15.09.1997

BEZIEHUNGEN„Zur Zeit nicht lieferbar“

Häftlinge, vor allem Gewalttäter, üben auf viele Frauen eine eigenartige Faszination aus. Je nach Bedürfnis projizieren sie in die Männer hinter Gittern entweder Heldentum oder Hilfsbedürftigkeit. Doch die Frauen helfen dabei zuallererst sich selbst. Von Doja Hacker
Einmal schloß sich Hanna Baumeister* acht Stunden in ihrem Badezimmer ein. Sie wollte sich eine Ahnung davon verschaffen, wie es ist, in einer Zelle zu leben.
Eine "ungeheure Aufrichtigkeit" empfand Birgit Riemers* in allem, was ihr wegen Totschlags verurteilter Freund während der Besuchszeit in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Straubing von sich erzählte. "Eine solche Beziehung", davon war sie fest überzeugt, "kann man nicht mit Lügen aufbauen."
Am meisten Angst machte Katja Jeschke* der Gedanke, ihr Freund werde sich bei seinem ersten Hafturlaub auf sie stürzen, "schließlich hatte er ja seit zwei Jahren keine Frau". Aber dann verbrachten sie das Wochenende mit Gesprächen, zu scheu, einander zu berühren.
Hanna Baumeister, 32, Birgit Riemers, 36, und Katja Jeschke, 26, haben ihre Geliebten noch nie oder nur für kurze Zeit in Freiheit erlebt. Dennoch schildern sie die gemeinsame Zeit als die intensivste, erregendste ihres Lebens - trotz der sinnenfeindlichen Atmosphäre der Haftanstalten. Und sie stört auch nicht, daß die gegenseitigen Versprechen erst eines unbestimmten, fernen Tages eingelöst werden können: am Tag der Entlassung.
Die Justizgeschichte kennt genügend Beispiele, in denen Frauen diese Situation nicht ertrugen und zu Fluchthelferinnen wurden. So überredete eine Justizbeamtin in Butzbach den wegen Betrugs einsitzenden Michael Heise zur Flucht in die USA. Die Therapeutin Tamar Segal in Hamburg versteckte den mehrfachen Mörder Thomas Holst. Fälle wie diese sorgten auch dafür, daß die Verhältnisse zwischen Häftlingen und ihren freiwilligen Betreuerinnen heute in den meisten Beratungsstellen supervisiert werden.
Aber was überhaupt zieht Frauen zur freiwilligen Betreuung Strafgefangener? Was fasziniert sie an eingesperrten Männern? In der Frankfurter Beratungsstelle sind Frauen, im Verhältnis 60 zu 40 Prozent, in der Überzahl. Daß die Wärter sie höhnisch "Rotkäppchen" nennen und daß die Häftlinge sie gewöhnlich als Freundinnen ausgeben, um ihren Status zu erhöhen, nehmen die Betreuerinnen in Kauf.
Ein Frauenmörder, dessen Tat Schlagzeilen gemacht hat, erhält in der Regel Wäschekörbe voller Briefe von Frauen. Die meisten wünschen, dem Häftling zu helfen. Einen Strafrichter in Bayern brachte dieses Phänomen zur zynischen Erkenntnis: "Wenn du eine Frau haben willst, mußt du erst mal eine umbringen."
Die Erklärungsversuche dieser Affinität reichen vom bekannten Helfersyndrom über die Lust an der totalen Kontrolle des anderen bis zur Sucht, gebraucht zu werden. Je nach Bedürfnis projizieren die Frauen in die Männer hinter Gittern entweder Heldentum oder Hilfsbedürftigkeit.
Aber wieviel bleibt vom Helden, wenn er wieder draußen ist?
"Der Alltag", sagt Hanna Baumeister, "ist der größte Feind der Liebe, und man merkt manchmal erst spät, daß er sie schon besiegt hat." In ihrer damaligen Beziehung empfand sie sich als "ganz normal gescheitert". Es fehle nicht mehr viel, dachte sie schließlich, "und du wirst böse".
