20.08.2012

FUSSBALL

Der Specht

Von Kramer, Jörg

Vor Beginn der neuen Bundesligasaison gilt Marco Reus als Mann der Stunde im deutschen Fußball. Er ist der wohl einzige Gewinner der EM und der neue Star von Meister Borussia Dortmund. Trotzdem wird er immer noch unterschätzt.

Als der Talentsucher Dirk Hebel den Nachwuchskicker Marco Reus erstmals spielen sah, verlor dessen Team bei Alemannia Aachen mit 1:6. Reus flog in der 75. Minute nach einem Revanchefoul vom Platz.

Hebel, eigentlich zur Beobachtung eines Aachener Spielers zu der Partie der A-Junioren-Bundesliga gekommen, merkte sich den Namen des Jungen von Rot Weiß Ahlen. Ihm gefiel "das Feuer", das in diesem Reus steckte.

Als Marinko Miletić, Defensivspieler seinerzeit in Ahlens erster Mannschaft, den jungen Reus ein halbes Jahr später erstmals von Beginn an in der Regionalliga-Elf des Vereins spielen sah, bekam er einen Schreck. Der schmächtigen Offensivkraft versprang in der Partie beim SV Babelsberg fast jeder Ball, offenbar kam das Talent mit seinen Nerven oder mit der Hitze nicht klar. Am Ende schoss Reus allerdings ein Tor und bekam in den Zeitungen die Note Zwei. Es war sein 19. Geburtstag.

Miletić fand Gefallen an diesem rothaarigen Typen. Einer, der an solch einem rabenschwarzen Tag nicht mal ausgewechselt wird und dann noch einen Glanzpunkt setzt, müsse ein Glückspilz sein, dachte er.

Man musste schon genau hingucken. Der junge Reus wiederum musste eine gewisse Zähigkeit an den Tag legen, bis die Betrachter von seinen Qualitäten so überzeugt waren wie er selbst.

Sein Spitzname ist "Woody", nach der Comicfigur Woody Woodpecker, einem Helmspecht. Ein Helmspecht klopft bis zu 12 000-mal am Tag seinen Schnabel ins Holz. Marco Reus hat in der vergangenen Saison 206 Dribblings hingelegt und 704 Sprints angezogen.

Marinko Miletić hat mit Reus zusammengewohnt, sie sind gemeinsam mit Ahlen in die Zweite Liga aufgestiegen. Zuletzt wurde er zu Reus' 23. Geburtstag eingeladen. Er ist jetzt ein wenig stolz, mit ihm befreundet zu sein. Denn Reus ist berühmt geworden.

Gerade wurde er von den Sportjournalisten zum "Fußballer des Jahres" gewählt, eine Jury des Magazins "11 Freunde" kürte ihn zum "Spieler der Saison". Reus, 23, ist derzeit überall, Reus ist Kult. Sein Wechsel zum Deutschen Meister Borussia Dortmund beflügelt Phantasien von Hochgeschwindigkeitsfußball in Perfektion. Und weil er sich Ende 2011 gegen den FC Bayern München entschied, der sich stets rühmte, in Deutschland jeden Spieler zu bekommen, den er nur wolle, gilt er als Symbol einer Zeitenwende im deutschen Fußball: Dortmund schlägt Bayern nun auch außerhalb der Stadien.

Der Tempodribbler mit den Stachelsträhnen ist schließlich der einzige deutsche Gewinner einer am Ende enttäuschenden Europameisterschaft - in der Pleite ein Held. Viele meinen, mit ihm in der Startelf hätte Joachim Löws Team das Halbfinale gegen Italien nicht verloren. Vergangenen Mittwoch beim 1:3 im Länderspiel gegen Argentinien - sein fulminanter Pfostenschuss war einer der Höhepunkte - fiel wieder er am meisten auf.

