27.08.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH „Ich habe die Sprache gegessen“

Die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller über ihre zusammengeklebten Gedichte und über die Macht und das Versagen der Wörter
Sie wuchs in einem Dorf in Rumänien auf, das Dorf gehörte zum Banat. Hier waren Jahrhunderte zuvor Einwanderer angesiedelt worden, die ihre deutsche Mundart und ihre Traditionen beibehielten. Weil die Regeln des Zusammenlebens seit je bestanden, wirkte das Leben bei den Banater Schwaben einfach, und es waren auch die einfachen Worte, die später Herta Müllers Vokabular als Schriftstellerin bestimmten: das Dorf, die Stadt, das Feld, der Vater. Natürlich war das Dasein dort, in einer kommunistischen Diktatur und mit einer faschistischen Vergangenheit, von untergründigen Spannungen bestimmt. Müller porträtierte das Dorfleben in ihrem ersten Buch "Niederungen" (1982) als Anti-Idylle. Die Spannungen in einer totalitären Welt blieben ihr Thema, sie bildet sie auch sprachlich ab: Sie fügt einfache Begriffe zu eigenwilligen Wortgeschöpfen zusammen, ein Verfahren, das ihr auch die Titel einiger Romane lieferte: "Herztier" (1994), "Atemschaukel" (2009). Jedes Wort ist auserwählt, steht für sich - diese Poetik bebildert Müller, 59, in ihrem Collagenband "Vater telefoniert mit den Fliegen" (Hanser Verlag; 208 Seiten; 19,90 Euro), ihrer ersten großen literarischen Veröffentlichung, seit sie 2009 den Nobelpreis erhielt.
SPIEGEL: Frau Müller, wer Ihr neues Buch aufschlägt, denkt erst einmal, er habe Erpresserbriefe vor sich, lauter ausgeschnittene und zusammengeklebte Wörter. Für eine Nobelpreisträgerin ist das ungewöhnlich. Warum tun Sie das?
Müller: Erpresserbriefe? Nein. Ich glaube, ich habe noch nie jemanden erpresst. Erpressung ist etwas Schreckliches, etwas vom Schlimmsten, staatliche Erpressung und auch in Beziehungen. Das kommt mir nicht in den Sinn, wenn ich an die Collagen denke. Ich verbinde sie eher mit Flugblättern. Dort, wo ich aufgewachsen bin, in Rumänien, in der Diktatur, war es nicht möglich, mit Schreibmaschinen Flugblätter zu machen, die waren polizeilich registriert. Man hat Vorhandenes genommen und zusammengeklebt.
SPIEGEL: Literaturwissenschaftler quälen sich mit der Gattungsdefinition, wenn sie auf Ihre Collagen zu sprechen kommen: Der eine spricht von "Gedichtbildern", ein anderer von "Kürzestgeschichten" oder "Prosagedichten". Welche Definition gefällt Ihnen am besten?
Müller: Für mich ist es eine Art zu schreiben, sonst gar nichts. Ich habe vor Jahren angefangen, Freunden Karten mit zusammengeklebten Wörtern zu schenken. Ich hatte immer eine kleine Klappschere dabei, und wenn ich im Flugzeug Zeitschriften las und ein Wort sah, das mir gefiel, habe ich es ausgeschnitten. Dann habe ich gemerkt, wie viel die zusammengesuchten Wörter hergeben. Ich habe zu Hause weitergemacht, in der Küche auf dem Hackbrett, damit ich die Wörter wegtragen konnte, wenn wir essen wollten. Aber Wörter sind so expansiv, es werden immer mehr. Dann habe ich mir einen Wörtertisch zugelegt, aber die Wörter wurden staubig und schmierig. Ich habe sie weggeschmissen, das war so schade - Tausende Wörter! Jetzt liegen sie in Kästen, alphabetisch geordnet.
SPIEGEL: Können wir von einer Wortsucht sprechen?