Dabei hätte die junge Frau mit sich zufrieden sein können. Sah sie sich früher als "durchschnittlich begabtes Mädel vom Lande", hetzte sie bald im Leihwagen als Managing Director einer Firma durch das Land oder jettete von Weltstadt zu Weltstadt. Auch ihre Ängste vor Fremden hatte sie weggekämpft. Vor wenigen Jahren noch brauchte sie Minuten der Überwindung, bevor sie zum Telefonhörer greifen konnte, selbst wenn es sich um einen unbedeutenden geschäftlichen Anruf handelte. Auf einem Flug nach San Francisco hatte sie einmal 13 Stunden lang die Oberschenkel zusammengepreßt, weil sie sich schämte, an den anderen vorbei zur Toilette zu gehen.
Aus dem "dicken Bündel Angst" war eine gestandene Frau geworden, gut verdienend, souverän und fast als schön einzuschätzen, wöge sie nicht 100 Kilo, für ihre Größe mindestens 30 zuviel.
Der bodenständige Lebensgefährte sorgte für ihre Erdung zwischen den Geschäftsreisen. Nur über Malerei, eine ihrer Leidenschaften, konnte sie sich mit ihrem Freund nicht unterhalten. Du wirst nie alles bei einem finden, dachte sie sich - bis zu jenem Tag, an dem sie begriff, daß sie in einem ihr fremden Leben gelandet war.
Damals fiel ihr eine Kontaktanzeige auf. "Zur Zeit nicht lieferbar" stand da als abschließende Wendung. Darunter konnte sie sich nichts vorstellen, aber der Stil der Anzeige gefiel ihr, und sie schrieb zurück. Der Mann reagierte sofort, eine Weile gingen Briefe hin und her - in "einem Ton zwischen Witz und Ironie". Schließlich wollte sie wissen, was mit seiner "Lieferbarkeit" gemeint sei. Der Brieffreund, in den Hanna Baumeister inzwischen schon "heillos verliebt" war, antwortete, er sitze im Knast, verurteilt wegen fünf Banküberfällen, von denen drei tatsächlich auf sein Konto gingen. Müsse er seine Strafe ganz verbüßen, habe er noch acht Jahre.
Keine Fotos, verabredeten beide, ihr erstes Treffen sollte ein Blind-date sein. "Der hätte aussehen können wie Quasimodo", erzählt Hanna Baumeister, "es wäre mir egal gewesen." Gleichgültig waren ihr auch die demütigenden Sicherheitsvorkehrungen, das Durchsucht-Werden von Kopf bis Fuß, das Zuschnappen der gerade erst geöffneten Türen, der turnhallengroße Raum, in dem sie ihre erste Begegnung mit 50 anderen, einander an Holztischen gegenübersitzenden Paaren teilen mußte. Sie war sich ihrer Sache sicher: Der eingesperrte Mann würde sie aus dem Gefängnis ihres falschen Lebens befreien.
Bei seinem ersten Urlaub nach sechs Jahren Haft empfing Hanna Baumeister ihren neuen Freund zittrig mit Lachshäppchen und einem Glas Champagner. Am Abend bevor er zurückkehren mußte, fragte er, was sie davon halte, wenn er nicht ginge. Sie war einverstanden. Zwei Monate arbeitete er - "fast beleidigt, daß man ihn nicht suchte" - als Finanzmakler. Die Arbeit gefiel ihm, er hat, sagt sie, "ein Händchen für Dollarkurse". Schließlich flüchtete das Paar nach Dänemark, um zu heiraten. Auf der Rückreise wurden beide an der Grenze verhaftet.
"Nehmt diese Dinger ab!" schrie Hanna Baumeister den Beamten an, der reagierte nicht, sondern führte sie in Handschellen ab. Wohin man ihren Mann bringen würde, sagten die Beamten ihr nicht. Über das traumatische Erlebnis half sie sich mit Beruhigungstabletten hinweg.
