03.09.2012

Kinderarbeit bei Samsung?

Eine New Yorker Organisation erhebt schwere Vorwürfe gegen den südkoreanischen Elektronikriesen.
Der Titel der Studie ist reißerisch: "Verstößt Samsung gegen Apples Patent auf das Tyrannisieren von Arbeitern?", fragt die Aktivistengruppe China Labor Watch (CLW). Der Vorwurf: grobe Missstände in den chinesischen Fabriken der Südkoreaner.
Am Dienstag dieser Woche soll die 124-seitige Untersuchung veröffentlicht werden, die der SPIEGEL vorab auswerten konnte. Sie nennt Beispiele für "gefährliche Arbeitsbedingungen", "körperliche Misshandlung", den "Zwang zu mehr als hundert Überstunden pro Monat" und - vor allem - den weitverbreiteten Einsatz von Kinderarbeit. Wiederholt seien minderjährige Schüler als billige Arbeitskräfte angeworben worden.
"Die Schüler sind oft jünger als 16 Jahre", behauptet Li Qiang, 40, der Gründer von CLW, einer Nichtregierungsorganisation, die von New York aus arbeitet. "Die Lehrer vermitteln die Schüler oft für Praktika an die Fabriken", so Li. Dort würden sie dann "zur Fabrikarbeit gezwungen, weil die Lehrer ihnen erst ein Abschlusszeugnis ausstellen, wenn sie das Praktikum absolviert haben".
Viele Schüler bekommen dabei keine gültigen Arbeitsverträge, weil diese zwischen der Schule und der Fabrik abgeschlossen würden, so sein Bericht: "Die Schulen schicken ihre Schüler gern, weil sie von den Fabriken eine Kickback-Zahlung dafür bekommen."
Um die Kinderarbeit zu verschleiern, würden den Kindern teils Ausweise älterer Mitarbeiter gegeben, schreiben die Aktivisten. Zwischen Mai und Juli haben Mitarbeiter von CLW in sechs Samsung-eigenen Fabriken sowie bei zwei Zulieferbetrieben recherchiert, unter anderem in den Städten Shenzhen, Huizhou und Tianjin, heißt es in dem Report.
Penibel listet die Analyse Missstände aus einzelnen Samsung-Fabriken auf: fehlende Atemmasken; einen Gesamtjahresurlaub von fünf Tagen; die Unterbringung von Arbeitern in Acht-Bett-Zimmern; regelmäßige Sechs-Tage-Wochen, teilweise sogar nur ein einziger freier Tag pro Monat; häufige Elf-Stunden-Arbeitstage, mitunter sogar die gesamte Zeit stehend. Das Ganze bei einem monatlichen Basislohn von umgerechnet 200 Euro.
CLW-Gründer Li gilt als "Schrecken der Multis" ("manager magazin"), weil er immer wieder westliche Konzerne an den Pranger gestellt hat, darunter Nike, Adidas, Puma, McDonald's - und auch Apple, dessen Zulieferbetrieb Foxconn durch seine Ausbeutermethoden das Ansehen der Nobelmarke erheblich beschädigt hat.
Ein ähnlicher Gesichtsverlust könnte nun Samsung drohen. Schon im August veröffentlichte CLW einen kurzen Bericht über angebliche Kinderarbeit in einem chinesischen Zulieferbetrieb des Elektronikriesen. Der antwortete darauf trocken: Nach einer Überprüfung vor Ort seien "bei den Arbeitsbedingungen keine Unregelmäßigkeiten festgestellt" worden.
Nun legt die Organisation mit einem weitaus umfangreicheren Report nach.
Obwohl Li schon seit über zehn Jahren in den USA lebt, benötigte er für ein Video-Interview über den Internetanbieter Skype Ende vergangener Woche die Hilfe einer Übersetzerin. Die Zustände in den kritisierten Fabriken konnte der SPIEGEL nicht selbst überprüfen. China-Experten halten die Details indes für plausibel und gut dokumentiert.
Vor allem fiel eine erste Stellungnahme des Konzerns zu den Vorwürfen überraschend zurückhaltend aus: "Wir messen uns an den höchsten Standards bei den Arbeitsbedingungen", teilte Samsung am Freitag auf Anfrage mit. "Wir haben Kenntnis von dem Bericht von China Labor Watch und analysieren die Situation vollständig."
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 36/2012
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