Müller: Ja, es ist unglaublich! Ich kann gar nicht mehr anders, als beim Lesen Wörter zu suchen. Aus dem SPIEGEL schneide ich auch aus, es ist gutes Papier. Oft lese ich abends im Bett. Und wenn ich etwas sehe, mache ich mir ein Eselsohr. Früher habe ich Zeitschriften manchmal weggelegt und das Wort dann nicht mehr gefunden. Und diese Panik verlässt mich bis heute nicht, dass ich denke, dieses bestimmte Wort finde ich nie, nie wieder. Manches Wort habe ich auch 20-mal. Ich will ihm zeigen: Dich lasse ich nicht mehr laufen.
SPIEGEL: Wann hat das angefangen?
Müller: Das ist lange her. Anfang der neunziger Jahre hatte ich ein Stipendium der Villa Massimo, ich lebte dort in Rom und hatte die Treppen voller ausgeschnittener Wörter. Die Putzfrau bekam das Geld von der Direktion, und ich wollte nicht, dass sie putzt, aber ich wollte auch nicht, dass ihr jemand das Geld streicht. Also habe ich mit ihr ausgemacht, sie soll Kaffee trinken: Die Wörter konnten bleiben, wo sie sind. Da nahm es schon Ausmaße an, die ich nicht beherrschen konnte.
SPIEGEL: Möchten Sie die Wörter retten?
Müller: Es hat sicher mit meinem Hintergrund zu tun. In Rumänien waren die Sachen grau, die Druckerschwärze war hässlich, sie hat scharf gerochen, und wenn man etwas las, hatte man schwarze Finger. Auch das Vokabular in diesen Zeitungen war total uninteressant. Das Graue und Stumpfe hat man auch im Gemüt gehabt. Als ich 1987 nach Deutschland kam, war plötzlich alles so bunt. Diese vielen Farben! Mir haben die Augen weh getan. Und ich habe mir bei den Zeitschriften gedacht: Mein Gott, was für schönes Papier. Und die Schriften, die Bilder! Und alles wird weggeschmissen. Also wollte ich etwas damit machen.
SPIEGEL: In Ihrem Arbeitszimmer hier in Berlin liegt ein riesiger Stapel Zeitschriften. Wo bekommen Sie die her?
Müller: Die Leute hier im Haus legen mir die, die sie nicht mehr haben wollen, auf die Türschwelle. Und im Ökoladen gibt es immer Werbung. Den SPIEGEL habe ich abonniert …
SPIEGEL: … vorbildlich …
Müller: … aus alter Anhänglichkeit. In Rumänien bekam ich ihn vom Goethe-Institut, wenn die Woche zu Ende war. Ich muss auch Zeitschriften wegschmeißen, das ist schwer, denn da sind immer Wörter drin.
SPIEGEL: Ihre Wohnung wirkt ordentlich, die Zeitschriften aber liegen wild durcheinander und nehmen ein halbes Zimmer ein. Warum dürfen die das?
Müller: Weil es so schön ist, das Schreiben nicht mehr verbergen zu müssen. In Rumänien musste ich alles vor dem Geheimdienst verstecken.
SPIEGEL: Wie unterscheidet sich das Dichten mit ausgeschnittenen Wörtern vom Romaneschreiben?
Müller: Das Kleben der Wörter ist so sinnlich, die Wörter können und dürfen alles. Ich nehme immer nur ganz gewöhnliche, und wenn ich sie zusammenstelle, dann entsteht etwas, was neu ist, es fängt an zu glitzern. Es ist nicht wie bei einer Prosa, die einem drei, vier Jahre im Nacken sitzt und der ich mich ganz zur Verfügung stellen muss. Die Collagen sind kurz, müssen auf eine Karteikarte passen, und ich weiß, in einer Woche bin ich mit einer fertig. Weil die Wörter schon vorhanden sind, denke ich manchmal, dass ich es gar nicht bin, die schreibt. Das sind sie selbst. Und der Reim katapultiert sie dahin, wo sie sonst nicht hinkämen. Er ist wie ein kleiner Motor. Er schiebt das Ganze an.