Drei Monate lang, in der "Honeymoon-Zeit", durfte sie ihren Mann nur durch eine Trennscheibe sehen und sprechen. Die Schuppenflechte, die sie als junges Mädchen besiegt zu haben glaubte, blühte wieder auf. In der Firma riet man ihr, den Arbeitsplatz zu räumen. Ein Kollege, dem sie sich anvertraute, hatte die Geschichte ihrer Flucht herumerzählt.
Das Leben flog Hanna Baumeister um die Ohren. Seine Trümmer bestanden im Schlangestehen vor dem Arbeitsamt, im Abzählen des Kleingeldes für den Bus, in der Verabschiedung von Freunden, die sich nicht mehr als solche erwiesen. Es gab jetzt nur noch den geliebten Mann. Aber der konnte nicht vorbeikommen, wenn sie sich schlecht fühlte, nicht mal auf einen Sprung. Auch mit seinen Eifersuchtsanfällen, seinem Mißtrauen und seinen Depressionen mußte sie allein fertig werden. Aus dem Gefängnis heraus beriet der Ehemann Hanna Baumeister beim Gründen einer Firma für Produktmanagement. Er will mit einsteigen, wenn er entlassen wird. In sieben Monaten oder in sechs Jahren. Je nachdem, wie der Haftrichter gelaunt ist am Tag der Entscheidung.
Sein Hang, Banken zu überfallen, macht ihr keine Sorgen. Der Junge habe damals einfach den Nervenkitzel gebraucht, glaubt sie, er habe seine Grenzen erproben und es den Kollegen zeigen wollen.
Außerdem war die Waffe bloß eine Spielzeugpistole, und seine Ansprache an die zu Tode erschrockenen Bankangestellten muß, nach allem, was sie gehört hat, ganz charmant gewesen sein. Er sei eben ein "forschender Geist in jeder Hinsicht". In Zukunft wird er seine Begabung auf die gemeinsame Firma konzentrieren. Da gibt es für sie keinen Zweifel.
Sie liebt an ihm das Spielerische, diese "Freude, auf der Welt zu sein". Also spielt sie mit. Das Funkgerät zum Empfang von Wortnachrichten, das sie ihrem Mann zusteckte, wurde nach einer Woche konfisziert. Als ihr Mann wegen seiner Stimmungsschwankungen in die sozialtherapeutische Anstalt verlegt wurde, wartete sie stundenlang, damit sie in einem kleinen Raum mit ihm allein sein konnte. Er zeigte ihr, daß man im toten Winkel unter der Tür sogar Liebe machen kann, ohne daß jemand was merkt.
Andere Frauen schmuggeln Schnaps in Shampooflaschen in den Knast oder verstecken Hühnchenhälften im Mieder. Hanna Baumeister bringt ihrem Mann das neue Herrenparfüm von Calvin Klein mit. Die 30 Kilo zuviel hat der Streß abgebaut, den federnden Gang auf getigerten Pumps hat sie trainiert, bis er stimmte.
Wenn ihr Mann bequem wird, wenn er ihr zu verstehen gibt, daß er sich ganz gut eingelebt hat im Knast, packt sie ihn an den Schultern und schüttelt ihn: "Du wachst sofort wieder auf!" Es gibt zuviel zu verlieren: Er ist der Mann, "mit dem man sich im Schlamm wälzen und abends im Smoking Walzer tanzen kann". Und so einen hat sie immer gesucht.
Manfred Foerster, seit 18 Jahren Leiter der Frankfurter Beratungsstelle für Freiwillige in der Straffälligenhilfe, kennt solchen Enthusiasmus auch von den Frauen, die sich ehrenamtlich um Strafgefangene kümmern. Auch bei ihnen verwandelt sich oft die Betreuung in Passion.
Am Anfang spielt der Inhaftierte den Part des Romantikers, und die Frau bleibt auf dem Boden der Wirklichkeit. Irgendwann dreht sich das Verhältnis um, und der inhaftierte Mann übernimmt die Regie. Am deutlichsten sichtbar wird diese Wandlung bei Gewalttätern. "Wenn man deren Briefe liest", erzählt Foerster, "muß man Gefängnisse für wahre Minneschmieden halten." Er rätselt oft, "ob sich da ein anderer Teil der Persönlichkeit zeigt oder ob das Schauspielerei ist".
