01.09.1997

CHANSONKurz nach dem Glück

Die nach Moskau ausgewanderte Leipziger Liedermacherin Maike Nowak gastiert in Berlin - als Chanson-Star Adriana Lubowa.
Moment, meine Herren!" - Die Frau im schwarzen Abendkleid unterbricht ihr Chanson und dreht sich zu den Musikern um: "Ich glaube, wir haben hier alle einen anderen Rhythmus." Sie sagt "meinä Härren" mit dem unverkennbaren Akzent einer Russin. Ihre Haarfarbe, ein ins Rötliche stechendes Gelb, ist unverkennbar russische Chemie, diese Farbe gibt es nicht in der westlichen Welt. Auch schwarze Abendroben wie ihre, mit seitlich gerafftem Faltenwurf um das Dekolleté, sind schon lange von den westlichen Chansonbühnen verschwunden. Das ist die Eleganz des Ostens, getragen mit einer Selbstgewißheit, die es ebenfalls so nicht gibt im Westen.
Adriana Lubowa, 36, lehnt sich an den Flügel und überläßt ihren Leuten, dem Geiger und dem Pianisten, die Probenarbeit am Rhythmus. Dabei lächelt sie höflich, unverkennbar das Lächeln einer Diva.
Die Moskauer Chansonsängerin, von russischen Zeitungen zur "Diva des Chansons" gekürt, beginnt am 19. September ihre erste Deutschlandtournee in der Berliner "Bar jeder Vernunft". Und wenn sich Ost-Berliner dorthin begeben, um ihre Lieder zu hören, dann geschieht es vielleicht, daß einer den anderen in die Rippen boxt: "Mensch, das ist doch Maike."
Denn die cayenneblonde Lubowa, die ein Deutsch mit dem Akzent und nach den grammatischen Regeln der slawischen Sprachen spricht, war einmal Maike Nowak, Liedermacherin aus Leipzig.
Mit einer bunten indianischen Weste und Gitarre stand sie dort einst vor dem Mikrofon, das dunkle Haar kurzgeschnitten bis auf eine Strähne, die sich auf der Stirn kringelte, das Kinn ein bißchen zu stark. Sie gehörte zu den bekannten Nachwuchs-Liedermacherinnen. 1983 hatte sie eine der ersten Frauenbands der DDR, "Kieselsteine", gegründet, die bald verboten wurde, weil sie sich des DDR-Tabu-Themas der lesbischen Liebe angenommen hatte: "Komm Schwester, trinken wir auf unsere Brüste, auf unsre Scham und unsren Schoß und unsre Lust". Daraufhin durfte sie nur noch in Kirchen auftreten, zwei Jahre lang.
Die Diva Lubowa spricht von Maike Nowak nur in der dritten Person. Sie hat diesen Namen für immer abgeworfen. Nach der Wende reiste sie durch den Westen, fand aber auch dort nicht, was sie in der DDR vermißt hatte: "eine Kultur mit Wurzeln". Also ging sie 1991 dahin, wo sie schon als Kind ihre eigentliche Heimat vermutete - nach Moskau. Und weil sie jene Menschen suchte, die sie in der Literatur kennengelernt hatte, fuhr sie noch über 800 Kilometer weiter in ein Dorf in der Taiga. Dort, in Lipowka, dem Ort der Babuschkas, ist sie jetzt zu Hause.
Männer leben dort keine. Die jungen sind weggezogen, weil es keine Arbeit gibt, die älteren hat der Wodka gefällt. Im Nachbardorf haben die Bewohner ein paar hundert Kinder aus verwahrlosten Waisenhäusern aufgenommen. "Auch dort", erzählt Lubowa beglückt, "sind die Männer so in der Minderzahl, daß sie gar nichts anderes zu sein versuchen als Kinder."
Wenn sie nicht auftritt in Moskau, lebt sie in Lipowka mit einem wolfsähnlichen Hund und einem 20jährigen Pferd.
Einmal ist sie seitdem nach Leipzig gereist, um ihre Eltern zu besuchen. Die mußten sich an den slawischen Akzent gewöhnen. Ob es nicht zu anstrengend sei, immer so zu reden, wollten ihre früheren Freunde wissen. Adriana Lubowa erklärte ihnen, es falle ihr sogar leichter, schließlich sei die Lubowa keine Rolle, sondern eine endgültige Entscheidung.
Sachlich, als handle die Geschichte von einer ehemaligen guten Bekannten, berichtet Lubowa, wie es dazu kam: Als Siebenjährige hatte sie in der Leipziger Bibliothek Gorki und Tolstoi gelesen. In der Schule wurde ihr diese Literatur dann verleidet, weil es darin nur böse und gute Menschen geben sollte, wo doch das "Große an den Russen ist, daß die Guten niemals nur gut und die Bösen niemals nur böse" sind. "Schmerz und Freude liegen direkt aufeinander", dieses Lebensgefühl wollte Maike Nowak besingen, aber in der "Denkdiktatur DDR" konnte sie sich nicht entfalten. Das gelang ihr erst in Rußland. So endet die Geschichte der Maike Nowak.
Mit ihren Vertonungen der Gedichte von Marina Zwetajewa machte sich die Lubowa schnell einen Namen. Ganz Moskau wollte hören, wie eine Deutsche sein lyrisches Heiligtum Zwetajewa interpretierte. 1995 erhielt sie für ihre Vertonungen den Moskauer Komponistenpreis. Vieles in der Stadt ist ihr ein Rätsel geblieben, trotz des Erfolgs. Da wird ein Konzert erst zwei Tage vorher beschlossen, aber der 800-Personen-Saal ist voll. Da stürmt während der Vorstellung ein Mann mit Blumen auf die Bühne. Da läßt sich jemand hinreißen, Bravo zu rufen, mitten hinein in eine besonders leise Minute. Sie liebt das. Und inzwischen ist ihr Russisch so fließend, daß sie sich frei bewegen kann, ohne "von Taxifahrern beschissen zu werden".
Den Berliner Veranstalter Lutz Deisinger erinnerte die dunkle volle Stimme, die er per Zufall in Moskau entdeckte, an die jung gestorbene deutsche Schlagersängerin Alexandra. Die Lubowa zuckt mit den Achseln. Sie empfindet sich als Russin, die in deutscher Sprache ein Gastspiel gibt - mit eigenen Liedern. Chansons über das Gefühl "kurz nach dem Glück" und über die ganze "absurde Einfachheit des Lebens". Sie hat gefunden, wonach sie suchte: Freude und Schmerz liegen in ihren Liedern direkt aufeinander. "Auch Maike Nowak", sagt sie, "hätte sich wahrscheinlich in diese Richtung entwickelt."
Von Hacker und

DER SPIEGEL 36/1997
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