01.09.1997

Das Schweigen der Lemminge

In Mietskasernen, Altenheimen und Haftanstalten Berlins sitzen die überlebenden Machthaber aus dem Politbüro der SED - lautlos abgetaucht in jener Gesellschaft, deren Überwindung zu DDR-Zeiten Staatsziel war. Von Walter Mayr
Das Alter zahlt heim. Es beugt, macht gleich und zwingt zur Demut. Es ist so, wie der Sozialismus zu werden versprach.
Armeegeneral a. D. Erich Mielke, DDR-Minister für Staatssicherheit bis zur Wende, lebt jetzt unauffällig. Keine Limousinen, Leibwachen, Ordensspangen mehr. Statt dessen blaßblaues Sportlerzivil zu weißen Kunstlederschuhen, kleine Spaziergänge im Wohngebiet. Den Einkauf beim Tip-Markt besorgen politische Freunde. Mielke, Kommunist seit 1921, wird im Dezember 90 Jahre alt.
Wie er in der Sommerhitze zentimeterweise durch die Kröpeliner Straße in Berlin-Hohenschönhausen tappt, den Oberkörper fast rechtwinklig zum Rumpf auf einen Stock gestützt, sieht er zweifelsfrei aus wie das, was er ist: ein steinalter Mann. Weniger hingegen wie das, was er noch vor nicht allzu langer Zeit war: einer, der 17 Millionen DDR-Bürger mit einem 200 000-Mann-Heer von Spitzeln im Würgegriff hielt.
"Ordentlich zusamm'jeklappert, wa?" flüstert, raschen Röntgenblick mit wohligem Gruseln vermischend, eine Krankenpflegerin im Vorbeigehen ihrer Kollegin zu. Dann schieben beide mit ihren Rollstuhl-Patienten weiter des Wegs.
Kurt Hager, SED-Chefideologe bis zur Wende, sitzt neuerdings mit dunkler Sonnenbrille auf der Parkbank vor seinem Mietshaus hinter den verschütteten Resten von Hitlers Führerbunker. Weiter tragen ihn die Beine nicht mehr. Hager ist 85 Jahre und schwer krank.
Keine der vorbeiziehenden Schulklassen auf dem Weg zum Brandenburger Tor wird vom Lehrer angehalten, den lebendigen Zeugen der Zeit zu befragen - den wendigen Mann, vor 67 Jahren in die KPD eingetreten, Spanien-Kämpfer, Stalin-Anbeter, Ulbricht-Anhänger und schließlich Honecker-Getreuer bis zum bitteren Ende.
Jenen Hager, der die Kulturschaffenden und Wissenschaftler der DDR gängelte, bis sie auf Linie waren oder auf dem Abstellgleis. Der drei Monate vor dem Mauerfall sprach, er sei "stolz darauf, an der Spitze des Kampfes gegen die imperialistische Politik der Zerreißung Deutschlands" zu stehen. Und der im Dezember 1989 kundtat: "Die DDR wird es noch im Jahre 2000 geben und darüber hinaus. Ich aber denke nur in dem Zeitraum, den ich noch erleben werde."
Hager erlebt seit sieben Jahren Gesamtdeutschland. Wie Willi Stoph, 83, DDR-Ministerpräsident bis zur Wende und Gastgeber von Bundeskanzler Willy Brandt beim Besuch in Erfurt 1970. Stoph sitzt, wenige Minuten von Hager entfernt, krank und reglos in seinen vier Wänden beim Berliner Dom.
Hinterm Bersarinplatz ist Alfred Neumann zu besichtigen, 87 Jahre alt, verdienter Freund der Sowjetunion, KPD-Eintritt 1929. Und draußen, im Park des Feierabendheims "Clara Zetkin", Berlin-Friedrichshagen, spaziert Erich Mückenberger, 87, sechs Jahre nach Ende des Kaiserreichs der Sozialistischen Arbeiterjugend beigetreten, mit seiner Frau unverdrossen unter alten Eichen.
