20.08.2012

KIRCHEFirst Class in die Slums

Während seine Gläubigen sparen sollen, gönnt sich Limburgs Bischof Tebartz-van Elst Luxusflüge und eine prunkvolle Residenz. Nun laufen Katholiken Sturm gegen ihren Hirten.
Der Limburger Bischof hatte edle Motive, als er Mitte Januar mit seinem Generalvikar ein Flugzeug nach Indien bestieg. "Wir waren zur Unterstützung von sozialen Projekten in Bangalore und Umgebung", berichtete Franz-Peter Tebartz-van Elst nach seiner Rückkehr. Man habe Kindern helfen wollen, "die in Steinbrüchen tätig sind".
Etwas Gutes wollte der Gottesmann aber nicht nur den Armen tun, sondern auch sich selbst. Im Oberdeck eines Jumbojets machten er und sein Generalvikar Franz Kaspar es sich auf First-Class-Plätzen bequem. Zum Service gehören Champagner, Kaviar und ein Bett. "Erstklassig reisen bedeutet, stets das Außergewöhnliche erwarten zu können", verspricht die Lufthansa.
First Class in die Slums? Das zu erklären fällt auch statusbewussten Kirchenfürsten mit Senator- und Frequent-Traveller-Card schwer. Am vergangenen Mittwoch wollten Bistums-Anwälte dem SPIEGEL vorab die Behauptung verbieten, der Bischof sei erster Klasse mit dem Flugzeug nach Indien geflogen. Einen Tag später räumten sie umständlich ein, wie ihr Mandant doch ins Oberdeck gelangt war: "Das Upgrade in die erste Klasse erfolgte rein privat." Der Generalvikar habe dies ermöglicht, indem er "private Meilen für das Upgrade verwandte und verbleibende Meilen dem Bischof schenkte, beziehungsweise aus eigener Tasche noch eine geringfügige Zuzahlung leistete".
Auch für den Rückflug gönnten sich die Kleriker, auf den Plätzen 82 H und 82 C, erstklassigen Service. Ticketpreis und Meilen-Upgrade für Hin- und Rückflug entsprechen einem Wert von rund 7000 Euro pro Person.
Luxus umgibt Tebartz-van Elst, 52, nicht nur, wenn er zu den armen Kindern und Ordensschwestern nach Indien reist. Auch daheim in Limburg legt er Wert auf ein angenehmes, standesgemäßes Leben. Seine neue, millionenschwere Bischofsresidenz direkt neben dem Dom steht vor der Vollendung und sorgt bei Katholiken für eine Mischung aus Staunen, Wut und Resignation. Viele verstehen nicht, warum sie darben sollen, während ihr Bischof prasst.
Seinen Gläubigen predigt Tebartz-van Elst nicht Wein, sondern Wasser. "Erneuerung beginnt da, wo die Hausaufgaben zum Sparen gemacht sind", belehrte er sie. "Das ist der Mensch des Glaubens - bettelarm und gnadenreich", sagte er in einer Weihnachtsansprache. Und zu Mariä Himmelfahrt verkündete er: "Wer die Armut in sich selbst wahrnimmt, wird die wirkliche Größe Gottes entdecken."
Quer durch die Diözese mangelt es an Geld zur Instandhaltung von Kirchen, Pfarrgemeinden werden zusammengelegt, katholischen Kindergärten Gelder gestrichen. Tebartz-van Elst hat einen strengen Sparkurs verfügt.
Seit die Bauarbeiten auf dem Domberg voranschreiten und die Ausmaße der bischöflichen Ambitionen deutlich werden, ist das Klima unter Limburger Katholiken vergiftet, der Widerspruch zwischen Bischofswort und Bischofssitz hat etliche Gläubige empört. Eine Dame aus dem Domchor, die direkt aus dem Gottesdienst kommt, schimpft lautstark: "Viele Kirchengemeinden wissen nicht, wovon sie das Öl für die Beheizung ihrer Kirchen im nächsten Winter bezahlen sollen oder die dringend notwendige Reparatur ihres Kirchendachs."
In der neuen Residenz dagegen bleiben kaum Wünsche unerfüllt. Allerdings konnte das Kirchenvolk bislang wenig über den Prunkbau erfahren, der nach außen bescheiden Diözesanes Zentrum St. Nikolaus heißt.
Männer in roten T-Shirts sind sofort zur Stelle, wenn man der Baustelle zu nahe kommt. "Keine Fotos!", wehren sie Passanten ab, dabei ist hinter einer hohen Bruchsteinmauer ohnehin kaum etwas zu erkennen.
Handwerker an der geheimnisumwitterten Baustelle schweigen, als hätten sie ein Gelübde ablegen müssen. Nicht einmal die Abgeordneten des Limburger Bau-Ausschusses durften kürzlich alles sehen. Die Herren aus dem Kreistag konnten keines der Gerüchte überprüfen, die in der Stadt kursieren: eigene Räume für Reliquien, Sauna, Kamin, Weinkeller, Edelsteinverzierungen, Heiligenfiguren, ein beheizbares Dach, das die bischöfliche Privatkapelle vor Schnee und Eis beschützen könnte.
