27.08.2012

KONZERNE

Der Prozess

Von Dohmen, Frank und Hawranek, Dietmar

Nächste Woche beginnt vor Gericht das Finale des Übernahme-Krimis von Porsche und VW. Angeklagt: der einstige Finanzvorstand des Sportwagenbauers, Holger Härter. Einst galt er als Zauberer, heute wird er als Zocker beschimpft.

Der Mann, der seine Gefühle früher stets perfekt verbergen konnte, flucht neuerdings des Öfteren: "Langsam stinkt mir das", sagt Holger Härter. Überall werde er als Spekulant beschimpft, als Hasardeur, als Zocker oder gar als Verbrecher. Am Tag, an dem die Staatsanwaltschaft Stuttgart die Meldung herausgab, sie werde Anklage gegen den einstigen Finanzvorstand von Porsche erheben, ließ ein Fernsehsender stundenlang das Info-Band laufen: "Härter drohen drei Jahre Haft."

In all den Jahren der Übernahmeschlacht, in denen das kleine Porsche-Imperium den Wolfsburger Autoriesen VW schlucken wollte, sah man Härter auch in schwierigen Phasen nur mit einem Lächeln. Er trug es selbst am 23. Juli 2009 noch zur Schau, als der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und er sich nach ihrer Entlassung von der Belegschaft verabschiedeten.

Auf der Betriebsversammlung sagte der Finanzchef, nach 14 Jahren bei Porsche sei dies für ihn "eine der schwersten Stunden". Wiedeking kämpfte mit den Tränen. In Härters Gesicht sah man keine Regung.

Jetzt aber, da der 5. September näher-rückt, der Beginn seines Prozesses vor dem Landgericht Stuttgart, ist der Finanzprofi erkennbar getroffen. Härter versteht die Journalisten nicht, die schreiben, er habe mit seinen Optionsgeschäften Porsche aufs Spiel gesetzt, und die Stuttgarter Staatsanwaltschaft schon gar nicht, die ihn angeklagt hat. Dass er überhaupt jetzt vor Gericht soll, erscheint ihm fast surreal. Franz Kafka ist einer seiner Lieblingsautoren. Und natürlich erinnert ihn jetzt manches an dessen Roman "Der Prozess", in dem Josef K., der Prokurist einer Bank, vor Gericht erscheinen muss und nie herausfindet, warum er eigentlich angeklagt ist.

Das immerhin weiß Härter. Er ist gemeinsam mit zwei weiteren Porsche-Managern wegen Kreditbetrugs angeklagt. Das wäre nicht nur ein Verstoß gegen das Strafgesetz. Es würde einem Finanzmanager wie ihm auch das wichtigste Kapital entziehen, seine Glaubwürdigkeit.

Seit Monaten geht Härter mit seinen Beratern die Details der Übernahmeschlacht um VW noch einmal durch: den Einstieg 2005, die Optionsgeschäfte mit Puts und Calls, den Höhenflug der VW-Aktie auf kurzfristig 1000 Euro, die Kreditverhandlungen mit den Banken, die Gerüchte um eine drohende Insolvenz und schließlich seinen finalen Rauswurf durch die Familien Porsche und Piëch.

Wenn Härter mit Vertrauten zusammensitzt, holt er schon mal den Taschenrechner raus. Für 51 Prozent der VW-Aktien habe Porsche 11 Milliarden Euro ausgegeben. 5 hätte man noch bezahlen müssen plus weitere 1,5, das wären 17,5 Milliarden für 75 Prozent am VW-Konzern. Der Wolfsburger Autohersteller ist heute mehr als 60 Milliarden wert. Der Deal wäre also, selbst wenn man ihn vollständig mit Krediten finanziert hätte, ein tolles Geschäft gewesen.

Dem Bayreuther Wirtschaftsprofessor Klaus Schäfer hat Härter all seine Unterlagen zur Verfügung gestellt. Schäfer soll ein Gutachten für die Verteidigung erstellen, und er widerlegt einen Vorwurf, der an Härter klebt: Der Porsche-Vorstand habe mit Milliarden gezockt und am Ende halt verloren. Härters Optionsstrategie, analysiert Schäfer, sei keineswegs spekulativ gewesen. Sie habe der Absicherung eines vertretbaren Kaufpreises für VW-Aktien gedient. Das Projekt VW-Übernahme sei solide durchgerechnet worden.

Doch diese Welt des Finanzvorstands Härter, seine Zahlen und Berechnungen, nach denen der Übernahmecoup doch noch hätte klappen können, haben die Staatsanwälte in Stuttgart längst hinter sich gelassen. Sie sind auf einen Vorgang gestoßen, der für den Finanzvorstand und seine Mitstreiter gefährlicher werden könnte als die Frage, ob sie mit dem Geld ihrer Aktionäre wirklich sorgsam umgegangen sind.

Es geht um Paragraf 265b des Strafgesetzbuchs. Danach begeht Kreditbetrug, wer im Zusammenhang mit einem Kreditantrag "unrichtige oder unvollständige Unterlagen" vorlegt, die für den "Kreditnehmer vorteilhaft" sind.

