27.08.2012

SÜDAFRIKA„Architekten der Armut“

Eine Legende zerstört sich selbst: Der Afrikanische Nationalkongress, die Partei Nelson Mandelas, verliert an Rückhalt - nicht erst seit dem Minen-Massaker in Marikana.
Er war noch ein Kind, damals vor 18 Jahren, als die weißen Rassisten die Macht verloren und die schwarzen Südafrikaner sich von der Apartheid befreiten. Jetzt sitzt Mhlangabezi Ndlelen vor seiner Blechhütte in Wonderkop, einem Township rund hundert Kilometer von Johannesburg entfernt. Sechs Quadratmeter groß ist die Hütte, das muss reichen für ihn, die Frau, die Kinder. Ndlelen hat ein Bett, einen Tisch, aber kein fließendes Wasser.
Der Mann zieht einen Lohnzettel aus der Jacke, umgerechnet 600 Euro monatlich zahlt ihm das Bergbau-Unternehmen Lonmin dafür, dass er in 1000 Meter Tiefe Winden bedient. "Es reicht einfach nicht, ich muss meine Frau und drei Kinder davon ernähren." Ndlelen marschierte deshalb mit, als 3000 Kumpel der Platin-Mine in Marikana vor gut zwei Wochen in einen wilden Streik traten.
Lonmin solle den Lohn verdreifachen, forderten sie. Sie tanzten, sie sangen, schwangen auch mal Speere und Macheten. Am Donnerstag vorvergangener Woche dann verloren Polizisten die Nerven und feuerten mit automatischen Waffen in die Menge. Schließlich lagen 34 Kollegen von Mhlangabezi Ndlelen tot in ihrem Blut.
Schwarze Beamte hatten schwarze Arbeiter niedergemäht - so wie einst die Apartheidpolizei schwarze Demonstranten zusammenschoss. Das Blutbad ist ein Desaster für den Afrikanischen Nationalkongress (ANC), der das Land seit 1994 regiert. Aber die Partei des Nationalhelden Nelson Mandela verliert schon seit Jahren an Autorität und Glaubwürdigkeit. Sie gilt heute vor allem als korrupt, inkompetent und arrogant.
Denn noch immer lebt ein großer Teil der schwarzen Mehrheit in Blechhütten, so wie Mhlangabezi Ndlelen. Südafrikas Schulen sind genauso miserabel wie das Gesundheitswesen, über 50 Prozent aller jungen Menschen finden keine Arbeit. Und die Schere zwischen Arm und Reich klafft heute weiter auseinander als zur Zeit der weißen Herrschaft.
Zudem ist die Korruption in die Strukturen des ANC praktisch eingebaut. "Sie frisst die Nation auf", sagt ein Gewerkschafter. Die Wirtschaft Südafrikas schwächelt, Chaos, Kriminalität und Behördenwillkür schrecken Investoren ab. Südafrika läuft Gefahr, in den Status eines Entwicklungslandes abzurutschen. Dabei hatten die aufstrebenden Wirtschaftsnationen der Welt - Brasilien, Russland, Indien und China - das Land gerade erst 2011 in ihren Club aufgenommen.
Nur der legendäre Sieg damals über die Weißen, der Nimbus, der Nelson Mandelas Nachfolger umgibt, rettet den ANC seit vielen Jahren immer wieder bei den Wahlen.
Es war Mandela zu verdanken, dass diese Revolution friedlich blieb. Er hatte mehr als 27 Jahre im Gefängnis gesessen, und trotzdem mahnte der Mann, heute 94 Jahre alt, seine Landsleute zu Milde, verhinderte einen blutigen Rachefeldzug der Schwarzen gegen die weißen Unterdrücker.
Doch jetzt erstarken die Gegner seiner Partei: Die Demokratische Allianz unter der weißen Bürgerrechtlerin Helen Zille etwa prangert Korruption und Verschwendung an. Und Cope - eine ANC-Abspaltung - jagt der Regierungspartei im schwarzen Mittelstand Stimmen ab.
2014 sollen die rund 50 Millionen Südafrikaner wieder wählen. Präsident Jacob Zuma, zugleich ANC-Chef, wird wohl erneut kandidieren. Doch nach dem Massaker von Marikana kann das schiefgehen.
"Warum hat er nach der Schießerei nicht mit uns gesprochen?", fragt Ndlelen, "warum aber mit dem Management und ein paar Verletzten im Krankenhaus?"
Wie Ndlelen fühlen sich viele einfache Arbeiter schon lange nicht mehr vom ANC vertreten. Denn dessen Top-Funktionäre führen ein Leben in obszönem Luxus. Über ihre Intrigen und Machtkämpfe scheinen sie das Wohl der einfachen ANC-Anhänger längst vergessen zu haben.
"Der Kampf um die Macht findet in Südafrika nicht bei Wahlen statt. Er wird innerhalb des ANC ausgetragen", sagt Gareth Newman vom unabhängigen Institut für Sicherheitsstudien in Pretoria. Denn der ANC funktioniert nach wie vor wie eine Kampforganisation.
