13.08.2012

AUTORENTrocken Brot

Günter Wallraff muss sich nicht nur gegen Vorwürfe des Sozialbetrugs wehren. Interne Dokumente und Aussagen eines engen Weggefährten beschäftigen nun auch die Staatsanwaltschaft.
Die beiden Männer, die einander einst vertraut hatten, saßen in der Küche und redeten darüber, was passieren würde, wenn sie im Streit auseinandergingen. Günter Wallraff hieß der erste, André Fahnemann der zweite. Ob Fahnemann ihn erpressen wolle, habe Wallraff gefragt, so erinnert sich Fahnemann an das Gespräch im Juli. Nein, aber "da gibt es einige Sachen, die ich nennen könnte", habe er geantwortet, "allein die Sache mit Hartz IV und der Arbeit".
André Fahnemann sagt, er habe jahrelang für Wallraff als Privatsekretär gearbeitet, für einen Niedriglohn, den er als Hartz-IV-Empfänger bar von Wallraff bekommen habe, ohne Beleg. Nun wollte Fahnemann bessere Bedingungen. Notfalls würde er seine illegale Tätigkeit für Wallraff in der Öffentlichkeit enthüllen.
Durfte er das? Wie weit konnte er gehen, um die Verhältnisse, unter denen er angeblich litt, zu verbessern?
Eine Antwort darauf hatte Günter Wallraff schon Mitte der achtziger Jahre. Man müsse sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, schrieb er im Vorwort zu seinem Buch "Ganz unten", "muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden". Wallraff hielt die gezielte Irreführung und den Vertrauensbruch für angemessen, wenn sie Lügen und Skandale sichtbar machten.
Wie es aussieht, wird Wallraff jetzt zum Opfer seiner eigenen Methoden. Das Arbeitsverhältnis zwischen Fahnemann und ihm endete vor wenigen Wochen im Streit. Seitdem erhebt Fahnemann schwere Vorwürfe gegen den Schriftsteller. Er sagt, er habe jahrelang für Wallraff gearbeitet, ohne Steuern zu bezahlen; nebenbei habe er Arbeitslosengeld bezogen. Wallraff habe ihn zu Niedriglöhnen beschäftigt, was dieser bestreitet. Glaubt man Fahnemann, war Wallraff nicht anders als jene Bosse, die der Autor oft genug selbst attackiert hat. Fahnemann hat sich mittlerweile beim Finanzamt Köln selbst angezeigt, auch die Staatsanwaltschaft Köln prüft den Fall. Es geht um mögliche Beihilfe zum Sozialleistungsbetrug, Vorenthalten von Arbeitsentgelt und Verdacht auf Steuerhinterziehung.
Das ist aber noch nicht alles. Es gibt Aussagen von Weggefährten und Korrespondenz zwischen Wallraffs Büro, Mitarbeitern und Bekannten, dazu Daten, Bilder und diverse E-Mails, die kursieren. Der Autor wird nun auch mit Fragen nach seiner journalistischen Redlichkeit konfrontiert: Wie viel von dem, was unter seinem Namen in den letzten Jahren veröffentlicht wurde, hat er selbst geschrieben? Und wie viel hat er schreiben lassen?
Im Raum steht zudem der Verdacht, dass Wallraff in einem Gerichtsverfahren daran beteiligt gewesen sein könnte, eidesstattliche Versicherungen mehrerer Zeugen manipuliert zu haben. Das behauptet Fahnemann, der sich in Begleitung von Anwälten vergangenen Freitag an die Staatsanwaltschaft Köln gewandt hat. In einem Fall will der frühere Assistent des Autors sogar eine Unterschrift gefälscht haben.
