13.10.1997

FUSSBALL

In der Hand der Mafia

Von Glüsing,

Verschobene Spiele, leere Stadien und Strafverfahren gegen Profis: Brasiliens Nationalsport ist in der Krise. Sportminister Pelé will die korrupten Funktionäre per Gesetz stoppen.

Tropenregen prasselt auf die Wellblechdächer von Jacarezinho, einem Elendsviertel in Rio de Janeiro. Fäkalien mischen sich in die Sturzbäche, die sich ihren Weg durch das Labyrinth aus roten Ziegelbauten bahnen. Unter einem Mauervorsprung halten die Späher der Drogenhändler nach Polizei oder rivalisierenden Gangstern Ausschau.

Gedankenverloren blickt der zwölfjährige Palhinha auf den Slum, in dem er aufgewachsen ist. Der schmächtige Junge schwelgt in Erinnerungen an ein blütenweißes Hotelbett in den fernen Niederlanden: "Auf so einer weichen Matratze hatte ich vorher noch nie geschlafen." Stolz zeigt er seine neuen Fußballschuhe, ein Mitbringsel aus Europa. In der Favela sind sie ein Statussymbol wie anderswo ein Mercedes.

Drei Wochen lang war er auf Einladung des Fußballclubs Feyenoord in Rotterdam. Am Ende des Probetrainings nahmen die Holländer ihn unter Vertrag. Im März nächsten Jahres wird Palhinha nach Rotterdam ziehen. Er bekommt ein Gehalt von 2000 Dollar im Monat, Kost und Logis sind frei. Nur Tore erwartet Feyenoord von ihm, viele Tore.

Der Ausverkauf des brasilianischen Fußballs hat eine neue Dimension erreicht. Wer die Gelegenheit bekommt, haut ab. "Bei unseren Clubs herrscht das Prinzip der Sklaverei", sagt Maurício Murad, Inhaber des einzigen Uni-Lehrstuhls für Fußballkunde in Brasilien, "die Spieler sind praktisch Eigentum der Präsidenten." 95 Prozent aller Profis verdienen weniger als 1000 Dollar im Monat. Allein im vergangenen Jahr wechselten 381 Spieler ins Ausland. Und selbst die Jüngsten wie Palhinha glauben nicht an eine faire Chance im Land des amtierenden Weltmeisters.

Die Kicker sind es leid, von den Cartolas, wie die Fußballfunktionäre in Brasilien genannt werden, im Stile von Schlachtvieh verhökert zu werden; sie fliehen vor einem korrupten System, in dem Spiele verschoben und Schiedsrichter bestochen werden. Der einzige Ausweg, sagt das National-Idol Pelé, sei "eine Moralisierung unseres Fußballs".

"Unser Sport ist in der Hand der Mafia", erregt sich João José, genannt Jota. Der Pensionär, der wegen eines Nierenleidens nie selbst Profi werden konnte, leitet die Fußballschule "Nova Safra" (Neue Ernte). Unter ihm trainieren etwa hundert Jugendliche jedes Wochenende auf einem staubigen Platz im Flamengo-Park von Rio.

Sie alle wollen es dem berühmten Romário gleichtun, der wie Palhinha aus Jacarezinho stammt und sich zu Geld und Ruhm empordribbelte. Vor allem aber träumen sie von fernen Ländern, von Italien, Spanien oder Deutschland, wo ihre Vorbilder Ronaldo, Bebeto oder Julio Cesar verehrt werden.

Jota, 65, ist ein Zuchtmeister der alten Art: Brüllend staucht er die Jugendlichen zusammen, wenn sie vor lauter Dribbeln mal wieder vergessen, den Ball abzugeben. Aber die Jungs lieben ihn. Sie wissen: Wenn sie vor Jotas strengem Auge bestehen, ist der Sprung zur Profi-Karriere nicht mehr ganz so schwierig.

120 Jungen aus den Elendsvierteln von Rio kamen schon in den Nachwuchsmannschaften brasilianischer Clubs unter. Die Späher der Vereine stehen jedes Wochenende am Spielfeldrand und beobachten Jotas Zöglinge.

Mit den Besten jedoch reist der weißhaarige Lehrer alle drei Monate zum Training nach Europa. Vor zwei Jahren schloß Nova Safra ein Abkommen mit Feyenoord Rotterdam. Bei einem Brasilien-Besuch stieß der Präsident vor drei Jahren zufällig auf eine Reportage über Jotas Fußballschule. Spontan lud er den Fußballenthusiasten und drei seiner Schützlinge nach Rotterdam ein. Leonardo, der Beste aus dem Trio, ist heute Nachwuchsstar bei Feyenoord.

