29.09.1997

PARTNERSCHAFT Das Modell der Zukunft

Eine neue sexuelle Subkultur formiert sich in den USA: Bekennende Polygamisten beider Geschlechter verlangen die Anerkennung ihrer Lebensform. Polyamory heißt die Bewegung, die das Familienleben des nächsten Jahrhunderts bestimmen möchte. Von Henryk M. Broder
Nancy und Darrell waren schon 15 Jahre miteinander verheiratet, als Darrell eines Tages, gleich nach dem Frühstück, plötzlich sagte: "Nancy, ich möchte nicht sterben, ohne vorher noch mit einer anderen Frau zusammengewesen zu sein." Worauf Nancy, für Darrell völlig unerwartet, erwiderte: "Ich auch nicht."
Nancy, inzwischen 51, und Darrell, 53, waren beide unberührt in den Stand der Ehe getreten. Alles, was sie über Sexualität wußten, hatten sie sich miteinander erarbeitet. Bis zu jenem Tag, als sie beschlossen, ihre Ehe "zu öffnen", hatten sie auch nicht darüber gesprochen, was ihnen fehlte und was sie gern ausprobieren würden.
Danach wurde alles schlagartig anders. "Ich hatte ein paar Dutzend Affären im Laufe eines Jahres", erinnert sich Nancy, "mit Männern und mit Frauen."
Seitdem sind 13 weitere Jahre vergangen, Nancy und Darrell sind noch immer miteinander verheiratet, doch sie treiben es nicht mehr so wild wie früher. "Wir leben jetzt in einer festen Beziehung", sagt Nancy, "in der es nicht nur auf Sex ankommt."
Die feste Beziehung, von der Nancy spricht, das sind Ed, 57, und Marianne, 47, die ihrerseits einiges hinter sich haben. Ed war schon zweimal verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder, Marianne ist einmal geschieden und Mutter zweier Töchter. Ed, Professor für Soziologie an der State University of New York in Oswego, und Marianne, die aus der Pfalz stammt und bei einer karitativen Einrichtung beschäftigt ist, wohnen zusammen im Norden des Staates New York; Nancy, die als Therapeutin für "alternative lifestyles" arbeitet, und ihr Mann Darrell, der an einer High School unterrichtet, leben in Rochester.
Die beiden Paare besuchen sich gegenseitig an Wochenenden und fahren gemeinsam in Ferien. "Wir führen eine stabile Gruppenehe", sagt Ed, "der einzige Unterschied zwischen uns und monogamen Paaren ist der, daß wir mehr als eine intime Beziehung zur selben Zeit haben. Aber wir sind keine Swinger, wir sind nicht auf schnellen Sex aus, wir sind füreinander da, jeder kümmert sich um die anderen."
Das Kleeblatt kommuniziert sexuell über Kreuz, darüber hinaus sorgen ganz normale Interessen für den nötigen inneren Zusammenhalt. "Darrell und ich verstehen uns toll", sagt Ed, "wir sind beide Macintosh-Fans." Als Soziologe kennt er natürlich auch das Umfeld seines privaten Experiments. "50 Prozent aller Ehen in den USA werden geschieden, die meisten Amerikaner praktizieren serielle Monogamie, haben einen festen Partner nach dem anderen und nebenbei noch Affären. Das ist falsch und verlogen. Wir praktizieren Polylove, offen und ehrlich. Wir sind das Familienmodell des nächsten Jahrhunderts."
Eds Plädoyer für Polylove oder Polyamory, wie die neue Form der Vielweiberei bzw. Vielmännerei von ihren Anhängern genannt wird, klingt so, als ginge es ihm darum, die "family values" zu verteidigen, die in der US-Kultur eine so große Rolle spielen.
