01.09.1997

MEINUNGSFORSCHUNGGestörte Kommunikation

Ein kritischer Aufsatz über Elisabeth Noelle-Neumann sorgt für Wirbel in den USA. Die Meinungsforscherin steht im Verdacht, einen Rachefeldzug inszeniert zu haben.
Wenn Wissenschaftler die Arbeit eines Kollegen durch Intrigen, Tricks und üble Nachrede zu torpedieren versuchen, ist das in der Regel nur für Eingeweihte ein Thema. Daß die NEW YORK TIMES in der vergangenen Woche einem "Streit, der in diesem Sommer in Akademikerkreisen auf großes Interesse stößt", drei Spalten widmete, lag daran, daß sich der Mobbing-Verdacht gegen eine Freundin von Bundeskanzler Helmut Kohl richtet: Elisabeth Noelle-Neumann, 80, die Königin-Mutter der Meinungsforschung in Deutschland.
Das Opfer: Christopher Simpson, Professor am Institut für Kommunikation der American University in Washington.
Im Sommer 1996 hatte der Wissenschaftler im renommierten JOURNAL OF COMMUNICATION einen Aufsatz veröffentlicht, der in der Zunft der Demoskopen für hitzige Debatten sorgte. Titel: "Elisabeth Noelle-Neumanns ,Schweigespirale' und der historische Kontext der Kommunikationstheorie." Der 25seitige Text ist ein Frontalangriff auf die Publizistikprofessorin und Chefin des Allensbacher Instituts für Demoskopie.
Ihre Rolle als Autorin von Artikeln für Goebbels Propagandablatt DAS REICH war bereits 1991 von dem New Yorker Professor Leo Bogart kritisiert worden. Doch Simpson ging noch einen Schritt weiter: Er suchte nach Verbindungen zwischen ihren wissenschaftlichen Methoden in der Nachkriegszeit und ihrem Schaffen im Dritten Reich.
Sein Fazit: Noelles gesamtes Werk sei durchzogen von
* einem durchgehenden Mißtrauen gegen rassische, ethnische und kulturelle Vielfalt;
* einer offensichtlichen Verachtung vieler Aspekte der Demokratie, insbesondere der, laut Noelle, "geringen Intelligenz der Öffentlichkeit" in politischen Angelegenheiten;
* der Absicht, liberale Massenmedien zum Sündenbock für gesellschaftliche Mißstände zu machen;
* der Ausbeutung von Forschung zwecks Produktion politisch nützlicher Resultate;
* der Präsentation persönlicher Vorurteile als wissenschaftliche Fakten;
* dem Willen zum Schutz der Interessen der Mächtigen in Deutschland gegen die Schwachen.
All dies läßt sich, nach Simpsons Ansicht, aus vielen Veröffentlichungen inklusive des Hauptwerks "Die Schweigespirale" nachweisen.
Dessen Kernthese, die Mehrheit der Bevölkerung verschweige aus Angst vor sozialer Isolation ihre tatsächlichen Ansichten und überlasse einflußreichen Minderheiten das Feld der politischen Willensbildung, sei nicht erst 1980 entstanden, sondern bereits in Noelle-Neumanns 1940 entstandener Doktorarbeit (Titel: "Meinungs- und Massenforschung in den USA") angelegt.
Dort hatte sie, unter anderem, geschrieben, die Juden, die einen großen Teil von Amerikas geistigem Leben monopolisiert hätten, würden seit 1933 ihre demagogischen Fähigkeiten auf die Deutschland-Hetze konzentrieren. Außerdem schmückt sie sich mit Goebbels Worten: Das Volk werde nicht länger sich selbst überlassen sein, das Volk solle anfangen, als Einheit zu denken, als Einheit zu handeln, und sich ganz und gar der Regierung hingeben. Um dieses Ziel zu erreichen, empfiehlt sie ein zuverlässiges System der Massenbefragung, das den Regierenden Aufschluß über die wahre Natur ihrer Untergebenen liefern solle.
Daß Simpson, trotz aller berechtigten Kritik am Wirken der Jungpublizistin während des Dritten Reiches und einer Reihe von diskussionswürdigen Thesen, sich mitunter zu absurden Thesen versteigt, bestreiten selbst eingefleischte Kritiker von Noelle-Neumann nicht.
Scharfe Attacken ihrer Anhänger waren deshalb vorhersehbar. Der Herausgeber des JOURNAL OF COMMUNICATION, Marc Levy, Wollte durchaus eine Debatte über die geisteswissenschaftlichen Wurzeln seines Fachs führen. Die erste Replik ließ nicht lange auf sich warten. Daß sie tief unter die Gürtellinie zielte, erstaunte nicht nur die Macher der Fachzeitschrift, sondern auch Simpsons Vorgesetzte und Kollegen.
