06.10.1997

FELSMALEREIErbschaft der Wildbeuter

Vor mehr als 2000 Jahren schufen Jäger und Sammler die Felsmalerei am Brandberg im heutigen Namibia. Kölner Forscher versuchen, die archaische Bilderwelt zu enträtseln.
Schon in drei, vier Tagesmärschen Entfernung taucht das Ziel am Rand der flirrenden Savanne auf. Rund hundert Kilometer voraus wird Namibias höchste Bodenerhebung sichtbar, der 2600 Meter hohe Brandberg.
Direkt dahinter beginnt die Namib, ein gut 80 Kilometer breiter Wüstenstreifen längs der südwestafrikanischen Atlantikküste, eine der ältesten Wüsten der Welt.
Seit Urzeiten war der fast kreisrunde Inselberg, Durchmesser rund 25 Kilometer, Zufluchtstätte und rituelles Zentrum für die Sammler und Jäger der Region. Jahrtausende zogen sie sich in das gut 500 Quadratkilometer große Felsmassiv zurück, wenn ringsum das Leben härter wurde.
Inmitten baumloser Hochebenen und vegetationsloser Landstriche wahrt der Granitkoloß sein eigenes Hochgebirgsklima. Während in der trockenen Savanne und in der ewigen Wüste Regenwasser in Minutenschnelle versickert, speichern seine Felsmulden noch die kleinsten Niederschlagsmengen.
Doch die frühzeitlichen Nomaden kämpften am Rand ihrer Welt nicht nur ums nackte Dasein. Sie fanden auch Muße, die Berghänge massenhaft mit vielfarbigen Bildern von Menschen und Tieren zu verzieren.
Tilman Lenssen-Erz, Archäologe am Heinrich-Barth-Institut der Universität Köln, ist seit zwölf Jahren mit der Erforschung der afrikanischen Felsbilder befaßt: "Im Laufe von etwa zwei Jahrtausenden", schwärmt er, "schufen die Wildbeuter ein reiches Erbe an prähistorischer Felsenkunst, wie es sich sonst nur an wenigen Orten der Erde so konzentriert findet."
Zudem zeichnen sich die Brandberg-Künstler - verglichen mit den Urhebern anderer prähistorischer Felsmalereien im südwestlichen Afrika - durch eine sichere Beherrschung des Handwerks aus, gepaart mit großer Ausstrahlung und Ausdruckskraft.
Seit langem liegt der Brandberg öd und verlassen. Bei der Ankunft der ersten europäischen Eroberer im Südteil des Kontinents war die Kunst der Felsmalerei in Namibia bereits erloschen, die Zeichnungen vom Brandberg bei den Einheimischen waren schon in Vergessenheit geraten.
Unter den Felsüberhängen des Granitmassivs fand anno 1918 Reinhard Maack, Landvermesser bei den ehemaligen deutschen Kolonialtruppen, Schutz vor der sengenden Hitze. Dabei entdeckte er die "Weiße Dame vom Brandberg", die in der Folgezeit zum berühmtesten Felsbild Afrikas avancierte.
Schon knapp zehn Jahre zuvor hatte der deutsche Leutnant Hugo Jochmann von den faszinierenden Felsbildern an den Granithängen des Bergsolitärs berichtet. Doch erst die "Weiße Dame" bescherte der Fundstelle weltweite Berühmtheit.
Seit der ersten Publikation in den dreißiger Jahren ranken sich um die Felsfigur Mythen und Spekulationen. Für die einen bezeugt die "Weiße Dame" den frühen Kontakt mit der weißen Rasse, lange bevor die legendären Afrikaforscher den Kontinent durchquerten. Für andere äußert sich in dem Motiv der Einfluß antiker mediterraner Kulturen auf die südafrikanischen Stammeskulturen - alles falsch: "Die Dame", versichert Lenssen-Erz, "ist ein Mann und die weiße Hautfarbe nichts anderes als eine Körperbemalung."
In den sechziger Jahren hatte die wissenschaftliche Erforschung der südwestafrikanischen Felsmalereien durch das Kölner Institut begonnen. Ende der siebziger Jahre machte sich der Grafiker und Felsbildforscher Harald Pager auf den Weg, um die gesamte Malerei in der Wildnis des oberen Brandbergs systematisch zu erfassen.
Nach seinem Tod 1985, kurz vor der Vollendung seines Riesenwerks, hinterließ Pager die bisher umfassendste Felsbild-Dokumentation der Welt. In acht Jahren mühevollen Kopierens in der Bergeinsamkeit hat Pager rund 43 000 Bilder aus 879 Fundstellen auf mehr als sechs Kilometer Zeichenfolie übertragen.
Seit dem Tod Harald Pagers bringen die Kölner Archäologen das einzigartige Quellenmaterial in großformatigen Katalogen heraus. Mit der Publikation des dritten Felsbild-Folianten liegt jetzt fast die Hälfte der Zeichnungen in gedruckter Form vor. Der vierte Band erscheint in Kürze.
Noch bis ins 20. Jahrhundert wurden prähistorische Felszeichnungen von der Wissenschaft meist als primitive Kunstäußerungen exotischer Völker angesehen, als "Buschmann-Malerei". Das hat sich längst geändert. Die grazilen Darstellungen und Motive gelten inzwischen als Beitrag zur Kulturgeschichte des Schwarzen Kontinents.
So gehören die Malereien vom Brandberg zu den wichtigsten unmittelbaren Zeugnissen aus vorkolonialer Zeit in Südwestafrika. Archäologen schätzen, daß sie etwa 2000 bis 4000 Jahre alt sind.
