20.08.2012

ENERGIESonnenfinsternis

Die deutsche Solarindustrie macht für ihre Misere vor allem die chinesische Konkurrenz verantwortlich. Doch auch die kämpft jetzt trotz üppiger Subventionen ums Überleben.
Es klang fast wie ein Märchen, als Anfang des Jahres die Konstanzer Firma Sunways verkündete: "Deutsche Spitzentechnologie trifft chinesische Kostenvorteile." Der Produzent von Photovoltaiktechnik war gerade geschluckt worden - von LDK, einem Solarkonzern aus China.
Wenige Monate später zeigt sich, dass die gemeinsame Zukunft doch nicht so rosig aussieht. Eher scheint es, als sei ein siechendes deutsches Unternehmen aufgefangen worden von einem taumelnden Riesen, der sich kaum selbst auf den Beinen halten kann. Über vier Milliarden Dollar Schulden hat LDK bisher angehäuft - eine große Hilfe waren die Chinesen für die klammen Konstanzer bisher nicht. Im Gegenteil: Nach dem Einstieg der Asiaten brach der Umsatz der Deutschen im ersten Quartal über 50 Prozent ein.
Noch vor kurzem sahen etliche deutsche Unternehmen in den Konkurrenten aus Fernost die letzte Hoffnung. Nach Jahren des Niedergangs wollten sie wenigstens als Anhängsel der scheinbar übermächtigen Chinesen überleben. Doch nun mehren sich die Zweifel, ob die vermeintlichen Retter hierzulande Firmen langfristig am Leben halten - oder nur deren Know-how aufsaugen wollen.
Chinesische Branchengrößen wie LDK, Yingli und Weltmarktführer Suntech sind inzwischen keine kraftstrotzenden Konzerne mehr. Sie leiden unter den weltweiten Überkapazitäten und dem auch von ihnen selbst angefachten Preisverfall. Zurzeit könnte die weltweit mögliche Produktion die Nachfrage nach Solarmodulen gleich zweimal bedienen.
Der Aufstieg der Solarindustrie hatte vor zwölf Jahren begonnen. Damals trat in Deutschland das Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) in Kraft, Sonnenstrom wurde fortan mit üppigen Einspeisevergütungen subventioniert. Findige Unternehmer wie Frank Asbeck sahen ihre Chance: Der Bonner Grüne gründete den Konzern Solarworld und stampfte im sächsischen Freiberg Fabriken aus dem Boden. Rund um Bitterfeld entstand das "Solar Valley", Unternehmen wie Q-Cells entwickelten sich zu Börsenstars - und zu Jobmaschinen: In ihrer Blütezeit beschäftigte die Branche hierzulande insgesamt rund 150 000 Menschen.
Doch das EEG befeuerte nicht nur den deutschen Markt, es inspirierte auch die chinesischen Kader-Kapitalisten. Sie ließen riesige Fabriken bauen, auf günstigen Grundstücken, mit billigen Krediten der Staatsbanken. Und ihre Zellen und Module überschwemmten zu Discountpreisen den Weltmarkt.
Nun werden in Europa die Einspeisevergütungen gekappt. Vor allem die Kürzungen auf dem deutschen Markt, der für rund zwei Drittel der chinesischen Umsätze sorgte, trifft die Asiaten hart: "In China stehen riesige Kapazitäten leer. So billig, wie etwa Sunways die Module hier brauchte, kann LDK die gar nicht produzieren", sagt Marktforscher Dirk Morbitzer von Renewable Analytics.
17,5 Milliarden Dollar Schulden hätten die zehn größten chinesischen Solarunternehmen mittlerweile angehäuft, mahnte vorvergangene Woche sogar die Parteizeitung "Guoji Jinrong Bao" mit Verweis auf Analysten. Zwei einstige Vorzeigeunternehmen der Branche werden ganz unverhohlen als Pleitekandidaten gehandelt: Suntech und LDK.
"Light our Future" lautet der Slogan auf den Uniformen der Frauen und Männer, die an diesem Morgen das rostende Tor der LDK-Firmenzentrale im südchinesischen Xinyu passieren. An eine leuchtende Zukunft glaubt von diesen Arbeitern allerdings keiner mehr. Sie bangen um ihren Lohn, den LDK ihnen bereits seit Mai nicht mehr regelmäßig zahlt.
Der Arbeiter, der vor dem Werk auf den Bus nach Hause wartet, sieht trotz gerade beendeter Nachtschicht noch relativ fit aus: "Es gab wieder nichts zu tun", sagt der Mann, der sonst Maschinen für Solarpaneele bedient. "Wir haben Kartons auf dem Boden ausgebreitet und darauf geschlafen."
Schon zweimal organisierte der Arbeiter mit Kollegen Streiks. Dazu brauchte er Mut, denn Arbeitsniederlegungen sind in der Volksrepublik de facto verboten. Doch die Wut der Belegschaft war zu groß. Mit ihren Streiks setzten sie durch, dass LDK zumindest einigen den überfälligen Mai-Lohn auszahlte. Jetzt kommen viele nur noch, um die Ansprüche ihrer Sozialversicherung nicht zu verlieren.
