13.10.1997

BEWEGTE FAMILIENBANDE

Die Chronik eines Lebens zwischen Deutschen und Juden - über drei Generationen
Die meisten Menschen suchen zeitlebens nach einer Identität. Peter Finkelgruen leidet daran, daß er deren zu viele hat. 1942 in Schanghai als Kind eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter geboren, in der Tschechoslowakei, in Israel und in der Bundesrepublik aufgewachsen, besitzt er die deutsche, die israelische und seit ein paar Jahren auch die tschechische Staatsbürgerschaft.
In Deutschland wird er aufgrund seines Namens als Jude identifiziert, in Israel dagegen verweigert man ihm die Anerkennung als Jude. Sein jüdischer Großvater wurde in Theresienstadt totgeschlagen, der Mörder, ein SS-Mann, lebt bis heute unbehelligt in München; die christliche Großmutter kam nach Auschwitz, weil sie ihren Lebensgefährten vor den Nazis retten wollte. Sie überlebte und kümmerte sich nach dem Krieg um ihren Enkel, nachdem dessen Eltern gestorben waren, der Vater noch im Schanghaier Exil, die Mutter nach dem Krieg in Prag. Doch die geliebte Oma hat noch einen Sohn gehabt, der in der SS gedient hatte und im Mai 1945 von den Tschechen erschossen wurde. So quält sich Peter Finkelgruen, inzwischen 55, mit dem Gedanken, daß seine Familie "nicht nur aus Opfern, sondern auch aus Tätern bestand". Er rekapituliert die Geschichte seiner Familie, die zugleich "die Geschichte einer Täuschung" ist, setzt aus vielen dokumentarischen Steinchen ein anrührendes Mosaik des Leidens über drei Generationen zusammen. Wie sagt ein altes jiddisches Sprichwort: "Es ist schwer zu sein a Jid ..." Doch kein Jude zu sein ist auch nicht einfach.
Henryk M. Broder
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 42/1997
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