01.09.1997

„Eindeutig ein Gericht der Sieger“

Interview mit dem letzten sowjetischen Botschafter in der DDR, Wjatscheslaw Kotschemassow, über Moskau, die Mauer und den Krenz-Prozeß
SPIEGEL: Die PDS hat das Urteil gegen den letzten SED-Generalsekretär Egon Krenz als Siegerjustiz verurteilt. Sie auch?
Kotschemassow: Eindeutig. Ein Gericht der Sieger im Kalten Krieg.
SPIEGEL: Krenz hat sich vor Gericht darauf berufen, beim Grenzregime sei die DDR nicht frei in ihren Entscheidungen gewesen. Moskau habe das Sagen gehabt.
Kotschemassow: Wie die Nato war auch der Warschauer Pakt eine streng zentralisierte Einrichtung, deren Teilnehmer in ihrer Souveränität sehr eingeschränkt waren. Breschnew hat dies zur Doktrin der sogenannten beschränkten Souveränität hochstilisiert, die im Prager Drama von 1968 gipfelte. Leider lernte die Sowjetführung nichts daraus.
SPIEGEL: Gorbatschow eingeschlossen?
Kotschemassow: Leider. Bei seinem Besuch in der DDR 1987 trug er sich in das Ehrenbuch der Grenztruppen mit den Worten ein, er begrüße deren ehrenvollen Dienst zum Schutz der Errungenschaften der DDR und der gesamten sozialistischen Staatengemeinschaft.
SPIEGEL: Haben Sie diese Einschätzung Ihres Generalsekretärs nicht geteilt?
Kotschemassow: Nein, habe ich nicht. Das mußte nicht sein. Ich frage mich heute noch, wozu er das getan hat, wo er doch bereits unentwegt von einem gemeinsamen europäischen Haus und von menschlichen Grundwerten sprach. Das paßte nicht zusammen.
SPIEGEL: Am 9. Juni 1988 haben Sie dem SED-Politbüro die Haltung Gorbatschows
* 1989 in Ost-Berlin.
vorgetragen, die DDR könne selbst "entscheiden, wie sie ihre Grenzen sichert". Spätestens seit diesem Zeitpunkt konnte Ost-Berlin also frei entscheiden?
Kotschemassow: Wohl kaum. Bedenken Sie, über lange Zeit hat Gorbatschow Honecker einen offiziellen Staatsbesuch in Bonn untersagt. Honecker war beleidigt, lamentierte und argumentierte - alles ergebnislos. Bis dann eines Tages in Moskau die Entscheidung für seine Bonn-Reise gefällt wurde.
SPIEGEL: Hat die Bundesregierung genügend auf die DDR-Führung eingewirkt, um Zwischenfälle an der Mauer zu verhindern?
Kotschemassow: Kohl hätte das auf jeden Fall von Honecker ultimativ verlangen können. Ich kenne aber kein Dokument und kein Protokoll, in dem von einem solchen Vorstoß die Rede gewesen wäre.
SPIEGEL: Hat Moskau je so etwas wie einen Schießbefehl für die deutsch-deutsche Grenze angeordnet?
Kotschemassow: Nein. Mir ist nichts dergleichen bekannt.
SPIEGEL: Erwog Moskau niemals die Anwendung von Gewalt?
Kotschemassow: In der dramatischen Phase haben unsere Generäle im Oktober und November 1989 einen militärischen Einsatz erwogen und angeboten.
SPIEGEL: Hat dann doch die Vernunft gesiegt?
Kotschemassow: An dieser Stelle muß ich auf die Rolle von Krenz eingehen. Von Honecker bekam er den Auftrag, die Dauerdemonstrationen in Leipzig unter Kontrolle zu bekommen - egal mit welchen Mitteln. Noch am selben Abend beriet sich Krenz mit mir, weil er mit dem Generalsekretär in diesem Punkt nicht einverstanden war. Ich habe ihn in seiner Haltung bestätigt, Gewalt dürfe in keinem Falle angewendet werden. Und habe sofort die Führung der sowjetischen Truppen in der DDR auf diese Haltung festgelegt.
SPIEGEL: Schließt der deutsch-sowjetische Vertrag von 1990 nach Ihrer Ansicht eine Strafverfolgung der SED-Führung aus?
Kotschemassow: Als es de facto um die Wiedervereinigung ging, wollte Moskau im Abschlußdokument einen Passus darüber durchsetzen.
SPIEGEL: In der endgültigen Vertragsfassung steht aber nichts davon.
Kotschemassow: Eben. Auf entsprechende Anfragen erläuterte Gorbatschow, darüber habe es ein Gentlemen''s Agreement mit Herrn Kohl gegeben. Wie es darum steht, können Sie heute sehen.
SPIEGEL: Hat der Bundeskanzler sein Versprechen gebrochen?
Kotschemassow: Sofern er es gegeben hat. Jedenfalls hat Gorbatschow so das Berliner Gericht informiert.
SPIEGEL: Will Michail Sergejewitsch so seine Verhandlungsschwächen von damals wiedergutmachen?
Kotschemassow: Sein damaliger Außenminister Eduard Schewardnadse bekannte in einem Fernsehinterview, Gorbatschow habe bei den Wiedervereinigungsgesprächen der Gegenseite ernsthafte Zugeständnisse gemacht. Auf die Frage "warum" hieß seine Antwort: "So kommt es manchmal im Leben eines Politikers."
SPIEGEL: Sehen Sie heute darin einen Fehler Gorbatschows?
Kotschemassow: Das tue ich. Es war eine Kette von Fehlern und von Zugeständnissen. Franklin D. Roosevelt wird das Wort zugeschrieben, ein Politiker dürfe alles aufgeben außer den Interessen seines Landes. Gegen dieses Motto hat Gorbatschow verstoßen.
* 1989 in Ost-Berlin.
Von Krumm und

DER SPIEGEL 36/1997
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DER SPIEGEL 36/1997
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