22.09.1997

Der Herbst der Terroristen

Terrorismus (II): Viermal war ein Hinweis auf den Aufenthaltsort des von der RAF entführten Arbeitgeberpräsidenten Schleyer bei der Polizei verschlampt worden. So strebt der Deutsche Herbst 1977 beinahe zwangsläufig seinem blutigen Höhepunkt zu: Der Staat blieb konsequent - und die Entführer bekamen Hilfe von einer palästinensischen Terrorgruppe. Von Georg Bönisch
Schleyers Gefängnis, die Wohnung 104 im Hochhauskomplex Zum Renngraben 8 in Erftstadt-Liblar, bestand aus Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer, Diele, kleinem Flur, Küche und Bad.
Auf dem Boden der Diele lagen zwei runde Reisstrohteppiche und ein roter Läufer. Direkt neben der Küchentür stand eine grüne Bodenvase mit rotem Band und auf dem Schuhschrank ein Holzbild, Motiv: "Jäger mit Gewehr und Hund".
Das kleine Bad war hellblau gekachelt. Das Kinderzimmer war leer, das Wohnzimmer dominierte ein schwarz-weiß gemusterter Teppich. Das Schlafzimmer war mit knapp 24 Quadratmetern der größte Raum. Neben dem Doppelbett lag auf dem Fußboden eine Matratze.
Viermal hatte die örtliche Polizei per Fernschreiben auf die Wohnung hingewiesen. Viermal war das Versteck der Terroristen als höchst verdächtig beschrieben worden. Die Beamten vor Ort waren sicher, daß der Arbeitgeberpräsident hier gefangengehalten wurde. Doch alle Hinweise wurden verschlampt (SPIEGEL 38/1997). Mindestens zehn Tage verbrachte die Geisel Schleyer in diesen Räumen, zehn Tage, in denen sie hätte befreit werden können.
An den Wänden zum Hausflur hin hatte der RAF-Techniker Boock Mauermikrofone angebracht, die verdächtige Geräusche draußen registrieren sollten. Unter beiden Betten steckten ebenfalls Mikrofone, die durch Leitungen mit einem Tonbandgerät in der Küche verbunden waren. Es sollte die gesamte Zeit laufen und jede Äußerung Schleyers aufzeichnen.
Einen Einbauschrank im Flur hatte Boock auf besondere Weise präpariert. Die Innenseiten waren dick mit Schaumstoff ausgeschlagen, an der Wand hing eine Schließkette. Schon am ersten Tag hatte Boock Schleyer das Versteck gezeigt: "Da hört dich niemand. Wenn du dich normal verhältst, setzen wir dich nicht da rein."
Zwar betonte der Terrorist später, Schleyer sei nie in den Schrank gesperrt worden. Doch eingehende makro- und mikroskopische Untersuchungen im BKA-Labor KT 3 ergaben, daß "108 der 190 gefundenen Haarspuren mit den Vergleichkopfhaaren des Dr. Schleyer" übereinstimmten. Allerdings erklärten die Wissenschaftler auch, eine "sichere individuelle Zuordnung im Sinne einer Identitätsbestimmung" sei "nicht möglich". Die Konstrukteure dieses Verlieses waren dieselben, die laut die angebliche Isolationsfolter in deutschen Gefängnissen angeprangert hatten.
Im Kühlschrank lag ein Vorrat an Nahrungsmitteln bereit, für ihr Opfer hatten die Entführer "Alete"-Kindernahrung besorgt. "Die verträgt jeder", so Boock, "auch wenn er einen kaputten Magen hat oder vor Aufregung nur so kotzt."
Schleyer wurde ständig befragt. Die Entführer hatten für diese "Verhöre" (Boock) eine bestimmte Dramaturgie festgelegt. Belanglose, aber überprüfbare Fragen sollten sich mit harten Vorhalten abwechseln. Boock erinnert sich, daß Schleyer öfter kopfschüttelnd sagte: "Also Leute, die Vorstellungen, die ihr da habt, die sind ja nun sehr geprägt von eurer Einstellung."
Die Verhöre wurden prinzipiell von zwei Terroristen durchgeführt. Einer fragte, und der andere mischte sich aus dem Hintergrund nur gelegentlich ein. Der geplante harte Kurs in den Verhören hielt nur am ersten Tag. Denn Schleyer, so Boock, entsprach "in keiner Weise unseren Klischees und unseren Vorstellungen über ihn".
"Der Typ" (Boock) war jovial, machte Witze, erzählte von seiner Internierung und daß er "ja nicht das erste Mal gefangen" sei. Wenn die Rede auf seine Nazi-Vergangenheit kam, wirkte er auf seine Peiniger aufrichtig, und selbstkritisch.
Schon bald duzte der Arbeitgeberpräsident seine Bewacher. Er erkannte wohl den einen oder anderen. Boock aber war ihm unbekannt, und er fragte ihn einige Male nach seinem Namen. Doch der schwieg.
Der Fernseher Marke Samurai war ständig eingeschaltet. Schon am 5. September, dem Tag der Entführung, hatten Schleyers Bewacher um 21.30 Uhr in der ARD Bundeskanzler Schmidt gesehen und gehört, mit einer Erklärung, die anklingen ließ, was sich später bewahrheiten sollte. Die Regierung war entschlossen, den Forderungen der Entführer unter keinen Umständen nachzugeben: *___Während ich hier spreche, hören irgendwo sicher auch die ____schuldigen Täter zu. Sie mögen in diesem Augenblick ein ____triumphierendes Machtgefühl empfinden. Aber sie sollten sich ____nicht täuschen. Der Terrorismus hat auf die Dauer keine ____Chancen, denn gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille ____der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille ____des gesamten Volkes.
Auf die erste Nachricht "an die bundesregierung" hatte der Kanzler, einem Ratschlag Herolds folgend, nicht reagiert. Es ging von Beginn an um Zeitgewinn.
Am Nachmittag des 6. September fand die Tochter eines evangelischen Dekans im Briefkasten ihres Wiesbadener Hauses einen Umschlag, auf dem ebenfalls "an die bundesregierung" stand. Wiesbaden, die Stadt des BKA, war mit Bedacht ausgewählt worden. "Wir wollten ihnen zeigen", sagt Boock, "daß wir keine Angst und keinen Respekt vor ihrer Fahndung haben."