SPIEGEL: Die Gedichtcollagen sind oft lustig, in Ihren Romanen versagen Sie sich Humor. Wie kommt das?
Müller: In meinen anderen Büchern, in denen es um die Diktatur geht, kann ich mir das nicht leisten. Der Humor ist aber eine Seite von mir, im Persönlichen, mit Freunden. Ich hole mir über die Collagen etwas zurück, ich kann den finsteren Themen da anders begegnen.
SPIEGEL: Der Humor entsteht über die Zusammenstellung von Wörtern: Silbersack, Wolkenglatze. Sie nutzen dabei die Neigung des Deutschen zu Komposita.
Müller: Das ist im Deutschen das Schönste, die zusammengesetzten Wörter. In den romanischen Sprachen gibt es ja häufig die Präposition: Das Bügeleisen ist schon mal ein Eisen zum Bügeln. Da kann man in dieser Hinsicht viel weniger machen.
SPIEGEL: Sie wuchsen bei einer deutschen Minderheit auf, die einen Dialekt sprach, das heißt, Sie können Hochdeutsch, Rumänisch und den Dialekt. Ist das Deutsche für Dichtung besonders geeignet?
Müller: Nicht unbedingt. Ich hatte immer ein Problem mit den Konjunktiven. Man müsste sie oft setzen, damit es korrekt ist, aber die Sprache wirkt gestochen dadurch. Der Dialekt war nicht kompliziert, und das ist für mich schön und sinnlich. Wenn ich kann, gehe ich sofort in die direkte Rede. Die Sprache bleibt nah bei dem, woher man sie hat.
SPIEGEL: Vermeiden Sie deshalb Fremdwörter?
Müller: Ich mag keine abstrakten Begriffe in meinen Texten. Das Wort Diktatur zum Beispiel würde ich nie schreiben.
SPIEGEL: Der Diktator aber, die Person, kommt in den Collagen vor. Rumänisch war für Sie die Sprache der Macht. Hat das Ihr Verhältnis zu ihr geprägt?
Müller: Nein, ich habe viel mit den einfachen Leuten gesprochen, den Arbeitern in der Fabrik, in der ich war. Als ich die Sprache gelernt habe, war ich schon 15, es war, als würde ich sie essen. Sie hat mir geschmeckt, ich kann es nicht anders sagen. Die Alltagssprache im Rumänischen ist die schönste. Sie ist vulgär, aber nie ordinär. Das Vulgäre kriegt eine Zärtlichkeit, es entsteht eine Unmittelbarkeit zwischen den Menschen. Das Deutsche kann das nicht. Das Rumänische ist mir in den Kopf gewachsen, ich war ja schon 34, als ich weggegangen bin.
SPIEGEL: Manchmal verwenden Sie eine weibliche Bezeichnung für Wörter, die im Deutschen männlich sind.
Müller: Ja, das liegt daran, dass bestimmte Wörter im Rumänischen ein anderes Geschlecht haben. Der Winter ist im Rumänischen eine Frau, und ohne dass es mir bewusst war, habe ich ihn einmal zur Frau gemacht. Und ich weiß auch, dass ich da den rumänischen Winter meinte. Das ist ja das Verrückte an den Sprachen: Das Wort zeigt eine Sicht auf etwas. Die Rose ist im Rumänischen maskulin, die Lilie auch, das ergibt ein anderes Bild.
SPIEGEL: Sie habe eine bildhafte Sprache in den Collagen und kleben immer kleine Bilder dazu. Verstehen Sie sich auch als bildende Künstlerin?
Müller: Nein. Es ist eher das Handwerkliche, das mir daran gefällt, ausschneiden, drankleben, gerademachen. Meine Mutter wollte, dass ich Schneiderin werde, und schickte mich zu einer Tante, die eine Werkstatt hatte. Ich kann bis heute Knopflöcher nähen. Ich war später auch bei der Schneiderin in der Stadt, denn das, was in den Geschäften hing, sah so hässlich aus. Dann habe ich mir Stoff nach dem Meter gekauft, und sie hat mir Blusen, Kleider, Hosen genäht.