Schenkt man den Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Glauben, dann machten sich Härter und zwei seiner Mitarbeiter dieser Straftat schuldig - in einer für Porsche heiklen Phase des Übernahmeversuchs, im März des Jahres 2009.

Am 24. liefen Kreditverträge über zehn Milliarden Euro aus. Härter musste neue Kredite beschaffen. Doch es war die Zeit nach der Lehman-Pleite. Banken kämpften ums Überleben. Wenn ein Institut überhaupt neue Kredite ausgab, dann forderte es einen besonders genauen Einblick in die Vermögensverhältnisse und besonders hohe Sicherheiten.

So wollte auch die deutsche Tochter der französischen Großbank BNP Paribas detaillierte Informationen über die Lage bei Porsche. Ihre Vertreter telefonierten mit Härter und dessen Kollegen und fassten deren Auskünfte am 13. März in einem Sieben-Punkte-Papier zusammen. Darunter auch die Angabe, dass Porsche nur Kaufoptionen auf VW-Stammaktien habe, die durch die gleiche Zahl an Verkaufsoptionen abgesichert seien.

Oberstaatsanwalt Hans Richter aber entdeckte in den beschlagnahmten Porsche-Unterlagen noch andere Optionen, laut Anklageschrift "45 224 000 Verkaufsoptionen", denen keine Kaufoptionen gegenüberstanden. Diese Position, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, hätte Härter offenlegen müssen. Er habe damit ein mögliches Risiko von bis zu sechs Milliarden Euro verschwiegen.

Härters Anwältin Anne Wehnert hält dem entgegen, dass die Aussage in dem Schreiben der BNP nur vor dem Hintergrund der zuvor geführten Gespräche verständlich sei. Es gab damals Berichte, nach denen Porsche auch Optionen auf andere deutsche Konzerne halte. Die BNP habe gefragt, ob dies stimme. Härter habe verneint. Deshalb sei die Aussage, Porsche halte "nur Optionen auf VW-Stammaktien", auch richtig.

Aber warum wurden die 45 Millionen Verkaufsoptionen dann gar nicht erwähnt? Sie waren, so die Verteidigerin, nicht erheblich für die Kreditentscheidung der BNP. Diese Optionen hätten, im Gegensatz zur Behauptung der Staatsanwaltschaft, kein Risiko beinhaltet. Zudem wären sie schon sechs Wochen später ausgelaufen.

Einen Vorteil allerdings brachte das Verschweigen ganz offenbar: Die Kreditzusage der BNP kam relativ schnell. Hätten die Banker von diesen Geschäften gewusst, so haben BNP-Mitarbeiter laut Anklageschrift angegeben, dann hätten sie auf jeden Fall noch mal nachgefragt.

Härter und seinen Mitarbeitern aber lief die Zeit davon. Das Papier der BNP wurde am 19. März unterzeichnet. Fünf Tage später liefen Porsches Kredite aus. Die Zuffenhausener Sportwagenbauer bewegten sich zwischen Überholspur und Pleite.

Dies könnte als Motiv für das Verschweigen der 45 Millionen Optionen gewertet werden. Verteidigerin Wehnert erklärt, Härter hätte der BNP mit einigen wenigen Faxen belegen können, dass diese Papiere keinerlei Risiko enthielten und deshalb für die Kreditgewährung nicht wichtig waren.

So wird es wohl im Prozess hin- und hergehen, Vorwurf, Entgegnung, Vorwurf, Entgegnung. Der einstige Finanzchef von Porsche ist dabei in der Defensive. Das ist neu für ihn. Bislang ging es für Härter nur vorwärts.

Der Sohn eines Bahn-Beamten, der während des Volkswirtschaftsstudiums sogar mal Mitglied der SPD war, begann seine Laufbahn bei Mittelständlern. Er war bei dem Glashersteller Schott und den Deutschen Linoleum-Werken verantwortlich für die Finanzen, bevor Wiedeking ihn zu Porsche holte.

Bei den Mittelständlern sicherte Härter die Rohstoffpreise mit Termingeschäften ab, bei der Sportwagenfirma künftige Dollar-Einnahmen. Härter verhinderte nicht nur Währungsverluste, er erwirtschaftete mit seinen Termingeschäften auch Gewinne jenseits des Autogeschäfts. Wiedeking lobte seinen Finanzvorstand: "Der braucht das ganze Blech nicht, um Geld zu verdienen."

Zwischen Härter und Wiedeking ergab sich schon bald eine fruchtbare Arbeitsteilung: Der introvertierte Finanzchef hielt sich bei öffentlichen Auftritten zurück, der Hier-komm-ich-Porsche-Boss hatte die Bühne für sich. Die beiden kamen auch privat gut miteinander klar.

Bei den übrigen Vorständen der Sportwagenfirma war Härter nicht nur beliebt. Der Finanzchef zwang sie auch in guten Jahren zum Sparen. Als ein Vorstand das Budget für sein Ressort anmeldete, sagte Härter nur kühl: "Du hast wohl den Schuss noch nicht gehört."

