27.08.2012

GLÜCKSSPIELGeschäfte mit der Hoffnung

Noch nie waren so viele Menschen in Deutschland dem Automatenspiel verfallen. Vor allem Migranten daddeln.
Draußen bricht ein neuer Tag an, Kinder laufen zur Schule, Wirte räumen Stühle ins Freie. Drinnen, im halbdunklen Saal des "Spielpalasts" im westfälischen Unna, bestellt Yilmaz K. eine Cola, zündet sich eine Zigarette an und setzt sich vor einen Automaten. Es ist früh am Morgen, er ist gerade aufgestanden. Noch sind nur wenige Spieler in der Halle. K. nickt ihnen zu, steckt einen 20-Euro-Schein in die Maschine und sagt: "Die Hoffnung ist immer ein Stück größer als die Verzweiflung."
Yilmaz K., 42, spielt seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Sechs Stunden am Tag fährt er für eine Spedition Waren aus, den Rest der Zeit verlebt er im Spielpalast. Auch seine Hochzeitsnacht verbrachte er im Casino. Inzwischen hat er mehrere zehntausend Euro Schulden bei der Bank angehäuft. "Du gewinnst hundert Euro. Doch du willst mehr", sagt er. "Du zockst, bis du alles verlierst."
Laut einer aktuellen Studie fallen in Deutschland eine halbe Million Menschen durch krankhaftes oder problematisches Spielverhalten auf. Die Zahl junger Männer, die an Automaten ihr Geld loswerden, hat sich in den vergangenen Jahren verdreifacht. Migranten sind besonders betroffen. Das Münchner Institut für Therapieforschung kommt zu dem Ergebnis, dass jeder zweite pathologische Spieler, der sich in Deutschland an eine Beratungsstelle wendet, Migrationshintergrund hat. "Wir verlieren ganze Generationen an die Automaten", klagt der Berliner Psychologe Kazim Erdogan.
Der Spielpalast in Unna füllt sich mit Geschäftsleuten, Arbeitern, Hartz-IV-Empfängern. Yilmaz K. kennt viele der Gäste. Er ist mit dem Glücksspiel groß geworden. Seine Eltern sind in den siebziger Jahren aus der Türkei nach Deutschland gezogen. K. war noch ein Kind, als er begann, Automaten mit D-Mark-Münzen zu füttern. Wie sein Bruder. Wie seine Freunde. Und je älter er wurde, desto höher waren die Beträge, die er setzte. Inzwischen hat er die Vollmacht über sein Konto auf seine Frau übertragen. Doch noch immer rennt er in die Daddelhalle. "Ich weiß nichts mit mir anzufangen, wenn ich nicht spiele."
Experten machen auch die unzureichende deutsche Integrationspolitik dafür verantwortlich, dass so viele Migranten spielsüchtig sind. Manche Zuwanderer fühlten sich in Deutschland selbst nach Jahrzehnten nicht zu Hause. Das Armutsrisiko ist bei ihnen doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Migrationshintergrund. Es sind fast ausschließlich Männer, die spielen. Sie gehen in die Zockerstuben, um ihre Einsamkeit zu vertreiben, weil sie auf plötzlichen Reichtum hoffen oder auch nur deshalb, weil sie in den Spielotheken freundlich behandelt und nicht diskriminiert werden.
Ercan Yasaroglu arbeitet seit 20 Jahren als Sozialarbeiter in Berlin, zunächst in Schöneberg, jetzt in Kreuzberg. Er hat sich gegen den Drogenhandel eingesetzt. Nun bereitet er eine Initiative gegen Spielautomaten vor. "Das Glücksspiel hat Heroin und Koks als gefährlichstes Suchtmittel abgelöst", glaubt Yasaroglu.
Der Sozialarbeiter kennt Männer, die ihr Vermögen in einer Nacht verspielt haben und nun auf der Straße um Essen betteln. Seine Kundschaft kommt oft aus sozial schwachen Milieus. Die Männer haben wenig zu verlieren und sind deshalb bereit, große Risiken einzugehen. Die Glücksspielbetreiber haben darauf reagiert und sich vor allem in Bezirken mit hohem Migrantenanteil niedergelassen - dort, wo das Geschäft mit der Hoffnung besonders lukrativ ist.
