08.09.1997

TERRORISMUS

Die Nächte sind schlimm

Von Schrep, Bruno

Polizisten, die im Dienst von Terroristen niedergeschossen wurden, gehören zu den vergessenen Opfern des bewaffneten RAF-Kampfes gegen den Staat. Die Kugeln töteten, zerstörten Familien und Karrieren. Von Bruno Schrep

Knut Folkerts'' Opfer: Jetzt will der Sohn zur Polizei

"Der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch. Und natürlich kann geschossen werden." Ulrike Meinhof 1970

Und was arbeitet dein Vater?" fragte der neue Lehrer freundlich. Orm Kranenburg, knapp zehn Jahre alt, fürchtete diese Frage schon die ganze Zeit. Er hatte inständig gehofft, der Lehrer würde ihn übergehen, hatte verbissen geschwiegen, als die Mitschüler mehr oder weniger stolz von den Berufen ihrer Väter berichteten: "Meiner ist Bankkaufmann." "Meiner ist Installateur." "Meiner ist Busfahrer."

"Mein Vater ist tot", sagte Orm schließlich. Ein Unterton in seiner Stimme, eine Mischung aus Scham, Trotz und Zorn, veranlaßte den Lehrer, nicht nachzufragen. Er spürte, daß diesen Jungen etwas quälte.

Orm Kranenburg hat bis heute nicht verwunden, was seinem Vater am 22. September 1977 widerfuhr: An diesem Tag wurde Hauptwachtmeister Arie Kranenburg, 46, in Utrecht von dem deutschen Terroristen Knut Folkerts getötet.

Dabei scheint der Polizeieinsatz reine Routine. Der wegen Mordes international gesuchte Folkerts, Mitglied der Roten-Armee-Fraktion (RAF), tappt in eine Falle der niederländischen Polizei. Ahnungslos betritt er das Büro einer Utrechter Autovermietung, das von einem Sonderkommando umstellt ist.

Doch Kranenburg, obwohl Spezialist für schwierige Festnahmen, unterschätzt Gefährlichkeit und Entschlossenheit des Terroristen, läßt seine Waffe stecken. Den Befehl ("Hände hoch. Ergeben Sie sich!") kontert Folkerts blitzschnell mit Schüssen aus seinem Revolver.

Kranenburgs Sohn Orm, zu diesem Zeitpunkt 22 Monate alt, kann gerade seine ersten Sätze sprechen. Kranenburgs Ehefrau Joke ist hochschwanger, erwartet in ein paar Wochen ihr zweites Kind.

Das Begräbnis in Utrecht empfindet die Witwe als peinigende Prozedur. Über 1400 Menschen sind gekommen, darunter der niederländische Justizminister und der deutsche Botschafter. Die Frau mit dem dicken Bauch wird angestarrt, bemitleidet, muß die Hände wildfremder Menschen schütteln, muß sich Reden anhören - dabei möchte sie nur endlich allein sein.

Ohne ihren Mann fühlt sich die 25jährige überfordert und hilflos. Arie Kranenburg, mehr als zwei Jahrzehnte älter, hatte seiner jungen Frau viele Alltagspflichten abgenommen: das Geld verwaltet, den Schriftwechsel mit Behörden erledigt, kleine Schäden am Haus repariert, oft abends noch gekocht.

"Ich schaffe das nicht", gesteht die Witwe einer Freundin, "ich sacke einfach weg."

Die bevorstehende Geburt, auf die sie sich gefreut hatte, löst bei ihr jetzt Widerwillen aus. Auch kann sie nicht mehr ertragen, wie Sohn Orm von morgens bis abends in jedem Winkel der Wohnung nach seinem Vater sucht, ständig die gleiche Frage stellt: "Wo ist Papa?"

Vier Wochen nach den Todesschüssen läßt die Hochschwangere um drei Uhr nachts Wasser in die Badewanne ein, steckt zwei Verlängerungskabel zusammen, schließt den Fön an. Sie weckt ihren Sohn, der nicht weint, sie nur staunend anguckt, setzt sich mit ihm in die Wanne, schaltet den Haartrockner ein.