Und auch die einzige Anwohnerin, deren Balkon einen Blick auf das prunkvolle Anwesen erlaubt, wirkt eingeschüchtert. Einige "Herren" hätten ihr streng verboten, allzu interessierte Besucher hinaufzulassen.
Nur Tebartz-van Elst will von Geheimniskrämerei nichts wissen, die habe er nicht angeordnet, sie existiere nicht. Über seine Anwälte richtet er aus: "Auf der Baustelle gibt es nichts zu verbergen." Sauna, Weinkeller, Edelsteine werde es nicht geben. Ein beheizbares Dach sei aus Sicherheitsgründen "angedacht", aber nicht verwirklicht worden.
Sein Vorgänger Franz Kamphaus hatte einst das alte Bischofshaus Asylbewerbern überlassen und sich mit einer bescheidenen Unterkunft im Priesterseminar begnügt. Für Tebartz-van Elst gibt es nun auf einem engbebauten Areal genügend Raum für Einkehr und Repräsentation - größer könnte der Unterschied zwischen volksnahem Hirten und statusverliebtem Kirchenfürsten kaum sein.
Zum Anwesen gehört, obwohl der Dom nur wenige Schritte entfernt ist, eine private Bischofskapelle, die zu einem tiefschwarzen Monolith geriet, der Anwohner, Architekten und Denkmalschützer entsetzt. In der Stadt spottet man bereits über die "Kaaba von Limburg", weil die Kapelle manche an den schwarzen Block von Mekka erinnert.
Auch ein Park für den Bischof wurde angelegt. Im Designergarten kann Tebartz-van Elst abends wandeln und sein Brevier lesen.
Alle Gebäudeteile sind über Keller und Gänge miteinander verbunden. Die Anwälte des Bischofs führen dafür "logistische Gründe" an. Wochenlang mussten Handwerker unter schwierigsten Bedingungen den Felsen des Dombergs fräsen und große Mengen Beton verbauen.
Selbstverständlich wurde auch an eine Bibliothek und Gästezimmer auf dem Gelände gedacht sowie an einen Raum für die Aufbewahrung von Reliquien. Ein Kaminofen sorgt im Wohnzimmer für Behaglichkeit. Edle Baustoffe wurden herangeschafft - wenn auch, wie der Bischof beteuert, "nur heimische Materialien verwendet" wurden, zum Beispiel "Kalkstein aus dem Altmühltal, Schiefer von der Mosel, Holz aus Mittelhessen".
Nur 200 000 Euro habe seine neue, 120 Quadratmeter große Unterkunft gekostet, rechnete Tebartz-van Elst beim Geburtstagsempfang von Papst Benedikt XVI. in Rom verblüfften Gesprächspartnern vor.
Empfangsräume, Kapelle, Büros sowie Räume für seinen Fahrer und zwei Nonnen fallen bei dieser Rechnung unter den Tisch. Insgesamt sollte der Komplex mindestens 5,5 Millionen Euro kosten. Würde es teurer, trüge der Bischöfliche Stuhl die Mehrkosten. Über dessen Vermögen können der jeweilige Bischof und sein Verwaltungschef, der Generalvikar, ohne Rechenschaftspflicht verfügen. Fast niemand in Limburg ist über den wahren Reichtum informiert, nicht mal das Finanzamt nimmt Einblick.
Limburger Katholiken wollen dem Baumeister Tebartz-van Elst nicht mehr folgen. Der älteste Messdiener des Doms, Berthold Nebgen, 69, nennt die Privatkapelle seines Bischofs, der "allen Sinn für die Realität verloren" habe, einen "Schandfleck im Kern der Altstadt"; sie sei "hässlich und überflüssig", "ein schwarzer Keil zwischen Bistumsleitung und Bevölkerung". Nun will er "alle kirchlichen Dienste aufkündigen".
Selbst bei seinen Pfarrern stößt Tebartz-van Elst nicht mehr auf ungeteiltes Verständnis. "Das Kirchenvolk hat ein Recht auf Transparenz", mahnt einer von ihnen, der stadtbekannte Seelsorger Hubertus Janssen, 74.
Wie aufgeheizt die Stimmung inzwischen ist, bekam der SPD-Kommunalpolitiker und katholische Religionslehrer Frank Speth zu spüren, nachdem er in einem Leserbrief die "Parallelwelt mit gutgefüllten Konten und verschwiegenen Vermögenswerten" des Bischöflichen Stuhls kritisiert hatte. Anderntags lag eine anonyme Karte im Briefkasten, offenbar von einer fanatischen Anhängerin des Bischofs.
So wie "der kleine Frank" die katholische Kirche kritisiere, würde er sich das bei einer anderen Religion nicht trauen, hieß es darin, "weil er doch so große Angst vor dem Messer zwischen den Rippen hätte".
Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet.
Von Müller, Martin U., Wensierski, Peter

DER SPIEGEL 34/2012
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