Eine Frage, von der auch Birgit Riemers nicht loskommt. Die geschiedene Mutter einer achtjährigen Tochter hatte auf ihre Kontaktanzeige Antwort aus der JVA Straubing erhalten. Die Beziehung wurde bald so intensiv, daß sie sich täglich schrieben. Als "sensibel, verständnisvoll und genau bis in die Details", empfand Birgit Riemers die Briefe, die sie von dem Mann bekam, der wegen Körperverletzung mit Todesfolge einsaß. Besonders erstaunte sie, wie sich der inhaftierte Mann in die Gefühle ihrer Tochter versetzen konnte: "Nichts an dem Kind war ihm fremd."
Inzwischen hat sie jemanden gefunden, der ihr erklären kann, was damals geschehen ist. Ihr neuer Freund weiß, wie Männer im Knast ticken - er wurde vor einem halben Jahr nach 15 Monaten Haft entlassen. Er lacht bitter, wenn sie wieder davon anfängt. "Deine Tochter ist frei", sagt er spöttisch, "du hast da drinnen Verständnis für alles, was freie Menschen tun. Du warst seine Chance, der hat dich über deine Tochter geködert."
Birgit Riemers sträubt sich gegen diese Version. Daß alles nur Kalkül gewesen sein soll, mag sie nicht glauben. Dafür waren die Gespräche zu tief. Zu sehr hatte sie es genossen, "so unendlich gebraucht zu werden". Sie hielt es für ausgeschlossen, daß dieser Mann seine Verlobte mit über 40 Messerstichen umgebracht haben könnte. Außerdem hatte er seine Unschuld beteuert. "Im Gefängnis", glaubte Birgit Riemers, "herrscht totale Offenheit."
Das flaue Gefühl schlich sich kurz nach der Hochzeit im Juni des vorigen Jahres ein. War diese Heirat für ihn doch nur Mittel zum Zweck? Ging es ihm vielleicht doch ausschließlich um die Verlegung von Bayern nach Hessen, wo er eher damit rechnen konnte, nach zwei Drittel seiner Haftzeit entlassen zu werden?
In ihrem Heimatort kaufte sie kaum noch ein, weil die Leute "scheppig guckten und hinter vorgehaltener Hand tuschelten". Sie suchte Ruhe, um sich Klarheit zu verschaffen. Ihr Mann reagierte panisch. Er esse nichts mehr, schrieb er ihr, ob sie das mit ihrem Gewissen vereinbaren könne? Plötzlich sah sie sich "massiv unter Druck gesetzt". Als seine Liebesbriefe in wüste Tiraden umschlugen, begriff sie: Du kennst den nicht, kein bißchen.
Nachts lag sie wach und grübelte. Hat er vielleicht doch zwei Seiten? Ist er vielleicht doch der "aggressive Psychopath", als der er im Urteil beschrieben wird? Ist er möglicherweise doch schuldig?
Auch heute ist Birgit Riemers sich nicht sicher. Jedesmal, wenn sie sich für "schuldig" entscheidet, fallen ihr die Briefe ein, seine Zärtlichkeit, sein Verständnis für alles. Beim Sprechen darüber verschlingen sich ihre Sätze. Es scheint ihr "nicht mehr im Bereich des Ausgeschlossenen, daß er es getan haben soll".
Ihr neuer Freund schüttelt fassungslos den Kopf. Für ihn ist der Fall klar. Pure Berechnung. "Du mußt dein Ich abstreifen da drinnen", versucht er ihr zu erklären, "sonst überlebst du nicht, es ist da drinnen wahnsinnig gefährlich." Nach einem halben Jahr im Knast, das hat er an sich selbst beobachtet, sei das Einfühlungsvermögen in die anderen verdoppelt. Die Instinkte funktionierten messerscharf, man erkenne im Bruchteil einer Sekunde, wie der Beamte, der die Tür aufschließt, gelaunt ist. Nur sich selbst lerne man nicht kennen. Und man verliere die Übung, mit Streßsituationen umzugehen, wie sie draußen zum Alltag gehören.
