08.09.1997

NACHRUFMutter Teresa

Der Unfalltod ihrer großen Bewunderin, Lady Diana, hat dieser Frau das Herz schwergemacht, und sie wäre, vom Königshaus schon eingeladen, so gern zu ihrer Beerdigung gekommen: "Diana sorgte sich sehr um die Armen, deshalb war sie mir so nahe." Zuletzt hatten die beiden Stars in Sachen Nächstenliebe, die so gut mit dem Elend anderer umgehen konnten, sich im Juni vor einer Suppenküche in der New Yorker Bronx umarmt.
Nur wenige Tage sollte Mutter Teresa, der Engel der Armen, die schon zu Lebzeiten Mythos geworden war, die englische Prinzessin überdauern. Die Ordensfrau starb am vergangenen Freitag in Kalkutta an Herzversagen, während das britische Volk der Beerdigung Dianas entgegenfieberte.
"Schlimmer als hungrig und krank zu sein, ist es, niemanden zu haben", sagte Mutter Teresa vor einem Jahr in einem Gespräch, als sie sich von einem schweren Herzanfall erholte. Einsamkeit und Mangel an Liebe gehörten für sie zu den größten Nöten in der heutigen Welt. "Laß nie zu, daß du jemandem begegnest, der nicht nach der Begegnung mit dir glücklicher ist", lautete ihr lebensfrohes Motto.
Auch in diesem Bekenntnis mag die in der Windsor-Familie isolierte Di sich verstanden, ja geborgen bei ihrem Vorbild gefühlt haben, der unscheinbaren runzeligen Nonne in Indien. "Viele von uns denken nur an sich selbst und tun das Falsche", sagte Teresa, denn der Mensch sei geschaffen, "um zu lieben und geliebt zu werden".
Agnes Bojaxhiu, wie Mutter Teresa eigentlich hieß, wurde 1910 in Skopje geboren, das damals noch Teil des Osmanischen Reichs war und heute Hauptstadt der Republik Mazedonien ist. Ihre Mutter italienischer Herkunft erzog die Kinder streng katholisch. Der Vater war ein wohlhabender albanischer Kaufmann.
Schon bald äußerte die junge Agnes, die zu Hause Gonxha, Knospe, genannt wurde, den Wunsch, Missionarin zu werden. Mit 17 verließ sie ihr Elternhaus, im Dezember 1928 landete sie in Kalkutta, auf dem Weg zu ihrem Noviziat im Gebirgsort Darjeeling. 1931 legte sie das Gelübde als Loreto-Schwester ab und nahm den Namen Teresa an - nach der französischen Heiligen Thérèse von Lisieux.
Sie wurde der Loreto-Schule in Kalkutta zugewiesen, einer behüteten Oase mit allem kolonialen Komfort, wo die Kinder der englischsprachigen indischen Elite erzogen wurden. Nachdem sie dort einige Jahre als Lehrerin für Geographie, Geschichte und Religion, später als Leiterin der Missionsschule gearbeitet hatte, bekam die Nonne zwischen den Mauern des Internats mit seinen schattigen Gängen und kühlen Klassenzimmern das Gefühl, sie "verrate Gott".
Denn die Menschen, für die sie nach Indien gekommen war, denen sie helfen wollte, vegetierten außerhalb des eisernen Tors. Während der bengalischen Hungersnot sah sie die Armen draußen zu Dutzenden sterben - und fühlte sich nutzlos.
Als sie im Zug saß, der sie zu ein paar Tagen spiritueller Einkehr nach Darjeeling bringen sollte, vernahm sie 1946 "Gottes Ruf". Ihre Mission: den "Ärmsten der Armen beizustehen". Sie bat um die Erlaubnis, aus ihrem Orden austreten zu dürfen. 1948 legte sie zum erstenmal den weißen Sari mit den drei blauen Borten an - das Gewand der Armen in Bengalen. Inzwischen wurde er zum Ordenskleid der "Missionarinnen der Nächstenliebe".
Zwei Jahre nach der Gründung erhielt ihre neue Kongregation die offizielle Anerkennung des Papstes. Seit 1952 hatte Mutter Teresa die Erlaubnis der Stadtverwaltung von Kalkutta, Kranke und Sterbende, die sie und ihre Mitschwestern aus der Gosse holten, im verlassenen Pilgerschlafsaal des Kali-Tempels unterzubringen. Seither konnten über 25 000 Menschen dort ihre letzten Tage verbringen. "Der höchste Zweck des menschlichen Lebens besteht darin, in Frieden mit Gott zu sterben", ließ Mutter Teresa auf eines der Schilder vor ihrem Haus schreiben.
Mit fünf Rupien in der Tasche hatte sie ihre Arbeit angefangen. Im März 1997, als sie wegen zunehmender gesundheitlicher Probleme den Ordensvorsitz ablegte, gebot sie über 3600 Schwestern aus 35 Nationen. Ihre Kongregation besitzt heute 579 Heime in 122 Ländern. Seit 1963 steht den Nonnen auch ein Männer-Orden mit 400 Mitgliedern zur Seite.
Gemanagt hat der Engel der Armen diese verzweigte Arbeit von einem kleinen dunklen Büro im ersten Stock des Mutterhauses in Kalkutta - ohne Computer, ohne Aktenschränke. Das Büro hat nur ein einziges Telefon, das Mutter Teresa am liebsten selbst benutzte.