Als sie realisiert, daß die Schnur ein paar Zentimeter zu kurz ist, das Gerät nicht bis ins Wasser reicht, wacht Joke Kranenburg auf wie aus einem schlimmen Traum. Ihr Bruder, den sie telefonisch um Beistand bittet, kommt noch in der gleichen Nacht, brüllt sie an: "Reiß dich endlich zusammen. Du bist nicht die einzige, die Kinder allein aufziehen muß."

Doch da hat sich die Polizistenwitwe schon längst ein Versprechen gegeben: Nie wieder! Fünf Tage später bringt sie, per Kaiserschnitt, ihren zweiten Sohn Alwin zur Welt.

Die Familie lebt bescheiden: Die Polizistenrente reicht gerade, um die Miete für das Reihenhaus im Utrechter Vorort Vianen und den Haushalt zu bezahlen.

Die Söhne verarbeiten die Abwesenheit des Vaters unterschiedlich. Orm, der noch verschwommene Erinnerungen hat, versucht, seine Verbitterung hinter schnodderigen Sprüchen zu verbergen: "Vater? Kann ich gut drauf verzichten! Krieg'' schon so genug verboten."

Wie sehr ihr Ältester den Vater jedoch vermißt, erkennt die Mutter an scheinbar zufälligen Bemerkungen: "Du, der Erik ist schon wieder mit seinem Vater zum Segeln." "Muß Johans Vater eigentlich zu jedem Auswärtsspiel unserer Mannschaft mitfahren?"

Immer wieder läßt sich Orm erklären, wie der Vater ums Leben kam. Einmal fragt er vorwurfsvoll: "Warum hat Papa nicht den Terroristen erschossen?"

Alwin dagegen interessiert sich kaum für die Familiengeschichte, erkennt das vaterlose Zuhause als Normalzustand an. Verlust verspürt er keinen. "Da ist nichts. Nur ein großes, tiefes Loch", vertraut er ei-

nem Klassenkameraden an.

Erst nach Jahren versucht die Witwe, eine neue Beziehung einzugehen. Doch als sie ihren Freund erstmals in die Wohnung einlädt, reagieren die Söhne aggressiv und feindselig: Sie werfen Geschirr zu Boden, weigern sich, gemeinsam mit dem Gast zu essen. "Du kannst nie unser Vater sein", schreit Orm den Fremden an.

Nachdem die nächsten Besuche ebenso enden, gibt die Mutter ihre Pläne zum Zusammenleben auf. "Ich brauche Stabilität", eröffnet sie dem Freund, "und die kriege ich nur ohne Mann."

Im Sommer 1997 wohnen die Söhne, die ihre Mutter längst um Haupteslänge überragen, noch immer zu Hause. Alwin, noch 19, besucht Kurse im Fach Elektrotechnik, verdient kein Geld; Orm, fast 22, jobt als Metallarbeiter, gibt immerhin ein paar Gulden ab. Die Witwe schreibt kleine Artikel für den Lokalteil des UTRECHTS NIEUWSBLAD, um das Haushaltsbudget aufzubessern.

* Nach seiner Haftentlassung im Oktober 1995.

Über die letzten Jahre reden die Kranenburgs nicht gern. Die Söhne brachen kurz hintereinander ihre Ausbildung ab: Orm schmiß seine Kaufmannslehre, Alwin hatte keine Lust mehr, Informatiker zu werden. Beide lebten nur noch für die Verlockungen des Wochenendes. Freitag abend und Samstag nacht stürzten sie sich in die Glitzerwelt der Amsterdamer und Utrechter Diskotheken, wo viele Besucher den Rausch von Rhythmen und Lichtreflexen durch Einnahme von Glückspillen zu steigern suchen.

