DER SPIEGEL



UMWELT

Arktisches Roulette

Von Bidder, Benjamin; Schepp, Matthias; Traufetter, Gerald

Das Meereis am Nordpol taut und öffnet den Zugang zu riesigen Öl- und Gasvorkommen. Russland drängt mit Macht in die Polarregion. Doch undichte Pipelines zeigen die Risiken des Raubbaus.

Sie sehen aus wie überdimensionale Uhren. Eine hängt am Bürgermeisteramt, am Platz des Sieges, und zwei hängen an den Gebäuden des Katastrophenschutzamts.

Die Messgeräte in Sewerodwinsk zeigen nicht die Uhrzeit an, sondern die Radioaktivität. Die Dosimeter sollen die Menschen hier im Norden Russlands beruhigen. Denn die Stadt ist Heimathafen der russischen Atom-U-Boote, die ins Nordmeer auslaufen. Erst vor anderthalb Jahren geriet eines der Schiffe in Brand.

Über Jahrzehnte war es die U-Boot-Flotte, die den Menschen in der strukturschwachen Region als Segen und Fluch zugleich galt. Sie brachte ihnen Arbeitsplätze, verbreitete aber auch Furcht vor einem Tschernobyl auf See. Nun kommt ein neuer Hoffnungsträger dazu - und eine neue Gefahrenquelle: das Öl.

In den Werften der Stadt am Weißen Meer, wo einst die Atom-U-Boote gebaut wurden, entstehen heute Bohrplattformen. Eine wurde unlängst für das Ölfeld Priraslomnoje in der Petschorasee zusammengeschweißt. Ohne großes Aufsehen sollte das Stahlungetüm einer Tochter des russischen Energieriesen Gazprom in den nächsten Monaten mit dem Bohren beginnen.

Doch überraschenderweise regt sich Widerstand gegen den Bohrturm. Greenpeace Russland präsentierte vorige Woche eine beunruhigende Studie. "Käme es auf dieser Plattform in der Petschorasee zu einem Unfall, würde ein Gebiet doppelt so groß wie Irland verseucht", warnt Roman Dolgow, Chef des Greenpeace-Arktisprogramms.

Nur 50 bis 60 Kilometer von der Plattform entfernt liegen Naturschutzgebiete mit bedrohten Tierarten wie Walrossen und Weißwalen. Auf 3500 Kilometer Länge könnte die Küste mit einer giftigen Ölschicht überzogen werden. Unter den Bedingungen der Arktis aber ließe sich nur ein kleiner Teil wieder abtragen.

Die Gefahr von Umweltschäden wächst auch anderswo im hohen Norden. Die Arktis-Anrainerstaaten liefern sich ein Wettrennen um die Ausbeutung bislang unzugänglicher Rohstoffe. Denn das Meereis schwindet; in diesem Jahr könnte das bisherige Minimum von 4,3 Millionen Quadratkilometern (2007) noch unterschritten werden.

"Wir sind Zeugen einer einmaligen historischen Situation", sagt der Meereisphysiker Rüdiger Gerdes vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. "Mit der Öffnung eines neuen Ozeangebiets werden auch neue Begehrlichkeiten geweckt."

Rund 22 Prozent der weltweiten noch unentdeckten, förderbaren Ölvorkommen lagern nach einer Schätzung des US-amerikanischen Geologischen Dienstes in der Polarregion. Die Arktis ist die letzte Grenze für internationale Ölmultis - und sie fällt, weil das Meereis schmilzt und die Energiepreise steigen:

‣ In der Baffinbai westlich von Grönland suchen die Konzerne Statoil und Cairn nach Öl, unterstützt von einer Flotte Eisbrecher, die Eisberge aus der Nähe wegschleppen sollen.

‣ Der niederländisch-britische Shell-Konzern will jetzt nördlich von Alaska mit Probebohrungen beginnen - in einem Ölfeld, das schon in den achtziger Jahren entdeckt wurde und dessen Erschließung jetzt auch US-Präsident Barack Obama unterstützt.

‣ In diesem Frühjahr gelang dem US-Energiekonzern ConocoPhilips zusammen mit einem japanischen Ölkonzern bei einer Testbohrung in Alaska erstmals die Förderung von Methanhydrat - von Erdgas, das tief unter der Erde in Eiskristallen eingefroren ist.

Traditionell aber sind die Russen mit ihren riesigen Vorkommen an Öl, Gas und Erzen in Nordsibirien die Pioniere beim Anzapfen des arktischen Rohstoffschatzes. Kaum beachtet von der Weltöffentlichkeit, haben sie in der Region allerdings auch schon häufiger die Erfahrung gemacht, dass viel schiefgehen kann, wenn in einem solch sensiblen Gebiet mit brachialer Maschinengewalt Bodenschätze gefördert werden - arktisches Roulette.

Doch Umweltschutz war für die Strategen im Kreml noch nie ein vorrangiges Thema. Sie sehen im Energiesektor das Instrument, um Moskaus Stellung als Weltmacht zu zementieren. Ministerpräsident Dmitrij Medwedew stellte Anfang August ein Gesetzespaket vor, das die Ölförderung in der Arktis steuerlich begünstigt. Allein um die bereits begonnenen Erschließungsprojekte umzusetzen, werden bis 2020 rund 60 Bohrinseln für mehr als 60 Milliarden Dollar gebaut.

Präsident Wladimir Putin hat zwar versprochen, "strengste Umweltrichtlinien" einzuhalten. Wie wenig diese Beteuerungen wert sind, zeigt aber ausgerechnet das Pionierprojekt Priraslomnoje. Im Falle einer Havarie wäre die Besatzung der Plattform auf sich allein gestellt. Der nächste Rettungstrupp ist tausend Kilometer entfernt im Nordmeerhafen Murmansk stationiert.

