03.09.2012

Ganz, ganz unten

ORTSTERMIN: Wie ein deutscher Staatssekretär in Schleswig-Holstein Aufbauarbeit für Griechenland betreibt
Schnurrend senkt sich die Lehne des beigefarbenen Ledersitzes, Hans-Joachim Fuchtel lockert den Krawattenknoten und spricht ins Diktiergerät: "Sehr verehrte Frau Ministerin, Komma, liebe Olga, Komma, Absatz."
Fuchtel, 60 Jahre alt, rollt im Fond einer nachtblauen Mercedes-Limousine mit Freudenstädter Kennzeichen durch das holsteinische Heide, hinter getönten Scheiben zieht das Edeka-Center vorbei, Burger King, Küchenprofi Wollschläger. Er melde sich als Beauftragter der Bundeskanzlerin, diktiert er weiter sein Schreiben an Olga Kefalogianni, die griechische Ministerin für Tourismus. Er wolle mitteilen, "dass die Bemühungen, aus der Krise in Griechenland eine Chance zu machen, vorankommen". Fuchtel, grauer Schnauzer, kastanienfarbenes Haar, ist Schwabe, er will der "Minischderin" in schweren Zeiten helfen.
Im griechischen Tourismus sind die Umsätze dramatisch geschrumpft. Fuchtel will, dass das anders wird.
Deshalb hält der Mercedes jetzt auf einem von Heckenrosen gesäumten Parkplatz vor dem Kreishaus in Heide. Drinnen findet der Besucher Faltblätter, auf denen Robben blinzeln, und an der Tür des Landrats den Hinweis "Ik snack ok Platt".
Heide ist eine 20 000-Einwohner-Stadt in Dithmarschen, durch die Touristen fahren, wenn sie an die Nordsee wollen. Als Attraktion gilt der größte unbebaute Marktplatz der Republik.
Hans-Joachim Fuchtel ist Parlamentarischer Staatssekretär im Arbeitsministerium und vertritt den Wahlkreis Calw/ Freudenstadt im Bundestag. Früher hat er mal für Helmut Kohl ein Kamelrennen in Hoppegarten organisiert.
Vergangenen Herbst wurde er von Angela Merkel zum Beauftragten für die Deutsch-Griechische Versammlung ernannt. Fuchtel soll sich kümmern, damit es wieder klappt zwischen Griechen und Deutschen, zumindest auf lokaler Ebene.
Vielleicht hat Angela Merkel schon vor einem Jahr geahnt, dass Diplomaten und Technokraten in Griechenland wenig ausrichten können, wenn es dort richtig brennt. Dass es dann gut sein wird, jemanden wie Fuchtel zu haben, ohne Berührungsangst, als eine Art Frontschwein, man muss das so sagen, mit Hang zu "Handfeschdem".
Fuchtel hat bereits kommunale deutsche Experten für Kläranlagen, Abfallbeseitigung, Energieversorgung, für Obst- und Weinbau nach Griechenland geschafft. In Heide, an der Fachhochschule, hat er an diesem Tag eine Tourismus-Professorin schon halb überredet, bei der nächsten Tour Anfang September mitzufahren. Jetzt will er Jörn Klimant, den Landrat, und Olof Paulsen, den Ersten Stadtrat, überzeugen, dasselbe zu tun. Klimant ist Vorsitzender des Nordsee-Tourismusverbands, er kann griechischen Kollegen erklären, was Touristen wichtig finden, nachvollziehbare Öffnungszeiten, verlässlicher Fährverkehr, solche Dinge. Fuchtel sitzt im Landratsbüro und erzählt von seiner Mission. Durchs ganze Land sei er gereist, von Makedonien bis Kreta. Da liege viel im Argen.
Klimant und Paulsen nicken, sie haben davon gelesen.
Fuchtel klappt seinen Laptop auf und erzählt, wie er einmal ein Heilbad in Nordgriechenland besucht habe, tolle Kulisse, tolle Wassertemperatur - nur: Direkt über dem Becken ragte ein Abflussrohr heraus. Er hat dem Bäderchef dann empfohlen, das Rohr zu entfernen und auch gleich das Geländer neu zu streichen.
Der Landrat sagt: "Was man da alles anpacken muss, ne."
Der Erste Stadtrat trinkt Kaffee und schweigt, bis Fuchtel anmerkt: "Sie sagen ja nichts, Herr Paulsen." Paulsen sagt: "Is ja alles auch schwierig, ne."
Die Griechen seien sehr aufnahmebereit, berichtet Fuchtel, man müsse nur hinfahren und ihre Fragen beantworten. Sie nach Deutschland einzuladen bringe nichts. Erfahrungsgemäß seien sie frustriert, wenn sie sähen, was hier alles klappt. "Da machen die dann nur noch Sightseeing", sagt er.
Fuchtel will Bedarf und Erfahrung zusammenbringen, was ein Feuerwehrauto für Kreta bedeuten kann oder den Besuch einer 40-köpfigen Blaskapelle aus dem Nordschwarzwald. Es gab viel Häme für seine Mission, am Anfang. Der Ton ist respektvoller geworden, weil es so aussieht, als ob ganz, ganz unten, wo Fuchtel sich bewegt, etwas vorwärtsgeht.
Fuchtel war für seine eigene Ministerin, Ursula von der Leyen, in Schleswig-Holstein unterwegs, also hat er auf Wunsch des Gouverneurs der Südägäis einen Umweg über Heide eingelegt. Der Grieche hatte um deutsche Expertise gebeten, um schleswig-holsteinische Expertise, weil die ja auch viel Küste und Inseln haben. Was kann die Südägäis von Dithmarschen lernen?
Dithmarschen ist eine Gegend, wo es viel regnet, wo die Leute wenig reden und das Meer flach und matschig ist, und trotzdem kommen die Touristen. Leute, die so etwas vermarkten können, müssten eigentlich auch Ideen haben für ein Land mit Sonne und blauem, tiefem Meer.
"Könnet ihr helfe?", fragt Fuchtel.
Der Landrat wird jetzt nicht sofort mit Fuchtel ins Flugzeug steigen, aber Hoffnung gibt es. Der Landrat sagt: "Jau."
Von Julia Amalia Heyer

DER SPIEGEL 36/2012
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