"Mein Mann hätte das verhindert", glaubt die Polizistenwitwe. "Er hätte die schrecklichsten Polizeifotos von Drogenopfern herausgesucht, und er hätte die Diskothekenbesuche verboten."

"Ist doch Quatsch, Mutter", widerspricht Alwin, "in meiner Jugendclique haben damals alle Drogen ausprobiert. Außerdem nehmen wir doch schon lange nichts mehr."

Im Gegensatz zu seinem Bruder läßt Orm die Vergangenheit nicht los. In den letzten Monaten kramte der Polizistensohn die vergilbten Zeitungsausschnitte über den Tod des Vaters hervor. Er las alle alten Berichte nach, versuchte, sich selbst die Fragen zu beantworten, die damals die Journalisten stellten: War der Einsatz schlecht geplant? Hätte der Vater zuerst die Waffe ziehen können? Warum hatten ihn die Vorgesetzten nur auf das Auftauchen einer Frau vorbereitet? Könnte er ohne diesen Fehler noch heute leben?

Vor ein paar Wochen hat sich Orm Kranenburg bei der Utrechter Polizei beworben. "Vielleicht", begründet er diesen Schritt, "will ich es besser machen als mein Vater."

Knut Folkerts, verurteilt wegen vierfachen Mordes und wegen Mordversuchs in zwei Fällen, saß 18 Jahre im Gefängnis. Im Oktober 1995 wurde er entlassen.

Günter Sonnenbergs Opfer: Von sieben Kugeln getroffen

Schon zum fünftenmal in dieser Woche muß Polizeihauptwachtmeister Wolfgang Seliger Leute kontrollieren, die als Terroristen verdächtigt worden sind.

In Singen, einer beschaulichen Kleinstadt am Hohentwiel, reagieren die Einwohner im Mai 1977 genauso aufgeregt wie die Bürger in der übrigen Bundesrepublik. Nach dem Anschlag auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback laufen täglich Tipgeber aufs Revier, die fest glauben, RAF-Mitglieder erkannt zu haben.

Als Seliger das Paar im Café sitzen sieht, denkt er sofort: die doch nicht. Der unrasierte junge Mann und seine schick gekleidete Freundin haben nicht die geringste Ähnlichkeit mit den Personen auf den Fahndungsplakaten, deren Gesichter sich Seliger eingeprägt hat. Beide bleiben auch gelassen, als der Polizist nach den Ausweisen fragt. "Die haben wir leider im Auto vergessen", entschuldigt sich die Frau.

Seliger, mit 20 Jahren jüngster Polizist von Singen, berät sich kurz mit dem Kollegen, der ihn begleitet. Sollen sie Verstärkung anfordern? Lächerlich. Sollen sie das Paar zum nahe gelegenen Revier bringen? Unangemessen. "Zeigen Sie uns einfach die Papiere am Wagen", entscheidet Seliger, "wir begleiten Sie."

Das Paar geht vornweg. Nach 500 Metern Fußmarsch dreht sich der Mann plötzlich um und beginnt, auf Hauptwachtmeister Seliger zu schießen.

* Bei ihrer Festnahme am 3. Mai 1977 in Singen.

Bei jedem Schuß kommt er einen Schritt näher. Die erste Kugel fetzt Seliger den Mittelfinger der rechten Hand weg. Er versucht vergebens, seine Pistole zu ziehen. Die zweite Kugel durchschlägt den linken Oberschenkel. Der Polizist fällt zu Boden. Die dritte Kugel trifft den Unterleib, bleibt in einem Hoden stecken. Seliger robbt auf allen vieren weg. Die vierte Kugel streift den Rücken. Der Beamte versucht, unter ein Auto zu kriechen.

Die fünfte Kugel reißt ein Loch in den Hals. Seliger hält schützend beide Arme vor Gesicht und Oberkörper. Die sechste Kugel streift den Oberarm. Der Schwerverletzte wälzt sich zur Seite. Die siebte Kugel trifft den linken Lungenflügel. Der Polizist bleibt regungslos liegen.