Dem Brief waren zwei Fotos Schleyers beigelegt, eines zeigte ihn mit dem Schild "Gefangener der RAF". In Kleinbuchstaben hieß es: *___am montag, den 5. 9. 77 hat das kommando siegfried hausner den ____präsidenten des arbeitgeberverbandes und des bundesverbandes ____der deutschen industrie, hanns martin schleyer, ____gefangengenommen.
Die Entführer verlangten die "sofortige einstellung aller fahndungsmaßnahmen - oder schleyer wird erschossen". Als Bedingung für seinen Austausch forderten sie, elf "gefangene aus der raf", allen voran Andreas Baader, "in ein land ihrer wahl" ausreisen zu lassen. Als "garantie für das leben der gefangenen" während des Fluges schlugen die Entführer vor, "payot, den generalsekretär der internationalen föderation für menschenrechte bei der uno", sowie den Pfarrer Martin Niemöller mitzuschicken. Jedem Gefangenen sollten 100 000 Mark mitgegeben werden.
Schleyer selbst schrieb dazu in seiner markanten Handschrift: *___Mir wird erklärt, daß die Fortführung der Fahndung mein Leben ____gefährde. Das gleiche gelte, wenn die Forderungen nicht erfüllt ____und die Ultimaten nicht eingehalten werden. *___Mir geht es soweit gut, ich bin unverletzt und glaube, daß ich ____freigelassen werde, wenn die Forderungen erfüllt werden. Das ____ist jedoch nicht meine Entscheidung.
Es war die erste von zahlreichen Nachrichten, die im Laufe der Wochen schriftlich, fernmündlich oder per Videotape bei Zeitungsredaktionen, dem in Genf residierenden Vermittler Denis Payot, der Familie, Freunden oder der Bundesregierung eingehen sollten.
Kurz nach 19 Uhr stürmte Kanzler Schmidt ins Büro des Oppositionsführers: "Herr Kohl, ich muß Sie mal unter vier Augen sprechen." Die Mitarbeiter des CDU-Fraktionschefs verließen wortlos den Raum. Schmidt schilderte knapp den Wortlaut des Entführerschreibens und stimmte seine Taktik mit Kohl ab - ein Austausch sollte auf jeden Fall vermieden werden. Der Christdemokrat war einverstanden.
Am Abend trommelte Schmidt, genau um 23.33 Uhr, das Bundeskabinett und einen "Großen Politischen Beratungskreis" zusammen; als der Kanzler den Kabinettssaal betrat und auf ein Gewimmel von 40 Personen schaute, brach es aus ihm heraus: "Das ist kein Krisenstab, sondern eine Massenversammlung."
Das in der deutschen Geschichte einmalige Gremium, schon bald im Sprachgebrauch Großer Krisenstab genannt, diente dem Kanzler als Sicherheitsnetz. Dort zog er Oppositionsführer Kohl und CSU-Chef Strauß mit in die "Gemeinsamkeit der Demokraten" und direkt hinein in die Verantwortung.
Ein zweiter, wichtigerer Zirkel, die "Kleine Lage", eine Mischung aus Notstandsgremium und Führerbunker, übernahm Polizei- und Regierungsgewalt; das Kabinett war Statisterie. "Ich bitte die Kollegen um Verständnis, daß in einem riesigen Kreis Entscheidungen nicht zu treffen sind", erklärte Schmidt dem Kabinett, "es gibt schließlich Schwätzer." Er versprach Ausnahmen: "Bei politisch und moralisch relevanten Entscheidungen werde ich das Kabinett zuziehen."
Im Schmidt-Rottluff-Zimmer des Kanzleramts saßen sie alle zusammen, oft mehrmals am Tag, warteten auf ein Lebenszeichen Schleyers oder auf ein neues Ultimatum. Stundenlang entwarfen und redigierten sie Briefe an die Entführer, oft stritten Herold und Schmidt um einzelne Worte. "Goethe hätte sicher anders formuliert", mäkelte der BKA-Chef einmal. "Schluß", entschied der Kanzler, "das ist nicht von Goethe, aber von Schmidt."
Drei Ziele wurden aufgestellt: Schleyer retten, die Terroristen fangen, Handlungsfähigkeit des Staates zeigen. Das bedeutete, so hieß es später in einer Regierungsdokumentation, "die Gefangenen, deren Freilassung erpreßt werden sollte, nicht freizugeben". Auf dem Weg dahin galt es, so der Kanzler, "den Zeitgewinn zu nutzen".
"Die Hoffnung war da, ihn zu finden", sagt Schmidt. "Aber eine sichere Hoffnung konnte es nicht geben." Mit Schleyers Tod mußte, so der Kanzler später, immer "gerechnet" werden. Allen Beteiligten war bewußt, wenn die Geisel nicht befreit werden konnte und der Staat hart blieb, war Schleyer verloren. Dennoch sollte es kein Pardon geben. Nachgeben wäre für ihn, erklärte der Kanzler in der Lage am 6. September, "gleichbedeutend mit dem Zusammenbruch des Staates". Diese tödliche Konsequenz suchten alle zu verbergen - auch gegenüber der Familie des Opfers.
Bei den Fahndern in Köln pflanzte sich das Chaos der ersten Stunden fort. Was sich in der Praxis der Strafverfolgung abspielte, konterkarierte den Theoretiker Herold in tragischer Weise. Am Morgen des 6. September hatte der Soko-Chef einen ersten Sachstandsbericht gegeben. Seine "Ausführungen ließen jede Klarheit vermissen", kritisierten die Autoren des polizeilichen Ablaufkalenders, "und machten den bis dahin vorhandenen Ermittlungsstand nicht durchsichtig".
Dabei waren Herolds Archive und Computersysteme mit Daten überfrachtet. Neben PIOS existierten 37 Dateien und Karteien, in denen 4,7 Millionen Personennamen und 3100 Organisationen abgespeichert waren; die "Zentrale Kontaktdatei" registrierte 60 000 Menschen, die nach den lockeren BKA-Kriterien irgendwie mit Terrorismus zu tun hatten - und sei es, daß einer nichtsahnend einem RAF-Sympathisanten sein Auto verkauft hatte.