In einer Gesellschaft, in der vorehelicher Sex noch immer verpönt ist und ein Seitensprung bei Berufssoldaten reicht, um aus der Armee entlassen zu werden, fühlen sich sogar praktizierende Polygamisten den geltenden Werten verpflichtet - Partnerschaft, Fürsorge und Verantwortung, oder wie es im Beziehungs-Amerikanisch heißt: to care, to share, to commit.
Ob es Ralph Reed ist, bis vor kurzem Führer der konservativen und homophoben Christian Coalition, der spricht, oder ein Aktivist der Schwulen- und Lesbenbewegung, der die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen fordert, sie benutzen dieselben Begriffe, um als moralisch einwandfrei dazustehen. Doch während die Schwulenbewegung inzwischen offen auftritt und in Städten wie New York und San Francisco zu einer Kraft geworden ist, mit der jeder Politiker rechnen muß, geht Polyamory erst in Stellung.
Logistisches Zentrum der Bewegung ist die Stadt Boulder im Bundesstaat Colorado. Hier erscheint LOVING MORE - NEW MODELS FOR RELATIONSHIPS. Die rund 3000 Bezieher des professionell gemachten Magazins bilden ein "Polylove Network", sie verkehren miteinander im Internet und treffen sich zu Konferenzen und Workshops, zuletzt bei der "Loving More''s East Coast Conference" Mitte September in den Catskills, 100 Meilen nördlich von New York, wo 150 Polylovers drei Tage lang Erfahrungen austauschten und den liebevollen Umgang miteinander und mit "radikaler Ehrlichkeit" übten.
Wie alle potentiellen Massenbewegungen hat auch das "Polylove Network" klein angefangen - 1984 mit einem fotokopierten Newsletter, den Ryam, Allen und Barry an Freunde verteilten, denen sie ihre polyamore Dreiecksbeziehung erklären wollten. Ryam, heute 43, und Barry, ebenfalls 43, waren miteinander ordentlich verheiratet und hatten Allen, 50, als Dritten in ihren Bund aufgenommen. Es war ihnen zu mühsam, alle Anfragen - "Wie macht ihr das?" - einzeln zu beantworten.
Dazugekommen sind Brett und Ruth. Ryam, die in Los Angeles Psychologie und Soziologie studiert hat, ist noch immer mit Barry verheiratet, hat aber mit Brett, der "interpersonal communication studies" an der Universität von Oklahoma mit einem B. A. abgeschlossen hat, einen Sohn - den zweijährigen Zeke. Ryams Mann, Barry, ist mit Ruth zusammen, nur Allen, "der alles reparieren kann, was im Haus kaputtgeht", ist derzeit allein. Am liebsten spielt er mit Zeke, während dessen Eltern, Ryam und Brett, an der nächsten Ausgabe von LOVING MORE arbeiten.
Im Laufe der Jahre ist aus der alternativen Lebensform und dem Bedürfnis, sie anderen mitzuteilen, ein Full-time-Job geworden. Und eine Mission, denn nach wie vor "ist es ein totales Tabu, mit mehr als einem Partner zusammenzusein, eine größere Sünde, als Sex mit einem Partner des gleichen Geschlechts zu haben", sagt Brett.
Anders als bei den Schwulen habe sich noch kein Promi als "poly" geoutet, gebe es keine "poly support groups", wie sie bei den "gay and lesbian communities" ganz selbstverständlich seien. Eine "poly pride parade" nach dem Vorbild der New Yorker "gay pride parade" läge jenseits aller Wunschträume. "Dabei sind wir absolut pro Familie", sagt Brett, "viel mehr als diejenigen, die überzeugt sind, daß man sich scheiden lassen sollte, bevor man eine neue Beziehung anfängt. Wir glauben nicht, daß man dafür erst die Familie zerstören muß, ganz im Gegenteil."
Die "sozialen Kosten" für den Erhalt der "Monogamie-Fassade" seien enorm - Gewalt in den Familien, Unmengen von Scheidungen, beschädigte Kinderseelen. "In Wirklichkeit haben die meisten Menschen mehr als einen Partner. Wir nennen die Dinge beim Namen. Wir sagen: Hört auf zu lügen, hört auf, euch etwas vorzumachen!"