Wallraffs Sozialreportagen haben die Republik verändert, er ist eine Legende, mit unbestrittenen Verdiensten. Seine Recherchen haben Millionen Menschen bewegt und ihnen im Alltag geholfen. Er wird als moralische Instanz, als Gewissen der Gesellschaft wahrgenommen. Doch wenn die Vorwürfe stimmen, steht der Mann, der die Maskerade als Mittel der Enthüllung etablierte, entblößt da. Die Anschuldigungen ließen "ahnen, dass Wallraff offenkundig nicht nur naiv ist, sondern möglicherweise ein bisschen sehr ambivalent sein Geschäft betreibt", kommentiert die "Süddeutsche Zeitung".
Es geht vor allem um die letzten fünf Jahre. Wallraff war nach langer Abwesenheit wieder auf die große Bühne getreten, als die "Zeit" ihn 2007 um einen Beitrag für ihr neuentwickeltes Magazin bat. Es war ein starkes Comeback. Der Enthüller schlüpfte noch einmal in die Rollen Unterdrückter, gab sich als Callcenter-Mitarbeiter aus, verkleidete sich als Schwarzer, zog als Obdachloser durch Köln und schlich sich in eine Großbäckerei ein. Wallraff schrieb über Psychiatrie-Opfer, Schikanen bei der Bahn und Ausbeutung bei der Kaffee-Kette Starbucks. 2009 erschien sein Buch "Aus der schönen neuen Welt", das die Ergebnisse seiner jüngsten Einsätze enthält.
Wallraff spricht gern darüber, wie aufreibend es ist, Wallraff zu sein. Worüber er seltener redet, sind die Menschen, die einen Teil der Arbeit für ihn erledigen. Denn sowohl bei der Vorbereitung und Recherche seiner Projekte, als auch beim Schreiben seiner Texte holte er sich Hilfe von außen. Einer dieser Gehilfen war André Fahnemann, ein zweiter ist der Kölner Journalist Albrecht Kieser.
Fahnemann ist 34 Jahre alt und hat ein turbulentes Leben hinter sich. In seiner Polizeiakte stehen etliche Einträge, darunter Fahren ohne Führerschein. Er saß wegen fahrlässiger Brandstiftung für einige Zeit im Gefängnis, kam nach einem Suizidversuch in Behandlung und arbeitete später in einem Callcenter, wo er neue Mitarbeiter schulte. Es folgte ein weiterer Zusammenbruch, Burnout, Antidepressiva. Fahnemann ist ein schillernder, schwieriger Zeuge, aber Dokumente und Belege sowie umfassende Recherchen im Umfeld des Autors werfen Fragen über das Vorgehen von Wallraff auf.
2008 lernte Fahnemann den Autor kennen, als er aus der Callcenter-Branche ausstieg, über die Wallraff gerade recherchiert hatte. Fahnemann bewunderte Wallraffs Mut und nahm gern dessen Angebot an, ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen. Er habe für Wallraff knapp vier Jahre lang gearbeitet, Einkäufe erledigt, Anrufe entgegengenommen, Hemden gebügelt, Termine bei Gericht vereinbart.
Fahnemann will in dieser Zeit Wallraff immer wieder um eine Festanstellung gebeten haben, um humanere Arbeitszeiten und eine bessere Bezahlung, aber Wallraff habe ihn vertröstet. Dessen Anwalt entgegnet, die Barauszahlung sei auf Fahnemanns Wunsch erfolgt. Fahnemann sei "allenfalls freier Mitarbeiter" ohne feste Arbeitszeiten gewesen. Wallraffs Anwalt aber räumt ein, Fahnemann habe "einen von großem Vertrauen getragenen Zugang (auch in dessen Abwesenheit) zum Büro und zu den Privaträumen" Wallraffs gehabt. Er habe Fahnemann "helfen" wollen. Nach einem gescheiterten Versuch, den Konflikt zu lösen, trennte sich Fahnemann im Juli von Wallraff.
Albrecht Kieser, Journalist, Diplom-Sozialwirt und ausgebildeter Werkzeugmacher ist mit Wallraff hingegen noch befreundet. Kieser, ein ruhiger, bodenständiger Charakter, half Wallraff vor allem bei journalistischen Arbeiten, trug Informationen zusammen und schrieb Texte. Kieser war, zumindest zeitweise, ein guter Handwerker Wallraffs.