Über 100 Personen aus der Terrorszene saßen in Haft, gegen 240 Verdächtige liefen Ermittlungsverfahren, bei 70 von ihnen wurde das Telefon zeitweise oder rund um die Uhr abgehört. Der strengen polizeilichen Beobachtung unterlagen 1200 Fahrzeuge und 1440 Personen, etwa 6000 siedelte das BKA im selbst definierten "terroristischen Umfeld" an.
Für den Fall der Fälle aber traute Herold seinem "Großen Bruder" nicht. Die "Informationen, die wir brauchen" nach einem Terrorschlag, klärte er seinen Adlatus auf, den Kriminaldirektor Wolfgang Steinke, müßten "eigentlich vom Hausmeister kommen" oder von einer anderen Nachrichtenbasis, "etwa Maklern".
Daß die längst vorlagen, ohne daß er davon wußte, hat Herold nie verwunden. Während die entsprechenden Hinweise aus Erftstadt-Liblar auf dem Dienstweg versandeten, warteten 300 Polizisten ungeduldig darauf, loslegen zu können. Dies war nicht möglich, weil das BKA alle Spuren erst "verkarten", karteimäßig erfassen mußte. Der Polizeichronist vermerkte: *___Durch die bisher aufgelaufenen und nicht erfaßten Spuren war ____ein Abgleich der Spuren untereinander und mit Erkenntnissen aus ____dem PIOS-System nicht möglich. Es kam deshalb zu zahlreichen ____Mehrfacherfassungen.
"In Einzelfällen" seien Hinweisgeber "bis zu sechsmal" befragt worden, "verdächtige Objekte wurden mehrfach überholt". Diese "Unzulänglichkeiten", resümierte der Chronist, "konnten erst nach zehn Tagen gemildert werden" - es waren genau jene zehn Tage, die Schleyer als Geisel in der Wohnung 104 verbringen mußte.
Unterdessen rief Bundeskanzler Schmidt im Krisenstab das Thema "exotische Vorschläge" zur Rettung Schleyers und zur Ergreifung der Täter auf. Staatssekretär Siegfried Fröhlich aus dem Bundesinnenministerium war mit einem Beamten seines Hauses und Geheimdienstexperten in Klausur gegangen, um auftragsgemäß "das Undenkbare zu denken". Jetzt trug er die Ergebnisse vor, und die Teilnehmer der Runde steuerten ihre Ideen bei. Am Ende der Sitzung hielt der Protokollführer neun "Modelle" fest: *___Nr. 1: Ein "Sonderkommando" wird das Flugzeug mit den ____freigelassenen Häftlingen im Zielland "empfangen". *___ *___Nr. 2: Die Freigepreßten in ein "falsches" Flugzeug einsteigen ____lassen. In der "Doublette" werden sie eingebunkert. Ein zweites ____Flugzeug mit den gedoubelten Häftlingen landet am gewünschten ____Zielort. *___Nr. 3: Drohung gegenüber Terroristen mit "Repressalien" auch ____gegen nahe Angehörige, wenn Schleyer nicht freigelassen werde. ____Der Bundespräsident könnte dafür gewonnen werden. *___Nr. 4: Den Schlupfwinkel der Entführer auffinden, gewaltsam ____eindringen, auch wenn dies für Geisel und Bewacher den Tod ____bedeute. *___Nr. 5: Mitwissern oder Beteiligten aus dem Umfeld wird ____zumindestens Strafmilderung und eine neue Identität angeboten, ____wenn sie zur Aussage bereit sind (Kronzeugenlösung). *___Nr. 6: Der Bundestag ändert unverzüglich Artikel 102 des ____Grundgesetzes, der lautet: "Die Todesstrafe ist abgeschafft." ____Statt dessen können nach Grundgesetzänderung solche Personen ____erschossen werden, die von Terroristen durch ____menschenerpresserische Geiselnahme befreit werden sollen. Durch ____höchstrichterlichen Spruch wird das Todesurteil gefällt. Keine ____Rechtsmittel möglich. *___Nr. 7: Das vorhergehende Modell wird öffentlich als Absicht der ____Bundesregierung oder des Deutschen Bundestages angekündigt. ____ ____Die Geiselnehmer sollen zum Nachgeben bewegt werden, um das ____Leben der RAF-Häftlinge nicht zu gefährden. *___Nr. 8: Für Terroristen wird ein erweitertes Haftrecht ____geschaffen. Sie werden in einem "Internierungslager" ____festgehalten. *___Nr. 9: In Verbindung mit Nr. 5 erörtert. Persönlichkeiten der ____Sympathisantenszene werden für Appelle und Einflußnahme auf ____Terroristen gewonnen.
In der Diskussion wurden die Fragwürdigkeiten der meisten Modelle bald erkannt. Justizminister Hans-Jochen Vogel lehnte rundweg die Idee der Todesstrafe ab, über die es "eine ziemlich lebhafte Debatte" (Vogel) gab. Oppositionsführer Kohl sann mit verklausulierten Wendungen über "Möglichkeiten der Drohung" nach. Er konnte sich gut vorstellen, Druck auszuüben, "wie ich es zurückhaltend ausdrücken will". Er sprach von "Repressalien": "Auch die Gefangenen sind ein Pfand."
"Totenstille" sei eingetreten, so ein Teilnehmer, als Strauß schließlich deutlicher wird: "Da hat uns allen der Atem gestockt." Zwei Möglichkeiten stellt er zur Wahl: "Einen nach dem anderen aus dem Gefängnis rauszulassen", dann in einem "Ausnahmezustand" die Jagd eröffnen - "oder alle Stunde einen erschießen".
BKA-Chef Herold war zu diesem Zeitpunkt noch immer fest davon überzeugt, Schleyer lebend befreien zu können. Immer wieder fragte er seine Vertrauten, ob "sich denn der Gegner aus der aufgestellten Falle, in die er getappt sein muß, wirklich schon befreit haben könnte". Sie stärkten ihm den Rücken. Schleyer müsse sich "noch in nicht allzu weiter Entfernung vom Tatort befinden", angesichts des "enormen Fahndungsdrucks im Kölner Raum" sei eine "Fluchtaktion doch viel zu riskant".
