22.09.1997

RECHTSCHREIBREFORM„Die Überrumpelung stoppen“

Horst Haider Munske, 62, Linguist und Deutsch-Professor in Erlangen, hat seinen Austritt aus der Kommission erklärt, die die umstrittene Rechtschreibreform nachbessern soll.
SPIEGEL: Aus welchem Grund kehren Sie nach Jahren dem Reformerzirkel den Rücken?
Munske: Weil ich eine gründliche Überarbeitung des Regelwerks für nötig halte. Inzwischen ist mir klargeworden, daß die Kultusminister und die Mehrheit der Kommission das unbedingt vermeiden wollen. Ich will aber nicht Expertenarbeit leisten für etwas, das ich weder mitverantworten kann noch mitbeschließen darf.
SPIEGEL: Sie haben die Vorschläge doch selbst mit erarbeitet. Was stört Sie?
Munske: Ich habe schon 1993 erklärt, daß es nur eine Pflege, keine Reform der Orthographie geben kann. Man muß die Regeln verständlich darstellen und dabei Widersprüche und Spitzfindigkeiten ausräumen. Diese Reform aber versteigt sich bis zur Sprachplanung.
SPIEGEL: Wären Schüler nicht dennoch dankbar für Vereinfachungen?
Munske: Sicher, die alten Dudenregeln waren oft zu kompliziert. Alle Feinheiten müßte man freilich in der Schule gar nicht lernen.
SPIEGEL: Wo liegt dann für Sie der Fehler?
Munske: Im Vereinfachungswahn. Da verschwinden etwa 800 sinnvolle Zusammensetzungen wie "heiligsprechen" aus den Wörterbüchern. Groß- und Kleinschreibung wurde ins Prokrustesbett der Sprachdidaktik gezwängt. So etwas mag Schreib-Anfängern willkommen sein. Sprachbewußte Leser empört es - mit Recht.
SPIEGEL: Sollen die Regeln nicht nur für Schulen und Behörden gelten?
Munske: Ja, aber das ist doch als Hebel gedacht. Auf Dauer würde sich kein Verlag der Neuregelung entziehen können.
SPIEGEL: Was schlagen Sie statt dessen vor?
Munske: Die Überrumpelungsaktion muß gestoppt werden, jetzt. Dann könnte ein unabhängiges Gremium - das es bisher noch nicht gibt - eine Überarbeitung veranlassen.
SPIEGEL: Ist es dafür nicht zu spät?
Munske: Keineswegs. Es gibt ja die Rechtschreibung: in Millionen Büchern, dazu im Sprachbewußtsein aller, die Deutsch schreiben und lesen. Eine Revision in zehn Jahren, wie das einige versprechen, wäre weit mühsamer.
SPIEGEL: Und die neuen Schulbücher?
Munske: Man könnte sie weiterbenutzen, wenn man die neue "ss"-Regel beibehält und das übrige korrigiert. Es würde auch signalisieren: Zum alten Duden wollen wir nicht zurückkehren.
Von Saltzwedel und

DER SPIEGEL 39/1997
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RECHTSCHREIBREFORM:
„Die Überrumpelung stoppen“

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