Die Geschichte von Edwin fällt ihm ein, der nach zwölf Jahren Haft für den Totschlag an seiner Frau in den offenen Vollzug durfte, seine neue Freundin hatte sich dafür eingesetzt. Einen Monat nach seiner Entlassung war sie tot, von Edwin erstochen. Sie fand nicht gut, daß er gesoffen hatte: "Streß. Bums. Aus."
Überrascht hat ihn die Sache nicht: "Nach zwölf Jahren im Knast ist dir egal, ob du wieder rein mußt, dann läufst du rum wie eine wandelnde Zeitbombe." Wenn ihr neuer Freund seine Ausbrüche hat, schweigt Birgit Riemers. Die Zigarette, die er ihr in den Mund steckt, weist sie nicht zurück, auch seinen fest um ihre Schulter gelegten Arm nicht. Als ihr Pudelmischling auf den Anpfiff des neuen Mannes im Hause nicht reagiert, sondern auf ihren Schoß flüchtet, entschärft sie diplomatisch die Lage: "Der gehört zu seinem Frauchen, der ist doch aus dem Tierheim." Der Freund droht dem Hund: "Warte nur, was passiert, wenn du heute abend raus willst."
Natürlich gebe es so was wie mit Edwin, sagt Birgit Riemers leise, bei ihrem Ehemann hält sie es trotz allem für unwahrscheinlich: "So einen Menschen kann man sich nur erträumen, so wie der war. Der war das Idealbild eines Partners." Daß der Ehemann sie sexuell nicht bedrängte, vertiefte ihren Glauben an die Seelenverwandtschaft. Frauen, die sich an Häftlinge binden, erklärt die Münchner Psychologin Maria Marshall, wollen oft dem "sexuellen Vollzug ausweichen, empfinden aber einen Eros des Helfens".
Für Therapeuten, die mit Gewaltverbrechern arbeiten, sind die Erfahrungen von Birgit Riemers klassisch. "Gewalttäter", schreibt die Sozialtherapeutin Heide Möller, "inszenieren ihren Innenkonflikt in der Außenwelt. Sie unterteilen ihre Mitmenschen in ganz gute oder ganz böse." Die Frauen vollziehen diese Spaltung nach. Auch Manfred Foerster wundert es immer wieder, "wie schnell die Tat verdrängt wird; da kann einer für Prostitution oder Vergewaltigung einsitzen, wenn der sagt, nur die blühenden Bäume vor dem Fenster hielten ihn am Leben, trauen die Frauen ihm kein Verbrechen mehr zu". Vielen Gewalttätern gelinge es, die Frauen davon zu überzeugen, daß ihnen ihre Tat selbst unbegreiflich ist. Das Rätsel, das die Männer sich selbst sind, glaubten die liebenden Frauen lösen zu können.
Für Foerster haben Liebesbeziehungen zwischen Knast und Freiheit nur dann eine Chance, wenn sich Mann und Frau darüber Klarheit verschaffen, wie es zu dem Delikt kam.
Katja Jeschke, 26, hat sich dieser Frage gestellt. Sie hält es für ein großes Glück, daß ihr Freund Michael beim Versuch, Heroin von Holland nach Deutschland zu schmuggeln, erwischt wurde: "Der wäre sonst immer tiefer in die Beschaffungskriminalität reingerutscht." In einem Jahr wird er aus dem Gefängnis in Dieburg entlassen, mit einer abgeschlossenen Ausbildung zum Drucker.
