20.08.2012

Griechen gesucht

GLOBAL VILLAGE: Ein Journalist von der Insel Euböa vermittelt per Internet arbeitsuchende Landsleute in alle Welt.
Anastasios Papapostolou möchte nicht falsch verstanden werden, das ist ihm sehr wichtig. "Hören Sie", sagt er, und in der Leitung rauscht das Meer, er sitzt auf einem Boot vor der Insel Euböa, "wir fordern niemanden dazu auf, Griechenland zu verlassen."
Seine Idee soll dem Land helfen. Nicht ihm Schaden zufügen.
Papapostolou ist 26 Jahre alt, ziemlich gutaussehend, ziemlich selbstbewusst, er spricht ein amerikanisches Englisch mit Westküstenakzent. Er hat ein Internetportal erfunden, mit dessen Hilfe jeder einen Griechen mieten kann. Zum Arbeiten. Hireagreek.com heißt die Website, und als sie online ging, im Februar, fanden alle die Idee großartig.
Das Prinzip ist das gleiche wie bei Ebay, dem virtuellen Auktionshaus. Man postet seinen Lebenslauf, ein Job-Gesuch oder ein Job-Angebot. Wird man fündig, verhandelt man anschließend über den Lohn.
So hofft ein griechischer Röntgentechniker, durch hireagreek.com wieder eine Stelle in einem Krankenhaus zu finden, und eine internationale Personalvermittlung fragt nach griechischen Ärzten für die Schweiz. Rot leuchtet der Vollzeit-Button, gelb der für Teilzeit-Gesuche.
Geschätzte sieben Millionen Menschen mit griechischen Wurzeln leben außerhalb Griechenlands, die Krise mag sie nicht direkt betreffen, aber helfen könnten sie trotzdem, fand Papapostolou. Schließlich ginge es den meisten doch ziemlich gut, während zu Hause nationaler Notstand herrsche. Etwa jeder vierte Grieche ist arbeitslos. Und weil Care-Pakete und Spendenkonten ihm für ein europäisches Land im 21. Jahrhundert irgendwie hilflos vorkamen, erfand er sein virtuelles Arbeitsamt. Jetzt kann zum Beispiel ein Grieche aus Pylos auf dem Peloponnes für ein Büro in Johannesburg arbeiten.
Es kommt vor, dass 20 000 User gleichzeitig auf die Site zugreifen wollen und damit schon mal den Server lahmlegen. Wie viele Jobs auf diese Weise tatsächlich vermittelt wurden, weiß Papapostolou nicht. Ihm genügt die Gewissheit, eine Möglichkeit geschaffen zu haben, "Menschen, Griechen, untereinander zu verbinden".
Rechts oben am Bildschirmrand der Seite befindet sich ein kleines Feld, um den Radius einzustellen, in dem man Arbeit oder Arbeiter finden möchte. Der Umkreis reicht von einer Meile bis zu 5000 Meilen.
Wegen der 5000 Meilen hat Tasos Papapostolou, tolle Idee hin oder her, Ärger bekommen. Wütende Mails, in denen stand, er verrate sein eigenes Land - indem er zu Hause die Abwanderung fördere.
Sklavenhändler, schrieb einer.
Die Griechen sind im Augenblick sehr empfindlich. Und je länger die Krise dauert, desto empfindlicher werden sie. Die Negativschlagzeilen der vergangenen zweieinhalb Jahre haben Spuren hinterlassen, die früher so stolze Selbstwahrnehmung ist nicht mehr dieselbe.
Viele befürchten den Ausverkauf des Landes, betrieben, so die landläufige Meinung, vor allem von Rest-Europa, aber eben auch von Vaterlandsverrätern wie Papapostolou. Da ist es schon eine Kränkung, wenn die Preise für zum Ver-kauf stehende Inseln zur Freude ausländischer Schnäppchenjäger einbrechen. Eine Beleidigung für die angeschlagene nationale Psyche war die Ankündigung des Innenministeriums, dass jeder, der möchte, in Zukunft einen griechischen Polizisten mieten könne. Für 30 Euro die Stunde, das Geld fließe direkt in die leere Staatskasse, als Sparmaßnahme sozusagen.
Papapostolou sagt, die Anfeindungen seiner Landsleute berührten ihn nicht. Das positive Feedback überwiege deutlich. Am liebsten sollten die Menschen natürlich in Griechenland bleiben und von dort aus arbeiten. Allerdings, sagt er, dürfe die Liebe zur Heimat nicht zum Gefängnis werden. "Wenn ich woanders einen besseren Job für mehr Geld bekomme, dann gehe ich dorthin", sagt er.
Er selbst ist auch gegangen, 2006 schon, zuerst nach New York, dann nach Los Angeles. Er hat seinen gutbezahlten Reporterjob bei einem Athener Fernsehsender aufgegeben, um "mal was anderes zu sehen als Griechenland". An der Pazifikküste arbeitet er für amerikanische Sender, vor allem aber betreibt er eine Website für Diaspora-Griechen. Jedes Jahr im August fliegt er zurück und verbringt den Sommer auf Euböa, der Insel seiner Vorfahren.
Grieche zu sein, sagt Papapostolou, sei vor allem ein Lebensgefühl, eine besondere Energie. Die sei immer da, egal wo in der Welt man sich gerade aufhalte.
Er sagt auch, dass er das griechische Lebensgefühl, diese besondere Energie, noch stärker spüre, seit er nicht mehr zu Hause in Griechenland lebe.
Von Julia Amalia Heyer

DER SPIEGEL 34/2012
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