20.10.1997

HAUPTSTADTEndstation Neukölln

Im Zentrum boomt und glitzert Berlin. Doch an den Rändern verslumt die Metropole. Im Arbeiterbezirk Neukölln zeigen Verwahrlosung, Gewalt und Hunger den sozialen Niedergang an. Von Peter Wensierski
High-noon in Rixdorf: In der Neuköllnischen Allee peitschen mehrere Schüsse über die belebte Straße. Wer kann, geht in Deckung. Einer bleibt auf dem Boden liegen.
Wenig später berichtet eine Passantin der Polizei, was dann geschah: "Ein Mann lief weg, ein anderer kam noch einmal zurück, setzte den Lauf seiner Waffe auf das Genick des Wehrlosen und drückte ab." Vor dem Genickschuß hatte der Täter noch einmal seelenruhig nachgeladen, obwohl er bereits beobachtet wurde.
Szenen wie diese gehören zum Alltag im Berliner Bezirk Neukölln. In den vergangenen Monaten registrierte der Polizeibericht nahezu wöchentlich eine Schießerei. Mal wird in der Fuldastraße aus einem fahrenden Auto heraus auf den Gehweg geschossen, mal müssen Notärzte in der Herrfurthstraße gleich mehrere Verletzte nach einem minutenlangen Feuergefecht abtransportieren. Im Frühjahr löschten bei einer wilden Schießerei in der Wissmannstraße mit insgesamt fünf Toten zwei Nachbarfamilien sich gegenseitig aus.
Die blutigen Auseinandersetzungen markieren den sozialen Niedergang im größten Bezirk der Hauptstadt. Mit 330 000 Einwohnern steht Neukölln auf Platz 18 der deutschen Großstädte, vergleichbar mit Bonn oder Bielefeld.
Das vollständige Absacken versucht eine Handvoll engagierter Leute verzweifelt zu verhindern, jeder auf seine Art. "Zille" etwa, der 22jährige türkische Streetworker, der hier groß geworden ist und sich täglich um die Gangs kümmert, "wo viele schon mit 12 extrem aggressiv und außer Kontrolle geraten sind". Oder der Kripo-Mann Wolfgang Marschner, 55, mit seinem "Festnahme- und Aufklärungstrupp". Der Polizeioberrat freut sich über jede beschlagnahmte Waffe, die seine Beamten von den Einsätzen mitbringen, "denn das ist mit Sicherheit ein Toter in der nächsten Woche weniger".
Die beiden kennen sich nicht, aber sie verbindet das Gefühl, von der Politik allein gelassen zu sein. Zille, ein durchtrainierter Typ, der bei den Straßenkids hohen Respekt genießt, hat nur einen Vertrag für ein paar Monate.
Marschner und seine Eingreiftruppe müssen mit kargen Mitteln auskommen. Ihre Billig-Büros zieren keine Computer, Handys haben sich einige privat zugelegt. Die täglichen Einsätze sind gefährlich, aber die Männer treibt das Gefühl, "es liegt an uns, diesen Teil Berlins noch bewohnbar zu erhalten". Ihnen ist klar, daß sie nur das Schlimmste, und das auch nur für kurze Zeit, verhindern können.
"Es ist fünf vor zwölf", warnt Birgit Singer, 31, einzige Frau, die in Berlin ein Polizeirevier leitet. "Solange sich die soziale Lage hier nicht ändert, rückt der Zeiger weiter vor." Singer hat den Verfall des Viertels tagtäglich vor Augen. "Niemand fühlt sich hier mehr für sein Handeln verantwortlich." Fahrerflucht kam vor Jahren selten vor, heute ist es "eher die Regel, daß die Opfer einfach liegengelassen werden".
Voriges Jahr wollten 100 türkische Straßenkids und deren Eltern Singers Revier in der Rollbergstraße stürmen, um einen Festgenommenen zu befreien. "Sie konnten", sagt Singer, "gerade noch so zurückgehalten werden."
Einen Steinwurf vom Revier 55 entfernt, residiert im Rathaus an der Karl-Marx-Straße das größte Sozialamt Deutschlands. Auf die Frage nach dem rechten Weg dorthin lacht die Rathauspförtnerin spöttisch: "Is' doch überall hier! Sozialamt hamm' wa hier doch von oben bis unten."
