03.09.2012

TERRORISMUS„Eine mondlose Nacht“

Peter Bergen, 49, Autor des Buchs „Die Jagd auf Bin Laden“, über den Berichts eines Navy Seal, der beim Einsatz in Abbottabad im Mai 2011 dabei war
SPIEGEL: In seinem Buch "No Easy Day" gibt der Ex-Elitesoldat Matt Bissonnette, 36, eine neue Schilderung der Tötung Bin Ladens ab. Er schreibt, ein Soldat hätte schon von der Treppe des Bin-Laden-Hauses auf den Qaida-Führer geschossen, als der den Kopf aus seiner Schlafzimmertür steckte. Anschließend habe man weitere Schüsse auf den am Boden liegenden Bin Laden abgegeben. Bisher hieß es immer, Bin Laden sei in seinem Schlafzimmer von den Soldaten überrascht worden, seine Frau hätte sich noch schützend vor ihn geworfen. Was stimmt denn nun?
Bergen: Bevor wir ins Detail gehen, nur eines zur Erinnerung: Es war eine mondlose Nacht, im Haus selbst gab es kein Licht, die Navy Seals trugen Nachtsichtbrillen, durch die sie alles in Grün sahen. Welcher Augenzeugenbericht also stimmt? Ich weiß es nicht. Mag sein, dass es bald noch weitere Versionen geben wird, weil einfach jeder etwas anderes gesehen hat. Alles fand innerhalb von Sekunden statt, alle standen unter extremem Druck. Bei jedem Verkehrsunfall gibt es unterschiedliche Schilderungen.
SPIEGEL: Wenn aber zutrifft, was Bissonnette schreibt, hätte man Bin Laden dann töten müssen? Warum hat man ihn nicht einfach festgenommen?
Bergen: Was ändern denn Bissonnettes Schilderungen in der Substanz? Gut, es ist weniger heroisch, auf einen in seinem Blut liegenden Bin Laden zu schießen, als ihn im Kampf zu töten. Aber auch laut des neuen Berichts ist er nicht mit erhobenen Händen aus dem Zimmer gekommen und hat sich ergeben. Die Seals wussten nicht, ob er bewaffnet ist, ob er eine Sprengstoffweste trug oder nicht. Der Einsatz lief da schon seit 15 Minuten. Er hätte die Zeit gehabt, sich vorzubereiten.
SPIEGEL: Glauben Sie, hinter dem Buch steht die politische Motivation, Barack Obama zu schaden?
Bergen: Der Autor gibt ja zu, dass die meisten Seals keine Obama-Fans waren, ihn aber als obersten Dienstherrn respektierten. Als Bin Laden tot vor ihnen lag, habe einer sogar gesagt: ,Jetzt haben wir Obama zu seiner Wiederwahl verholfen.' Ich glaube nicht, dass das Buch einen politischen Hintergrund hat, aber der Einsatz selbst ist längst zum Politikum geworden.

DER SPIEGEL 36/2012
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