Wie alle Träger von missionarischen Ideen glauben auch die Polylove-Aktivisten an einen monokausalen Zusammenhang von Elend und Erlösung. Die Monogamie ist die Ursache allen Übels, ihre Abschaffung der Schlüssel zum allgemeinen Glück. "Wir repräsentieren eine revolutionär-evolutionäre Kraft", sagt Ryam, "allein durch unsere Lebensweise werden wir den Kurs der menschlichen Zivilisation dramatisch und positiv beeinflussen."
Doch bevor die ganze Menschheit auf den richtigen Weg kommt, müssen ein paar banale Probleme des polyamoren Alltags gelöst werden. "Wir haben einen Schlafplan aufgestellt, der genau regelt, wer mit wem nächtigt. Es läuft darauf hinaus, daß ich rotiere", sagt Poohzen, 37, eine Buchhalterin, die mit ihren drei Männern Jeff, Steve und Sam in Albany lebt.
Poohzen heißt eigentlich Susan, sie hat sich aus "Pooh the bear" und "Zen-Buddism" einen neuen Vornamen geformt, mit dem sie in der Poly-Szene inzwischen recht bekannt ist. "Ich bin seit 21 Jahren polygam, ein Mann reicht mir nicht, ich brauche die Abwechslung, wer mit mir etwas anfangen will, muß akzeptieren, daß ich von Natur aus polygam bin, das ist es, was meine Persönlichkeit ausmacht."
Zuerst war Jeff da, dann kam Steve, und als Sam sich um sie bemühte, da mußte er sich der ganzen Poly-Gruppe vorstellen und alle zum Essen ausführen. "Wir sind keine Kommune", sagt Poohzen, "wir sind eine richtige Familie, keiner kann kommen und gehen, wie es ihm paßt, wer mit uns leben will, muß uns heiraten."
Steve, Poohzens zweiter Mann, der mit ihr zu der Konferenz in den Catskills gekommen ist, während Jeff und Sam ihren Jobs nachgehen und das gemeinsame Haus in Albany hüten, hat eine Weile eine Liebesbeziehung mit Sam gehabt; während ihn mit Jeff die Liebe zur Rockmusik verbindet. Folgerichtig spricht er von "unseren Ehemännern". Jeff, sagt Poohzen, hat derzeit ein Problem, "er braucht mehr feminine Energie, als ich ihm geben kann" - und sucht deswegen eine zweite Frau. "Wir werden alles durchsprechen, wir werden uns durch unsere Gefühle durcharbeiten."
Das kann "ziemlich schmerzlich sein, aber am Ende sehr nützlich, denn Sex ist nur die Glasur auf dem Kuchen, der Kuchen selbst besteht aus Kommunikation". Der Aufwand lohne sich, meint Poohzen, sie kenne nur "ganz wenige Ehen, die so lange gehalten haben wie unsere Gruppen-Ehe", schließlich sei sie mit ihren Männern schon länger zusammen als ihre Schwester, zusamengerechnet, mit deren drei Männern, die sie nacheinander geheiratet hat. "Wir sind eine sehr stabile Familie."
Kostet es schon viel Kraft und Disziplin, eine normale Zweierbeziehung zu organisieren, steigt der Aufwand bei Poly-Familien ins Gigantische. Der Terror der Intimität und der permanente Zwang zur Kommunikation lassen weder Raum für Geheimnisse noch für Unvorhergesehenes. Jeder Schritt muß im voraus bedacht und im nachhinein bewertet werden. Worin liegen die Vorteile einer Poly-Familie, wenn es nicht die sexuelle Abwechslung sein soll?