Der aktuelle Notfallplan von Gazprom Neft Schelf sieht zur Beseitigung möglicher Umweltschäden drei Äxte, 25 Eimer, 15 Schaufeln, 15 Rechen und zwei Geländefahrzeuge vor. Die Versicherung der Bohrinsel gegen Umweltschäden beläuft sich auf lächerliche 180 000 Euro.

Die mangelnde Erfahrung russischer Konzerne mit Offshore-Projekten führt immer wieder zu Unglücken. Im vergangenen Dezember sank die mobile Bohrplattform Kolskaja im Ochotskischen Meer unweit der Insel Sachalin, als ein Eisbrecher sie im Schlepptau hatte. Gazflot, ein Tochterunternehmen von Gazprom, hatte die Plattform außerhalb der genehmigten Jahreszeiten eingesetzt. 53 der 67 Arbeiter, die zu diesem Zeitpunkt an Bord waren, starben im eiskalten Meer.

Seit den Sowjetzeiten haben russische Öl- und Gaskonzerne einen katastrophalen Ruf. Kaum jemand weiß das besser als Greenpeace-Aktivist Dolgow. Mit seiner Kollegin Tatjana Chachimullina bereist der vollbärtige Mann mit breiten Schultern in diesem Sommer die russische Teilrepublik Komi am Polarkreis. Ausgerüstet mit einem kleinen GPS-Gerät, einem alten Laptop und Aufnahmen eines amerikanischen Forschungssatelliten, suchen sie in der Taiga nach Pipeline-Lecks.

Nach Angaben der staatlichen Kontrollbehörde bersten die Pipelines im größten Flächenstaat der Erde jährlich an mehr als 25 000 Stellen. Greenpeace schätzt, dass dabei fünf Millionen Tonnen Öl auslaufen - siebenmal so viel, wie 2010 nach der Explosion der Ölplattform "Deepwater Horizon" in den Golf von Mexiko gelangte. Schon jetzt spülen das Schmelzwasser im Frühling sowie der Regen im Sommer rund 500 000 Tonnen Öl über große Flüsse in das Nordpolarmeer.

Roman Dolgow schwingt sich aus dem Wagen. Der Polarwind fegt über Krüppelkiefern und Sümpfe hinweg - und treibt einen Gestank wie von der Diesel-Zapfsäule einer Tankstelle heran. Am Taigahorizont glänzen silbern die Röhren einer Pipeline. Im Januar sinkt die Temperatur auf minus 50 Grad Celsius. "Wenn im Oktober der erste Schnee fällt, bedeckt er Hunderte Ölseen mit einer weißen Decke", berichtet Dolgow. Und wenn der Schnee im Mai wieder schmilzt, treiben schwarze Eisschollen die Petschora hinab Richtung Arktis.

Dolgow marschiert weiter über das Moor. Nach ein paar hundert Metern stößt er auf zwei frische Öllachen. Sie breiten sich über eine Fläche von zehn Hektar aus. Ein unterirdischer Pipeline-Strang ist geborsten. Abdrücke von Rädern haben sich tief in das Moos gedrückt. Der Lukoil-Konzern, dem die Pipeline gehört, hat lediglich ein Erkundungsfahrzeug zum Ölsee geschickt, aber sonst nichts weiter unternommen.

"Die Firmen zahlen lieber lächerlich niedrige Bußgelder", sagt Dolgow. Als Greenpeace voriges Jahr 14 Öllachen in Komi meldete, verurteilte die Umweltschutzbehörde den 80-Milliarden-Euro-Umsatz-Konzern Lukoil zu einer Gesamtstrafe von umgerechnet 27 500 Euro.

Eine halbe Stunde Autofahrt entfernt liegt das 1300-Seelen-Dorf Ust-Usa. Holzhütten und eine Handvoll Plattenbauten ducken sich an das Ufer der Petschora. Früher haben die Einwohner Wasser aus dem Fluss getrunken. Nun besteht Lebensgefahr. Zwischen Ölschlieren in Regenbogenfarben treibt blasser Schaum dem Nordmeer entgegen.

Eine Landärztin hat Buch geführt über die Krankengeschichten von Ust-Usa und den umliegenden Dörfern. Seit dem Jahr 2000 verzeichnet sie 50 Prozent mehr Krebsgeschwüre, Kinder und Jugendliche leiden doppelt so häufig an Erkrankungen der Atemwege. Nur wenige Männer im Dorf erreichen das Rentenalter. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 58 Jahren (landesweit bei 70).

Im Bürgerhaus entlädt sich der Zorn auf Ölkonzerne und den Kreml. Ein Rentner wettert gegen "Putins Regime, das das eigene Volk ausrottet". Jekaterina Djakowa, die Biologielehrerin des Dorfs, sagt: "Die Lösung kann nur Monitoring heißen." Sie kämpft für die Gründung eines unabhängigen Instituts, das Pipelines, Wasserqualität und Schadstoffe überwachen soll. "Das darf der Staat nicht den Ölmultis überlassen, die finden nur, was sie auch finden wollen."

Schon vor zwei Jahren hat Djakowa ihren Vorschlag "an den Präsidenten der Russischen Föderation" geschickt. Auf eine Antwort wartet sie bis heute. "Überall gilt Öl als schwarzes Gold", sagt Djakowa. "Für uns ist es die schwarze Pest."


DER SPIEGEL 34/2012
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