Miletić, 31, sitzt nun auf der Terrasse eines Restaurants am Düsseldorfer Hafen und triumphiert. Wer hätte diesem schmächtigen Burschen das zugetraut! Auch bei seinem ersten Bundesligaspiel vor drei Jahren für Mönchengladbach, bei dem Miletić auf der Tribüne saß, hatte Reus sichtlich nervös agiert, wieder diese Anlaufschwäche gezeigt. Am vierten Spieltag schoss er dann gegen Mainz 05 sein erstes Tor - nach einem Solo über gut 50 Meter.

Miletić war in Ahlen eine Art väterlicher Freund. Seine Eltern haben ein Lokal in der Düsseldorfer Altstadt. Manche Freunde rufen ihn - nach der populären Ware, die dort traditionell angeboten wird - "Schweinebrötchen Miletić".

Als Düsseldorfer war er in Ahlen einer jener Spieler, die in der westfälischen Provinz nur eine bescheidene Bleibe brauchten für die Abende, an denen es nicht lohnte, nach Hause zu fahren. Der Dortmunder Reus gehörte auch dazu, er hatte einen Schlafplatz in einer Wohngemeinschaft mit drei Teamkollegen. Miletić zog in sein Zimmer ein.

Marco Reus hatte neben einem Fernseher genau zwei Möbelstücke: das Bett und den Tisch für den Fernseher. Die Kleidung lag auf dem Fußboden. Miletić bekam die Luftmatratze.

Von der Küchendecke baumelten die Kabel, gekocht wurde selten. Reus' bevorzugtes Frühstück war die Milch-Schnitte von Ferrero. Er hielt das für gesund.

Miletić riet seinem jungen Freund, die Kaufmannslehre, die er in einem Kfz-Betrieb begonnen hatte, wieder abzubrechen. Bei seinem Fußballtalent brauche Reus keine Ausbildung mehr.

Heute ist Miletić Sportinvalide und braucht selbst eine neue Ausbildung. Vor eineinhalb Jahren beendete ein Knorpelschaden im Knie seine Karriere. Er lässt sich jetzt zum Bürokaufmann in der Spielerberatungsagentur von Dirk Hebel umschulen, dem Talentsucher, der Reus damals in Aachen entdeckte. Für Hebel ist Reus ein Bluechip.

Die Agentur hat ihn vor drei Jahren für knapp eine Million Euro nach Mönchengladbach und nun für gut 17 Millionen nach Dortmund transferiert. "Schweinebrötchen Miletić" möchte für die Firma, die auch den Dortmunder Mario Götze betreut, als Späher arbeiten. Er glaubt, er habe einen Blick für Talente.

Über dem Trainingszentrum in Dortmund-Hohenbuschei, einem ehemaligen Militärgelände, scheint die Sonne. Der neue Profitrakt mit seinen Holzlamellen erinnert an einen Outlet-Store für Sportbekleidung am Stadtrand. Das Training ist an diesem Nachmittag nicht öffentlich, nur von einem Erdhügel hinter dem Platz gucken zwei dicke Mädchen zu. Marco Reus zeigt selbst beim Kurzpassspiel seine Lust am Besonderen. Er stellt den Fuß seitlich so vor den Ball, dass jeder ankommende Pass auf die Innenseite seines Fersenballens trifft, die Kugel wird dabei unmerklich beschleunigt. Es ist ein bescheidener Trick, Kunst, aber unprätentiös. Das passt zu ihm.

Nach dem Training kommt er in BVB-Badelatschen zum Interview in einen Container. Das kurze T-Shirt legt seine Tattoos frei. Auf dem linken Unterarm stehen, wie im Reisepass, sein Name und sein Geburtsdatum.

Er ist nicht braun geworden im Urlaub. Eine Magenverstimmung fesselte ihn auf den Seychellen ans Bett.

Reus hatte einen anstrengenden Tag, zweimal Training und zwischendrin einen Sponsorentermin bei einer Fußballschule im Sauerland. Dies sei "die härteste Saisonvorbereitung, die ich bis jetzt hatte", sagt er, aber er wisse, wozu es gut sei. Er habe sieben, acht Kilo an Muskelmasse in den vergangenen zwei Jahren zugelegt, bei der Nationalmannschaft hatte er die zweitbesten Ausdauer- und die besten Sprintwerte. Das Wichtigste, sagt er, sei aber der Spaß.