Tatsächlich waren zur Vorbereitung des Unternehmens "Vollkontrolle", jener Aktion, mit der die Geisel befreit werden sollte und mit deren Anlaufen die Ortspolizisten in Erftstadt-Liblar täglich rechneten, Hunderte von Polizisten unterwegs. Streifenwagen jagten durch die Straßen, der Staat zeigte Präsenz. Als einer der Schleyer-Bewacher von einem Trip nach Köln zurückkehrte, meldete er seinen Komplizen nervös die Beobachtung, daß ein paar Kilometer weiter Polizisten von Haustür zu Haustür zögen und Bewohner befragten - es war das Startsignal zur Flucht.
Boock: "Es war klar, erstens kommen sie auch irgendwann auf unsere Wohnung, zweitens, die Situation in dem ganzen Gebiet wird schneller enger, als wir es ursprünglich gedacht hatten." Eine RAF-Frau wurde beauftragt, im holländischen Den Haag ein Haus zu mieten. Das neue "Volksgefängnis" lag an der Stevinstraat 266. Wegen des Mietvertrags gab es Verzögerungen. Boock machte Druck: "48 Stunden höchstens. Dann müssen wir weg sein."
Um ihr Opfer transportieren zu können, suchten sie nach einem geeigneten Behältnis. Sie probierten vom Blechkoffer bis zum tragbaren Schrank alles aus - und entschieden sich für einen riesigen Weidenkorb. Am 15., spätestens am 16. September mußte Schleyer in diesen Korb steigen. Der Lift bracht ihn in die Tiefgarage, dort luden sie ihn in einen Kombi ein und chauffierten ihn bis an die grüne Grenze nahe Aachen. Früher verliefen hier, zwei Meter unter Erdniveau, die Gleise einer Lorenbahn.
Das Fahrzeug fuhr in die Senke hinein und war aus dem Blickfeld verschwunden. Ein zweiter Kombi mit holländischen Kennzeichen wartete bereits. Der Weidenkorb, in dem Schleyer saß, wurde umgeladen; als der Kombi die Senke wieder verließ, befand er sich auf niederländischem Hoheitsgebiet.
Die Wohnung an der Stevinstraat war noch nicht ganz fertiggestellt, so daß der Transport Richtung Den Haag an einer Raststätte einen halben Tag lang unterbrochen werden mußte. Schleyer durfte kurzzeitig den Korb verlassen, um seine Notdurft zu verrichten.
Er verhielt sich völlig ruhig. Er wußte wohl, daß seine Entführer ihn auch anders hätten behandeln können. Boock: "Handfesseln, Knebel ins Maul und so weiter. Und da wir halbwegs human mit ihm umgegangen sind, hat er alles getan, um diesen Status zu erhalten."
Bei ihren Planungen waren die RAF-Kader davon ausgegangen, daß die Aktion "Spindy" nicht länger als eine Woche, höchstens zehn Tage dauern würde. Natürlich war ihnen bewußt, daß Bonn und das BKA den Faktor Zeitgewinn längst zum Kernpunkt ihrer Strategie gemacht hatten.
Andererseits rechneten sie auch nicht ernsthaft damit, daß ihre zeitlichen Ultimaten eingehalten würden. "Wir wollten", sagt Boock, "einfach permanent den Druck erhöhen."
Der Kanzler und Herold konnten auf Zeit spielen, weil die Terroristen mit ihrer Forderung nach Freilassung und dem Ausfliegen der Stammheimer dazu die Vorlage geliefert hatten. Jeder Häftling wurde eingehend nach seinen Wunschzielen befragt, und Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski, Schmidts "Troubleshooter" im Kabinett, klärte vor Ort, welche Regierung bereit sei, die Verurteilten aufzunehmen.
Zum anderen geriet es zum Vorteil, daß das RAF-Kommando "Siegfried Hausner" als Vermittler ausgerechnet den Genfer Juristen Denis Payot bestimmt hatte - in der irrigen Annahme, er sei ein hoher, für Menschenrechtsfragen zuständiger Mitarbeiter der Vereinten Nationen. Die Terroristen hofften wohl, über einen Uno-Beamten die Weltorganisation bei dem Austausch einspannen und damit die These stützen zu können, daß die RAF-Häftlinge eigentlich wie Kriegsgefangene zu behandeln seien.
Aber Payot war nicht derjenige, für den sie ihn hielten, sondern Anwalt und Präsident der "Schweizerischen Liga für Menschenrechte", einer Organisation, die mit der Uno nichts zu tun hatte.
Ansonsten hätte wohl nie der Schweizer Bundesrat für das Justiz- und Polizeidepartement, Kurt Fürgler, der Bonner Bitte entsprochen, Payots Telefon anzuzapfen. Sobald Payot telefonierte, wurde das Gespräch auf einen Sonderapparat in der Godesberger TE-Zentrale durchgeschaltet - Herolds Leute wußten von RAF-Kontakten, bevor Payot es offiziell mitteilte.
Zusätzlich überwachte der Bundesnachrichtendienst zwölf Leitungen in die Schweiz, um Telefonate zurückzuverfolgen und jene Zellen ausfindig zu machen, aus denen die Gespräche geführt wurden. Täglich wurden im Fernmeldehochhaus Frankfurt über den sogenannten Stern 15 000 bis 16 000 Gespräche in die Schweiz geschaltet, das BKA ließ alle vom Raum Köln ausgehenden Auslandstelefonate über diesen Stern laufen - sobald Payots einprogrammierte Nummer angewählt wurde, blinkten Lichter auf.
Die aufwendigste Telefonüberwachung aller Zeiten trug den Codenamen "Alaska". Allein 2000 Bereitschaftspolizisten waren nötig, um rund um die Uhr die Leitungen zu beobachten, Hunderte Beamte standen bereit, um sofort nach Eingang der Meldungen zu den Telefonzellen zu jagen.
Mehrfach war ein Erfolg greifbar nahe. Einmal blieb das Einsatzkommando im Feierabendverkehr stecken, das andere Mal hinderte eine Horde betrunkener Dortmunder Fußballfans die Polizisten am Weiterkommen, im dritten Fall standen die Fahnder schon nach kurzer Zeit vor der avisierten Zelle im Kölner Hauptbahnhof - sie war leer.