Mit Finanzen konnte sie weniger gut umgehen als mit Menschen. So warfen ihr in den vergangenen Jahren Kritiker vor, sie hätte die Spenden - schätzungsweise 30 bis 50 Millionen Dollar im Jahr - schlecht verwaltet. "Mit dem Geld, das sie über die Jahre gesammelt hat, sollte sie Kalkutta das schönste, am besten ausgerüstete Krankenhaus der Dritten Welt geschenkt haben", empörte sich beispielsweise der britische Schriftsteller Christopher Hitchens und nannte Mutter Teresa eine "religiöse Fundamentalistin und Obskurantin", weil sie sich nicht um Bürokratie und auch wenig um optimale ärztliche Betreuung ihrer Patienten kümmerte.
Doch Krankenhäuser zu bauen, verstand die Missionarin nicht als ihre Aufgabe, die, fand sie, kämen sowieso hauptsächlich Reichen zugute. "Was bei uns hereinkommt, wird ausgegeben." Mutter Teresa wollte sich um die Seelen kümmern, nicht um den Körper. Sie predigte nicht Auflehnung gegen das Schicksal, sondern Ergebenheit in "Gottes Willen".
Mediziner warfen ihr vor, es sei unverantwortlich, daß in ihrem Heim für Sterbende im südlichen Stadtteil Kalighat Tuberkulosekranke neben anderen liegen. Die Heiminsassen würden nicht untersucht, bekämen keine Schmerzmittel. Doch Mutter Teresas Antwort auf all die Anwürfe war stets: "Wir sind keine Krankenschwestern, wir sind keine Sozialarbeiter, wir sind Nonnen."
Jeden Morgen um sieben versammelte Teresa am Tor des Heims für Sterbende 20 bis 30 freiwillige Helfer aus aller Welt, die die Schwestern bei ihrer Arbeit unterstützten. Häufig kamen diese aus reichem Elternhaus, auf der Suche nach Sinn im Leben. Ihr schönster Lohn, so sagte Mutter Teresa, war "ein wunderschönes Lächeln" der Sterbenden.
Gewiß besaß die so naiv wirkende Frau ein Gespür für Symbolik - und für Macht, die sie für ihre wohltätigen Zwecke zu nutzen verstand. Als sie 1979 nach Oslo kam, um den Friedensnobelpreis in Empfang zu nehmen, trug sie über dem üblichen Sari einen löchrigen verfilzten Pulli. Sie lehnte ab, am Bankett teilzunehmen, statt dessen ließ sie sich das Essen in bar auszahlen und richtete damit ein Weihnachtsfest für 2000 Schützlinge aus. Die Geste kam so gut an, daß sie gleich noch 50 000 Dollar an spontanen Spenden mitnehmen konnte.
Von wem sie das Geld bekam, hat sie nie besonders interessiert; so traf sich Mutter Teresa, wenn die Kasse stimmte, auch mit Diktatoren wie Jean-Claude Duvalier auf Haiti und Nicolae Ceausescu in Rumänien. Daß sie deren Autorität mit ihren Auftritten legitimierte, wollte und konnte sie nicht sehen. Aber ein "Glamourgirl der Armut", wie die Schriftstellerin Germaine Greer ihr einmal vorwarf, ist Mutter Teresa sicher nie gewesen. Sie glaubte nur nicht, daß wirtschaftlicher, politischer oder wissenschaftlicher Fortschritt die Probleme der Menschen lösen könnte.
Kritikern, die ihr vorwarfen, nichts gegen die Ursachen sozialer Not zu unternehmen, entgegnete sie: "Ich bin keine Politikerin, ich habe auch keine Zeit, über große Programme nachzudenken." Die Ordensfrau nannte ihr Buch "Der einfache Weg".
Anders als ihre Nacheiferin Lady Di vertrat sie ein altmodisches Rollenbild für Frauen: Sie war eine fanatische Gegnerin von Geburtenkontrolle und Abtreibung - und das in einem Land, das wohl am meisten an seiner Übervölkerung leidet.
Sie sah Rettung einzig in geistiger Umkehr: " Ich glaube, daß wir diese Welt ändern könnten, wenn wir das Gebet zurück in die Familie bringen." Gegenüber Institutionen war sie stets mißtrauisch - obwohl sie den Papst sehr verehrte -, selbst gegenüber dem Heiligen Stuhl. "Ich bin nicht der Kirche verantwortlich, sondern Jesus", sagte sie einmal. Und: "Es gab eine Zeit, da mußte die Kirche Majestät zeigen. Aber heute haben die Leute herausgefunden, daß es darauf nicht ankommt. Sie haben die Leere des ganzen Prunks entdeckt."
Wie beim tibetischen Gottkönig Dalai Lama lag auch Mutter Teresas Größe in der Schlichtheit. Als SPIEGEL-Reporter Tiziano Terzani die Armenpflegerin im vergangenen August fragte, ob sie sich vor dem Tod fürchte, antwortete sie: "Warum? Ich habe den Tod mein ganzes Leben lang gesehen. Niemand um mich herum starb schlecht."
Letztes Jahr, als ihr Herz schon einmal stillstand, erzählte sie, habe sie ihren Tod geträumt: Mutter Teresa kommt vor den heiligen Petrus. Er steht an der Himmelspforte und sagt: "Geh! Es gibt im Himmel keine Slums!"
Mutter Teresa antwortete: "Dann werde ich den Himmel so lange mit Slumbewohnern füllen, bis ich selbst das Recht auf Eintritt bekomme."
Von Zuber und

DER SPIEGEL 37/1997
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