Das sagt er oft. Bei der abendlichen Feier der Preisträger von "11 Freunde" in Hamburg hält er seine Trophäe nachlässig in der Hand wie eine Salatgurke und formuliert ein Bekenntnis, das sein Spiel und sein Leben beinahe vollständig erklärt: "Die Lust, Fußball zu spielen, ist immer da. Das endet eigentlich nie."

Er hat sich für Interviews und Auftritte auf Podien eine etwas ernsthafte Geschäftssprache angewöhnt, mit vielen Ähms darin, die bei seinem Tempo wie "emm" klingen oder wie "hemm". Er nuschelt etwas zwischen dünnen Lippen.

Er werde ja oft mit Lionel Messi verglichen, sagte ein Reporter am Mittwoch nach dem Länderspiel, es sollte eine Frage sein. Reus erwiderte, er wisse nicht, was er dazu sagen solle, und stellte seinen Kragen hoch. Dann brachte er hervor: "Ich will dazu nichts sagen."

Wohl fühlt er sich auf diesen Bühnen nicht. Am Tag nach seinem Glanzauftritt beim 4:2 gegen Griechenland im EM-Viertelfinale konfrontierte ihn bei der Pressekonferenz in Danzig eine chinesische Journalistin mit einem unerwarteten Lob: Seine Frisur sei schöner als die von Mario Gomez. Das Auditorium johlte, als dem blassen Reus nach einer Schrecksekunde der Satz entfuhr: Er versuche halt immer, das Beste aus sich herauszuholen.

Die lustige Stachelfrisur lässt ihn aus der Ferne vielleicht als Kindskopf erscheinen. Doch ein Lausebengel, für den ihn viele halten, ist er ebenso wenig wie ein Leichtfuß, der auf dem Platz einfach drauflosdribbelt. Wenn sein Mönchengladbacher Trainer Lucien Favre zuletzt über die Lücke redete, die Reus hinterlässt, sprach er in erster Linie über dessen taktische Reife.

An der Hennes-Weisweiler-Allee in Mönchengladbach werden neue Trainingsplätze gebaut. Max Eberl, Mönchengladbachs Manager, kann von seinem Büro auf die Baustelle blicken. Er hat die Klimaanlage auf Tiefkühlstärke gedreht. Auf dem Schreibtisch liegen 30 Euro her-

um. Die Sprache kommt schnell auf Reus, die abtrünnige Angriffsmaschine, die Gladbach auf Platz vier katapultierte. Eberl spricht aber nicht von den 18 Toren und 11 Torvorlagen, sondern von Reus' Spielintelligenz.

In der Ahlener Zweitligasaison ließ er Reus 20-mal beobachten. Eberl beeindruckte, wie sich der Hochbegabte da einfügte in eine Mannschaft, "die von der Kampfbereitschaft lebte". Das heißt: Der Filigrantechniker Reus rannte, rackerte und grätschte mit.

Umso rätselhafter erscheint die Debatte, die jetzt um ihn in Dortmund anhob. Im Kern dreht sie sich um die Frage, ob der Neuzugang in der Lage ist, wie die anderen Dortmunder Spieler "gegen den Ball" zu arbeiten - so nennen sie dort ihr systematisches, laufintensives Verteidigungskonzept. Man muss dazu fleißig sein, aggressiv und taktisch geschult.

Trainer Jürgen Klopp klang in diesem Zusammenhang wie der Leiter eines Umerziehungslagers: Er wolle Reus "helfen, ihn zu dem Spieler zu machen, den wir in ihm sehen". Als ob ihm der aktuelle Reus nicht genügte.