Seliger wird nicht ohnmächtig. Er registriert, daß auch die Frau schießt, hört den Kollegen neben sich um Hilfe rufen. Wundert sich über die plötzliche Stille.

Sein Körper brennt vom Kopf bis zu den Zehen, er spürt Blut an beiden Beinen herunterlaufen. Wie durch eine Nebelwand nimmt er Passanten wahr, die ihn zu einem Baum schleifen, seinen Oberkörper an den Stamm lehnen. Er guckt nach oben, sieht von Ferne Kastanienblüten. Jemand sagt: "Der Mann stirbt."

Heute kommt der Polizeibeamte Seliger fast täglich an der Kastanie vorbei, der Baum steht an seinem Weg zum Dienst. Selbst nach über 20 Jahren denkt er jedesmal daran, wie knapp er dem Tod entkam.

Besorgt beobachtet Seliger in jedem Frühjahr, ob die Kastanie auch blüht und grün wird, ob sie nicht im Dunst der Autoabgase oder durch andere Schadstoffe zugrunde geht. "Klingt vielleicht komisch", sagt er, "aber der Baum ist für mich ein Symbol des Überlebens."

Die Ärzte gaben Seliger damals nur eine Chance von zehn Prozent. Der Körper des 20jährigen mußte nicht nur den enormen Blutverlust verkraften, sondern sieben teilweise komplizierte Operationen aushalten. "Schon ein 30jähriger wäre gestorben", erklärte ihm ein Chirurg hinterher.

Neben ihm auf der Intensivstation, die Betten nur durch eine spanische Wand getrennt, lag der Mann, der auf ihn geschossen hatte: der Terrorist Günter Sonnenberg, gesucht wegen des Mordes an Generalbundesanwalt Siegfried Buback.

Sonnenberg hatte zusammen mit der Anarchistin Verena Becker Zwischenstation in Singen eingelegt, wollte von dort in die Schweiz weiterreisen.

Nach den Schüssen am Kastanienbaum versuchte das Terroristenpaar vergeblich, mit einem geraubten Auto zu fliehen. Bei einem Schußwechsel mit der Polizei wurden beide Terroristen verletzt. Sonnenberg drang ein Geschoß in den Kopf.

Daß sein Körper mit Narben übersät ist, seine rechte Hand beschädigt bleibt, hat der Polizist bereits akzeptiert, als er von der Intensivstation zur Urologie verlegt wird. Doch die Ungewißheit über die Heilungschancen der Hodenverletzung zermürbt ihn. Ständig quälen ihn die gleichen Fragen: Wird er je wieder ein vollwertiger Mann sein? Wird er eigene Kinder haben können?

Der Urologieprofessor beruhigt ihn: "Sie hatten noch mal Glück." Das Projektil habe die Samenstränge um Millimeter verfehlt: "Es wird alles wie früher."

Als der Polizist ein halbes Jahr später wieder zum Dienst auf dem Singener Revier erscheint, offenbar fit und motiviert wie früher, sind die Kollegen überrascht: Der Wolfgang, versichern sie sich gegenseitig, hat das prima weggesteckt. Auch der Chef, der seinen jüngsten Beamten zur Personenkontrolle geschickt hatte, sich seitdem mit Selbstvorwürfen plagte, ist beruhigt. Psychologische Betreuung gibt es nicht.

Dabei verbirgt Seliger krampfhaft, daß er vor jedem Einsatz Angst hat, ganz egal ob er zu einem Verkehrsunfall, zu einer Wirtshausprügelei oder zu einem Einbruch beordert wird. Schon auf der Fahrt denkt er jedesmal an den Mann mit der Waffe, der auf ihn zukommt und schießt, immer wieder schießt, nicht mehr aufhört zu schießen.

Den Prozeß gegen Günter Sonnenberg, bei dem er als Zeuge aussagen muß, erlebt er als Tortur. Obwohl der Angeklagte ihn nicht anspricht, kein einziges Mal zu ihm herübersieht, empfindet Seliger irrationale, unbeschreibliche Furcht.