SPIEGEL: Ihnen ist die Schönheit der Worte und der Kleider wichtig?
Müller: Immer schon. Auch weil ich in Rumänien sonst nur Angst und Dreck hatte. Wenn ich zu Verhören ging, war ich tipptopp geschminkt. Als ich das mal nicht konnte, wusste ich, es geht mir ganz schlecht. Als ich in den achtziger Jahren nach Deutschland kam, haben die Feministinnen noch gesagt, man solle sich nicht schminken. Ich habe mich mit denen gefetzt: Ihr habt keine Ahnung, weshalb man sich schminkt. Das hat mit Selbstbehauptung zu tun, auch mit Angst. Ihr habt nichts erlebt, ihr wisst gar nicht, wovon ihr sprecht.
SPIEGEL: Gibt es Wörter, die schön aussehen und nicht gut klingen?
Müller: Nein. Schreiben ist auch hören. Ich lese alles, was ich schreibe, laut, und wenn es nicht gut klingt, dann stimmt etwas nicht. Die geschriebene Sprache sollte immer eine mündliche sein. Auch das, was man still liest, klingt im Kopf.
SPIEGEL: Sie sammeln Wörter, aber Sie haben nie behauptet, Sprache zu lieben. Warum?
Müller: Ich kann es nicht ertragen, wenn Autoren sagen, Bücher sind ihre Kinder. Ich möchte keine Beziehung aufbauen, die mir etwas antun kann. Nein, Sprache ist für mich etwas von außen. Sie kann alles, ich misstraue ihr auch. Es gibt sie nicht für sich, sie läuft nur parallel zu dem, was passiert.
SPIEGEL: Misstrauen Sie der Sprache, weil sie sich mit Zwang verbünden kann?
Müller: Sie kann sich mit allem verbünden. Sie kann auch töten, sie kann retten, in einer Situation, in der es auf das richtige Wort ankommt. Ich liebe nicht die Sprache, so etwas würde ich nie sagen, um Gottes willen, nein. Ich beobachte sie. Ich will sehen, was sie im Sinn hat.
SPIEGEL: Als Ihnen der Nobelpreis zuerkannt wurde, sagten Sie: "Meine innere Sache ist das Schreiben. Daran kann ich mich festhalten." Wie geht das, wenn Sie der Sprache misstrauen?
Müller: Es ist nicht die Sprache selber, es ist die Arbeit mit ihr, die mir Halt gibt. Man arbeitet ja nicht nur, damit man sein Brot verdient. In der Zeit, in der wir arbeiten, sind wir für uns nicht so bewusst vorhanden, wir sind das, was wir gerade tun. Und das erleichtert uns. Man kann nicht immer auf sich zurückfallen. In der Arbeit ist man von sich befreit. Auch das Schreiben führt von einem weg. Jede Arbeit macht einen besessen, wenn man sich identifiziert, und so macht mich dann Sprache besessen. Aber es hat mit der Sprache nichts zu tun, sondern mit dem Leben. Ich will in meinen Büchern sagen, was im Leben passiert. Sprache ist nur das Werkzeug.
SPIEGEL: Ihre Bücher haben viel mit Ihnen selber zu tun. Warum sagen Sie dann, das Schreiben führe von Ihnen weg?
Müller: Es geht darum, sich nicht im Moment zu spüren. Wenn ich schreibe, habe ich zu tun, die Zeit füllt sich und vergeht.
SPIEGEL: Sie begannen mit dem Schreiben, als Sie Ihre Arbeit als Übersetzerin in einer Fabrik verloren hatten.
