29.09.1997

ANATOMIEFurche neben Mamma

Mediziner haben ihr anatomisches Vokabular reformiert. Ergebnis: tausend neue Unworte, ein paar Grammatikfehler und ein Name für ein namenloses Organ.
Wohin schneidet der Operateur, wenn er sein Skalpell in den Ventriculus setzen soll? Ungewiß bleibt die Antwort, denn der Vermummte am Messer rätselt selbst: Ventriculus nennt der Mediziner den Magen, die Herzkammer, einen Teil des Gehirns und außerdem ein Stück vom Kehlkopf.
Mit der Sprache der Mediziner ist es ein Elend. Kein Patient soll das Brimborium aus Latein und Griechisch enträtseln, aber Eingeweihte verstehen es bisweilen auch nicht: Mitunter fachsimpeln Experten babylonisch aneinander vorbei, denn ihrem ohnehin fehlerbeladenen Geheimjargon fehlt es an Eindeutigkeit.
Das Fingerproblem zum Beispiel macht den Wirrwarr offenbar: Wird der Digitus primus der Amputation anbefohlen, hat im OP der Irrtum leichtes Spiel. Als "erster Finger" gilt Ärzten in einigen Ländern der Daumen, in anderen der Zeigefinger, und manchenorts würden sich die Mediziner ohne Zögern am kleinen Finger vergreifen.
Solcher Mißstand schrie nach Reform. Acht Jahre lang haben sich 20 führende Anatomen aus 16 Ländern die Köpfe frakturiert über eine einheitliche Terminologie für das nächste Millenium. Sie tagten in Rio de Janeiro, Southampton, Costa Rica und New Orleans und unterzogen jede Sehne, jeden Muskel und Knochenhöcker einer Terminus-Diskussion oder gar -Revision.
Jetzt haben sie ihr Opus magnum zur Anatomie des Menschen im brasilianischen São Paulo beendet. Entstanden ist ein Mammutwerk, das den sezierten Körper auf mehr als 6000 Begriffe auswälzt, erstmals nicht nur in Latein, sondern auch in Englisch, der Lingua franca der modernen Wissenschaft. Überdies sind in dem Kompendium mehr als 1000 neue Wörter zu entdecken zu Körperteilen, die jeder hat und doch fast keiner kennt.
Erstmals offiziell benannt wurde etwa das "Organum juxtaorale". Hinter diesem Begriff verbirgt sich das rätselhafteste Organ im menschlichen Leibe. Jeweils eines davon liegt versteckt in den Wangen; niemand weiß, wofür sie gut sind, und kaum ein Doktor kennt sie. Weil die Knubbel jetzt nicht mehr namenlos herumliegen, so hofft Lutz Vollrath, Mainzer Anatom und stellvertretender Kommissionsvorsitzender, werden Chirurgen künftig zögern, sie in anatomischer wie begrifflicher Unkenntnis als Tumoren aus den Gesichtern zu schneiden.
Auf der bedeutendsten Reformkonferenz seit der Nomina Anatomica von Paris im Jahre 1955, genau 478 Jahre nach Leonardo da Vinci, einem der Urväter der modernen Anatomie, wurde aber auch so Grundlegendes wie der Busen sprachlich erstmals eingefaßt. Den hatten alle Mediziner bislang schlicht übersehen.
Nach alter Sitte bezeichnet "Busen" den Platz zwischen den Brüsten, ein lateinisches und seziertischtaugliches Wort dafür haben die Römer jedoch mit ins Grab genommen. Nun ist eines gefunden: Sulcus intermammarius heißt die Stelle, zu deren Linker und Rechter jeweils eine Mamma prangt - oder auch nicht, denn den Sulcus (lat. für Furche, Graben) gestehen die Mediziner fortan auch dicken Männern zu.
Als sehr unterschiedlich erwiesen sich die nationalen Vorlieben für Körperteile. Dem Russen unter den Konferenzteilnehmern lag vor allem das Immunsystem am Herzen, während die nach Kopfstärke überlegenen Amerikaner das Gehirn und andere Teile des Zentralnervensystems im Auge hatten. Ihnen ist zu danken, daß nun zahlreiche Zellarten im Gehirn eigene Namen tragen und der Erkenntnisgewinn der Neuroanatomen auch ihren Wortschatz bereichert.
Ein Haufen Nervenzellen im verlängerten Mark des Gehirns zum Beispiel trägt jetzt den klangvollen Namen "Nucleus paragigantocellularis lateralis medullae oblongatae". Nach Ansicht ihrer Verfechter verstößt diese Begrifflichkeit nur scheinbar gegen die goldene Anatomenregel, wonach neue Worte einprägsam, belehrend und beschreibend sein sollten.
Weniger Eindruck hinterließen der Franzose und der Japaner. Sie waren des Englischen nicht in ausreichendem Maße mächtig. Der Franzose, Angehöriger einer Nation von beträchtlichem Argwohn gegenüber linguistischen Fremdeinflüssen, setzte sich gegen seine reformerischen Kollegen zudem mit häufiger Abwesenheit zur Wehr.
Die übrigen Europäer aber glänzten bei den Verhandlungen mit ihrer Kenntnis des Lateinischen. Beherzt tilgten sie manchen ärztlichen Kunstfehler an der Grammatik, der sich in früheren Anatomenkonferenzen eingeschlichen hatte. Die Augenhöhle, bisher Cavitas orbitale, ist damit von ihrer Adjektiv-Verstümmelung genesen und darf künftig grammatikalisch korrekt Cavitas orbitalis heißen.
An andere Fehler hingegen haben sich die Ärzte schon so gewöhnt, daß sie trotz besseren Wissens am Irrtum festhalten wollen. Die Glomeruli, kleine Knäuel in der Niere, bleiben maskulin, obwohl sich alle Römer einig waren, daß Knäuel geschlechtslos sind und damit Glomerula heißen müßten.
Eher zaghaft rückten die Anatomen auch den Ventriculus-Wucherungen zu Leibe. "Uns waren die Hände gebunden", klagt Vollrath, denn die Experten sollten den Jargon nur sowenig wie unbedingt nötig reformieren.
Drei von vier Ventriculi werden weiter Verwirrung stiften, nur der Magen nicht: Der heißt jetzt nur noch "Gaster".
Von Evers und

DER SPIEGEL 40/1997
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