20.08.2012

MARKETING„Weltmeister im Schimpfen“

Die zweifache Olympiasiegerin Katarina Witt, 46, über die Wirtschaftskraft des weltgrößten Sport-Events und mangelnden deutschen Olympia-Enthusiasmus
SPIEGEL: Frau Witt, alle schwärmen von den Olympischen Spielen in London - auch Sie. Leipzig hatte sich ebenfalls für die Austragung beworben. War das nicht rückblickend ein schlechter Witz?
Witt: Es war erst einmal nichts gegen die Leipziger Sportbegeisterung einzuwenden. Doch die Spiele werden immer größer, und es kommen immer mehr Fans dazu. Deshalb haben nur noch große Städte die Chance, den Zuschlag zu erhalten. Das Ziel sind kompakte Spiele mit kurzen Wegen, genügend Kapazität für Unterbringung und Infrastruktur, um alle Sportarten im unmittelbaren Umkreis zu haben. Daran ist Leipzig gescheitert.
SPIEGEL: Trotz Ihres Einsatzes für die Bewerbung um die Winterspiele 2018 ist auch München auf der Strecke geblieben. Dessen Oberbürgermeister Christian Ude fordert bereits die nächste Bewerbung. Macht das überhaupt Sinn?
Witt: Ich finde es richtig, dass die Diskussion über eine mögliche Bewerbung wieder angeheizt wurde. So wie wir nach der Fußball-WM 2006 als Land der internationalen Weltbühne plötzlich ein neues, modernes, weltoffenes, fröhliches Bild boten, ist nun auch London ein Paradebeispiel dafür, dass der Sport das Image eines Landes positiv verändern kann. Es gab so viele Negativschlagzeilen gerade im vergangenen Jahr, und nun bot London während der zwei Sport-Party-Wochen eine begeisternde Atmosphäre in einmaliger historischer Kulisse.
SPIEGEL: Was haben Sie aus dem Scheitern der München-Bewerbung gelernt?
Witt: Wir dachten bis zur letzten Minute, wir hätten eine reelle Chance. Heute weiß ich, die hatten wir wahrscheinlich nie. Alles war entschieden. Allerdings bereiteten wir den IOC-Mitgliedern mit unserer inhaltlich hervorragenden Bewerbung und dem starken Konzept tatsächlich mehr Kopfschmerzen als erwartet. Wenn Sie sich anschauen, wie wenig Stimmen wir erhalten haben, wird klar, dass Pyeongchang in Südkorea dran war. Sich mit Ausdauer und Hartnäckigkeit dreimal hintereinander zu bewerben, hatte sich hier ausgezahlt. Letztlich hat die Sportpolitik entschieden.
SPIEGEL: Kritik am Austragungsort München kam auch aus Bayern selbst. Ist der Deutsche als ständiger Bedenkenträger schlicht olympiauntauglich?
Witt: Die Deutschen sind Weltmeister im Schimpfen. Wenn es dann aber so weit ist, dann sind wir Weltmeister in der Organisation und Umsetzung - und es herrscht eine traumhafte Stimmung. Leider gibt es nicht wenige Menschen hierzulande, die sich gegen jegliche Form von Entwicklung, Veränderung oder kommerziellen Großprojekten sträuben.
SPIEGEL: Gibt es etwas Kommerzielleres als Olympia?
Witt: Olympische Spiele sind das größte Sportfest der Welt. Für 14 Tage steht dieses Ereignis mit seinen Athleten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Da müssen wir umdenken, nicht die Veranstalter, wenn wir mit dem Rest der Welt mithalten wollen. Deutschland muss aufpassen, dass es den Anschluss in Sachen Großereignisse nicht verpasst. Wenn wir weiterhin im Sport an der Weltspitze mitmischen wollen, ist die Austragung der Spiele im eigenen Land Motivation für die Nachwuchssportler und auch ein wirtschaftlicher Katalysator. In Asien gibt es modernste Stadien, und die Wichtigkeit des Sports findet immer größere Unterstützung in der Gesellschaft.
SPIEGEL: In Deutschland stößt eigentlich nur ein Sport auf breiteste Zustimmung in der Bevölkerung: Fußball.
Witt: Dafür ist es ja umso erstaunlicher, dass Deutschland in London Goldmedaillen fast nur in Sportarten gewonnen hat, die einen Athleten später nicht ernähren. Geld oder Berühmtheit scheint für sie kein Antrieb zu sein. Im Fußball wird sehr viel mehr Geld verdient, und wir sind trotzdem nicht Weltmeister. Das sind zwei völlig verschiedene Welten. Würde sich ein Kanufahrer finanziell mit einem Fußballer vergleichen, könnte er gleich ins Wasser springen und das Paddel liegen lassen.
SPIEGEL: Was ist eine Goldmedaille in Randsportarten für den Sportler eigentlich wert? Werbeverträge sind damit ja nicht gerade verbunden.
Witt: Geld und Ruhm können nie die Motivation für eine Olympiateilnahme und Spitzenleistungen sein. Trotzdem müssen wir uns fragen, wie viel es uns wert ist, als Land Olympiasieger in bestimmten Disziplinen sein zu wollen - und dann auch gezielt investieren. Den einen ist das Schulsystem wichtig, anderen der Straßenbau oder das Gesundheitswesen. Sport als Vorbildfunktion und Wirtschaftsfaktor wird weiterhin unterschätzt.
SPIEGEL: Zielvereinbarungen mit Medaillenvorgaben sind doch lächerlich.
Witt: Finde ich nicht. Man muss nach den Sternen greifen und sich hohe Ziele setzen. Es ist doch Quatsch zu diskutieren, ob die Zielstellung zu hoch war. Wichtiger ist, zu analysieren, wie man diese Ziele erreichen kann. Vielleicht ist es auch Zeit, realistisch zu sein und ganz klar zu erkennen, dass ein Athlet, der sich in die Weltspitze kämpft, nicht gleichzeitig Schule, Abitur und Studium wuppen kann.
Von Cathrin Gilbert und Martin U. Müller