Wallraff, Kieser, Fahnemann - drei Männer, die sich gegenseitig brauchten und vertrauen mussten. Einer stand im Licht, zwei standen in seinem Schatten.
In Wallraffs Karriere gab es immer wieder Mitarbeiter, die sich enttäuscht von ihrem einstigen Idol abwandten. Der Publizist Hermann Gremliza sagte schon vor Jahren, in Wahrheit habe er und nicht Wallraff das Buch "Der Aufmacher" über die Methoden bei "Bild" geschrieben. Der Journalist Uwe Herzog behauptete, er sei der Autor eines Teils von "Ganz unten". Auch andere einstige Vertraute kritisierten Wallraff, darunter Levent Sinirlioglu, der Wallraff seine Identität für dessen Rolle als Türke Ali in "Ganz unten" geliehen hatte.
Die Vorwürfe, die jetzt erhoben werden, sind in ihrer Breite und Deutlichkeit allerdings anders. Dazu zählen auch Vorgänge, die möglicherweise an der Grenze zur Strafbarkeit liegen. Es geht um Wallraffs Reportage aus dem Innenleben der Großbäckerei Weinzheimer in Stromberg im Hunsrück, in die er sich im Frühjahr 2008 eingeschlichen hatte. Weinzheimer belieferte damals den Discounter Lidl mit Aufbackbrötchen. Wallraff schuftete am Fließband als Niedriglöhner Frank K., der sich für 7,66 Euro brutto in der Stunde die Hände an heißen Blechen verbrannte und so litt wie der Rest der Belegschaft.
Wallraffs Reportage erschien im April 2008 im "Zeit-Magazin" und bewirkte, dass der Chef der Bäckerei, Bernd Westerhorstmann, in Erklärungsnot geriet. Dem Bäcker wurde wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung der Prozess gemacht. Er musste seinen Betrieb schließen.
Zu den wichtigsten Indizien des noch laufenden Prozesses sowie eines weiteren Verfahrens in Köln zählen die Aussagen ehemaliger Mitarbeiter. Rund ein Dutzend von ihnen stützen Wallraffs Vorwürfe in Form eidesstattlicher Versicherungen. Die Aussagen, die bei Gericht eingingen, beschreiben den Arbeitsalltag einer Großbäckerei.
Der Angestellte Alban A. versicherte, er habe sich "Verbrennungen an Händen und Armen" zugezogen. Die Fließbandarbeiterin Irina K. erklärt, ihr sei der Satz "Ihr seid allemal billiger als neue Bleche!" entgegnet worden, als sie darum gebeten habe, bessere Backbleche anzuschaffen - fast wortgleich so, wie es Wallraff selbst angegeben hatte. Savas D. wollte den Satz ebenfalls gehört haben und ergänzt, die Arbeitshandschuhe hätten zum Teil Löcher gehabt, "wir verbrannten uns dabei die Hände". Die eidesstattlichen Versicherungen sollten belegen, dass "Störfälle bei Weinzheimer die Regel sind, nicht die Ausnahme", wie Wallraff in seiner Reportage schrieb.
Doch die Anwälte des Großbäckers zweifeln die Dokumente an. Einmal sei eine Adresse angegeben, die es gar nicht gibt. Savas D. sei aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse "schlicht nicht in der Lage", eine solche eidesstattliche Erklärung abzugeben. Auffällig scheint das Dokument von Alban A., das auf den 20. November 2011 datiert ist. Darin wird A.s Nachname mal mit "j" und mal mit "y" geschrieben. Das Papier sei "erkennbar von dritten Personen gefertigt worden", glaubt der Anwalt des Bäckers, Franz-Josef Schillo.