Doch wer waren die Urheber der Kunstwerke, was war ihr Sinn und Zweck? Weder mündliche Überlieferungen noch schriftliche Quellen geben Hinweise.
Um den Bildern Antworten zu entlocken, legte Lenssen-Erz einen Katalog von Bildbestandteilen an, die in den Felsgemälden besonders häufig vorkommen - Pfeile und Bogen, Werkzeuge, Jäger, Giraffen oder Springböcke. Rund 17 000 solcher Bildelemente hat der Kölner Urgeschichtler inzwischen erfaßt und in kurzen, genormten Sätzen ("Mann - rennt - hält - Bogen", "Giraffe - läuft") beschrieben. Mit Hilfe dieser Kürzel gelingt es, jedes Bild in ein Textfragment zu übersetzen, das als Teil einer Geschichte lesbar wird.
Erleichtert wurde die Arbeit dadurch, daß die Felsbilder zu einer südafrikanischen Felskunsttradition gehören, die sich durch konkrete, genau ausgeführte Darstellungen auszeichnet. Die Felsmalerei ist fast immer gegenständlich, kaum je abstrakt oder phantastisch. Menschen und Tiere sind stets in realistischen Situationen abgebildet. So werden etwa afrikanische Springböcke beim Urinieren gezeigt.
Die Felszeichnungen repräsentieren, so die Deutung des Kölner Felsbildarchäologen, die Archive und Bibliotheken der vorgeschichtlichen Gemeinschaften. Sie waren eine wichtige Möglichkeit der Sammler und Jäger, ihr Wissen über die Welt an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Entstanden sind viele Malereien am Brandberg wahrscheinlich während der langen Dürreperioden, von denen die Region häufig heimgesucht wird. Blieb der Regen aus, so gerieten die Sammler- und Jägersippen unter Druck. Es wurde nicht mehr genug Beute gemacht, das soziale Gleichgewicht geriet ins Wanken, die Gruppen drohten auseinanderzubrechen.
Die Brandberg-Bilder bildeten offenbar ein wichtiges Instrument des sozialen Krisenmanagements. "Sie federten die innere Krise ab, um die äußere Krise zu überdauern", meint Lenssen-Erz. Durch die bildliche Darstellung ließ sich zuverlässig und dauerhaft ökologisches Wissen weitergeben, das das Überleben auch in Krisenzeiten ermöglichte. Dabei beschworen die Zeichnungen den verlorenen Zustand der Harmonie mit der Natur.
Als gängigste Metapher für eine intakte Umwelt findet sich an den Brandberghängen der afrikanische Springbock (Antidorcas marsupialis), eine kleinwüchsige Gazellenart. Die afrikanischen Maler zeigen sie häufig in großen Herden, die friedlich mit ihren Jungen im Gras lagern. Die immer wiederkehrende Darstellung zufriedener Gazellenrudel deutet Lenssen-Erz als lockenden Widerschein eines Lebens ohne Streß und Krisen.
Die Botschaft war klar und für jeden verständlich: "Wenn die Springböcke wieder da sind, werden alle Sorgen vergessen sein, wird es wieder so sein wie früher", erklärt Archäologe Lenssen-Erz. "In der Bildersprache ist wohl niemand Analphabet."
Zugleich war der Brandberg ein Ort, an dem durch Gesang, Tanz und Malerei die Zyklen der Natur magisch beschworen wurden. Dahinter steckte zugleich das intuitive Wissen, daß die Gruppe durch gemeinschaftliche Rituale stabilisiert werden kann.
Zu den häufigen Motiven der Felsmaler gehören denn auch Tänze und zeremonielle Handlungen, an denen beide Geschlechter teilnehmen. Für die von manchen Forschern geäußerte Annahme, daß Männer dabei Regie führten, fand Lenssen-Erz jedoch keinerlei Beweise.
Nicht nur das läßt die Rolle der Frau in den frühen Kulturen in einem neuen Licht erscheinen. Denn Frauen finden sich in den Brandberg-Bildern - weit häufiger als Männer - in jenen Szenen, die auf einen rituellen oder zeremoniellen Hintergrund schließen lassen.
Das weist auf eine deutlich wichtigere soziale Funktion der Frauen innerhalb des Verbandes, als bisher angenommen wurde. Frauen erscheinen als Magierinnen, als Hüterinnen der Gruppe und des sozialen Zusammenhalts.
Überprüft hat Prähistoriker Lenssen-Erz seine Thesen anhand afrikanischer Erzählungen, die im 19. Jahrhundert von den Sprachforschern Lucy Lloyd und Wilhelm Bleek in der Kapstadt-Region aufgezeichnet wurden. Dort ist immer wieder die Rede von "männlichem Regen", der stets ein beängstigendes Unwetter ist.
"Weiblicher Regen" hingegen ist der sanfte Niederschlag, der den dürstenden Boden durchfeuchtet und das Gras sprießen läßt. Dieser Regen lockt die Springböcke herbei und läßt das Leben neu erblühen. Nach dieser Interpretation verschafften die Jäger- und Sammlerfrauen ihren Kulturen mehr als nur die materielle Basis.
Möglicherweise gab es besondere Zeremonien nur von Frauen für Frauen. Bei diesen Zusammenkünften könnten auch die Felsbilder entstanden sein - Lenssen-Erz ist überzeugt: "Unter den Brandberg-Malern waren viele Frauen."
Von Deussen, , Franke und

DER SPIEGEL 41/1997
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