Mielke, Hager, Stoph, Neumann und Mückenberger: fünf Männer, fünf Politbüromitglieder, Träger des Karl-Marx-Ordens und Helden der Arbeit. 431 Lebensjahre, 159 Jahre Politbüro zusammengerechnet. Die alten Kämpfer sind samt und sonders vor Lenins Oktoberrevolution 1917 geboren und nach der ostdeutschen Oktoberrevolution 1989 aus der Politik geschieden.
Durch alle Irrungen und Wirrungen hindurch haben sie, mehr als ein halbes Jahrhundert lang, der Lehre Lenins und der Partei der Arbeiterklasse die Treue gehalten. Als es 1990 an die Abrechnung ging, reagierten sie wie Kinder, denen das liebste Spielzeug gestohlen wurde - hilflos die einen, trotzig die anderen.
"Ich komme mir so vor wie: Jeder stirbt für sich allein", klagte Erich Mückenberger. "Ich liebe euch alle", sprach Erich Mielke. Und Alfred Neumann rechtfertigte seine Nibelungentreue rückwirkend mit militärischem Politikverständnis: "Ist der Beschluß gefaßt, wird er durchgeführt."
Was denken die Alten heute, wo Erich Honecker tot und sein Nachfolger Egon Krenz in Haft ist? Fühlen sie Mitschuld am Zusammenbruch ihres Staates, am Tod der Maueropfer gar?
Die Lemminge von einst schweigen. Am Telefon, auf schriftliche Anfrage, beim persönlichen Zusammentreffen. Kein Wort dem Klassenfeind.
"Ick will nicht in 'ner Zeitung stehen", sagt Alfred Neumann, baumlang, schlank und noch kregel, ehe er die Tür seiner Plattenbauwohnung zuknallt. "Ick saje nüscht", brüllt Erich Mückenberger im Feierabendheim "Clara Zetkin" und verschwindet.
Auch Erich Mielke, einst um Lageanalysen jeder Art nicht verlegen, riskiert kein Sterbenswörtchen. Läßt nur die flinken Äuglein wandern, links rechts, links rechts, als plane er eine plötzliche Flucht vor dem lästigen Frager. Ganz der alte Tschekist.
Die Greise aus dem Politbüro sind fremd im neuen Land. Wie von der Zeitmaschine über die alte Systemgrenze geschleudert, laufen sie nun vorbei an prall gefüllten Fisch-Discountern vor ihrer Wohnungstür, an Verbrauchermärkten und Reisebüros mit Mallorca-Knüllern. Sie, die ehemals obersten Verfechter spartanisch sortierter HO-Läden und sommerlicher Ostblock-Reisen.
Von ehemals 26 Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros leben noch 19, mehr oder weniger herb gestrandet am feindlichen Ufer. Nur wenige haben sich leidlich eingerichtet wie Günter Schabowski, der wochentags ein Anzeigenblatt fertigt, oder Gerhard Schürer, Vater von sieben Kindern und halbtags als Berater in einem Berliner Unternehmen tätig.
Zwei aus dem "Rat der Götter", wie das Politbüro genannt wurde, sind in Haft - der frühere Verteidigungsminister Heinz Keßler und Egon Krenz - zwei kurz davor, die mit Krenz verurteilten Schabowski und Günther Kleiber. Der Rest hält still im neuen Deutschland. In den Augen der Justiz sind sie kollektiv des Totschlags schuldig, angeklagt oder zumindest verdächtig. Seit der Verhaftung von Egon Krenz fehlt der gute Hirte, der die über Berlin verstreute Herde mit aufmunternden Anrufen und Besuchen zusammenhielte.
Treffen größeren Ausmaßes gibt es nur, wenn ein Ehemaliger verstorben ist, zuletzt bei den Begräbnissen von Hermann Axen und dem ehemaligen FDGB-Chef Harry Tisch. Dann pilgert, wer noch kann, zum Ehrenfriedhof der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde.
Das einfache Leben, das sie als Spitzenkader mit Wohnsitz in der Villenkolonie Wandlitz predigten, erproben die alten Politbüromitglieder nun selbst. Grüppchenweise sitzen sie in ihren Neubau-Komplexen östlich des Brandenburger Tors oder in den Trabantenstädten an der Ost-Berliner Peripherie.
