22.09.1997

RASSISMUSTip vom Metzger

Mit einem simplen Schild halten sich Stader Gastronomen unwillkommene Gäste vom Leib - alltäglicher Rassismus in einer deutschen Stadt.
Wenn der Stader Kreisdirektor Gunther Armonat den Abend beim Bier in gemütlicher Runde verbringen möchte, zieht es ihn meist ins Hubert's. Dort ist der Beamte nicht nur ein stets gern gesehener Gast, ihm gehört ein Teil des Lokals.
Das Hubert's, schwärmt Armonat, sei "eine besondere Kneipe mit Stil und ausgewählten Gästen".
Zu denen gehört Hans Herzberg nicht. Der Mann ist Sinto. Ein simples Stück Pappe hält ihn und seinesgleichen nicht nur vom Hubert's fern: In zahlreichen Stader Lokalen hängt ein Schild mit der lapidaren Aufschrift "Pferdewurst". Andere Wirte informieren Gäste, die aussehen wie Herzberg, vorsorglich darüber, sie hätten auch Pferdefleisch auf der Speisekarte. Der Effekt ist derselbe.
Als Berta Weiß, 73, vom Niedersächsischen Verband Deutscher Sinti vor einem Vortrag mit Kollegen etwas essen wollte, bot ihr der Kellner gleich nach Betreten des Lokals Pferdewurst an. Berta Weiß ging und schwor: "Nie wieder Stade."
"Für uns Sinti ist das Pferd ein heiliges Tier wie den Hindus das Rind", erklärt Herzberg. Die strengen Stammesgesetze verbieten, ein Lokal zu betreten, in dem Pferdefleisch serviert wird. Hans Herzberg lebt seit vielen Jahren mit seiner Familie in Stade, aber noch nie hat er gegen dieses Tabu verstoßen.
Roßschlachter Gustav Pupke aus Neuhaus bei Cuxhaven rühmt sich, daß es sein Vater war, der den Stader Wirten den Tip gab, "wie sie die Zigeuner loswerden".
Ob es im Hubert's wirklich Pferdewurst gibt, weiß Kreisdirektor Armonat angeblich nicht, "aber ich habe gehört, daß die Schilder gegen die Zigeuner gerichtet sind". Wirt Hubert Harmann mag sich dazu nicht äußern, aber mit der Wirkung seines Schildes ist er höchst zufrieden: "Wir haben hier hervorragende Gäste, und wenn die hier kämen, würde ich viele meiner Gäste verlieren."
Die, das sind 300 Sinti, die seit über 40 Jahren in dem niedersächsischen Elbstädtchen (44 000 Einwohner) leben. Die meisten von ihnen wohnen wie der ehemalige Musiker Herzberg in der Siedlung "Bullenhof" am Rande der Stadt in schmuddeligen weißen Reihenhäusern, gebaut mit Mitteln des sozialen Wohnungsbaus - Außenseiter in der Gemeinde, seit sie hier seßhaft geworden sind.
Herzberg kam mit fünf oder sechs anderen Sinti-Familien 1948 nach Stade. "Weil das so ein schöner Platz war", blieben sie. Zunächst lebten sie in einem aus alten Bauwagen bestehenden "Zigeunerlager". Ende der siebziger Jahre stellte die Stadt ihnen Wohnungen zur Verfügung. Größeren Ärger mit den Einheimischen gab es nach Angaben der Stader Polizei zu keiner Zeit.
Seit mehr als einem Jahrzehnt verschönern die Anti-Sinti-Schilder Stader Lokale. Die meisten Wirte sehen auch im "Europäischen Jahr gegen Rassismus" keinen Anlaß, sie zu entfernen. Sogar der Inhaber des Tanzlokals Flamingobar hatte die anstößige Tafel bis vor kurzem in seinem Etablissement hängen. Irgendwann hat ihn die Nachbarin vom "Weltladen" angerufen und gefragt, "was das Schild dort soll". Seitdem ist es verschwunden. In Armonats Lokal pappt es noch immer, der Stadtdirektor nimmt keinen Anstoß. Armonat: "Wenn man eine Kneipe führt, dann will man auch bestimmte Gäste haben."
Besonders hart trifft der Kneipenbann die Jungen unter den Sinti. Daniel Krause, 19, Schüler, hat sich damit abgefunden, daß manche Stader Diskotheken für ihn tabu sind. "Es gibt eine Spielothek, da dürfen auch wir rein", sagt er bitter, "immer noch besser, als zu Hause zu hocken."
Dabei ist das romantische Städtchen mit den gepflegten Fachwerkfassaden keineswegs ein Hort von Rechtsextremisten. Pöbelnde Skinheadbanden wie im benachbarten Tostedt gibt es hier nicht. Ganz eifrige Mitbürger planen immer mal wieder eine Bürgerwehr, aber das Projekt schläft stets rasch wieder ein.
Helga Hansen kennt sich aus in Stade, 13 Jahre lang war sie als Sozialarbeiterin im Auftrag der Stadt am "Bullenhof" tätig. Sie erklärt die Pferdewurstschilder mit einer tiefsitzenden Abneigung gegen die "Zigeuner": "Die Sinti sind die letzten in der Hierarchie der nichtangenommenen Menschen, alle Ausländer sind besser als deutsche Sinti."
Hansen glaubt nicht, daß sich an der Haltung der Stader etwas ändern würde, wenn die Schilder verschwänden: "Ohne Aufklärungsarbeit geht hier gar nichts mehr."
So sieht es auch Edith Schmidt vom Korken. Sie gehört zu jenen Stader Wirten, denen Hautfarbe und Herkunft ihrer Gäste egal ist. Zum Verhalten ihrer Kollegen schweigt sie lieber, "schließlich muß ich hier noch leben".
Von Röpke und

DER SPIEGEL 39/1997
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