Als müsse die Partei sich bis heute vor Spionen schützen, sind ihre Sitzungen nicht öffentlich. Kungelrunden entscheiden darüber, wie beispielsweise Wahllisten zusammengesetzt werden. Und manchmal fliegen auch die Fäuste: Beim letzten ANC-Kongress mussten Saalordner prügelnde Delegierte mit Pfefferspray trennen.
Es ist kein Wunder, dass heftig gerungen wird, denn es stehen oft Privilegien und viel Geld auf dem Spiel. Der ANC verfügt frei über Staatsämter und andere Pfründen, weil er allein regiert.
Viele ANC-Funktionäre werden "Tenderpreneurs" geschimpft - eine Wortschöpfung aus dem Englischen und Französischen: "Tender" für Ausschreibung und "Entrepreneur" für Unternehmer. Ein "Tenderpreneur" bekommt seine Aufträge von staatlichen Stellen und bezahlt dafür mit politischer Loyalität. Ein Untersuchungsausschuss des Rechnungshofs kam zu dem Schluss, dass 2009 drei Viertel aller Staatsaufträge in der Ostkap-Region an Firmen vergeben wurden, die Staatsbediensteten oder ihren Verwandten gehörten.
Zuma wird schon hart um seine Wiederwahl zum Spitzenkandidaten kämpfen müssen. Als stärkste Gegner gelten sein jetziger Vize Kgalema Motlanthe sowie der Wohnungsbauminister, Unternehmer und Dollar-Milliardär Tokyo Sexwale. Zuma ist geschwächt, seit er sich mit Julius Malema überworfen hat, dem ehemaligen Chef der ANC-Jugendorganisation.
Malema, 31, pflegt das Auftreten eines Rappers: Er trägt gern T-Shirts, massiv goldene Ketten und fährt protzige Autos. Er hat reiche Gönner, die öffentlich aber nicht in Erscheinung treten, feiert pompöse Partys und liebt Johnnie Walker Blue Label.
Aber der Populist trifft den Ton jener jungen Schwarzen, die darauf warten, auch endlich vom Regimewechsel in Südafrika zu profitieren. Malema versucht, ihren Frust und ihren Hass auf andere zu lenken: Er fordert, weiße Farmer zu enteignen, er schimpft auf die "amerikanischen Imperialisten", die angeblich das Land unterjochen. Seine Hetzreden brachten ihm - und das ist ziemlich selten - den Ausschluss aus dem ANC ein.
Nach dem Minen-Massaker war Malema sofort zur Stelle: "Ihr habt keinen Präsidenten mehr", rief er den Überlebenden zu. Malema sieht sich als Sprachrohr der Unterschicht, der Wende-Verlierer. Niemand weiß genau, was er weiter plant. Südafrikaner spekulieren, dass er vielleicht eine eigene Partei gründen wolle. Womöglich will er auch nur gestärkt in den ANC zurückkehren.
Als Stimme der kritischen Oberschicht im ANC gilt Moeletsi Mbeki, 66, Bruder des ehemaligen Präsidenten Thabo Mbeki, ein gepflegter Mann, charismatisch, einer, der lieber selbst redet, als anderen zuzuhören. Er trägt Maßanzüge und investiert in Logistik- sowie Medienunternehmen. Leute wie er werden "Black Diamonds" genannt, weil sie wissen, wie man Geld macht.
Mbeki sagt: "Es läuft etwas sehr falsch mit Südafrika, und zwar vor allem damit, wie die politische Elite das Land regiert." Er hat ein Buch geschrieben über die korrupte Führungsschicht seines Kontinents, als würde er nicht selbst zu der Kaste der Mächtigen gehören. "Architekten der Armut" nennt er viele andere schwarze Politiker: "Ihr Hauptziel ist es, den eigenen Konsum zu maximieren."
Mbeki fürchtet: "Der ANC wird seine Macht verlieren auf lange Sicht." Neben der alten Partei würden neue Gruppen entstehen, das Volk beginne aufzuwachen.
So wie Mhlangabezi Ndlelen, der Minenarbeiter in Wonderkop. Schon lange schimpft er über die ANC-nahe Bergarbeiter-Gewerkschaft: "Die machen nichts für uns, die kungeln mit dem Management, die kriegen die besten Jobs, die gehen weg - und wir bleiben zurück." Es war denn auch eine unabhängige und radikale Gewerkschaft, die den verhängnisvollen Streik in Marikana organisierte.
"Wir saßen um eine Felsengruppe, dann kamen sie und wollten uns einkreisen mit Stacheldraht und Panzerwagen", erzählt Ndlelen. Er rannte so schnell wie noch nie in seinem Leben: "Über uns kreisten Hubschrauber. Und dann knallten die Schüsse." Er will seine Stimme nie wieder Zuma geben.
Von Horand Knaup und Jan Puhl

DER SPIEGEL 35/2012
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