Müller: Damals kam vieles zusammen. Es war auch die Zeit, in der mein Vater starb. Ich hatte eine schlechte Beziehung zu meinen Eltern, mein Vater war ja Nazi gewesen, und darüber hatten wir immer gestritten. Man bedauert es trotzdem, wenn es miteinander nicht geht. Mein Vater hat nicht gewusst, dass er stirbt, und das Gefälle zwischen seinen Hoffnungen und seinem Zustand war schrecklich, es hat mich so aufgewühlt und hilflos gemacht, das war für mich eine Zäsur. Die Kindheit lag nun endgültig hinter mir, auch das Dorf, aus dem ich kam, dadurch
wurde plötzlich etwas klar für mich. Also schrieb ich über dieses kleine abgeschiedene Kaff und die stehengebliebene Zeit.
SPIEGEL: So entstand Ihr erstes Buch "Niederungen", das von der Kritik sehr gelobt wurde.
Müller: Ich hatte damals nicht gedacht, dass ich Literatur schreibe, aber ich wollte mir über etwas klarwerden. Und ja, das Schreiben wurde auch angetrieben durch die Angst, die ich vor dem Geheimdienst hatte. Die Funktionäre in der Fabrik hatten mir mein Büro weggenommen, aber niemand hatte mir gekündigt. Ich wusste, dass ich nicht fehlen durfte, ich wollte denen keinen Grund geben, mich zu entlassen, ich musste von morgens halb sieben bis fünf in der Fabrik sein und hatte keinen Ort. Also habe ich mich auf die Treppe gesetzt. In meinem Kopf war so viel Verzweiflung von all diesen Verleumdungen, die der Geheimdienst gestreut hatte - die Arbeiter in der Halle pfiffen mir nach, ich sei ein Spitzel. Ich habe gedacht, jetzt glaubt mir niemand, jetzt dreht sich die Welt um.
SPIEGEL: Und auf der Treppe haben die Wörter Sie gerettet.
Müller: Ich habe mir die Treppe angeschaut. Angst macht große Augen, die Dinge werden fremd. Und weil sie fremd werden, beobachtet man sie genau, beobachten hält auch beschäftigt. Und die Beschäftigung hilft. Arbeiten hilft. Und um von sich selbst wegzukommen, beschäftigt man sich mit dem Wort Treppe. Ich habe mich auch mit Wörtern beschäftigt, die die Maschinen in der Fabrik beschrieben, in der technischen Sprache werden die Dinge oft belebt: Schwanenhals, Schwalbenschwanz. Die Schraube hat eine Mutter. Wieso hat eine Schraube eine Mutter?
SPIEGEL: In Ihren Collagen beleben Sie auch Dinge: "Der Holunder blüht sich müd".
Müller: Ja, bei Pflanzen habe ich so etwas schon als Kind gemacht. Ich musste ja mit den Kühen auf die Weide. Ich war mir selbst überlassen, die Kühe brauchten mich nicht. Ich habe mich mit Pflanzen beschäftigt, habe alles gekostet, ich wusste, was bitter ist oder sauer. Ich habe gedacht, wenn ich weiß, wie sie schmecken, könnte ich ihnen auch näherkommen. Die Pflanzen hatten aber nichts mit mir im Sinn. Ich habe es weiter versucht, habe auch manchmal gedacht, die wollen nicht so genannt werden, wie sie heißen. Die Milchdistel zum Beispiel habe ich Stachelrippe genannt. Ich habe die auch oft sortiert und verheiratet.
SPIEGEL: In Ihrem bekanntesten Buch "Atemschaukel" sind die Pflanzen sehr präsent: Die Geschichte ist angelehnt an das Schicksal des 2006 verstorbenen Dichters Oskar Pastior, der als junger Mann in ein sowjetisches Lager kam und dort aus Hunger Meldekraut aß. Er hat Ihnen erzählt vom Lager, und so entstand Ihr Roman. Wenn Sie Ihre Hauptfigur Pflanzen essen lassen - berichten Sie da von Ihrer eigenen Kindheit?