Der Mönchengladbacher Eberl sieht in Reus immer noch den Spieler, der sofort das komplizierte System Favres verstand. Das zeichne sich dadurch aus, dass man durch kluges Laufen dem Gegner die Passwege versperre. Dazu muss man fleißig sein, aggressiv und taktisch geschult.

Dem Irrtum, dass verwegene Dribbler wie Reus zwangsläufig Schwächen im Defensivspiel haben müssten, war wohl auch Bundestrainer Joachim Löw bei der EM erlegen. Sonst hätte er "Rolls-Reus", wie internationale Medien den Shootingstar feierten, wohl nicht zum Halbfinale wieder aus der Elf genommen.

Inzwischen urteilen die Dortmunder sanftmütig über den Neuen. "Er trägt unser Spielsystem immer tiefer in sich", sagt Teamkamerad Ilkay Gündogan etwas jovial. Vielleicht sind sie in Dortmund gerade dabei, Marco Reus ein zweites Mal zu unterschätzen.

Er war ja schon mal da. Vom achten Lebensjahr an kickte er in den BVB-Nachwuchsmannschaften, bis er in der B-Jugend, mit 16, nicht robust genug war. Zu klein und zu schmächtig. Berichte, wonach man ihn weggeschickt habe, stimmen zwar nicht. Wahr ist aber, dass der Ersatzspieler Reus im Herbst 2005 vergebens um mehr Einsatzzeiten bat. Und sie haben ihn nicht aufgehalten, als er einen neuen Verein suchte, den dann der Vater für ihn fand.

Es war Ahlen. "Ahlen", wiederholt Michael Zorc laut, der Dortmunder Manager, ohne allzu sarkastisch zu klingen. Doch der Umstand, dass eben nicht Bayern München, Leverkusen oder Gladbach um ihn geworben hätten, zeige doch, dass man keine exklusive Einschätzung von dem jungen Reus hatte: talentiert, aber auf gehobenem Niveau nicht durchsetzungsfähig.

In der Borussen-Geschäftsstelle sitzt auch Peter Wazinski. Er war der B-Jugend-Trainer, der Reus nur sporadisch aufstellte und schließlich ziehen ließ. "Im Nachhinein eine Fehleinschätzung, keine Frage", sagt der kleine Mann im hellen Freizeithemd. Heute ist er Sportlicher Leiter der Nachwuchsabteilung, er hat sich hochgedient im Club, auch weil er Talente wie Götze und Nuri Sahin förderte.

Und Reus? Wazinski sagt, dessen "körperliche Defizite" seien nun mal da gewesen, die "außergewöhnlichen Fähigkeiten" daher "nicht zum Tragen gekommen". Das sei "absolut ärgerlich, klar". Aber manchmal machten Talente große Entwicklungssprünge eben erst spät.

So haben sie für den Spieler, der schon zu ihnen gehört hatte, noch mal über 17 Millionen ausgegeben, die Summe, die in seinem Vertrag als Ablöse festgeschrieben war. Sollte er nun vor Vertragsende 2017 erneut den Verein wechseln, würde er gemäß einer Klausel je nach Zeitpunkt angeblich mindestens das Doppelte kosten.

Dortmund ist sein Lieblingsverein. Reus sagt, er habe damals, als er fortging, das Gefühl gehabt, "dass etwas in mir steckt". Deshalb habe er einen Umweg gehen müssen, um das zu beweisen.

Hätten jetzt nur die Bayern um ihn geworben, wäre er wohl in Mönchengladbach geblieben, erzählen Eingeweihte. Doch bei Dortmund wurde er schwach. Hier durfte er an der Hand seines Idols Tomáš Rosický einst als Junge mit den Profis ins Stadion einlaufen. Hier leben die Eltern, seine Freunde, die Freundin, mit der er nun zusammenzog.

Nur ab und zu fährt er noch die gut hundert Kilometer nach Mönchengladbach. Zu seinem Friseur.

(*) Als Fünfjähriger in der Mannschaft von Post SV Dortmund.

DER SPIEGEL 34/2012
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