Neukölln ist die Hauptstadt der Sozialhilfeempfänger. Jeder vierte bekommt "Stütze", insgesamt 75 000 Menschen. Im vergangenen Jahr wurden weit über eine halbe Milliarde Mark für Sozialhilfe ausgegeben. Das ist bundesweit Spitze.
In den Gängen brennt die Luft. Mehr als 1000 Menschen bevölkern zwischen 8 und 12 Uhr die Flure. Der Rekord steht bei 1623. Unzufriedene bedrohen das Personal, zerkleinern schon mal die Büromöbel. Kürzlich zündete einer Dynamitstangen an und verließ das Zimmer. Gott sei Dank waren es nur Attrappen.
Jeder der 140 Mitarbeiter muß 200 Familien "betreuen" und soll dabei auch noch "neue Chancen aufzeigen". So ist der gesetzliche Auftrag.
Viele ihrer Klienten sind "Zuwendungsempfänger" schon in der dritten Generation. Neu ist, daß sich immer mehr Bessergekleidete unter die Stammkunden mischen. Zwangsversteigerungen und Überschuldungen treffen selbst die bisher besser Situierten im Süden des Bezirks.
Das Elend konzentriert sich in der Altstadt Neuköllns. Dorthin sind seit 1989 die Wendeverlierer West zu Tausenden gezogen. In Kreuzberg und Berlin-Mitte haben Abschreibungsmodernisierung und Edelsanierung massenhaft billigen Wohnraum vernichtet.
Rund um die Karl-Marx- und die Hermannstraße in Neukölln gibt es noch 40 000 Wohnungen ohne Bad oder WC, teils ohne Heizung, mit Außenklo im Treppenhaus. "Neukölln is' nur noch een Staubsaujer für Asoziale aus der janzen Stadt", philosophiert eine Hauswartsfrau.
Nirgendwo sonst in der Hauptstadt hocken die Menschen so dicht aufeinander wie hier.
Junge Brandstifter sind unterwegs, die "einfach so" mal einen Keller, mal einen Dachboden anzünden. Straßenkinder lungern von morgens bis spät nachts herum, das Schnappmesser immer griffbereit. Zwischen "Rudis Resterampe" und "Connys Container" in der Hermannstraße patrouillieren tätowierte Männer mit ihren Pitbulls.
Um dem Grauen zu entkommen, sagen die Neuköllner, muß man sich ganz darin versenken. Nur Billiges hat eine Chance: Kampfhundbesitzer eilen zum "Frischfleisch-Discount", selbst der Bestattungsladen bietet einen Sarg-Discount. Auch Waffenläden locken mit Knarren vom Kaliber 5,5 mm - "II. Wahl" - und großen Schildern "Frei ab 14". Wer wirklich hart drauf ist, hat längst woanders ganz andere Kaliber erworben. Jeder achte strafmündige junge Mann in Neukölln ist im vergangenen Jahr mit dem Gesetz in Konflikt geraten.
Der 17jährige "Remsie" ist mit seiner Gruppe jeden Tag bis spät in die Nacht am Körnerpark. Die jungen Türken sind amtlich "Deutsche mit nichtdeutscher Herkunft". "Hier ist", sagt Remsie stolz, "immer etwas los."
In Wahrheit ist meist nichts los. Er und seine Freunde müssen selbst für Abwechslung sorgen. Derzeit kann Remsie nur seine bandagierte Hand vorführen. Die Gruppe grölt, wenn er erzählt, wie der Schädel seines letzten Opfers geknackt hat, als er sich beim Draufhauen den Finger brach.
Remsie und seine Freunde sind ein Fall für Zille, den türkischen Streetworker. Aber der kann nicht überall sein. Vielleicht wären einige von ihnen auch gut aufgehoben bei den Boxtrainern in der Kopfstraße.
Aus dem Boxclub in der alten Halle gingen die legendären Rocchigiani-Brüder hervor. Derzeit müht sich ein Ex- Trainer der DDR-Volksarmee um eine Handvoll Jungs von der Straße, meist Türken. Was er brüllt, wird befolgt. Ein paar Jüngere sehen stundenlang zu.
Doch die Clique vom Körnerpark kennt den Club nicht. Kaum einer von ihnen traut sich über die Grenzen des eigenen Kiezes hinaus. Jenseits davon liegt der verhaßte "Araberkeller" - multikultureller Krieg ist dort weitaus näher als Völkerfreundschaft.