André Fahnemann berichtete den Anwälten von einem Treffen mehrerer ehemaliger Bäckereimitarbeiter mit Wallraff im Dezember 2011, bei dem die Hilfsbäcker Blätter mit Blankounterschriften überreicht hätten. In Wallraffs Büro in Köln, behauptet Fahnemann, hätten er und Wallraff für die eidesstattlichen Versicherungen Aussagen bearbeitet, um sie anschließend über die Unterschriften zu montieren. Bei Alban A. will Fahnemann eine Unterschrift im Dezember 2011 persönlich gefälscht und die Erklärung auf November rückdatiert haben. In internen Unterlagen befinden sich diverse Versionen von A.s Text mit verschiedenen Unterschriften und Layouts. Bei der angegebenen Adresse hat Alban A. nach Auskunft der Mieter nicht gewohnt.
Fahnemann behauptet, Wallraff habe ihn zu der Fälschung angehalten: "Das war eine klare Arbeitsanweisung. Aus meiner Sicht waren die Leute damit einverstanden, weil sie Vertrauen zu Wallraff hatten, deshalb hatte ich keine Bedenken." Wallraffs Anwalt Winfried Seibert sagt, es sei "üblich, mit Blankounterschriften zu arbeiten", wobei die Texte mit den Zeugen unter anwaltlicher Beteiligung abgestimmt würden; so sei es auch in diesem Fall gewesen. Von der gefälschten Unterschrift habe Wallraff "erst im Nachhinein erfahren", diese Version sei nicht bei Gericht eingereicht worden.
Der Vorgang beschäftigt mittlerweile die Justiz. Am Freitag vergangener Woche übergab Fahnemann in Begleitung von Ralf Höcker, Anwalt des Großbäckers Westerhorstmann, eine Reihe von Dokumenten der Kölner Staatsanwaltschaft, die ein weiteres Aktenzeichen anlegte. "Die Einblicke, die uns Herr Fahnemann gegeben hat, ergeben ein schockierendes Bild der Arbeitsweise von Herrn Wallraff", meint Höcker.
Wenn sich die Vorwürfe als wahr erweisen sollten, könnte der Prozess gegen den Großbäcker eine erstaunliche Wendung nehmen. Am Freitag kündigte Anwalt Schillo die Beantragung der Zeugenvernehmung von Wallraff und Fahnemann an. Interessant ist auch der Vorwurf, Wallraff habe einen Teil seiner jüngeren Geschichten nicht selbst geschrieben. E-Mails, die zwischen Albrecht Kieser und Wallraffs Büro hin- und hergingen, legen nahe, dass Kieser eine Zeitlang Wallraffs Manuskript-Mann war. Es sieht danach aus, als habe Kieser in den vergangenen Jahren Texte geschrieben, die unter Wallraffs Namen veröffentlicht wurden; Vorworte für Bücher und ganze Kapitel in dem Werk "Aus der schönen neuen Welt".
Wallraffs Verlag war in diese Arbeitsteilung eingeweiht. Kieser habe Wallraffs Buch als freier Lektor betreut und dafür vom Verlag jährliche Abrechnungen erhalten, sagt eine Sprecherin von Kiepenheuer & Witsch. Laut E-Mails soll Kieser 30 Prozent des Autorenhonorars bekommen haben, rund 25 000 Euro. Ghostwriter gibt es im Buchgeschäft immer wieder, aber üblich ist, den Namen des Schreibers wenigstens im Kleingedruckten zu nennen. In Wallraffs Buch taucht Kiesers Name nirgends auf.
Anhand von E-Mails zwischen Kieser und Wallraffs Büro lässt sich deren Arbeitsweise rekonstruieren. Demnach besprach Wallraff den Inhalt der Kapitel mit Kieser und gab ihm, wenn vorhanden, Film- und Tonmaterial mit. Kieser setzte sich dann an den Schreibtisch, meldete sich bei Beteiligten und fertigte aus dem Material und Wallraffs Erzählungen einen Text. Den Entwurf mailte er an Wallraffs Büro. Wallraff redigierte, Fahnemann gab die Änderungen ein. Kieser sagt, er habe "zugearbeitet, zum Teil redigiert, in geringem Umfang selber recherchiert". Wallraffs Anwalt teilt mit, die Arbeitsaufteilung zwischen beiden sei "von Fall zu Fall" abgestimmt worden.