Silke Maier-Witt, eine RAF-Funktionärin aus dem zweiten Glied, hatte mit Payot telefoniert. Kurz nach Gesprächsbeginn hörte sie jemanden sagen: "Wir haben sie, es ist eine Frau dran." Sie rief noch: "Polizei hört mit, ich leg' jetzt auf" und verschwand in einem Schnellzug. Danach, sagt Silke Maier-Witt, habe "die Gruppe nicht mehr von der BRD aus telefoniert".
Der Rückzug ins Ausland erschwerte zwar die Fahndung, erleichterte aber den Terroristen - wider deren Erwartung - das kriminelle Geschäft nicht. Je länger die Geiselnahme dauerte, desto enger wurde das Verhältnis zwischen Tätern und Opfer. Eine der RAF-Frauen hatte mit Schleyer im Den Haager Versteck stundenlang "Monopoly" gespielt - und dabei gewonnen. Der Entführte fand es "urkomisch" (Boock), daß eine erklärte Kommunistin ihn, den Kapitalisten, ausgerechnet beim Raffkespiel besiegt hatte. Beide kamen ins Plaudern, redeten über Kindheit und Kunst.
Die Terroristin, die dem Entführten zu nahe gekommen war, wurde abgelöst und mußte die Wohnung verlassen. Gleichzeitig machte die Episode den Tätern klar, daß ihr Kommando viel zu groß und deshalb zu anfällig war.
Bevor sie entsprechend reagieren konnten, überschlugen sich die Ereignisse. Zwei RAF-Mitglieder gerieten am 19. September in eine Schießerei mit holländischen Polizisten, und Knut Detlev Folkerts vergaß in einem Café ein Tonbandgerät, auf dem Schleyers Aussagen im "Volksgefängnis" protokolliert worden waren.
Fluchtartig verließen die Terroristen mit ihrem Opfer das Haus an der Stevinstraat - ohne es, wie üblich, zu cleanen. Das nächste Ziel hieß Brüssel. In die Hektik platzte die Nachricht, Folkerts sei verhaftet worden.
Der hatte am 22. September zusammen mit Elisabeth von Dyck in Utrecht einen Mietwagen zurückgeben wollen und war dabei in eine Falle der Polizei geraten. Während die Frau flüchten konnte, erschoß Folkerts den Hauptwachtmeister Arie Kranenburg und verletzte den Wachtmeister Leendert Pieterse schwer.
Folkerts wurde festgenommen, und die BKA-Oberen jubelten. Herolds Computer hatten ihn als äußerst verdächtigen RAF-Terroristen erfaßt, der mit Sicherheit an der Schleyer-Entführung beteiligt gewesen sei. In ihrer Not boten ihm die Fahnder eine Million Mark Prämie und eine neue Identität an - falls er das Geiselversteck verrate. Der junge Mann spuckte nur.
Die Ereignisse in Holland zwangen die Terroristen, personell deutlich abzuspecken, um besser durchs Fahndungsnetz schlüpfen zu können. Der aus ihrer Sicht geeignete Weg war die Trennung. Wisniewski, der militärische "Spindy"-Chef, blieb mit einigen Genossen bei der Geisel Schleyer, die mittlerweile in einem Brüsseler Hochhaus versteckt worden war; die Führungskader Mohnhaupt und Boock flogen von Brüssel aus über Kairo in die irakische Hauptstadt Bagdad.
Beide empfanden die Flucht aus Europa als Erlösung. "Wir haben die ganze Zeit wie unter Speed gestanden", sagt Boock. "Erst die Vorbereitungen, dann die Aktion. Da bist du nervlich und kräftemäßig durch."
Den RAF-Terroristen, mittlerweile waren es ungefähr zehn, standen zwei Häuser zur Verfügung. Eines lag mitten im Diplomatenviertel von Bagdad. Sie gehörten einer mit der RAF verbündeten palästinensischen Terrororganisation an. Deren Chef, Wadi Haddad alias Abu Hani, ein Kinderarzt, war Spezialist für Flugzeugentführungen.
Die Gruppe nannte sich PFLP-SC, das Kürzel stand für "Special Command". Die hielt am Prinzip des terroristischen Kampfes fest, vor allem am "Terror über den Wolken". Phasenweise füllte die Gruppe ihre Kriegskasse mit der Erpressung westlicher Fluggesellschaften. Wer zahlte, blieb von Anschlägen und Entführungen verschont. Große Teile des Geldes steckte Wadi Haddad in Ausbildungsprogramme für Terroristen.
Sein Spezialkommando, Hauptquartier Bagdad, unterhielt im Südjemen mehrere Stützpunkte, die von seinem Stellvertreter Zaki Helou geleitet wurden. Das Ausbildungscamp war gut zwei Autostunden von Aden entfernt. Hier trainierte die PFLP-SC nicht nur ihre eigenen Kämpfer, sondern auch Angehörige befreundeter Organisationen - wie die der RAF, der "Bewegung 2. Juni", baskischer, irischer oder sogar holländischer Terrorgruppen.
Die zweite Generation der RAF, damals angeführt von Rechtsanwalt Siegfried Haag, war erstmals im Sommer 1976 zum Terrortraining nach Aden gereist. Geld spielte nie eine Rolle. Die Terroristen flogen First-class, und in hektischen Zeiten gingen schon mal 30 000 Mark "Bewegungsgeld pro Monat, pro Nase" (Boock) drauf.
Die Palästinenser waren gute Trainer - und sie verblüfften ihre deutschen Gäste mit Spezialwissen. Sie präsentierten interne Dokumente von Interpol und BKA, die den präzisen Fahndungs- und Ermittlungsstand in Sachen RAF beschrieben.
"Die uns gezeigten Exemplare", sagt Boock, hatten abgedeckte Kopfzeilen. Auf einem Schreiben aber blieben die Worte "für Staatssicherheit" lesbar. Nun war klar, daß die Informationen aus dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit stammten, dessen Spezialisten der Regierung des Südjemen beim Aufbau eines Geheimdienstes hilfreich zur Seite standen.
Boock: "Die Unterlagen brachten für uns durchaus nützliche und auch wichtige Erkenntnisse. Beispielsweise die den Fahndern bekannten besonderen Erkennungszeichen einzelner Gruppenmitglieder." Einige ließen sich daraufhin Warzen und Leberflecke wegoperieren.