Müller: Nicht nur. Die Häftlinge haben wirklich alles gegessen, auch Müll. Aber ja, die Pflanzen und ihre Bezeichnungen, das kommt nicht aus Pastiors Erzählungen - er hatte gar keine Beziehung zu Pflanzen und konnte sie auch gar nicht beschreiben. Der hat mir immer von Lavendel erzählt, aber ich wusste ja, das Lager war in der Steppe. Da habe ich gesagt, Oskar, da wächst doch kein Lavendel. Also sind wir gemeinsam dorthin gefahren, damit ich die richtigen Wörter wähle. Als ich da war, habe ich gesehen: Das war kein Lavendel, das war Vogelwicke.
SPIEGEL: Auf seinem Grab, in der Nähe Ihrer Wohnung, ist Lavendel gepflanzt.
Müller: Ja, Lavendel und Rosmarin. Die habe ich gepflanzt.
SPIEGEL: Sie sind sehr genau mit Wörtern, in Ihren Romanen lassen Sie sie oft in Zusammenhängen auftauchen, in denen der Leser sie nicht erwartet. In der "Atemschaukel" ist es zum Beispiel das Wort "Heimweh". Der Häftling, der gelitten hat im Lager, kehrt nach Hause zurück und hat dort Heimweh nach dem Lager. Das ist für den Leser kaum zu ertragen.
Müller: Für mich auch nicht. Pastior hat mir erzählt, dass er Heimweh hat, und ich habe das nicht verstanden. 2004 hatte ich ihn dann in die Ukraine begleitet, er war da das erste Mal seit seiner Entlassung, und ich dachte, er würde verzweifeln. Aber der war so froh. Er sagte: Ich füttere meine Seele - ein Vokabular, das er sonst nie benutzte. Er wurde nicht müde und hat gegessen wie ein Verrückter, monströs. Die erste Nacht habe ich nur geheult, ich hielt das alles für abwegig. Später habe ich erfahren, dass auch Jorge Semprún, der als junger Mann im KZ Buchenwald war, gesagt hat, dass er dort zu Hause ist. Schrecklich.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?
Müller: Das ist Beschädigung. Etwas, was man liebt, aber nicht aushält. Diese Welt im Lager war zwar in der schrecklichsten Art organisiert, aber sie war organisiert.
SPIEGEL: 2009 erschien die "Atemschaukel", und Sie erhielten den Nobelpreis. Ein Jahr später kam heraus, dass Pastior beim rumänischen Geheimdienst als IM registriert war. Niemand hatte das gewusst, die Aufregung in der Presse war groß. Nach dem momentanen Stand der Forschung war er zwar IM, hat aber wohl versucht, wenig zu berichten. Wie stehen Sie heute zu ihm?
Müller: Ich war natürlich schockiert, als ich es gehört habe. Aber mein Freund Ernest Wichner hat an die 7000 Seiten Akten gelesen, und zwar alle Akten von Leuten, die Pastior bespitzelt haben könnte. Er war von 1961 bis 1968 IM. Wir haben bisher sechs Berichte gefunden, und die meisten sind harmlos. Es gibt Leute, die haben in einer Woche zehn geschrieben. Man hat Pastior in die Sache hineingezwungen, man hatte ein paar Gedichte von ihm gefunden über das Lager, und die hat man als antisowjetische Hetze bezeichnet, und dann sollte er ins Gefängnis. Wenn er die Verpflichtungserklärung nicht unterschrieben hätte, hätten sie ihn verhaftet, und noch einmal gefangen zu sein, das hat er sich nicht zugetraut.
SPIEGEL: Sie waren immer eindeutig, wenn es um die Diktatur und ihre Handlanger ging. Jetzt, da es um die Verstrickung eines Freundes geht, sind Sie nachgiebig.