Am 6. August 2009 mailte Kieser das Manuskript von Wallraffs Erlebnissen in der Rolle als Schwarzer an Wallraff: "Lieber Günter! Viel Spaß beim Lesen!!! Ich bin ziemlich angetan, ehrlich gesagt, von den 65 000 Zeichen. Ich hoffe, Dir geht es ähnlich." In den Wochen darauf schickte Kieser immer wieder überarbeitete Versionen des Manuskripts, das schließlich im Buch abgedruckt wurde. Kieser lieferte offensichtlich auch Entwürfe für Reden, Danksagungen, Kommentare, Statements, Gastbeiträge in Zeitungen und Briefe an Chefredakteure - so lassen sich jedenfalls die E-Mails interpretieren. Kieser bestreitet das.
2009 plante die "Zeit" eine Serie zum 60. Geburtstag der Bundesrepublik und bat auch Wallraff um einen Beitrag. Am 3. Juni mailte Kieser: "Hier mein Vorschlag für den Text." Kieser alias Wallraff rekapitulierte darin seine Recherchen in den siebziger Jahren bei der "Bild"-Zeitung. Allerdings war der Entwurf offenbar zu lang und musste gekürzt werden. Erbost mailte Kieser an Wallraff: "10 000 Zeichen, die Du darfst, sind beschissen wenig." Der Entwurf ging zwischen Kieser und Wallraffs Büro hin und her und wurde mit Änderungen unter Wallraffs Namen am 30. Juli 2009 in der "Zeit" gedruckt. Eine Sprecherin der "Zeit" sagt, man habe "bis heute keinen Zweifel daran, dass die abgedruckten Texte von Günter Wallraff stammen". Wallraff habe von Anfang an offengelegt, dass Mitarbeiter ihn bei seiner Arbeit unterstützten. Kieser teilt kategorisch mit, er habe Wallraff keine Textvorschläge für die "Zeit" gemacht.
Aus dem Mail-Verkehr geht hervor, dass Kieser einsprang, wenn die Redaktion inhaltliche Fragen zu einer Recherche hatte; er formulierte Antwortvorschläge, die Fahnemann von Wallraffs E-Mail-Adresse verschickte. Kieser bestreitet das. Nachzulesen ist in den Mails auch, dass ihm seine Rolle nicht immer geheuer schien: Mitte Mai 2012, kurz vor Erscheinen von Wallraffs Reportage aus der Paket-Branche, schrieb er an seinen Auftraggeber, er hoffe, dass in den Kommentaren der Textdatei sein Name nicht auftauche. Beim Vorwort für das Buch "Aldi - Einfach billig" des früheren Aldi-Managers Andreas Straub mahnte er Wallraff: "Die Fußnoten natürlich nur für Dich, nicht für die Veröffentlichung."
Zuweilen schien es Kieser offenbar raus aus dem Schatten zu drängen: Als er für Wallraff über die Deutsche Bahn recherchierte, bat er Wallraff, über eine "Mit-Autorenschaft" in dem "Zeit"-Beitrag nachzudenken: "Mir würde es einfach helfen, in meiner sonstigen brotkantenharten Alltagsakquise einen etwas leichteren Stand zu bekommen. Aber die Entscheidung liegt bei Dir." In der Autorenzeile war später nur ein Name zu lesen: Günter Wallraff. Wallraffs Anwalt erklärt, dass die Manuskripte für die Texte "ausnahmslos" von Wallraff stammten; allerdings sei ihm "dabei auch gelegentlich von einem Mitarbeiter zugearbeitet" worden. Albrecht Kieser habe von Wallraff verfasste Texte in den Computer übertragen.
