06.10.1997

USAZu schön, um wahr zu sein

Blamage eines Erfolgsautors: Angebliche Unterlagen über John F. Kennedy und Marilyn Monroe erwiesen sich als Fälschung.
Es sollte die Buchbombe des Jahres werden. Ein Starreporter kündigte an, jahrzehntelang geheimgehaltene Dokumente entdeckt zu haben, und nun müßten "einige Abschnitte der Geschichte" neu geschrieben werden.
Im Mittelpunkt der heißen Recherche standen zwei Figuren, deren tragisches Ende die Amerikaner so bewegte wie der Tod von Princess Diana die Briten: John F. Kennedy und Marilyn Monroe, der unvergessene Bewohner von Camelot und das größte Sexsymbol aller Zeiten.
Daß die beiden einander innig zugetan waren, ahnte das Publikum, seit Marilyn 1962 im New Yorker Madison Square Garden zum 45. Geburtstag von JFK ihr schmachtendes "Happy Birthday, Mr. President" ins Mikrofon gehaucht hatte. Auch daß eifrige Mafiosi Kupplerdienste leisteten, war bekannt.
Aber nun: Um alles zu vertuschen, habe die vermeintliche Lichtgestalt im Weißen Haus versucht, den finsteren FBI-Chef J. Edgar Hoover zum Mord an Marilyn anzustiften. Als das mißlang, soll Kennedy die unbequeme Geliebte mit mehr als einer Million Dollar zum Schweigen bewegt haben, bis die Unglückliche von eigener Hand ums Leben kam.
Der Entdecker dieser Sensationen schien über jeden Verdacht erhaben: Pulitzer-Preisträger Seymour Hersh, 60, hatte das Vietnam-Massaker von My Lai ans Licht gebracht; 1983 durchforschte er Henry Kissingers zwielichtiges Wirken im Weißen Haus von Richard Nixon.
In seinem Büro im Washingtoner National Press Building schürfte Hersh unentwegt nach Material für einen neuen Scoop. 1993 bot er der Branche das endgültige Buch über die Ermordung John F. Kennedys an.
Die Kombination des Namens Hersh mit dem für Millionen Amerikaner noch heute ungelösten Tod von Kennedy, dazu Harvey Oswald, Fidel Castro, die Mafia, die CIA und das FBI: Das war so verlockend, daß der New Yorker Buchverlag Little, Brown gleich einen Millionenvertrag abschloß. 350 000 Exemplare waren für die Erstauflage geplant, die im September erscheinen sollte.
Der Aufwand schien gerechtfertigt, konnte Hersh doch 1995 den Fernsehsender NBC dazu bringen, über zwei Millionen Dollar für die Auswertung des Buchs zu garantieren. Eine zweistündige Sondersendung sollte rechtzeitig zum Erscheinungstermin die Neugier der Öffentlichkeit auf "Die Schattenseiten von Camelot" (so der Titel) richten.
Hersh glaubte, auf einen Schatz gestoßen zu sein - Dokumente des 1985 verstorbenen New Yorker Anwalts Lawrence Cusack, der angeblich insgeheim für die Kennedy-Familie gearbeitet hatte.
Den brisanten Nachlaß hatte Sohn Lawrence ("Lex") Cusack entdeckt. Fein säuberlich war dort notiert und zum Teil von JFK handschriftlich kommentiert, was der Präsident so dringlich verbergen wollte.
Sogar Hersh fand seinen Fund manchmal "zu schön, um wahr zu sein" - und hielt ihn gleichwohl triumphierend ehemaligen Kennedy-Mitarbeitern vor, die vieles für möglich hielten. Auch der Schriftsteller Gore Vidal, ein guter Bekannter der Kennedy-Familie, fand die handschriftlichen Notizen "typisch Kennedy, wie das angestrengte Bemühen eines Neunjährigen, seine Leseschwäche zu überwinden".
Argwohn hätte indes schon ein Blick auf die Biographie des Lieferanten wecken müssen. So gab Cusack sich als Reserveoffizier der Navy aus und schmückte sich mit einem Examen in Harvard sowie einem Studium an der Juristenschule der New York University - alles erfunden.
Doch Hersh wollte nicht einmal lockerlassen, als im August 1995 eine Zeugin, die es wissen mußte, die Dokumente als plumpe Fälschung anprangerte. Der Journalist hatte die Sekretärin und Geliebte des Clan-Patriarchen Joseph Kennedy aufgetan: Janet DesRosiers Fontaine erklärte, ihre Unterschrift sei "nachgemacht", und bestritt, Marilyn Monroe je getroffen zu haben. Schriftlich warnte sie Autor und Verlag vor "den gefälschten Papieren".
Hersh tat dies als Versuch ab, den alten Boß und dessen Familie zu decken. NBC hingegen hatte Bedenken: Vor einem Jahr sagte der Fernsehsender das Projekt ab - und zahlte Hersh gleichwohl eine Million Dollar. Der überredete den NBC-Konkurrenten ABC, in die Bresche zu springen, für zwei Millionen Dollar.
Der Sender fing eigene Recherchen an, heuerte auch forensische Experten. Das Ergebnis: Schlüsseldokumente waren mit einer Schreibmaschine getippt, die erst knapp ein Jahrzehnt nach Kennedys Tod auf den Markt gekommen war. Und auf einem der Papiere findet sich eine Postleitzahl - obwohl die "Zip Codes" erst ein Jahr später in den USA eingeführt wurden.
Nun entschloß sich ABC News, Hershs Vertragspartner, zum Frontalangriff. Starmoderator Peter Jennings nahm den schwitzenden Lex Cusack ins Kreuzverhör. Hartnäckig bestand der auf einer Story, die längst nicht mehr zu halten ist.
Hersh versucht nun, aus dem Debakel einen Beweis seiner Seriosität zu machen: So sei eben Journalismus, da gebe es oft windiges Material, das nach eingehender Prüfung verworfen werden müsse. Die anrüchigen Passagen hat er aus seinem Manuskript getilgt. Der Verlag hofft dennoch auf einen Bestseller.
* Oben: im Mai 1962 anläßlich J. F. Kennedys 45. Geburtstags; unten: während des Wahlkampfs im November 1960.
Von v. Ilsemann und

DER SPIEGEL 41/1997
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