Müller: Ich möchte nichts zurücknehmen. Er war IM. Aber ich will ein Mensch bleiben im Beurteilen. Wir wissen ja, wie viele IM-Typen es gab. Es gibt Typen, bei denen habe ich keinen Millimeter Mitleid, die haben jeden Tag berichtet, jede Woche, freiwillig. Aber Pastior war homosexuell und hätte schon deswegen verhaftet werden können. Immer Angst, immer im Visier, jede Liebe, jedes Gefühl ein Risiko. Ach Mensch, das ist doch furchtbar. In manchen Artikeln über ihn ist Schadenfreude. Das halte ich nicht für angemessen, und es führt auch zu nichts. Dadurch kommen wir den Dingen nicht näher.
SPIEGEL: Sie waren eng befreundet. Da sitzen also die spätere Nobelpreisträgerin Herta Müller und der spätere Büchnerpreisträger Oskar Pastior zusammen, erzählen sich ihr Leben, und der eine verschweigt Entscheidendes. Warum versagt Sprache selbst bei Leuten wie Ihnen?
Müller: Ich bin froh, dass sie versagt hat. Oskar wusste, wie mich der Geheimdienst drangsaliert hat, was hätte er mir sagen können? Hätte ich ihm geglaubt, dass er nicht viel für die getan hat? Das sagt jeder, wäre meine Reaktion gewesen. Ich hätte ihm vielleicht die Beziehung gekündigt, und heute wüsste ich, es wäre falsch gewesen, und ich könnte mich bei ihm nicht mehr entschuldigen.
SPIEGEL: In der Politik sind wir froh, dass wir uns frei äußern dürfen. Die Freiheit des Sprechens ist der Wesenskern der Demokratie. Wie erklären Sie sich, dass gerade die Länder, die sich seit dem Umbruch in Osteuropa demokratisch entwickeln konnten - Rumänien, Russland, die Ukraine, Ungarn -, nun dabei sind, auf dieses Gut wieder zu verzichten?
Müller: Das ist schamlos, was die sogenannte sozialdemokratische Regierung in Bukarest macht. Eigentlich sind es die Überreste der kommunistischen Partei, die die Kleptokraten in ihren Reihen schützen möchte. Dazu wird der Rechtsstaat ausgehöhlt, und wichtige Institutionen werden mit Parteisoldaten besetzt. Die Zeit wird zurückgedreht. Eine Partei will wieder alles bestimmen. Die Manipulationsversuche an der Zahl der Wahlberechtigten für das Referendum zur Abwahl des Präsidenten und die Bedrohung der Verfassungsrichter sind nur die Spitze des Eisbergs in diesem Schurkenstück. Denen ist das Land scheißegal. Ungarn war ein Lehrstück, die haben sich angesehen, wie man dort die Demokratie aushebelt. Es macht einem Angst, dass es so junge Leute sind. Victor Ponta, der neue Ministerpräsident, ist 39. Aber auch er ist noch von Ceauşescu sozialisiert. Seine Doktorarbeit ist in weiten Teilen ein Plagiat, zudem hat er sich noch mit einem erfundenen Universitätsabschluss geschmückt. Betrug gehört zum Selbstverständnis.
SPIEGEL: Sie sind 1987, zweieinhalb Jahre vor der Hinrichtung des rumänischen Diktators Nicolae Ceauşescu, nach Deutschland gekommen. Sie wurden dann mit Literaturpreisen überschüttet. Auf welchen einen Begriff würden Sie diese Wendung in Ihrem Leben bringen? Glück?
Müller: Es hat sich immer zum Besseren gewendet, seit ich hier bin. Ich konnte vom Schreiben leben - meine Güte, das konnte ich mir gar nicht vorstellen, als ich klein und kaputt mit nur einem Koffer hier ankam. Ich habe hier immer das machen können, was ich innerlich für notwendig hielt. Ja, das ist doch Glück, oder?
SPIEGEL: Kommt als Nächstes ein Roman?
Müller: Das weiß niemand. Ich bin auch niemand.
SPIEGEL: Frau Müller, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Mit Redakteurin Susanne Beyer in Müllers Wohnung in Berlin.
Von Beyer, Susanne

DER SPIEGEL 35/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 35/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL-GESPRÄCH:
„Ich habe die Sprache gegessen“