03.09.2012

KARRIERENDie Nahbare

Humor im deutschen Fernsehen ist nicht unbedingt eine weib liche Domäne. Annette Frier hat das Leichte im Comedy-Sektor gelernt - und spielt es nun aus.
So ist das mit den formatierten Sendeplätzen: Wenn ein Krebsdrama auf Sat.1 laufen soll, muss es am Dienstagabend laufen, weil vor allem dort Platz für größere Stoffe ist. Wenn es aber am Dienstagabend auf Sat.1 laufen soll, muss es eine "Romantic Comedy" sein, weil es da auch leicht zugehen soll.
Deshalb überarbeitete Monika Peetz ihr Drehbuch über die letzten Tage im Leben einer jungen Mutter und schrieb nachträglich eine Figur hinein, mit der diese Frau eine zarte Romanze entwickeln konnte: Die Figur ist der Tod.
Davor habe sie Angst gehabt, sagt Annette Frier, eine Liebesbeziehung zum Tod zu spielen: "Was soll das denn werden? Erotik? Das kann ja höchst unangenehm werden." Doch dann sei es beim Spielen so schlicht, so selbstverständlich gewesen - gar nicht unangenehm.
Den Tod spielt Christoph Maria Herbst als einen einsamen Mann mit schwarzen Haaren im schwarzen Mantel ("Auch der Tod hat ein Recht auf Leben"), der Aufträge aus einem Buch abarbeitet und gelegentlich mit seinem Job hadert. Aus dieser Konstellation hätte "Und weg bist Du" (Dienstag, 20.15 Uhr, Sat.1) eine furchtbar abgeschmackte Klamotte werden können, aber Regisseur Jochen Alexander Freydank ("Spielzeugland") hat eine bezaubernde, berührende Tragikomödie daraus gemacht.
Es ist gleichzeitig eine Art Abschiedsfilm von Joachim Kosack bei Sat.1. Als Geschäftsführer hat er nur zwölf Monate durchgehalten, aber in den Jahren vorher hat er als Fiction-Chef geschafft, dem runtergekommenen Sender wenigstens in diesem Bereich etwas von seinem früheren Selbstbewusstsein wiederzugeben. Dazu gehören erstaunliche Filme wie "Und weg bist Du", dazu gehört vor allem "Danni Lowinski", die Serie über eine Friseurin, die sich als Billig-Anwältin in einer Einkaufspassage durchschlägt, eine Minute Beratung für einen Euro. Beide leben von der nahbaren Strahlkraft Annette Friers.
Als die Unterschichts-Anwältin vor zweieinhalb Jahren auf Anhieb ein Erfolg wurde, atmete die halbe Branche auf, die den Glauben fast verloren hatte, dass so was noch gelingen könnte: eine deutsche Serie, die populär ist, ohne egal zu sein. Es lag an den Geschichten von Marc Terjung, der das Märchenhafte klar im Hier und Jetzt verankerte und gleichzeitig zeigte, dass Leute in diesem Milieu knapp über Hartz IV Humor haben, aber dass ihr Leben kein Witz ist.
Frier spielt fast immer solche Rollen: Frauen, die normal wirken, bodenständig, wie jemand, den man zu kennen glaubt oder gern als Nachbarin oder beste Freundin hätte. Das liegt nicht nur an den Rollen, sondern auch an ihr. Wenn sie in der kommenden Woche im ZDF in einer leider ziemlich heralindhaften Verfilmung des Hera-Lind-Bestsellers "Schleuderprogramm" eine überkandidelte Diva spielt, wovon sie mit größter Begeisterung erzählt, dann gibt sie auch dieser bizarren Figur einen wahren, warmen Kern.
"Ich will, dass man der Figur glaubt", sagt Frier, "das ist allererste Priorität." Ihr seien viele Schauspieler begegnet, die meinten, sie müssten nur bis zu einem gewissen Punkt gehen. "Ich denke, es wird erst interessant, wenn du eine Rolle wirklich annimmst und abgibst und nicht nur skizzierst."
Im Herbst läuft noch ein weiterer Sat.1-Film mit ihr, Arbeitstitel: "Schöne neue Welt". Im November ist sie neben Marianne Sägebrecht in "Omamamia" im Kino zu sehen, im Januar startet die neue Staffel von "Danni Lowinski". Sie ist eine der populärsten Schauspielerinnen, preisgekrönt, vielbeschäftigt. Und trotzdem ist sie kein Star.
"Es gibt Kollegen, die kommen auf die Bühne und verlangen erst mal Applaus", sagt sie. "Das ist völlig in Ordnung, aber ich finde das immer ein bisschen albern." Ihr selbst sei es wichtig, dass alle, mit denen sie arbeitet, sich wohlfühlen, gar nicht aus Uneigennützigkeit. "Ich bin ein extrem harmoniebedürftiger, fast harmonieabhängiger Mensch. Ich brauche das, damit ich gut arbeiten kann."
Spricht man sie darauf an, dass es doch eigentlich ganz gut laufe gerade, widerspricht sie: "Es ist total geil, wie es gerade ist." Zu diesem Glück gehört, dass sich ihre Wahrnehmung nachhaltig geändert hat. Ihre Auftritte in der Parodiereihe "Switch" und der Improvisations-Comedy "Schillerstraße" hatten ihre Karriere vorher geprägt. Sie ist nicht mehr die Komikerin, die sich als Schauspielerin versucht, sondern die Schauspielerin, die erstaunlich lustig sein kann. Davon gibt es nicht viele.
Jetzt muss sie sehen, was aus ihrer Danni Lowinski wird. Die letzte Staffel begann erstaunlich düster: Über mehrere Folgen wurde der Figur der Boden unter den Füßen weggerissen. Das gab der Serie eine Tiefe, auch für die komischen Momente, aber den Quoten tat es nicht gut.
"Wir sind an die Grenzen gegangen", sagt Annette Frier. Bislang sei es immer besser geworden, immer noch einen Schritt weitergegangen. Jetzt fragt sie sich, ob es sein kann, dass sie auch mal sagen wird: "Diese Staffel war vielleicht nicht so toll wie die letzte, aber immer noch so gut, dass man eine nächste macht." Das wäre neu, und sie weiß nicht, wie sie das fände. Seit zwei Wochen dreht sie in und um Köln die neuen Folgen. Es klingt, als könnten sie ein bisschen harmlos werden. Sie sagt: "Ich hoffe, nicht."
Von Stefan Niggemeier

DER SPIEGEL 36/2012
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