Unermüdlich hält Jota nach neuen Talenten Ausschau. Den hochgewachsenen Misael, 16, der gemeinsam mit Palhinha im nächsten Jahr nach Holland geht, entdeckte er, als er vor einer roten Ampel stoppte. Der Junge bolzte mit ein paar Freunden am Straßenrand, Jota drückte ihm seine Visitenkarte in die Hand. "In ein paar Jahren werden sich die europäischen Vereine um ihn reißen."

In Rotterdam müssen Misael und Palhinha Niederländisch lernen, sonst nimmt Feyenoord sie nicht auf. Immer wieder ermahnt Jota deshalb seine Jungen, über dem Fußball die Schule nicht zu vergessen: "Wer schwänzt, hat bei mir keine Chance." Beim Training herrscht eiserne Disziplin, der Tagesablauf ist genau festgelegt - eine neue Erfahrung für die Jungen, die an die Dschungelgesetze der Favela gewöhnt sind.

Viele hoffnungsvolle Talente hat Jota an die Drogenmafia verloren. Die Kokainhändler versprechen dem Favela-Nachwuchs schnelles Geld, wenn er als Dealer arbeitet. Andere erhalten zwar den erhofften Kontrakt, doch oft unterschreiben die unerfahrenen Kicker Knebelverträge, die sie über Jahre zu einem Hungerlohn an den Verein binden; bei Transfers kassieren vor allem die Funktionäre ab. "Bei meinem Lieblingsclub Flamengo hätte ich keine Chance", klagt Misael. "Dort zählen nur Geld und Beziehungen."

Schuld an der Misere trägt vor allem der brasilianische Fußballverband CBF, der den Sport mit düsteren Methoden gängelt. CBF-Präsident Ricardo Teixeira, ein abgebrochener Jurastudent und gescheiterter Finanzspekulant, hat seine Macht durch feste Seilschaften zu Vereinen und Politikern gesichert.

Protegiert wird Teixeira von seinem ehemaligen Schwiegervater, dem Präsidenten des Fußball-Weltverbandes Fifa, João Havelange. Der mächtige Multimillionär, Sohn eines belgischen Waffenhändlers, gilt als Meister der Intrige. Von seinem pompösen Büro in Rio zieht er die Fäden im internationalen Sport-Zirkus.

Havelange, 81, hält hof wie ein Monarch. Im Vorzimmer zu seinem marmorgetäfelten Büro antichambrieren unterwürfige Vertreter der Fußballclubs, die auf ihre Audienz warten. Besucher empfängt Havelange vor einem Ölgemälde seiner selbst, respektlose Fragesteller weist er zurecht wie Schulbuben. Seine Erscheinung paßt besser in die Zeit der vergangenen Militärdiktatur als in das demokratische Brasilien von heute.

Jahrelang wagte es niemand, gegen den mächtigen Patriarchen aufzubegehren. Doch jetzt ist ihm ein ebenbürtiger Gegner entgegengetreten: Brasiliens Fußball-Legende Pelé, von Präsident Fernando Henrique Cardoso vor drei Jahren zum Sonderminister für Sport ernannt, hat Havelange und dessen Günstling Teixeira den Kampf angesagt.

Mitte September brachte Pelé einen Gesetzentwurf im Kongreß ein, der den brasilianischen Fußball von Grund auf reformieren soll. Das sogenannte Pelé-Gesetz sieht die Umwandlung der Fußballvereine in private Unternehmen vor, die Spieler sollen ab 1999 den Club frei wechseln können. Auch die Schiedsrichter sollen nicht länger unter der Kuratel des CBF stehen: In Brasilien kursieren Tonbänder, auf denen der Chef der Schiedsrichter-Kommission einem Club einen Deal anbietet - gegen Zahlung von 25 000 Dollar werde er einen geneigten Referee nominieren.

Das Gesetz bedeutet de facto eine Entmachtung des CBF und des Havelange-Teixeira-Clans. Es verletze die Fifa-Statuten, tobte Havelange. Wenn es in Kraft trete, drohte der Fifa-Boß, werde er den Titelverteidiger Brasilien von der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich ausschließen.

"Havelange ist gaga", konterte Pelé. Im Ernst glaubt niemand, daß der alternde Fifa-Präsident den viermaligen Weltmeister mit einem Federstrich vom WM-Turnier ausschließen kann. Pelé weiß die öffentliche Meinung hinter sich. "Nur jemand mit seinem Prestige kann es wagen, das Fußball-Establishment ungestraft herauszufordern", sagt der Sportjournalist Juca Kfouri.