Kurz darauf wird der Polizist als Personenschützer von möglichen Terrorismusopfern eingesetzt, als Kugelfang für gefährdete Karlsruher Bundesanwälte. Einer der Ankläger, der ihn vom Prozeß gegen Sonnenberg kennt, fragt ungläubig: "Sind Ihre Vorgesetzten verrückt geworden?"

Seliger wagt nicht, gegen solche Einsatzbefehle zu protestieren. Er fürchtet, er könne dabei zu viel über seinen Zustand verraten.

Selbst zu Hause, bei den Eltern und den vier Geschwistern, redet er nie über das Attentat. Fragen nach den Folgen wehrt er ab. Was sollen die Angehörigen von einem erwachsenen Mann denken, der sich bei Gewitter ins Bett verkriecht und die Decke über den Kopf zieht, weil ihn die Blitze an Mündungsfeuer erinnern?

Erst als er zu akzeptieren lernt, daß Ängste auch für einen Polizisten keine Schande sind, daß ihn die quälenden Erinnerungen nie ganz verlassen werden, kann er ein Leben führen wie andere.

Der Beamte heiratet eine Kollegin, wird Vater, macht die übliche Karriere: 1991 wird er zum Polizeihauptmeister befördert, erreicht die höchste Stufe des mittleren Dienstes.

Inzwischen 40 Jahre alt, gilt Wolfgang Seliger bei Kollegen und Freunden als umgänglich und aufgeschlossen. Wenn ihn jedoch jemand nach dem 3. Mai 1977 fragt, reagiert er auch heute noch barsch und abweisend: "Darüber spreche ich nicht."

Wie er zu seinen vielen Narben kam, weiß noch nicht einmal sein Sohn. Jedesmal, wenn der inzwischen 14jährige genaueres wissen will, wehrt ihn der Vater ab: "Das erkläre ich dir später."

Günter Sonnenberg, infolge seiner Hirnverletzung auf Dauer schwer geschädigt, mußte 15 Jahre einer lebenslangen Freiheitsstrafe verbüßen. 1992 ist er aus der Haft entlassen worden.

Inge Vietts Opfer: Krimis gucken, bis es hell wird

Das zweite Leben des Francis Violleau verläuft nach festen, sich täglich wiederholenden Regeln: Morgens um halb zehn, nachdem sie ihn gewaschen, gewickelt und angezogen haben, heben die Pfleger den 51jährigen, der zehn Jahre älter aussieht, in seinen Rollstuhl.

Sie fixieren seinen zitternden rechten Fuß, der sonst vom Trittbrett rutschen würde, öffnen ihm die Terrassentür, an deren Griff er nicht herankommt, wünschen ihm einen schönen Tag. Abends gegen 19 Uhr kommen sie wieder und legen ihn ins Bett.

Dazwischen hat Francis Violleau viel Zeit. Falls sein chronisch entzündeter Gaumen nicht zu weh tut, sein von Medikamenten ruinierter Magen nicht rebelliert, nimmt er am Mittagessen im Speisesaal teil. Häufig ernährt er sich aber auch nur von Säften und Brei.

Nachmittags ist er oft schon so erschöpft, daß er stundenlang döst. An Tagen, an denen er sich besonders gut fühlt, fährt er jedoch einfach mit seinem Rollstuhl los. Auf den ist Violleau richtig stolz: Das batteriegetriebene Gefährt kann bis zu zehn Stundenkilometer schnell fahren, besitzt Scheinwerfer und Blinkleuchten wie ein Auto.

Meist fährt Violleau in das nahe gelegene Dörfchen Montoire. Dort kennt er den Gemüsehändler, den Bäcker und den Kneipier, bekommt gelegentlich ein Croissant oder ein Bier spendiert.