Wie Hanna Baumeister verliebte auch sie sich in den inhaftierten Mann, als sie selbst "in der Schräglage gelandet" war. Wohlbehütet erlebte sie damals bei den Schwiegereltern eine zweite Kindheit. In ihrer ersten war sie ständig zwischen Mutter, Vater und Großmutter herumgeschubst worden. Mit 18 flüchtete sie zu ihrem Freund und wurde schwanger. Die großbürgerlichen Schwiegereltern schafften Ordnung in der jungen Familie. Im eigenen Haus richteten sie ihr eine Wohnung ein, der junge Kindsvater sollte sich auf seine Berufslaufbahn konzentrieren.
Die Ausbildung zur Erzieherin, die Katja Jeschke begann, betrachteten Schwiegereltern und Freund als ein gehobenes Hobby, in dem sich die junge Mutter eine sozialpädagogische Traumwelt aufbaute. Hier kannst du nicht bleiben, dachte sie immer öfter. Aber einfach wegzugehen traute sie sich nicht. Sie wollte ihren Sohn nicht der Unsicherheit aussetzen, die ihr selbst noch in den Knochen steckte.
Einmal erkundigte sie sich nach einem ehemaligen Kollegen, für den sie "ein kleines Faible" gehabt hatte, und erfuhr, daß er im Darmstädter Gefängnis sitze.
Beim ersten Treffen sprach er kaum. "Der glaubte nicht, daß jemand das mit ihm durchstehen will." Wenn auch sie schwieg, hörten beide nur das Piepen der Funkgeräte, "absolut grausam".
Nach ihrem zweiten Besuch packte sie ihre Sachen und zog mit dem Sohn zu einer Freundin. "Du kannst dich auf mich verlassen", sagte sie ihrem Freund, "wenn eines von Anfang an klar ist: Heroin kommt in meinem Leben nicht in Frage."
Manchmal ängstigt sie der Gedanke, daß es zu einem Großteil von ihr abhängen wird, ob er clean bleibt. Mit dieser Sorge ist sie allein. Ihre Mutter und ihre Geschwister haben den Kontakt zu ihr abgebrochen. Wie sie einen Mann, der sie gut versorgte, für einen Dealer aufgeben konnte, will ihnen nicht in den Kopf. Den Freunden verschweigt Katja Jeschke selbst die kleineren Probleme, weil sie den Satz nicht mehr hören kann, der dann kommt: "Du hast doch gewußt, worauf du dich einläßt."
Ihr Freund darf jetzt jedes zweite Wochenende bei ihr verbringen. Die Zeit verfliegt beim Organisieren. Manchmal möchte sie mehr von ihm erfahren, aber sie verschiebt ihre Fragen auf später. Auch einen ernsten Streit riskiert sie im Moment noch nicht.
Was kommt nach der Entlassung? Generell sind die Prognosen für die Zeit der Wunscherfüllung nicht günstig. Manfred Foersters Beobachtungen zufolge ist es eher die Regel als eine Ausnahme, daß eine Ehe zehn Jahre Knast übersteht, aber in den ersten zwei Wochen danach zerbricht. Der trennende und verbindende Feind, die Anstalt, ist fort. Für den Alltag fehlt dem Paar das Training.
"Man braucht Strategien", sagt Hanna Baumeister. Sie plant, ihren "Kamikaze-Helden" als Sekretär in ihrer Firma einzustellen, mit einem geringen Gehalt. Was er über das Notwendigste hinaus verdient, gehört den Versicherungen der Banken, die er überfallen hat.
Birgit Riemers hat die Scheidung eingereicht, sie will ihren Mann nicht wiedersehen. Angst vor ihm hat sie keine.
Katja Jeschke macht sich auf eine lange Suche nach einem Job für ihren Freund gefaßt. Danach soll es losgehen: Heirat, ein Reihenhaus mit Auto davor und Garten dahinter, in drei Jahren ein zweites Kind. Irgendwann möchte sie neben ihm auf einer Parkbank sitzen und den Enkelkindern ihre Geschichte erzählen. "Im Leben hätte ich nicht geglaubt", strahlt sie, "daß ich so was mal für das Glück halten würde."
* Namen der Frauen von der Redaktion geändert.
Von Doja Hacker

DER SPIEGEL 38/1997
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