DER SPIEGEL 34/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 34/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MARKETING:
„Weltmeister im Schimpfen“

Video 01:02

Panoramavideo aus Kalifornien Was vom Feuer übrig blieb

  • Video "Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten" Video 01:13
    Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten
  • Video "Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen" Video 12:36
    Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen
  • Video "Phantasy-Epos Phantastische Tierwesen 2: Wer stoppt Grindelwald?" Video 01:47
    Phantasy-Epos "Phantastische Tierwesen 2": Wer stoppt Grindelwald?
  • Video "Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere Halos" Video 00:43
    Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere "Halos"
  • Video "Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt" Video 00:54
    Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt
  • Video "Video aus Portugal: Notlandung nach Kontrollverlust" Video 00:55
    Video aus Portugal: Notlandung nach Kontrollverlust
  • Video "Videoaufnahmen: Polizeikontrolle vor Shisha-Bar eskaliert" Video 01:54
    Videoaufnahmen: Polizeikontrolle vor Shisha-Bar eskaliert
  • Video "Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft" Video 02:27
    Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft
  • Video "Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer" Video 01:24
    Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer
  • Video "Pfusch am Bau: Kleiner Fehler, fatale Folgen" Video 13:47
    Pfusch am Bau: Kleiner Fehler, fatale Folgen
  • Video "Debatte im Unterhaus: Theresa May verteidigt Brexit-Einigung" Video 01:47
    Debatte im Unterhaus: Theresa May verteidigt Brexit-Einigung
  • Video "Waldbrände in Kalifornien: Forensiker suchen nach menschlichen Überresten" Video 00:41
    Waldbrände in Kalifornien: Forensiker suchen nach menschlichen Überresten
  • Video "Nach Kollision: Norwegisches Kriegsschiff gesunken" Video 01:11
    Nach Kollision: Norwegisches Kriegsschiff gesunken
  • Video "Bisher unbekannte Spezies: Forscher filmen kuriose Tiefsee-Aliens" Video 00:38
    Bisher unbekannte Spezies: Forscher filmen kuriose Tiefsee-"Aliens"
  • Video "Phänomen Trumpy Bear: Commander in Plüsch" Video 01:11
    Phänomen "Trumpy Bear": Commander in Plüsch
  • Video "Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb" Video 01:02
    Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb