27.08.2012

AFFÄRENFahnder im Imperium

Der New Yorker Korruptionsexperte Michael J. Garcia ist neuer Chefermittler der Fifa. Mit dem Münchner Richter Joachim Eckert soll er auch den Schmiergeldskandal um die Agentur ISL aufklären. Von 145 Millionen Franken fehlt jede Spur.
Er hat noch nie so oft von seiner Tochter geredet, nicht bei der Arbeit. Er erwähnt sie vor und nach seinen Meetings, wenn er jetzt geschäftlich unterwegs ist. Sie hilft ihm, über die ersten Minuten zu kommen. Denn seine Tochter spielt Fußball, den Sport, auf den er jetzt dauernd angesprochen wird, von dem er aber bis heute nicht viel mehr versteht, als dass ein paar Menschen einem Ball hinterherrennen.
"Spielen Sie Fußball?", das war auch Sepp Blatters Frage, als der Fifa-Chef ihn im Sommer erstmals in Zürich traf. "Ich nicht", entschuldigte er sich, "aber meine Tochter. Sie ist elf. Sie war noch klein, als ich sie da schon herumrennen sah."
Michael J. Garcia sitzt in seinem Büro in Midtown Manhattan, 41. Etage, in der Lexington Avenue, der New Yorker Niederlassung von Kirkland & Ellis, einer der renommiertesten Kanzleien der USA. Er ist 50 Jahre alt, Vater von drei Kindern, verheiratet mit einer FBI-Agentin, ein Mann mit einem runden, freundlichen Gesicht, vollem dunklem Haar und einem stechenden Blick. Von seinem Eckzimmer aus hat er einen grandiosen Blick auf Manhattan, rechts aufs Chrysler-Building, geradeaus auf den East River.
An den Wänden hängen die Memorabilien einer bemerkenswerten Juristenkarriere, drei Ernennungsurkunden, gerahmt und unter Glas, unterschrieben von George W. Bush, und eine Zeichnung aus dem Gerichtssaal, auf die er besonders stolz ist. Sie zeigt ihn beim Prozess gegen die Attentäter des Bombenanschlags auf das World Trade Center 1993, seinem ersten großen Auftritt vor Gericht als junger Staatsanwalt.
Michael J. Garcia hat Terroristen gejagt. Er hat Waffenschieber hinter Gitter gebracht, er hat betrügerische Milliarden-Deals an der Wall Street verfolgt, und er galt als Kandidat für den Chefposten der Bundespolizei FBI. Als Garcia vor knapp vier Jahren seinen Job als Bundesstaatsanwalt des Southern District of New York abgab, einer Behörde mit über 200 Strafverfolgern, bescheinigten ihm Kritiker, in diesem politisch heiklen Amt "einer der absolut Besten zu sein, die wir seit langem hatten".
Seit einigen Wochen ist Garcia nun Chefermittler der Ethikkommission der Fifa. Zusammen mit dem deutschen Richter Joachim Eckert soll der US-Amerikaner die Integrität des Weltfußballverbands wiederherstellen. Es dürfte eine der größten Bewährungsproben seines bisherigen Berufslebens werden.
Der Ruf der Fifa ist desaströs, fast jede wichtige Entscheidung, fast jedes große Geschäft ist umflort von Korruptionsvorwürfen. Zwei Handvoll Funktionäre und ein Präsident, mehrheitlich Männer jenseits der 60, die sich ein halbes Leben lang kennen und innerhalb des Machtapparats wechselnde Allianzen gebildet haben, lenken ein Unternehmen, das im Vorjahr 1,3 Milliarden Dollar Rücklagen hatte.
Ihren Umsatzzahlen nach ist die Fifa ein Konzern. Ihrer Führungsstruktur nach ist sie nach wie vor eine Cliquenwirtschaft.
Bislang waren alle Anläufe, Transparenz ins System zu bringen, Kosmetik. Der Ethikcode, dem sich die Fifa vor rund sechs Jahren verpflichtet hat, war nur ein moralingetränktes Traktat. Die damals ins Leben gerufene Ethikkommission war ebenfalls eine Farce. Sie setzte sich vor allem aus Fifa-Seilschaften zusammen.
Erst der Reformprozess, den der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth im vorigen Jahr bei der Fifa eingeleitet hat, macht nun aus der Ethikkommission ein unabhängiges Ermittlungs- und Aufklärungsorgan. Es ist an der Spitze erstklassig besetzt.