Manchen war er auch ein wenig unheimlich. Härter verdiente Geld mit Geschäften, die sie nicht verstanden. Zudem lässt sich der Mann nicht vereinnahmen und ist kaum einzusortieren.

Das beginnt bei Äußerlichkeiten. Härter sieht nicht aus, wie man sich einen Finanzvorstand vorstellt. Er läuft mit einem Drei-Tage-Bart herum und hat Hobbys,

die in den Top-Etagen der Industrie eher ungewöhnlich sind. So gibt es kaum ein Heimspiel der Bietigheim Steelers, an dem der Eishockey-Fan Härter nicht auf der Tribüne sitzt.

Der Finanzmanager geht auch gern auf die Jagd und erlegt Wildschweine. Und wenn es darum geht, wer nachts in der Bar am längsten neben Wiedeking aushält, ist es Härter, der sich um fünf Uhr in der Früh ein letztes Pils bestellt.

Andererseits ist Härter literaturbegeistert, er schätzt expressionistische Malerei und gehört dem Wagner-Freundeskreis in Bayreuth an. Er ist mithin ein Mensch, der sich gängigen Klischees entzieht und mit Frau und Tochter in einem eher unscheinbaren Einfamilienhaus in Bietigheim-Bissingen wohnen blieb, selbst als er schon hohe Millionenbeträge im Jahr verdiente - von den Milliarden, mit denen er jonglierte, ganz zu schweigen.

Irgendwann im Laufe der VW-Übernahme muss Härter allerdings die Bodenhaftung verloren haben. Vielleicht in der Zeit, als bei Porsche dank seiner Aktienoptionsgeschäfte der Gewinn höher ausfiel als der Umsatz.

Härter hatte offenbar ein Perpetuum mobile erfunden, in dem Geld immer

mehr Geld produzierte und selbst eine gewaltige Übernahme wie die des Volkswagen-Konzerns sich letztlich selbst finanzieren konnte.

Für die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch, deren Vermögen er mehrte, war Härter lange Zeit der Held. Und auch für Betriebsratschef Uwe Hück, der sagte: "Der Härter ist ganz blass, weil er den ganzen Tag im Keller sitzt und das Geld zählt."

Porsche verfügte damals noch über Kreditzusagen für die VW-Übernahme, die das Unternehmen gar nicht benötigte. Härter ließ sich dennoch Kredite auszahlen, für die er einen lange zuvor vereinbarten geringen Zins zahlen musste. Das Geld legte er zu höheren Zinsen bei anderen Banken wieder an und verschaffte Porsche allein durch diesen Trick einen Gewinn von mehr als 20 Millionen Euro.

Das war vielleicht smart, aber nicht schlau. Vor allem nicht, weil Härter sich für diesen Deal anschließend in der Presse auch noch als "das Superhirn" ("Financial Times Deutschland") feiern ließ, das die Banken hereingelegt hatte. So etwas vergessen Banker nicht.

Vier Jahre später hängt Härters Zukunft jetzt auch von Bankern ab. Mit entscheidend für den Ausgang des Verfahrens dürfte sein, ob die Mitarbeiter der BNP seine Version über die Entstehung der Sieben-Punkte-Erklärung bestätigen oder nicht.

Dabei ist dieser Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht erst der Auftakt der juristischen Aufarbeitung der Porsche-VW-Übernahmeschlacht. Härter und Wiedeking droht Ende dieses Jahres auch noch eine Anklage zumindest wegen Marktmanipulation. Nimmt das Gericht sie an, steht Härter noch ein zweiter Prozess bevor.

Drei Jahre ist es jetzt her, dass der Finanzmanager bei Porsche entlassen wurde. Einen neuen Job konnte Härter seitdem nicht annehmen. Kein namhafter Konzern stellt einen Manager ein, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Das muss einen, der von seiner Unschuld überzeugt ist, hart treffen. Aber Härter ist nun auch ein Opfer seiner eigenen Strategie. Dass die Ermittlungen so lange dauern, hängt damit zusammen, dass seine Pläne zur VW-Übernahme derart komplex waren, dass die Ermittler sich erst einmal durch das Gestrüpp aus "cash gesettelten Calls" und "naked Puts" hindurcharbeiten mussten.

Einem Freund erzählte Härter kürzlich, dass er aus gegebenem Anlass Kafkas "Prozess" jetzt noch einmal gelesen habe. An dessen Ende wird der Prokurist Josef K. von zwei Männern zu einem Steinbruch geführt und erstochen. Härter habe gelacht und gesagt: "Na ja, am Steinbruch stehe ich noch nicht."

Irgendwann im Laufe der Übernahme muss Härter die Bodenhaftung verloren haben.

(*) Auf der Porsche-Hauptversammlung am 30. Januar 2009 in Stuttgart mit Aufsichtsrat Wolfgang Porsche (l.).

DER SPIEGEL 35/2012
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