15.09.1997

Knarren in der Handakte

Von Bönisch,

Wie die RAF-Häftlinge in Stammheim ihre Waffen bekamen

Die Order aus dem 7. Stockwerk des Stammheimer Gefängnisses war selbst für den erfahrenen Kurier Volker Speitel "ein dicker Hund". Per Kassiber verlangten die Terroristen der RAF nach einer "Knarre".

Speitel und seine später erschossene Komplizin Elisabeth von Dyck dachten zuerst, daß die Inhaftierten "vielleicht etwas ganz anderes meinten". Sie fragten, ebenfalls via Kassiber, nach und bekamen, wie sich Speitel erinnert, eine hämische Antwort: Die Gefangenen wollten wissen, ob "unser Pazifismus schon so das Gehirn angegriffen hätte, daß wir nicht mal mehr wüßten, was 'ne Knarre ist. Erst jetzt kapierten wir, daß sie es ernst meinten".

Die Waffe, welche die Stammheimer forderten, sollte "cool", also die Herkunft nicht feststellbar sein. Speitel organisierte eine ungarische FEG Kaliber 7,65 Millimeter, fräste mit einem Spezialwerkzeug die Waffennummer heraus und deponierte die Pistole in der Handakte eines Anwalts, der im Stuttgarter Terroristenprozeß gegen Baader und Co. als Verteidiger zugelassen war.

Dort, wo der Klemmbügel sitzt, war in den Papierstoß ein Loch geschnitten worden, in das die Waffe paßte. Bastler Speitel hatte den Hohlraum mit Papiertaschentüchern ausgebettet und dann die Ränder mit Buchbinderleim verklebt.

Ein paar Zentimeter der Akte konnten bei Kontrollen durchgeblättert werden. Zuvor war quasi als Testlauf eine "Minox"-Kamera in den Knast geschmuggelt worden; später folgten nützliche Kleinigkeiten für den täglichen Bedarf: Glühlampen, Kopfhörer oder ein kleines Bügeleisen.

Da der Verteidiger seine Akte beim Betreten des Gerichtsgebäudes nie aus der Hand geben mußte, war für die Justizbeamten auch nicht feststellbar, daß die für die Häftlinge bestimmten Ordner mit Prozeßunterlagen als Versteck dienten. Elektronische Kontrollen, mit denen die Waffen leicht hätten geortet werden können, gab es damals noch nicht.

Kaum auf freiem Fuß, übermittelte die Baader-Vertraute Brigitte Mohnhaupt den energischen Wunsch der Stammheimer nach weiteren Waffen - und nach Sprengstoff.

Die Illegalen besorgten eine Pistole vom Typ HK 4, einen Revolver "Colt Detective Special" und fünf Pakete Sprengstoff samt Zünder. Peter-Jürgen Boock zerlegte die Waffen und schraubte die unwichtigen Teile ab, weil die Transportmöglichkeit "vom Volumen her doch sehr begrenzt war". Sprengstoff und Handfeuerwaffen wurden in Erddepots in und um Stuttgart vergraben.

Kurier Speitel holte die brisante Lieferung nach und nach aus den Verstecken. Diesmal schlug der Versuch fehl, die Identifizierungsnummern der Waffen wegzufräsen. Die HK 4 und der Colt wurden wie die FEG in Aktenordnern transportiert; den Sprengstoff steckte sich der Anwalt in die Unterhose.

Als Schleyer entführt wurde, hatten die Terroristen im Stammheimer Hochsicherheitstrakt drei Waffen und ein knappes Pfund Sprengstoff in Verstecken gebunkert. Speitel setzte sich nach Dänemark ab. Auf dem Höhepunkt der Fahndung aber kehrte er in die Bundesrepublik zurück - und wurde am 2. Oktober im Skandinavien-Express in Puttgarden verhaftet.

Er wollte, sagte er später, "auf diese Weise einer Illegalisierung entgehen". Daß die Terroristen bewaffnet waren, verschwieg er - aus "Loyalität zur RAF". Erst "nach dem Schritt der Stammheimer, sich das Leben zu nehmen" (Speitel), offenbarte er seine Rolle.

Volker Speitel wurde zu 38 Monaten Haft verurteilt, aber schon im Herbst 1979 entlassen. Seither lebt er unter falschem Namen.


DER SPIEGEL 38/1997
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