Denn auch Garcias Mitstreiter Joachim Eckert, 64, zum Vorsitzenden Richter der Ethikkommission ernannt, gilt unter Korruptionsbekämpfern als Koryphäe. Als Staatsanwalt in München leitete der passionierte Pilzsammler jahrelang die Abteilung für Organisierte Kriminalität, seit elf Jahren berät er die bulgarische Regierung im Auftrag der EU-Kommission bei ihrem Kampf gegen den Filz im Land. Auch als Vorsitzender Richter am Landgericht München I hatte Eckert es schon mit großen Korruptionsprozessen zu tun, Siemens und Ferrostaal. Sein jüngstes bundesweit beachtetes Verfahren gegen einen Ex-Vorstand des Lkw-Herstellers MAN begann am vorvergangenen Donnerstag.
Eckert, ein vitaler Mann mit deftigem bayerischem Akzent, sitzt in seinem Büro im Justizgebäude an der Nymphenburger Straße, einem Betonbau aus den Siebzigern. Wie Garcia hatte er bislang mit der Welt des Fußballs nichts zu tun. "Wir sind nicht Teil der Fifa", sagt er, "wir kommen von außen, und wir werden keinerlei Einmischung tolerieren."
Eckert betont, er habe sich "reiflich überlegt", ob er den Ruf der Fifa annehme. Der Grund für seine Zusage sei schließlich ein "hehres Wort" gewesen: "Aufklärung". Als Eckert den Präsidenten seines Landgerichts um Erlaubnis für die Nebentätigkeit bat, sagte der nur: "Sie wissen, auf was Sie sich da einlassen."
Auf den Fahnder aus New York und den Richter aus München wartet bei der Fifa jede Menge Arbeit. Die Vergabe der WM 2018 an Russland und der WM 2022 an Katar ist heftig umstritten, genauso wie der schmutzige Präsidentschaftswahlkampf zwischen Joseph Blatter und seinem Herausforderer Mohammed Bin Hammam im Vorjahr.
Kaum ein Fall allerdings beschädigt das Image der Fifa derart massiv wie der Schmiergeldskandal um ihren vor über zehn Jahren pleitegegangenen Sportrechtevermarkter, die Firma ISL.
Mitte Juli machte das Schweizer Bundesgericht eine Strafsache publik, die Fifa-Präsident Blatter mit allen juristischen Winkelzügen unter Verschluss halten wollte. Demnach hatten sein Amtsvorgänger João Havelange und Ricardo Teixeira, zwei der einflussreichsten Figuren des Exekutivkomitees, von ISL Bestechungsgelder in Millionenhöhe kassiert - Havelange mindestens 1,5 Millionen Schweizer Franken, Teixeira mindestens 12,7 Millionen.
In einem anderen Verfahren gegen frühere ISL-Manager hatte die Staatsanwaltschaft Zug bereits 2007 die ganze Dimension der finanziellen Finsternis offengelegt. Demnach bestach die Firma Spitzenfunktionäre der Fifa und anderer großer Verbände in den zwölf Jahren bis zum Konkurs 2001 mit 158 717 529 Franken.
Das Geld floss an Stiftungen wie die Taora Anstalt in Liechtenstein, an Firmen wie die Gilmark Holdings in Hongkong, auf Konten der Merryll Lynch oder der Banque Nationale de Paris. Meist leiteten es Strohmänner an die korrupten Funktionäre weiter.
Wer am Ende die Empfänger waren, klärte die Staatsanwaltschaft nur in den Fällen Havelange und Teixeira auf - Bestechlichkeit von Funktionären internationaler Sportorganisationen ist in der Schweiz noch immer kein Straftatbestand.
Die Frage, die Garcia und Eckert nun zwingend klären müssen, lautet: Welcher Fifa-Funktionär hielt sonst noch die Hand auf? Von den knapp 160 Millionen Franken Schmiergeld der ISL sind bis heute erst rund 15 Millionen zu orten. Wo sind die anderen 145 Millionen gelandet?
Der Umgang mit der Akte ISL wird zum Härtetest für die neue Ethikkommission. Wenn man Michael J. Garcia in New York auf Details zu dem Fall anspricht, antwortet er höflich, aber kühl: "Kein Kommentar." Wie es im Fifa-Hauptquartier heißt, habe Garcia die Dokumentation erhalten. Nun mache er sich mit dem Inhalt vertraut.