Nächtens, wenn sie beim Tee zusammensaßen, wurden Pläne für die Rückkehr nach Deutschland geschmiedet. Absoluten Vorrang hatte die Befreiung der Gefangenen, vor allem der Stammheimer. Im Jemen wurden jene Aktionen und deren Tarnbezeichnungen ausgeheckt, die das Jahr 1977 zum Jahr des Terrors machen sollten - "Margarine", "Big Money" und "Big Raushole".
Wadi Haddad zeigte hohes Interesse an einer spektakulären Geiselnahme und beförderte sie nach Kräften. Erst später erfuhr er, daß es sich bei dem Opfer um Schleyer handelte; während eines weiteren Aufenthalts in Aden erörterten Boock und Brigitte Mohnhaupt mit ihm Einzelheiten der Entführung und der Freipressung. Geklärt werden mußte, wieviel Geld sie verlangen sollten - und wieviel davon die PFLP bekommen sollte. Flugrouten und der Codesatz, der bei erfolgreich durchgeführter Erpressung die Freilassung der Geisel Schleyer bedeutet hätte, wurden abgesprochen. Wadi Haddad war es auch, der den Terroristen auf deutsch formulierte Fragen für die Verhöre des Arbeitgeberpräsidenten aushändigte. Von wem sie stammten, ist bis heute ungeklärt.
Als sich die Schleyer-Entführer Boock und Mohnhaupt im Herbst 1977 nach Bagdad abgesetzt hatten, tauchte plötzlich ein alter Bekannter auf - tadelloses Outfit, am Handgelenk ein Täschchen, braungebrannt.
Baaders Gefolgsleute kannten ihn, weil er früher einmal der Terrorkonkurrenz "Revolutionäre Zellen" angehört hatte. Jetzt galt der Westfale Johannes Weinrich - Deckname "Steve" - als rechte Hand des Terrorsöldners Carlos, der in Nahost großen Einfluß besaß.
Mohnhaupt und die anderen mochten den Aufschneider Weinrich nicht. Sie mußten ihn aber anhören, weil Wadi Haddad ihn geschickt hatte - mit einem Hilfsangebot. Haddad, meldete der Emissär knapp vier Wochen nach Schleyers Entführung, wundere sich, "warum ihr ihn nicht darum bittet, euch mit einer Aktion zur Seite zu stehen".
Boock hielt Weinrich für "'ne Ekeltype". Der Irak war ein armes Land, und Weinrich kam daher wie ein protzender Jungmanager aus Mitteleuropa. "Das war", sagt Boock, "ein echt harter Kontrast."
Brigitte Mohnhaupt, die Generalbevollmächtigte der Stammheimer Häftlinge, blieb dem Carlos-Vertrauten gegenüber kühl und abweisend. "Ich nehm' das jetzt zur Kenntnis. Beim nächsten Routinegespräch mit Abu Hani werde ich das auch ansprechen." Sie bedeutete Weinrich, daß er nun verschwinden könne.
Der Treff fand tags drauf statt, und Haddad offerierte, "wie ein Zauberer aus dem Hut" (Boock), zwei Aktionen. "Beide", sagte er seinen Gästen, "sind fertig vorbereitet. Ihr könnt aussuchen."
Das eine Kommandounternehmen war ein Anschlag mit Geiselnahme auf die deutsche Botschaft in Kuweit; das andere die Entführung einer Linienmaschine der Lufthansa auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt.
Der Plan Haddads, in Kuweit die deutsche Botschaft zu besetzen und Geiseln zu nehmen, wurde unter Hinweis auf das blutige Ende der RAF-Geiselnahme in der deutschen Botschaft von Stockholm 1975 sofort abgelehnt. Auch gegen die Flugzeugentführung gab es anfangs Widerstand.
Die Terroristen wußten, daß es "sehr wohl Aktionen" gab, mit deren Hilfe die Stammheimer "sich nicht befreien lassen würden" (Boock). Hijacking gehörte dazu. Das hatten sie in ihren Kassibern deutlich gesagt.
"Nach langen Diskussionen", berichtete RAF-Mann Rolf Heißler später, sei dann die Entscheidung gefallen, der Entführung eines Lufthansa-Jets zuzustimmen. Eine "ziemliche Desillusionierung" (Boock) der Häftlinge nahmen sie in Kauf, aber dies sei ihnen "im Grunde genommen egal" gewesen.
Kurz darauf tauchte Haddad bei Boock auf und bat ihn um Mithilfe bei der Lösung eines technischen Problems. Die Palästinenser hatten, um elektronische Kontrollen überlisten und Waffen schmuggeln zu können, einen Kosmetikkoffer mit Bleifolie ausgekleidet. Auf dem Schirm des Durchleuchtungsgeräts erschien deshalb nur ein tiefschwarzes Viereck, was auch dem schludrigsten Beobachter äußerst verdächtig vorkommen mußte.
Haddad erkundigte sich bei Boock, ob er nicht eine bessere Idee habe. "Waffen?" fragte Boock. "Waffen sind vieles. Sollen die eine reale Bedeutung haben oder nur Bedrohung sein?" Der Chefterrorist überlegte einen Augenblick. Eigentlich komme es nur auf den Droheffekt an. Boock war jetzt klar, daß es um Handgranaten ging. Er schlug vor, statt einer stählernen Außenhaut Glas oder Plastik zu benutzen.
Tatsächlich nahm Haddad diese Idee auf. Eine Spezialwerkstatt nahe Bagdad produzierte Handgranaten in Ananasform aus Plastik, die mit ihrem olivgrünen Anstrich einem russischen Typ täuschend ähnlich sahen. Sie besaßen freilich nur die Wirkung eines stärkeren Feuerwerkskörpers.
Unmittelbar nach der Entscheidung der RAF-Illegalen stellte Haddad das Kommando zusammen, das eine LH-Maschine in seine Gewalt bringen sollte. Zum Chef des vierköpfigen Trupps wurde der Flugzeugingenieur Zohair Yousif Akache bestimmt - ein PFLP-Mann mit krimineller Erfahrung: Er hatte wenige Monate zuvor in London einen nordjemenitischen Politiker, dessen Ehefrau und einen Botschaftsangehörigen brutal getötet.