Die Erzfeindschaft zwischen Pelé und Teixeira/Havelange geht zurück auf ein PLAYBOY-Interview von 1993. Darin beschuldigte Pelé CBF-Funktionäre erstmals der Korruption. Aus Rache entzog Havelange Pelé die Einladung zur Auslosung der Gruppenspiele bei der WM in den USA 1994.

Jetzt bieten Havelange und Teixeira den ganzen Clan auf, um das Pelé-Gesetz im Kongreß zu blockieren. Teixeira ließ eigens eine Luxusvilla für den CBF in Brasília anmieten, um die Lobby-Arbeit vor Ort zu kommandieren. Sein Onkel Marco Antonio Teixeira, Generalsekretär der Organisation, versucht seit Wochen, die Abgeordneten gegen das Projekt aufzubringen. Denn es geht nicht nur um eine Familienfehde. Für die Cartolas stehen Millioneneinnahmen auf dem Spiel.

Vor allem bei den lukrativen Geschäften mit brasilianischen Spielern und mit Sponsorenverträgen kassieren Funktionäre ab. Zwar sind sie verpflichtet, die Ablösesummen bei Spielertransfers dem brasilianischen Fiskus zu deklarieren. Das Finanzamt hat jedoch keine Möglichkeit, die Verträge einzusehen. Die Steuerinspektoren vermuten, daß ihnen jährlich hohe zweistellige Millionenbeträge entgehen.

In den vergangenen acht Jahren autorisierte der CBF insgesamt 1907 Spielerwechsel ins Ausland. Brasilianer kicken in der Mongolei und in Finnland, an der Elfenbeinküste und in Japan. Spieler, die in Brasilien unbekannt waren, wie Sonny Anderson (FC Barcelona) oder Giovane Elber (Bayern München), werden im Ausland als Superstars gefeiert.

Im Wissen um die Bereitschaft vieler Profis, die Heimat zu verlassen, hatten im Sommer fast alle Bundesliga-Clubs Kundschafter nach Rio und São Paulo geschickt, um im Fußball-Supermarkt einzukaufen. Sogar die erste Garde der Vereinsmanager, vom Leverkusener Rudi Völler über den Mönchengladbacher Rolf Rüssmann bis zum Münchner Uli Hoeneß, erkundigte sich vor Ort. Doch die Zeit der Schnäppchen ist vorbei.

Nur finanzstarke Südeuropäer wie FC Barcelona und Inter Mailand können sich noch brasilianische Top-Spieler leisten. Unter fünf Millionen Dollar ist kaum noch ein bekannter Profi zu haben.

Pelé will das Kartell jener zerschlagen, die am Export der besten Spieler verdienen und das Finanzamt clever austricksen. Der uruguayische Spielervermittler Juan Figer steht im Verdacht, einer von ihnen zu sein: Von seinem Büro in São Paulo aus hält der pressescheue Figer Kontakt zu Vereinen in aller Welt, in seiner Kartei führt er über 200 brasilianische Spieler.

Figer wickelt seine Geschäfte zumeist über sein Heimatland Uruguay ab, das als Steuerparadies bekannt ist. Er ist dort Teilhaber des Drittligisten Central Español. Brasiliens Fiskalbeamte vermuten, daß der Club ihm als Briefkastenfirma dient, um die Ablösesummen für die Superstars am Finanzamt vorbeizuschleusen: Uruguayische Fußballclubs brauchen keine Steuern zu bezahlen.

Auf dem Papier beschäftigt Central Español zahlreiche brasilianische Spitzenspieler, doch kaum einer hat je für den Verein gekickt. Die brasilianische Finanzbehörde ermittelt jetzt nicht nur gegen Figer wegen Steuerhinterziehung, sondern auch gegen Stars wie Romário und Ronaldo.

Die Millioneneinkommen der brasilianischen Stars und der Wohlstand der Funktionäre stehen in krassem Gegensatz zur Situation der brasilianischen Clubs. Die meisten sind hoch verschuldet, in den Stadien bleibt das Publikum weg. In dieser Saison besuchten im Schnitt nur 11 000 Fans die Spiele der brasilianischen Meisterschaft. Der Eintritt ist vielen zu teuer, sie sehen sich die Spiele lieber im Fernsehen an. Auch die zunehmende Gewalt in den Stadien und die inflationäre Anzahl von sportlich unbedeutenden Pokal-Wettbewerben schrecken viele Zuschauer ab.

Die meisten Spieler, die nicht mit Millionenverträgen im Ausland kicken, unterstützen daher Pelés Gesetzentwurf, so eine Umfrage der Zeitung FôLHA DE SÃO PAULO. Doch im Kongreß formiert sich Widerstand: Viele Abgeordnete sind auch Fußballfunktionäre - und die fürchten um ihre Privilegien.


DER SPIEGEL 42/1997
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