Das Unternehmen sei pleite und womöglich nicht mehr zu retten, glaubt der LDK-Mann und blickt einem schwarzen Mercedes mit getönten Scheiben und dem exklusiven Kennzeichen "0666" nach, der gerade aufs Werksgelände einbiegt. Die Limousine gehört Peng Xiaofeng, 37, dem Boss von LDK.
"Anfangs bewunderten wir Peng dafür, wie er mit nur 20 000 Yuan den Konzern aufbaute", sagt der Arbeiter. Inzwischen gilt der LDK-Gründer als einer der gescheiterten China-Bosse, die in Boom-Zeiten wie wild expandierten. Gerade musste die Stadtregierung von Xinyu den Konzern retten, indem sie einen Teil seiner Schulden übernahm.
Die staatlichen Planer wollen dem Niedergang allerdings nicht tatenlos zusehen. Der aktuelle Fünfjahresplan formuliert klare Vorgaben: Einige wenige Firmen sollen zu Solargiganten werden, die im Jahr jeweils eine Modulkapazität von fünf Gigawatt schaffen - das entspricht etwa vier Atomkraftwerken. Yingli-Europa-Chef Darren Thompson rechnet damit, dass in der Phase der Neuordnung auch "einige große chinesische Firmen pleitegehen".
Doch die Krise der Konkurrenz wird der deutschen Solarindustrie kaum helfen. Der Plan aus Peking sieht nämlich auch vor, sich mit starken Anlagenbauern unabhängiger vom Know-how aus Deutschland zu machen.
Zu fairem Wettbewerb passen viele der Vorgaben ebenso wenig wie das Sammelsurium der chinesischen Subventionen. Oder die Möglichkeit, einfach weiterzuwursteln, selbst wenn man seine Produkte nicht los wird und die eigenen Arbeiter nicht bezahlen kann.
Solarworld-Chef Asbeck, der gern als "Sonnenkönig" tituliert wird und dessen Fabriken wie eine der letzten Trutzburgen gegen die Übermacht aus Fernost wirken, sieht sich als Opfer dieser Methoden. Sein Unternehmen erwirtschaftete im ersten Halbjahr einen Verlust in Höhe von 160 Millionen Euro, 300 Arbeitsplätze sollen in den nächsten Monaten wegfallen.
Wann der Konzern wieder Gewinne schreibe, stehe, so Asbeck, "in der Sonne". Er wolle nur "nicht tatenlos dabei zusehen, wie eine Nation den Rest der Welt mit unfairen Subventionen aus dem Markt drängt und sich ein Monopol auf die Sonne sichert".
Zusammen mit anderen Unternehmen der Branche reichte Asbeck, dessen Firma auch in Oregon produziert, in den USA deshalb eine Dumping-Klage gegen die chinesische Konkurrenz ein - und hatte Erfolg. Hersteller wie Suntech wurden mit Strafzöllen belegt, weil sie, so die Begründung der US-Behörden, wegen üppiger Subventionen ihre Produkte unter Herstellungskosten anbieten könnten.
Vor vier Wochen legten Asbeck und 24 weitere europäische Solarunternehmen mit einer Dumping-Beschwerde bei der EU-Kommission nach. Einst hatte Asbeck für seine Position viele Mitstreiter. Diesmal aber musste er länger um Unterstützung kämpfen. Zu viele Unternehmen sind inzwischen von den Chinesen abhängig.
Kritiker bezweifeln indes, dass solche Klagen die deutsche Solarindustrie retten können. Sie verweisen auf hausgemachte Fehler und eklatante strategische Versäumnisse.
Dennoch werden Asbecks Attacken in China ernst genommen. Anfang August waren sogar Demonstrationen von Yingli- und Suntech-Arbeitern gegen die Klage in Brüssel geplant. Doch dann sagten die Behörden schnell zu, das Problem beim Besuch der deutschen Bundeskanzlerin in zwei Wochen anzusprechen.
Nach außen hin geben sich die Manager der Firmen gelassen. Die Klage werde am Ende nichts weiter sein als ein "kleines Schlagloch" auf dem langen Weg zu wettbewerbsfähigen Preisen, sagt Stuart Brannigan, der sich bei LDK um das Europa-Geschäft kümmert. Der Brite, einst Manager von BP Solar, ist voll des Lobes für die Chinesen: Die Fünfjahrespläne würden einen ausdauernderen Blick auf die Wirtschaft erlauben.
Ohne die fortwährende Hilfe wäre LDK schon heute verloren. In Xinyu wurden gleich hinter den Fabrikhallen des Konzerns riesige Hügel abgetragen für einen weiteren Hightech-Park, der die Firma umgeben sollte. Eine eigene Autobahnabfahrt gab es noch dazu.
Nun ragen die neuen Werkshallen aus der rötlichen Erde, eine neben der anderen, wie leere Schuhkartons. In den meisten Hallen wurde noch nie etwas produziert.
Von Nils Klawitter und Wieland Wagner

DER SPIEGEL 34/2012
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