Seine Auftraggeber statteten Akaches Gruppe mit falschen iranischen Pässen und Phantasienamen aus. Der Boß hieß nun Ali Hyderi, sein Kompagnon Riza Abbasi (richtiger Name: Nabil Harb); die beiden Frauen trugen die Aliasnamen Soraya Ansari (Suhaila Andrawes) und Shahnaz Gholam (Nadia Duaibes). Nach Aussage einer RAF-Aussteigerin war in jenen Herbsttagen 1977 auch eine deutsche Frau mit einem Säugling im Haus der PFLP-SC in Bagdad: Monika Haas.
Seit Januar 1996 steht sie in Frankfurt am Main vor Gericht. Sie wird beschuldigt, die Waffen für die Entführung des Lufthansa-Jets "Landshut" nach Palma de Mallorca gebracht zu haben.
1975 hatte die damals 27jährige, die sich in der "Roten Hilfe" für inhaftierte RAF-Mitglieder engagierte, Deutschland verlassen und sich in den Nahen Osten abgesetzt. In Aden lernte sie Haddads Stellvertreter Zaki Helou kennen und heiratete ihn später.
Der schickte um die Jahreswende 1975/76 ein fünfköpfiges Kommando in die kenianische Hauptstadt Nairobi. Sein Auftrag: eine israelische Verkehrsmaschine beim Landeanflug abzuschießen. Doch der Terrortrupp, darunter die beiden Deutschen Brigitte Schulz und Thomas Reuter, wurde verhaftet. Im Januar 1976 reiste Monika Haas nach Nairobi, um den Verbleib des Kommandos aufzuklären und einen Brief zu übergeben.
Weil sie wie die Kommandomitglieder mit einem gefälschten zypriotischen Paß unterwegs war, wurde sie schon kurz nach ihrer Ankunft auf dem Flughafen festgenommen.
Schon wenige Tage später war sie wieder frei und konnte ins Camp nach Aden zurückkehren. Die Tatsache, daß sie nicht wie Schulz, Reuter und die drei Palästinenser von den kenianischen Sicherheitsbehörden an die Israelis übergeben worden und in einem Militärgefängnis verschwunden war, sorgte nach ihrer Rückkehr für Unruhe. Nicht alle glaubten, was sie erzählte: Sie sei zum Schein auf die Forderung, eine palästinensische Gesinnungsgenossin nach Nairobi zu locken, eingegangen. Viele hielten sie fortan für eine Verräterin, eine Agentin des israelischen Geheimdienstes Mossad.
Monika Haas bestreitet, jemals für den israelischen Geheimdienst gearbeitet zu haben. Auch die Beschuldigungen der Bundesanwaltschaft, sie habe die Waffen zu dem in Palma wartenden Kommando gebracht, entbehrten, so Haas, jeder Grundlage.
Doch die Belastungsmomente gegen sie wiegen schwer. Da ist zum einen der Operativvorgang "Wolf" der Hauptabteilung XXII (Terrorabwehr) des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR.
In dem Dossier haben Mielkes Mannen festgehalten, was IM (Inoffizielle Mitarbeiter) aus RAF- und Palästinenserkreisen ihnen zugetragen hatten: daß Monika Haas die Lieferantin gewesen sei und dies gegenüber Vertrauten mehrfach selbst eingeräumt habe.
Das Stasi-Papier deckt sich in vielem mit den Ermittlungsergebnissen des BKA und der Bundesanwaltschaft: Zaki Helous Frau Monika sei Ende September, spätestens Anfang Oktober mit ihrer damals drei Monate alten Tochter Hanna von Aden aus über Bagdad nach Algier gereist und von dort am 7. Oktober mit einem Jet der Air Algérie nach Palma de Mallorca weitergeflogen. Waffen, Granaten und Sprengstoff habe sie unter der Kleidung des Säuglings, in einem Radio sowie in Bonbondosen versteckt.
Für diese Reise soll sie einen im Januar 1977 in Amsterdam gestohlenen Paß auf den Namen Cornelia Christina Alida Vermaesen benutzt haben und von einem Mann, der einen auf den Namen Kamal Sarvati ausgestellten gefälschten iranischen Paß hatte, begleitet worden sein.
Am 10. März dieses Jahres hat der Libanese Said Ali Slim, der derzeit wegen Spionage für Israel in einem Gefängnis in Beirut sitzt, gegenüber BKA-Beamten gestanden, als Kamal Sarvati gemeinsam mit Monika Haas die Waffen nach Palma gebracht zu haben. Wadi Haddad selbst habe ihn zwei Wochen vor der Entführung angesprochen. Er solle "mit einer Frau namens Amal, die Westdeutsche ist, nach Algerien" fahren. Sein Auftrag, so erzählte er seinen deutschen Vernehmern, sei es gewesen, "Kriegswaffen, die später bei der Flugzeugentführung verwendet werden sollten, zu transportieren".
In Algerien seien sie von einer Frau namens Saaida empfangen und in ein Haus der PFLP gebracht worden. Dort sei Amal, die Slim als Monika Haas identifizierte, ein Radiogerät, in dem Waffen versteckt waren, übergeben worden. Das Gerät habe Amal zusammen mit einigen Bonbondosen auf Mallorca einem Palästinenser namens Jamal überreicht.
Auch die einzige Überlebende des Entführerkommandos, Souhaila Andrawes, die vom Oberlandesgericht Hamburg im November 1996 wegen ihrer Beteiligung an der Entführung des Lufthansa-Jets zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt und vor zwei Monaten in ihre Wahlheimat Norwegen überstellt wurde, belastet Monika Haas schwer:
"Amal", sagt Souhaila Andrawes, habe Kommandochef Akache im Hotel besucht, und der habe ihr erklärt, daß sie jetzt Waffen hätten: "Sie sind in den Dosen. Im Radio ist ein Zündmechanismus versteckt."
Das Kommando war schon einige Tage zuvor einzeln und mit kleinem Gepäck von Bagdad aus über Paris nach Palma de Mallorca geflogen. Dort wechselte das Quartett in einem Verwirrspiel ständig die Hotels. Akache alias Hyderi hatte sich bereits kurz nach seiner Ankunft mit einem etwa 30 Jahre alten Europäer getroffen. Bis heute ist nicht klar, um wen es sich handelte; der frühere Vertraute des BKA-Präsidenten Herold, Wolfgang Steinke, vermutet, daß Akaches Besucher das RAF-Mitglied Rolf Clemens Wagner war.