Die Renten der Altkader liegen zwischen 1700 und 2700 Mark. Wer nach der Kaiserzeit einen ordentlichen Beruf erlernt und ausgeübt hat wie der Kaufmann Mielke, der Maschinenschlosser Mückenberger oder der Tischler Neumann, steht sich besser als jene, die lebenslang dem Apparat gedient haben.
Doch um materielle Fragen geht es den wenigsten. "Meine Ideale sind zum Teufel. Und Sie fragen mich, wie's mir geht", faucht Inge Lange, 70, Politbürokandidatin im Ruhestand, durch die halboffene Tür ihrer Wohnung am Stadtrand. Auch sie, die Hartleibige, Vorkämpferin für Frauenfragen und "Nachwuchs-Rosa-Luxemburg", wie im Politbüro gespottet wurde, steht für zivilisierte Unterhaltung nicht zur Verfügung. Tür zu, Ende.
Kein Wort zum Prozeß, zu Krenz? Tür auf: "Egon", sagt Inge Lange, "ist ein prima Kerl. Der hat wenigstens Charakter." Tür zu.
Wohin zur Zeit der Weg auch führt im Osten Berlins, ein seltsamer Stimmungswandel ist zu spüren: Egon Krenz, Karriere-Kommunist der Honecker-Ära, ausgiebig belächelter Berufsjugendlicher, der noch im reifen Mannesalter balzend das FDJ-Blauhemd spazierenführte, erfährt als Ikone der verblichenen DDR bei seinesgleichen plötzlich kräftig Zuspruch. Noch kurz vor seiner Verhaftung hat er, zwischen Terrassentür und Hollywood-Schaukel seines Bungalows im Diplomatenviertel Pankow, jene Position formuliert, die ihn in den Augen vieler nun zum Märtyrer macht. "Krenz stand für die DDR, Krenz steht für die DDR", sprach Krenz, um sich anschließend von Genossen im Verlagsgebäude des NEUEN DEUTSCHLAND feiern zu lassen.
Auf das Urteil war Krenz vorbereitet. Acht Tage vor dem Urteilsspruch bereits hat er in der Justizvollzugsanstalt Hakenfelde, im West-Berliner Stadtteil Heiligensee, den Genossen Heinz Keßler besucht, verurteilt zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis wegen der Todesschüsse an der Mauer. Krenz hat im Knast Wunden geleckt, Trost zugesprochen und sich umgesehen.
Armeegeneral a. D. Keßler, vor 51 Jahren ins ZK der SED aufgestiegen, Träger des Karl-Marx-Ordens und Ehrenbürger
von Berlin-Ost, ist seit vergangenem November das erste prominente Mitglied des SED-Politbüros in Haft. 500 Meter vom alten Mauerstreifen entfernt sitzt Keßler ein, schuldig gesprochen als "mittelbarer" Mauermörder.
Keßler schreibt Briefe in Sütterlin an treue Genossen, lehnt es trotz erheblicher Sehschwäche ab, eine Blindenbinde zu tragen, und läßt sich von seinem ehemaligen Stellvertreter Fritz Streletz die Zeitung vorlesen. 60 Stunden Ausgang pro Monat stehen ihm zu. Keine Stunde zusätzlich nimmt er in Anspruch.
Nur manchmal noch geht der ehemalige Oberbefehlshaber der Nationalen Volksarmee durch mit ihm. Wenn der knasteigene Wachschutz erkennbar schludert oder der Zellennachbar die nötige Zucht vermissen läßt: "Nu räum doch mal uff", sagt Keßler, der Häftling, dann.
Doch die Anstaltsregel, daß weder Alter noch Vorleben zählen, zwingt auch den letzten Verteidigungsminister der DDR zur Demut. In der Zweier-Zelle sind alle gleich.
Heinz Keßler, 77jähriger Armeegeneral im Ruhestand, teilt seine derzeit mit einem pakistanischen Kleinkriminellen.
Von Mayr und

DER SPIEGEL 36/1997
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