnow erschienen, zu keiner Ehrung, zu keiner Feier. Nicht mal zu dem traditionellen Eisbeinessen im Herbst habe Nadja Drygalla ihren Freund mitgebracht.
Für die Polizeianwärterin wurde die Beziehung Ende des Jahres 2010 brisant. Drygalla hatte, während sie in einem Trainingslager war, ihrem Freund ihr Auto geliehen, und der fuhr mit dem Wagen zu einem Neonazi-Konzert. Als Beamte die Kennzeichen auf den Parkplätzen prüften, stießen sie auf die Halterin: Nadja Drygalla.
Dass ein Verfassungsfeind als Freund für eine Polizistin in Mecklenburg-Vorpommern zum Problem werden kann, hätte Drygalla klar sein müssen - Innenminister Caffier fordert seit Jahren einen neuen Anlauf für ein NPD-Verbotsverfahren.
Im Innenministerium, sagt heute ein hochrangiger Beamter, "wurde es schon als eine Art Vertrauensbruch gesehen, dass die Beamtin nicht von sich aus das Gespräch gesucht hat". Seit Frühjahr 2011 habe es deshalb "intensive Personalgespräche mit dem Ziel der einvernehmlichen Auflösung des Arbeitsvertrages" gegeben.
Im Klartext: Als deutlich wurde, dass Drygalla fest zu Fischer stand, ging es nur noch darum, der jungen Frau einen Abschied aus dem Polizeidienst nahezulegen, bei dem sie ihr Gesicht wahren konnte und sollte. Am 30. September 2011 verlor sie ihren Beamtenstatus - und damit auch, ein knappes Jahr vor den Olympischen Spielen in London, das Privileg der Sportförderung bei der Polizei.
Eine Frau gibt ihre Zukunft als Polizistin für einen Neonazi auf. Das ist natürlich verrückt. Aber Liebe ist gelegentlich verrückt. Es gab viele Leute, die über Drygalla den Kopf schüttelten, auch in ihrem Ruderclub. Warum steht sie zu diesem Typen, der immer tiefer in die rechte Szene abtaucht?
Bei den Landtagswahlen im September 2011 trat Michael Fischer als Direktkandidat für die NPD im Wahlkreis 7 an, zu dem neben der Innenstadt Rostocks auch zwei Plattenbausiedlungen gehören. Dort hatten sich die Rechtsextremen großes Stimmenpotential ausgerechnet. Doch Fischer scheiterte kläglich: Der Autonome Nationalist erhielt gerade mal 898 Stimmen. Das waren 3,9 Prozent.
Nadja Drygalla war zu diesem Zeitpunkt mit ihren Kräften offenbar am Ende. Sie hatte für ihren Freund alles aufs Spiel gesetzt: ihre gesicherte Zukunft als Beamtin, ihre sportliche Karriere, ihr Einkommen.
Hinzu kamen heftige Auseinandersetzungen mit Fischer wegen seiner politischer Aktivitäten für die NPD. So ermittelt die Rostocker Staatsanwaltschaft gegen Fischer wegen des Verdachts des schweren Landfriedensbruchs bei einer Gedenkveranstaltung für den in Rostock von der neonazistischen Terrorgruppe NSU ermordeten Mehmet Turgut. Fischer war bis Freitagabend für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
"Das Ganze kam schleichend", sagte Drygalla der Deutschen Presse-Agentur, "als wir damals vor viereinhalb, fünf Jahren zusammenkamen, war das noch kein Thema. Es fand seinen Höhepunkt, als er in die Partei eingetreten ist und für die NPD kandidiert hat. Ich muss ganz klar sagen, dass unsere Beziehung davon sehr stark belastet wurde und ich in vielen Dingen klar gesagt habe, dass ich diese Meinung nicht teile und da nicht hinterstehe."
Im Ruderclub unterstützten sie die junge Frau. Sie befürchteten, dass auch Nadja Drygalla in die rechte Szene abdriften könnte. Damit sie wenigstens etwas Geld bekam, besorgte ihr der Vorstand Hans Sennewald einen 400-Euro-Job beim Landesruderverband, er ist auf demselben Gelände an der Warnow wie ihr Ruderclub. So konnte sie weiter trainieren. Klar war aber auch: Spätestens nach den Sommerspielen von London brauchte Drygalla eine neue Perspektive,
wenn sie Leistungssportlerin bleiben wollte.
Im April fuhr Sennewald deshalb nach Köln, um sich mit Mario Woldt zu treffen, dem Sportdirektor des Ruderverbands. Es ging darum, ob Drygalla nach den Olympischen Spielen Sportsoldatin werden und von der Bundeswehr gefördert werden könnte. Beim Bundesverband begrüßten sie den Plan. Mitte Juli erschien Drygalla zu einer Musterung, Anfang September sollte sie ihren neuen Dienst beginnen.
Über den Inhalt des Gesprächs zwischen Sennewald und Woldt gibt es heute unterschiedliche Versionen. Sennewald sagt, er habe Woldt den Grund für das Ausscheiden der Ruderin aus der Sportförderung der Polizei erläutert: ihre Beziehung mit einem Rechtsextremen. Woldt bestreitet das.
Doch ist es glaubwürdig, dass Woldt sich für die Aufnahme Drygallas bei der Bundeswehr stark machte, ohne die Gründe gekannt zu haben, die zu ihrem Ausscheiden aus dem Polizeidienst führten?
Die ehrenamtlichen Ruderer aus Rostock haben um Nadja Drygalla gekämpft, sie ließen sie nicht fallen. Warum auch? Sie ist keine Nazibraut. Sie ist eine gute Ruderin, die den falschen Kerl hat.
Als der Fall bei den Hauptamtlichen in London landete, war Drygalla nicht mehr wichtig. Plötzlich ging es um den Ruf des Landes, um die Angst vor Schlagzeilen, die das deutsche Olympiateam mit Nazis in Verbindung bringen könnten.
Es hatte gute Gründe gegeben, die Beamtin Drygalla aus dem Polizeidienst zu entfernen. Doch es gab keinen Grund, die Ruderin Drygalla aus London abreisen zu lassen - die olympische Charta kennt keine Sippenhaftung dafür, dass eine Frau mit einem Rechtsextremen zusammen ist.
Bei ihrem Ruderclub in Rostock hoffen nun alle darauf, dass Drygalla doch noch als Sportsoldatin aufgenommen wird. Die Sache liegt seit ihrer Abreise von den Olympischen Spielen auf Eis, in den nächsten Tagen wird sie sich entscheiden. "Was soll Nadja denn sonst machen?", sagt Vorstand Sennewald. "Ein anderes Unternehmen würde sie nach all den ehrenrührigen Schlagzeilen jetzt doch gar nicht einstellen."
DER SPIEGEL 33/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.
Lesen Sie den SPIEGEL als E-Paper:
Wo immer Sie gerade sind, zu Hause oder
unterwegs – den SPIEGEL bekommen Sie als PDF schon sonntags ab 8 Uhr.
Werden Sie jetzt E-Paper-Kunde!
Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.
Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.