Anfang Januar dieses Jahres erhielten der Dekan des Instituts für Kommunikation der American University, Sanford Ungar, und Mitglieder der Professoren-Auswahlkommission einen Brief von einem in amerikanischen Publizistenkreisen unbekannten Mann namens William Scheckel.
Simpsons Artikel, so schrieb er, sei gut formuliert, führe aber in die Irre, und "weil Wahrheit nur dann nützlich" sei, wenn sie rechtzeitig "vor Entscheidungen" bekannt werde, habe er eine Antwort auf dessen Aufsatz beigefügt.
Die Empfänger wußten sofort, was gemeint war: Eine Entscheidung über die Festanstellung Simpsons als Professor an der American University stand kurz bevor, und das Manuskript, das William Scheckel mitgeschickt hatte, war offenbar geschrieben worden, um den Kandidaten madig zu machen.
Autor war Noelle-Neumanns Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Publizistik an der Universität Mainz, Professor Hans Mathias Kepplinger.
Simpsons Arbeit, so der langjährige Noelle-Mitarbeiter, sei ein unwissenschaftliches Machwerk, voller Fälschungen, eine Verschwörung, "deren einziger Zweck darin besteht, Noelle-Neumanns wissenschaftliche Reputation zu zerstören". Sein Fazit: Der Autor sei kein Verteidiger von Wissenschaft und Journalismus, sondern "ein Symptom für deren Niedergang".
Dekan Ungar: "Eine solche Unverschämtheit habe ich in meiner ganzen Karriere noch nicht erlebt. Simpson ist ein erstklassiger Wissenschaftler und wunderbarer Lehrer. Ich lasse mir von einer ehemaligen Nazi-Journalistin und ihren Freunden nicht dazwischenfunken."
Wenn jemand Simpsons Thesen bezweifeln wolle, sei nur das JOURNAL OF COMMUNICATION ein geeignetes Forum, nicht aber eine Professoren-Kommission, betont der mittlerweile als Herausgeber ausgeschiedene Levy.
Auch er glaubt, daß "die Noelle-Neumann-Clique" die Versendung des Manuskripts organisiert hat, um die Festanstellung Simpsons zu hintertreiben. Das Ziel sei, einen unbequemen Kritiker abzustrafen und mundtot zu machen. Kepplinger bestreitet dies. Seine Replik habe er für eine Veröffentlichung im JOURNAL OF COMMUNICATION geschrieben. Daß sie vorzeitig an den Dekan und Mitglieder des Professoren-Wahlgremiums der American University geschickt worden sei, habe er nicht gewußt. Sein Übersetzer William Scheckel habe dies aus eigenem Antrieb getan, "ein schwerer Fehler, den ich mißbillige". Auch Elisabeth Noelle-Neumann will von Scheckels Aktivitäten keinerlei Kenntnis gehabt haben.
Zweifel sind erlaubt: Übersetzer Schekkel ist 26 Jahre alt und studiert Soziologie in Konstanz, mit einem Stipendium des "Vereins der Freunde und Förderer des Instituts für Publizistik/Mainz", dessen Chefin Noelle-Neumann war und das jetzt von Kepplinger geleitet wird. 1992 absolvierte Scheckel ein Praktikum am Institut für Demoskopie Allensbach, in den beiden folgenden Jahren arbeitete er dort als freier Mitarbeiter.
Daß ein Student, der als Übersetzer fungiert, ein unveröffentlichtes Manuskript eines renommierten Professors ohne dessen Wissen und Genehmigung verschickt, ist, das gesteht auch Kepplinger ein, "ein ungewöhnlicher Vorgang".
Scheckel selbst kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Es sei ihm "bewußt gewesen", daß die Entscheidung über Simpsons Festanstellung bevorstand. Er habe es jedoch als seine "moralische und akademische Pflicht" angesehen, dessen Vorgesetzte über Kepplingers Antwort zu informieren.
Ein Mann, der argumentiere, wie Simpson es in seinem Aufsatz getan habe, gehöre nicht an eine Universität. Das sei seine ganz private Meinung, Kepplinger und Noelle-Neumann hätten mit alldem nichts zu tun: "Auch wenn es unglaubwürdig klingt - nur meine Frau und meine Mutter wußten Bescheid."
Für Christopher Simpson ist die Klärung dieser Frage nur noch ein akademisches Problem. Im Mai dieses Jahres erhielt er von Dekan Sanford Ungar einen Vertrag als festangestellter Professor. Das zuständige Gremium der Fakultät hatte ohne Gegenstimme eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen.
Von Latsch und

DER SPIEGEL 36/1997
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