Der Enthüller verheimlichte nie, dass er den Ruhm und dessen Früchte zu genießen verstand. Allein von den Einnahmen aus seinen Büchern könne Wallraff "bequem leben", schreibt sein Biograf Jürgen Gottschlich. Die Zuarbeiter lebten dagegen weniger bequem. Kieser musste seinen Freund Günter immer wieder an Honorare erinnern: "Wär schön", schrieb er 2009 in einer Mail an Wallraff, wenn der Verlag "langsam rüber käm mit der Kohle", es gebe "nur noch trocken Brot". Im Jahr 2009 entwickelte Wallraff gemeinsam mit Kieser die Idee, Stipendien für Journalisten auszuschreiben. Sie sollten nach dem Vorbild Wallraffs in Betrieben anheuern, um schlechte Arbeitsbedingungen zu dokumentieren. Die geplanten Kosten, 250 000 Euro in den ersten drei Jahren, sollten laut Konzept die Gewerkschaften tragen. Eigenes Geld stellte Wallraff vage in Aussicht.
Die Gewerkschaften zögerten. Ein Mitarbeiter des IG-Metall-Vorsitzenden Berthold Huber schrieb, dass eine andere Stiftung ähnliche Stipendien biete. In einem Interview mit dem "Zeit-Magazin" 2010 kündigte Wallraff daher an, die Stipendien im Alleingang zu vergeben. Die Gewerkschaften seien "nicht schnell genug".
Wallraffs Büro wurde überschwemmt mit Anfragen. André Fahnemann antwortete den Bewerbern und bat um Geduld. Viele warten bis heute auf eine Zu- oder Absage. Wallraffs Anwalt sagt, sein Mandant habe "einzelne Stipendien aus eigenen Mitteln vergeben", welche das sind, möchte er aus Vertraulichkeitsgründen nicht darlegen. Wallraff feilte unterdessen an einer neuen Strategie.
Im Jahr 1987 hatte er mit einem Startkapital von 150 000 Mark die Stiftung "Zusammen-Leben" gegründet, um Nachbarschaftsprojekte zu fördern. Sollte man für die Stipendien eigens eine neue Stiftung gründen? Oder könnte man nicht weiter die alte Stiftung nutzen? Bei dieser Variante gab es allerdings eine Hürde: Die Satzung müsste geändert werden, was nur in sehr engem Rahmen gestattet ist.
Wallraff suchte Rat bei Matthias Schreiber, Mitarbeiter in der Staatskanzlei von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Schreiber kannte Wallraff von einer anderen Stiftung und willigte ein, zu helfen.
"Ich habe heute Morgen mal für Sie telefoniert", mailte Schreiber am 17. Januar 2011: "Erste Einschätzung: Jetzt keine zweite Stiftung gründen ... Sondern: Eine Liste mir mal geben, wo Ihre Änderungswünsche stehen: neuer Name, weitere Schwerpunkte. Wichtig ist dann, dass der alte Stiftungszweck trotzdem - auf dem Papier - drinbleibt." Er frage sich, ob man auf diese Weise "die neue Stiftung - zunächst durch die Hintertüre - installieren" könnte.
Schreiber teilt mit, er habe Wallraff bei der Änderung des Stiftungszwecks nur beraten und ihm den Kontakt zu einer Dame bei der zuständigen Bezirksregierung Düsseldorf vermittelt.
Noch im selben Jahr genehmigte man dort die Umbenennung in "Günter Wallraff-Stiftung" und den geänderten Stiftungszweck. Nun darf die Stiftung auch Berufsbildung fördern. Das sei rechtlich zulässig, sagt ein Sprecher der Bezirksregierung. Die Jura-Professorin Birgit Weitemeyer von der Bucerius Law School in Hamburg sieht das anders: "Berufsbildung ist eindeutig ein ganz neuer Zweck. Aus meiner Sicht hätte die Stiftungsaufsicht eine solche Änderung nicht genehmigen dürfen."