Dieser Mann kaufte, genau wie Akache, zwei Tickets für den Flug mit der Kennung LH 181 am 13. Oktober. Auch ein Araber, um die Vierzig und 1,80 Meter groß, hatte Kontakt zu Akache; ein Franzose namens Boulinier zu Souhaila Andrawes.
Boulinier buchte am 6. Oktober in Paris einen Flug über Palma de Mallorca und Algier zurück nach Paris. Am 7. Oktober traf er im Hotel Reina Constanza ein und zog wenig später ins Bellver um, wo er - nach Recherchen des Bundeskriminalamts - bei Souheila Andrawes im Zimmer 1225 unterkam.
Über den Franzosen ist fast nichts bekannt. Sicher ist, daß er am 14. Oktober, dem Tag nach der Entführung der "Landshut", um 19.30 Uhr von Palma nach Algier flog. Sicher ist auch, daß er später in Marseille festgenommen und wieder freigelassen wurde. Welchen Job er auf Mallorca hatte, konnte nie geklärt werden.
Akache und Komplizen fuhren am späten Vormittag des 13. Oktober zum Flughafen, checkten ein und eilten zum Gate 1. Der Anführer wollte sofort durchlaufen zum Zubringerbus - aber ein mallorquinischer Beamter rief ihn zurück. Er holte aus Akaches Ledertasche ein Radio, versuchte vergebens, es zu öffnen und gab es zurück. Im Gehäuse steckte eine Pistole der Marke Tokarev Kaliber 7,62 Millimeter.
Souhaila Andrawes konnte die Kontrolle umgehen, ebenso Nadia Duaibes und Nabil Harb. Ein Kilo Sprengstoff, Zünder, sechs Handgranaten aus Plastik und eine weitere Pistole vom Typ Makarow Kaliber neun Millimeter blieben unentdeckt.
Der Lufthansa-Jet "Landshut" startete mit 91 Menschen an Bord planmäßig um 12.55 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Um 13.20 Uhr - die Maschine befand sich 20 Kilometer südöstlich von Marseille - stürmte Akache ins Cockpit, richtete seine Pistole auf Flugkapitän Jürgen Schumann und trat Kopilot Jürgen Vietor, der die Boeing steuerte, mit voller Kraft in die Seite.
Dann schrie er auf englisch über Bordlautsprecher: "Hände über den Kopf! Sie sind in unserer Gewalt! Keine Bewegung! Kein Laut! Wer gegen unsere Anweisungen verstößt, wird sofort exekutiert!"
Im nächsten Heft
Das Drama an Bord der "Landshut" - Die Abhöraktion in Stammheim - Schleyers Tod und der Selbstmord der Terroristen
Während ich hier spreche, hören irgendwo sicher auch die
schuldigen Täter zu. Sie mögen in diesem Augenblick ein
triumphierendes Machtgefühl empfinden. Aber sie sollten sich nicht
täuschen. Der Terrorismus hat auf die Dauer keine Chancen, denn
gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen
Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des gesamten Volkes.
am montag, den 5. 9. 77 hat das kommando siegfried hausner den
präsidenten des arbeitgeberverbandes und des bundesverbandes der
deutschen industrie, hanns martin schleyer, gefangengenommen.
Mir wird erklärt, daß die Fortführung der Fahndung mein Leben
gefährde. Das gleiche gelte, wenn die Forderungen nicht erfüllt und
die Ultimaten nicht eingehalten werden.
Mir geht es soweit gut, ich bin unverletzt und glaube, daß ich
freigelassen werde, wenn die Forderungen erfüllt werden. Das ist
jedoch nicht meine Entscheidung.
Durch die bisher aufgelaufenen und nicht erfaßten Spuren war
ein Abgleich der Spuren untereinander und mit Erkenntnissen aus dem
PIOS-System nicht möglich. Es kam deshalb zu zahlreichen
Mehrfacherfassungen.
Nr. 1: Ein "Sonderkommando" wird das Flugzeug mit den
freigelassenen Häftlingen im Zielland "empfangen".
Nr. 2: Die Freigepreßten in ein "falsches" Flugzeug einsteigen
lassen. In der "Doublette" werden sie eingebunkert. Ein zweites
Flugzeug mit den gedoubelten Häftlingen landet am gewünschten
Zielort.
Nr. 3: Drohung gegenüber Terroristen mit "Repressalien" auch
gegen nahe Angehörige, wenn Schleyer nicht freigelassen werde. Der
Bundespräsident könnte dafür gewonnen werden.
Nr. 4: Den Schlupfwinkel der Entführer auffinden, gewaltsam
eindringen, auch wenn dies für Geisel und Bewacher den Tod bedeute.
Nr. 5: Mitwissern oder Beteiligten aus dem Umfeld wird
zumindestens Strafmilderung und eine neue Identität angeboten, wenn
sie zur Aussage bereit sind (Kronzeugenlösung).
Nr. 6: Der Bundestag ändert unverzüglich Artikel 102 des
Grundgesetzes, der lautet: "Die Todesstrafe ist abgeschafft." Statt
dessen können nach Grundgesetzänderung solche Personen erschossen
werden, die von Terroristen durch menschenerpresserische
Geiselnahme befreit werden sollen. Durch höchstrichterlichen Spruch
wird das Todesurteil gefällt. Keine Rechtsmittel möglich.
Nr. 7: Das vorhergehende Modell wird öffentlich als Absicht der
Bundesregierung oder des Deutschen Bundestages an
gekündigt. Die Geiselnehmer sollen zum Nachgeben bewegt werden,
um das Leben der RAF-Häftlinge nicht zu gefährden.
Nr. 8: Für Terroristen wird ein erweitertes Haftrecht
geschaffen. Sie werden in einem "Internierungslager" festgehalten.
Nr. 9: In Verbindung mit Nr. 5 erörtert. Persönlichkeiten der
Sympathisantenszene werden für Appelle und Einflußnahme auf
Terroristen gewonnen.
Von Georg Bönisch

DER SPIEGEL 39/1997
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