13.08.2012

E-BOOKSHören und sehen

Ein New Yorker Digitalverlag bringt elektronische Mini-Bücher heraus. Die Multimediawerke sind ein erfolgreiches Experiment.
Die Welt verblödet in Twittergewittern aus 140 Zeichen, Kürzestnachrichten von ununterbietbarer Banalität. So ähnlich beklagen Kulturpessimisten den Niedergang des Lesens.
Evan Ratliff, 37, sieht das anders. "Wir erleben eine neue Blütezeit der Literatur - die meisten Verlage haben das nur noch nicht bemerkt", sagt er mit seiner sonoren Stimme. Hoch über seinem Loft-Büro in einem ehemaligen Lagerhaus donnern U-Bahnen über die Manhattan Bridge. Hier in Brooklyn liegt ein Ausläufer der Silicon Alley, des Ostküsten-Pendants der kalifornischen Digitalwirtschaft.
Bekannt wurde der Reporter, als er vor drei Jahren für die Zeitschrift "Wired" verschwand: Im Selbstversuch probierte Ratliff unterzutauchen, irgendwo in den USA, wobei er immer wieder Fotos von sich und seinem Aufenthaltsort veröffentlichte. Die Leser sollten versuchen, ihn anhand dieser Indizien aufzuspüren wie bei einem Räuber- und-Gendarm-Spiel. Nach wenigen Wochen hatten sie ihn.
Doch damit fing sein Abenteuer erst an. Denn er hatte mehr hübsche Anekdoten erlebt, als er in seinem "Wired"-Artikel unterbringen konnte, aber zu wenig für ein klassisches Buch. Er träumte von einem neuen Medium, das sich dem Text anpasst - nicht umgekehrt. Gemeinsam mit zwei Kollegen gründete er den Verlag Atavist. Zu seinen Investoren gehören prominente Unternehmer wie der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt.
Fast jeden Monat bringt die Start-up-Firma ein neues E-Book heraus - falls das der richtige Begriff ist. Meist sind es Großreportagen, wie sie so ähnlich auch im "New Yorker" erscheinen könnten, nur mit 40 bis 50 Seiten deutlich länger. Viele dieser Mini-Bücher sind ergänzt mit Multimedia-Elementen. Das E-Büchlein über einen Jazzmusiker etwa ist unterlegt mit dessen Musik (sie lässt sich auch abschalten). Der Bericht über einen Einbruch beginnt statt mit Worten mit Bildern von Überwachungskameras. Wer müde Augen bekommt, kann sich den Text vom Autor vorlesen lassen.
Atavist leistet sich sogar "Fact Checker", die alle Texte auf Richtigkeit überprüfen - ein in der Verlagswelt fast unbekannter Luxus. Und bei jedem Mini-Buch ist die Hörbuchfassung automatisch mit dabei. Wenn man sie einschaltet, läuft der Text über den Bildschirm. "Viele Leser wollen den Text sehen, während sie zuhören", sagt Ratliff. "Ich verstehe selbst nicht, warum."
Die E-Büchlein sind erhältlich für Lesegeräte wie iPad, iPhone, Kindle, Nook oder Kobo, der Preis liegt um die zwei bis drei Dollar. Demnächst sollen sie auch als Abo bestellbar sein, wie eine Zeitschrift. Die Autoren werden gleichsam zu Mitunternehmern, sie bekommen ein Grundhonorar und außerdem die Hälfte der Verkaufserlöse, pro Buch rund einen Dollar. Über 100 000 E-Büchlein hat Atavist allein 2011 verkauft.
Auch Amazon hat den Trend erkannt und bringt mittlerweile ebenfalls Mini-Bücher heraus. "Kindle Single" heißen die Texte, in Erinnerung an jene längst vergangene Epoche, als die Plattenindustrie darauf setzte, aus Langspielplatten einzelne Hits auszukoppeln.
Der britisch-amerikanische Autor Christopher Hitchens etwa veröffentlichte nur wenige Monate vor seinem Tod einen Großessay über Osama Bin Ladens Tod ("The Enemy"). In der Welt der gedruckten Bücher hätte das wohl rund ein Jahr gedauert. In der Welt der elektronischen Buch-Singles war das Werk nach zwei Wochen auf dem Markt.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 33/2012
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