"Die Frage ist falsch gestellt", sagt Dwight, 42, Computer-Techniker bei einem Internet-Provider, es komme nicht auf die Vorteile an, sondern darauf, "daß man erfolgreich und effektiv kommuniziert, das ist der Schlüssel". Dwight ist seit über drei Jahren mit Stephanie, 23, zusammen, vor vier Monaten hat er beim Surfen im Internet Maria, 37, kennengelernt. Die drei sind zusammen 102 Jahre alt und 243 Kilo schwer. Meistens kommt Maria, die in Somerville bei Boston wohnt, nach Worcester, wo Dwight und Stephanie leben.
Gleich beim ersten Besuch gab es einen typischen Kommunikationsfehler. "Dwight kam zu mir und sagte, daß er mit Maria schlafen wollte", erinnert sich Stephanie, "ich hatte angenommen, er würde bei mir schlafen." "Es war meine Schuld", sagt Dwight, "ich hab'' die Situation verkorkst, ich hätte mit den beiden vorher reden müssen." Die Krise endete damit, daß Dwight die Nacht auf dem Sofa verbrachte, ganz allein.
Dwight hat eine lesbische Schwester, die mit seinem Lebensstil nicht einverstanden ist. "Sie sagt, es komme mir nur auf Sex an, ich meine es nicht ernst." Die Unterstellungen kränken ihn. "Ich habe noch nie soviel in mich hineingehorcht, mich ständig gefragt, was tue ich und warum, wie jetzt."
Man müsse viel Geduld haben und viel Ärger in Kauf nehmen, wenn man in ei- ner Poly-Beziehung bestehen wolle. Inzwischen wissen Dwight, Stephanie und Maria, was sie einander zumuten können. Auf Reisen teilen sie sich ein Zimmer mit zwei Doppelbetten, möchten aber über Details nicht reden.
"Wir sind alle älter und reifer geworden", sagt Sascha, 57, der auf Hawaii lebt, die meiste Zeit aber in den USA unterwegs ist. "Wir legen auf die Qualität unserer Beziehungen mehr Wert und überlegen uns, mit wem wir bis zum Ende unseres Lebens zusammenbleiben wollen."
Auf Saschas Visitenkarte stehen sechs Berufe, darunter "holotropic breathworker", "pastlife therapist" und "tantra educator". Eigentlich ist er aber ein "Beziehungsberater", der sich auf Poly-Gruppen spezialisiert hat. Er hält Workshops über die richtigen Formen der "Poly-Etikette" und verbreitet, wo immer er auftaucht, gute Laune. Kein Wunder, hat er doch "13 Primaries, die sich verschworen haben, mich glücklich zu machen".
Fünf seiner "Primaries" leben in Hawaii, drei in Los Angeles, die übrigen in New York und an der Ostküste. Daheim in Hawaii lädt er sonntags zu "Love-ins" ein, zu denen alle seine lokalen "Primaries" kommen, manche in Begleitung ihrer jeweiligen "Secondaries", die wiederum ihre "Primaries" mitbringen.
"Ganz normale Heterosexuelle, die keine Schwierigkeiten haben, Homosexuelle zu akzeptieren, freaken aus, wenn sie uns über den Weg laufen", dabei sei Polyamory die natürlichste und gesündeste Sache der Welt. "Wenn man sich in jemanden verliebt, muß man diejenigen, die man bereits liebt, nicht aufgeben."
Früher oder später, sagt Sascha, wird sich das Modell durchsetzen, wir leben schließlich in einer Kommunikationsgesellschaft, in der die Individuen aufeinander zugehen und ihr Wissen miteinander teilen. Und allen, die trotzdem an ihren monogamen Beziehungen festhalten wollen, ruft er zu: "Wir denken, ihr seid auch okay, und wir hoffen, daß ihr glücklich seid!"
* Stephen Baldwin, Lara Flynn Boyle, Josh Charles in "Einsam-Zweisam-Dreisam", USA 1993.
Von Broder, Henryk M.

DER SPIEGEL 40/1997
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