Nun war der Weg frei für neue Projekte. Kieser und Wallraff einigten sich mit dem gewerkschaftsnahen Verein "Arbeit und Leben" in Nordrhein-Westfalen auf eine Kooperation. Von Stipendien war keine Rede mehr, stattdessen wollten die beiden eine Art WikiLeaks für Arbeitnehmer gründen: Menschen, die Probleme im Betrieb haben, sollen sich vertraulich an sie wenden. "Arbeit und Leben" übernimmt heute einen Großteil der rund 120 000 Euro Projektkosten, darunter auch das Honorar von Albrecht Kieser. Als Büroleiter von "Brennpunkt Betrieb" erhält er endlich ein festes Honorar, allerdings zunächst auf zwei Jahre befristet.
Der Autor und Aktivist Wallraff gibt sich gern als Verbündeter des Proletariats, der gegen Konzerne, Kahlschlag-Kapitalismus und Ungerechtigkeiten zu Felde zieht. Privat, dieses Bild zeichnen die Schilderungen seines einstigen Sekretärs sowie diverse E-Mails, schätzte er dagegen Privilegien, die ihm seine Prominenz verschaffte. So behauptet André Fahnemann, im Auftrag Wallraffs mehrfach bei Markenunternehmen um Rabatte gebettelt zu haben. Als Wallraff 2010 in Spanien eine Reisetasche gestohlen wurde, habe er, Fahnemann, bei Hugo Boss anrufen und fragen müssen, ob Herr Wallraff nicht kostenlos Ersatz bekommen könne. Tatsächlich habe Boss eine Tasche geschickt, die Wallraff aber nicht gefallen habe. Darauf habe die Modefirma einen Katalog zugesandt, wo sich etwas Passendes gefunden habe. Wallraffs Anwalt sagt, die Bestellung bei Boss sei auf Fahnemann zurückgegangen, vergleichbar sei es bei der Beschaffung von schicken Lamy-Kugelschreibern gewesen.
Als Wallraff ein vergoldeter Reisewecker von Montblanc abhandenkam, habe Fahnemann bei der Firma nachfragen müssen, ob sie dasselbe Modell kostenlos "im Archiv" hätten. Wallraffs Anwalt erklärt, auch hier sei das Vorgehen ausschließlich der Initiative Fahnemanns entsprungen. Sie streiten sich nun um Taschen und Wecker, es ist wie bei einem Rosenkrieg.
Wallraff, die Legende, muss sich jetzt erklären, er muss um den guten Ruf kämpfen, den er in der Öffentlichkeit genießt, und zeigen, dass die Vorhaltungen ungerechtfertigt sind. Einen Teil der Vorwürfe wird die Justiz zu klären haben, allein in Köln gibt es bei der Staatsanwaltschaft mittlerweile drei Aktenzeichen. Bei einem anderen Teil bleiben persönliche Enttäuschung und ein zerrüttetes Verhältnis zwischen Menschen, die gemeinsam ausgezogen waren, die Welt zu verbessern. Seibert, Wallraffs Anwalt, hat dem Autor seinerseits Strafanzeige gegen Fahnemann empfohlen.
Vor kurzer Zeit sagte Wallraff zu SPIEGEL ONLINE, er wünsche sich mehr Journalisten, die seine Methode übernähmen. Leider gebe es zu wenige.
Von Sven Becker, Christoph Scheuermann, Fidelius Schmid und Holger Stark

DER SPIEGEL 33/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 33/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AUTOREN:
Trocken Brot

  • Rassismusdebatte um Video: Schüler verklagt Washington Post
  • Safaritour: Touristen treffen wütende Elefantenherde
  • Plasmablitze in der Mikrowelle: Das Weintrauben-Experiment
  • Unfall bei Flugshow: Kampfflieger kollidieren in der Luft