Wenn sein Taschengeld reicht, kauft er sich Filme, denn fotografieren ist sein einziges Hobby. Violleau fotografiert alles: die Blumentöpfe auf seiner Terrasse, die Ameisen, die über seine Fensterbank krabbeln, manchmal eine Schwester, die gerade sein Zimmer aufräumt. Die Filme läßt er nur selten entwickeln.

Obwohl der Mann wenig Besuch bekommt, manchmal nur ein- oder zweimal im Jahr, klagt er kaum über sein zweites Leben. "Nur die Nächte", sagt er, "die sind schlimm." Violleau kann oft vor Schmerzen stundenlang nicht schlafen, liegt bis morgens wach. Um sich abzulenken, schaltet er die Fernsehkanäle durch, sucht Spielfilme, am liebsten Krimis, guckt, bis es hell wird.

Die Ärzte können ihm wenig helfen. Rücken und Beine, wo er unerträgliches Brennen und Reißen spürt, reagieren weder auf Druck noch auf Berührung, sind gefühllos. Violleau ist vom siebten Halswirbel abwärts gelähmt, kann außer dem Kopf nur seine Arme bewegen, den linken besser als den rechten.

Im "Foyer de l''Hospitalet", einem Heim für Schwerstbehinderte an der Loire bei Blois, kann der Zustand des 51jährigen nicht verbessert werden. Mediziner und Pfleger versuchen nur, dem Patienten sein zweites Leben erträglicher zu machen. Gerahmte alte Fotos an den Wänden und auf den Regalen seines Zimmers erinnern daran, daß Francis Violleau auch ein erstes Leben führte. Die Aufnahmen, Kinderfotos, Schnappschüsse von Familienfeiern, vergilbte Paßbilder, dokumentieren Stationen seiner früheren Lebensgeschichte.

Es ist die Geschichte des Schlossers Violleau, der vor über 20 Jahren aus einem kleinen Dorf in der Bretagne nach Paris zog, weil er nur in der Metropole eine Zukunft für sich und seine Familie sah.

Um ein wenig mehr zu verdienen, wechselt der Schlosser zur Police nationale, läßt sich zum Verkehrspolizisten ausbilden. Anfang der achtziger Jahre ist er einer von Tausenden Pariser Flics, die mit Trillerpfeife und Polizeikelle gegen das tägliche Verkehrschaos ankämpfen.

Schichtdienst, Motorabgase und den ewigen Lärm nimmt er in Kauf, denn sein Traum vom besseren Leben geht in Erfüllung: Er kann sich eine geräumige Wohnung leisten, lebt mit seiner Frau und den drei Kindern in einem ruhigen Pariser Vorort, hat sogar Aufstiegschancen.

"Wir hatten ein kleines Nest", erinnert sich Ehefrau Yolaine, "wir bildeten einen Kern. Wir machten alles zusammen. Wir verließen uns nie."

Am 4. August 1981 will Violleau am Platz des 18. Juni eine Motorradfahrerin stoppen, die keinen Helm trägt, trotz Rot eine Ampel passiert. Als die junge Frau auf Pfeifsignale nicht reagiert, fährt der Flic mit seinem Motorrad hinterher.

Die Flüchtende, die deutsche Terroristin Inge Viett, will sich auf keinen Fall kon-

* Links: mit seinem vergrößerten Ausweisfoto von 1981; rechts: vor dem Gefängnis Berlin-Moabit am 30. Juni 1996.

trollieren lassen: Das Motorrad ist nicht zugelassen und nicht versichert, ihre Legende in Gefahr. Als sie den Polizisten nach wilder Flucht gegen Einbahnstraßen und über Bürgersteige nicht abschütteln kann, richtet sie ihre Pistole auf ihn.

Dazu schreibt Inge Viett in ihrer Autobiographie:
* Ungläubig, dümmlich ist sein Blick. Sekundenlang, dann greift
er langsam zu seiner Waffe in ungeheuerlicher Verkennung der
Situation. Ich starre versteinert auf ihn, er wird kleiner und
kleiner, seine langsame Bewegung zur Pistole wischt wie ein
Schatten über meine Augen. Dann fällt der Schuß. Ich habe
geschossen.