Für ein Exekutivkomitee-Mitglied wie den Paraguayer Nicolás Leoz, auch Chef des südamerikanischen Fußballverbands, muss das wie eine Drohung klingen. Leoz hat, so steht es in den Akten, in zwei Tranchen 212 000 Franken Schmiergeld von ISL kassiert.
Die Schweizer Strafjustiz hat ihn verschont. Doch wenn Garcia und Eckert Ernst machen, wird Leoz sportrechtlich nun nicht ungestraft davonkommen. "Wir verfolgen die Korruption", betonte Garcia Ende Juli vor einer kleinen Runde von Journalisten in Zürich und machte dabei ein sehr entschlossenes Gesicht. "Wir tolerieren das nicht."
Es wird ein Mammutprojekt für Garcia und für Eckert. Sie müssen Leute zum Reden bringen, die nicht reden wollen. Sie müssen Leute unter Druck setzen, die Druck auf sie ausüben werden. Sie müssen Rätsel lösen, die selbst die Zuger Staatsanwaltschaft offenließ.
Ende Juli trafen sich Garcia und Eckert in einem Nobelrestaurant hoch über dem Zürichsee. Es war ein Arbeitsessen. Sie definierten die Grundlagen ihrer Ermittlungstätigkeit. Demnach können sie zukünftig Fifa-Funktionäre, die trotz mehrmaliger Vorladung nicht zu Zeugenvernehmungen erscheinen, von ihren Ämtern ausschließen; sie können die Verbandsbosse auffordern, bei begründetem Korruptionsverdacht Konten offenzulegen; und sie können Privatdetektive anheuern, die rund um den Globus und ohne zeitliche Beschränkung für sie die Wühlarbeit übernehmen. Die Kosten muss die Fifa tragen.
So weit gingen Befugnisse interner Aufklärer selbst beim IOC nicht, das sich nach dem Bestechungsskandal um die Vergabe der Winterspiele in Salt Lake City mehr Transparenz verordnet hatte.
Seit seiner Ernennung ist Garcia dreimal nach Zürich geflogen, jeweils für zwei Tage. Er rechnet fest damit, dass er in Zukunft häufiger und länger in der Schweiz sein wird. "Momentan geht es vor allem um die Organisation", sagte Garcia in Zürich, "demnächst werde ich auch intensiv ermitteln." Für den Mann, der einst als Chef der Zollbehörde des US-Heimatschutzministeriums 20 000 Angestellte unter sich hatte, scheint der Rahmen geklärt. Er habe "genügend Macht und Autorität", um seine Untersuchungen durchzuführen, sagte Garcia. "Es wird keine Grenzen geben, alles hängt von den Fakten ab."
Ein Fakt ist, dass Blatter von der Zahlung einer Million Franken an seinen Amtsvorgänger Havelange wusste, die von ISL irrtümlicherweise auf ein Fifa-Konto überwiesen worden waren. So schilderte es der frühere Finanzchef des Verbands der Staatsanwaltschaft, und so hat Blatter es bestätigt. Rechenschaft gegenüber der Fifa ablegen musste Blatter darüber allerdings noch nie.
Fakt ist auch, dass der Mann, der alles weiß über die Verteilung der knapp 160 Millionen Franken Schmiergeld, der Fifa bis heute treu verbunden ist. Er ist mit Blatter befreundet, er feierte alljährlich im Kreis des früheren Präsidenten Havelange dessen Geburtstag, und noch immer taucht er bei vielen großen Kongressen des Weltfußballverbands auf. Sein Name: Jean-Marie Weber. Der frühere ISL-Chef entschied ganz allein, wer wann wie viel bekam.
Bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sagte der Beschuldigte Weber, die Zahlungen an Sportfunktionäre seien "vertraulich gewesen, und dieses Vertraulichkeitsprinzip möchte er respektieren".
Bei seinem Prozess vor dem Strafgericht in Zug sagte der Angeklagte Weber: "Ich habe null Vermögen und keine gesundheitlichen Probleme. Ich habe keinen Job, aber eine eigene Firma und berate Kunden im Sportmarketing. Ja, zu Fifa-Präsident Blatter habe ich noch persönlichen Kontakt. Meine Hobbys sind Kunst und Musik." Zu allen weiteren Fragen des Richters schwieg Weber, auch zur Bemerkung, die ISL-Bestechungsorgie habe "fast etwas Verschwörerisches an sich".
Der Tag wird kommen, an dem Weber erneut eine Vorladung zu einer Vernehmung erhält. Der Absender wird Michael J. Garcia sein.
Von Marc Hujer und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 35/2012
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