Die Bundesregierung fördert dieses Geschäft: 2006 hat die Große Koalition die Spielverordnung gelockert. Die Spielhallenbetreiber dürfen seitdem mehr Geräte aufstellen, und die Geräte dürfen höhere Gewinne auswerfen. Innerhalb von sechs Jahren ist die Zahl der Automaten in Deutschland von 180 000 auf 240 000 gestiegen. Der Umsatz hat sich auf 4,14 Milliarden Euro fast verdoppelt.
Die schwarz-gelbe Koalition hat versprochen, die Spielverordnung zu reformieren. Doch der Entwurf des Bundeswirtschaftsministeriums wird von Experten wie Tilman Becker von der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim als zu lasch und industrienah kritisiert. Mit einer "personengebundenen Spielerkarte", wie es sie in Norwegen gibt, könnte man Spieler sperren, zu deren eigenem Schutz. Doch Minister Philipp Rösler (FDP) lehnt diese Variante ab. "Das Wirtschaftsministerium stellt die Interessen der Automatenindustrie über die Suchtprävention", sagt Becker.
Vor dem "Casino 36", einer Spielhalle am Kottbusser Tor in Kreuzberg, lehnen Jugendliche an einer Mauer. Sie sind zu jung fürs Casino, wo der Zutritt erst ab 18 Jahren erlaubt ist, aber sie daddeln ungehindert an den Automaten in Dönerläden und Cafés.
Die Stadt Berlin hat zwar seit Juni 2011 eines der strengsten Spielhallengesetze der Republik, das die Neueröffnung von Spielotheken erschwert. Doch damit wurde das Problem nicht gelöst, sondern in Buden und Gaststätten verlagert, in sogenannte Café-Casinos. Jeder kann rein, ohne Altersbeschränkung. Sozialarbeiter Yasaroglu geißelt sie deshalb als "Einstieg in die Abhängigkeit". Einer aus der Gruppe am Kottbusser Tor erzählt, er zocke seit seinem zwölften Geburtstag: "Es ist einfach. Alle tun es." Um das Spielen zu finanzieren, breche er in Läden ein. Oder er beklaue Passanten.
In einer fast leeren Berliner Wohnung sitzt Berkant O., 40, auf einem abgewetzten Sofa. Wegen seiner Spielsucht hat er sich derart verschuldet, dass er Möbel und Stereoanlage verkaufen musste. Er schläft auf dem Ausziehsofa im Wohnzimmer, seine 8 und 13 Jahre alten Söhne, die er allein großzieht, haben ein schmales Zimmer nebenan.
Als sich seine Frau vor drei Jahren von ihm trennte, begann der Deutschtürke zu spielen - zur Ablenkung und in der Hoffnung auf schnelles Geld. Er wollte seinen Kindern etwas bieten. Von seinem Gehalt als Hausmeister einer Schule konnte er sich das nicht leisten. Anfangs gewann er kleine Summen. Doch schon bald verspielte er sein Einkommen, das Kindergeld. Er musste umziehen, weil er die Miete nicht mehr bezahlen konnte. O. erzählte niemandem von seiner Sucht. Sein Vater ist gläubiger Muslim. Er hätte dem Sohn das Zocken nicht verziehen, Glücksspiel gilt im Islam als Sünde.
Nur zwei von zehn Spielsüchtigen holen professionellen Rat ein, heißt es im Suchtbericht der Bundesregierung. "Alle spielen, aber keiner gibt zu, krank zu sein", sagt der Psychologe Erdogan. Er hat in Berlin eine Selbsthilfegruppe für muslimische Männer gegründet. In seiner Runde ist Spielsucht das zentrale Thema. Erdogan sagt, es sei wichtig, jungen Männern eine Perspektive zu geben. Er will ehemalige Spieler zu Laien-Therapeuten ausbilden. Sie sollen Abhängigen Wege aus der Sucht weisen.
Berkant O. hat erst Hilfe gesucht, als das Jugendamt drohte, ihm die Kinder wegzunehmen. So kam er in Erdogans Männergruppe. Inzwischen sei er "clean", sagt er, doch das Verlangen nach den Automaten spüre er nach wie vor. "Ich kriege das Geräusch nicht aus dem Kopf."
Von Maximilian Popp

DER SPIEGEL 35/2012
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