Das Projektil trifft Violleau in den Hals, durchschlägt die Wirbelsäule in Schulterhöhe. Der Polizist wird sofort bewegungsunfähig. Die Terroristin kann fliehen.

"Wann darf ich endlich aufstehen?" fragt der Verletzte nach ein paar Wochen. Ein Krankenhausarzt nimmt Yolaine Violleau beiseite: "Sie müssen es ihm sagen."

Die Kinder, zwei Söhne von neun und zehn Jahren sowie eine kleine Tochter, können nicht akzeptieren, daß ihr Vater für immer gelähmt bleibt. "Mutter, das stimmt nicht!"

Nach Besuchen in der Rehaklinik, in der Violleau fast zwei Jahre lang liegt, sind die Kinder oft tagelang verstört. "Das ist nicht wie bei einem Todesfall, wo es einen klaren, sauberen Schnitt gibt", schildert die Ehefrau die Situation. "Bei uns lebt der Vater, ist aber nicht da."

Gegen ärztlichen Rat holt sie ihren Mann nach Hause, versucht die Pflege selbst zu übernehmen. Nachts steht sie jede Stunde auf: Der Kranke muß gedreht werden, klagt über Durst, verlangt Medizin, schreit seine Verzweiflung heraus.

Der Kraftakt scheitert nach drei Monaten: Yolaine Violleau, seelisch zermürbt, wird wegen schwerer Depressionen in eine Klinik eingeliefert. Die Kinder müssen über ein Jahr in ein Waisenhaus der Polizei. Francis Violleau kommt 1985 in das Behindertenheim bei Blois, in dem er noch heute lebt.

Seine Angehörigen sieht der ehemalige Flic nur noch ganz selten. Mehrmals im Jahr telefoniert er mit seiner Frau, aber immer nur kurz. Länger als fünf Minuten kann er sich nicht auf ein Gespräch konzentrieren.

Sein Zustand hat sich im Lauf der Jahre stetig verschlechtert. Wegen ständiger Infektionen mußte ihm ein Hoden entfernt werden, kurz darauf folgte eine schwere Magenoperation.

Auch Ehefrau Yolaine ist nie mehr gesund geworden, bekommt seit Jahren starke Beruhigungsmittel. Sie kehrte nach langem Krankenhausaufenthalt mit den Kindern zurück in ihren Heimatort, in die Bretagne, etwa 400 Kilometer von Blois entfernt. An die Zeit in Paris will sie nicht mehr erinnert werden.

Auch 16 Jahre nach seiner Verletzung hat der Polizist die Hoffnung auf ein Wunder nicht völlig aufgegeben: Zusammen mit zwei anderen Heimbewohnern plant er noch in diesem Jahr eine Pilgerreise nach Lourdes.

Inge Viett sagte sich 1982 vom Terrorismus los, tauchte im gleichen Jahr wie andere RAF-Aussteiger in der DDR unter, wurde nach der Wiedervereinigung zu 13 Jahren Haft verurteilt und Anfang dieses Jahres auf Bewährung vorzeitig entlassen.

Ungläubig, dümmlich ist sein Blick. Sekundenlang, dann greift

er langsam zu seiner Waffe in ungeheuerlicher Verkennung der

Situation. Ich starre versteinert auf ihn, er wird kleiner und

kleiner, seine langsame Bewegung zur Pistole wischt wie ein

Schatten über meine Augen. Dann fällt der Schuß. Ich habe

geschossen.

* Nach seiner Haftentlassung im Oktober 1995. * Bei ihrer Festnahme am 3. Mai 1977 in Singen. * Links: mit seinem vergrößerten Ausweisfoto von 1981; rechts: vor dem Gefängnis Berlin-Moabit am 30. Juni 1996.

DER SPIEGEL 37/1997
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