In Zilles Team namens "Outreach" mühen sich ein Araber, ein Grieche, eine Türkin und ein paar Deutsche. "Die Strukturen der Familien, des früheren Großstadtkiezes sind zerstört. Die Kids stehen verloren herum, sie schreien nach Beachtung, aber keiner beachtet sie", sagt Zille.
Die schwierige soziale Lage zieht Verwahrlosung, Kriminalität und Drogenkonsum der Jüngsten nach sich. Jeder fünfte erwerbsfähige Neuköllner ist mittlerweile ohne Arbeit, die Quote liegt mit 22 Prozent weit über Berliner und bundesdeutschem Durchschnitt. In der Altstadt gibt es Straßenzüge, in denen leben ausschließlich Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, dazu noch ein paar Illegale aus Schwarzafrika, die von keiner Statistik erfaßt werden.
60 000 Ausländer wohnen hier, bei den jungen Leuten unter 25 ist nur noch jeder zweite ein Deutscher. In den Klassen hagelt es Abmeldungen, sobald die Mehrheit der Schüler Moslems sind. Auch die gutverdienenden türkischen Facharbeiter und Geschäftsleute verlassen mittlerweile Neukölln.
Sie werden verdrängt von Bosniern, Arabern, Afrikanern. Die Hasenheide, ein vermüllter Park, ist fest in schwarzafrikanischer Hand. 12jährige Mädchen kommen wie selbstverständlich mit ihren Rädern nach der Schule zu den Händlern auf den Parkbänken, um Haschisch und Speed für den Nachmittag zu kaufen - als wäre es Hanuta am Schulkiosk.
Neukölln ist "Untertauchgebiet" für Schwarzarbeiter, abgelehnte Asylanten, Prostituierte ohne Aufenthaltserlaubnis. Die "Aufklärungstrupps" des Kripo-Manns Marschner stürmen täglich irgendwelche Wohnungen, deren Mieter nicht mehr zu ermitteln sind. Aus dem Nichts auftauchend, umzingeln die Männer ein Gebäude, sichern Fenster und Hinterausgänge, poltern an die Tür: "Aufmachen! Polizei!"
In der Wohnung hockt ein knappes Dutzend Afrikaner, fast alle ohne Papiere. Handschellen klicken. Im Schlafzimmer stapeln sich Unmengen leerer Sony-, JVC- und Aiwa-Kisten. Eine etwas derangierte Bibel, die ein Beamter mit Kennergriff aus dem Kram zieht, enthält alle paar Seiten einen sorgfältig hineingelegten Hundertmarkschein.
Zu den kriminellen Spezialitäten im Neuköllner Soziotop gehören "Warenbetrugsgeschäfte". Dafür werden die hier reichlich vorhandenen Alkoholiker, Drogensüchtige oder gepfändeten Sozialhilfeempfänger benutzt. Für 50 Mark Honorar müssen sie Waren bei Versandhäusern bestellen, die sofort nach Eintreffen der Pakete einkassiert werden. Bei den Bestellern ist für die Lieferanten nichts zu holen.
Kürzlich flog einer der Hintermänner auf. Ein jugoslawischer Sozialhilfeempfänger hatte seine Dreizimmerwohnung zum Supermarkt umfunktioniert. Die Kripo brauchte für den Abtransport 40 Leute. Der Hehler hatte für die unterschlagene Versandhausware eigene Kataloge erstellt und lieferte auf Bestellung.
Die Verelendung der Jüngsten in dieser Gegend dokumentiert ein Recherchebericht der Neuköllner Jugendhilfe erstmals amtlich. Echte Armut hat sich breitgemacht. Viele Eltern haben Probleme, die wöchentlich fälligen fünf Mark für Obst und Frühstück in den Kindertagesstätten zu bezahlen. "Inzwischen gibt es sogar Kinder, die hungernd durch die Straßen laufen", gibt der Neuköllner Stadtrat für Jugend und Sport, Heinz Buschkowsky, beschämt zu.
In den raren Kinderclubhäusern der Altstadt Neuköllns sind seit einigen Wochen provisorische Kochgelegenheiten installiert, denn viele Kinder bekommen zu Hause weder Frühstück noch Mittagessen. "Ihre Mütter", so berichten Familienhelfer, "sind völlig aus der Bahn geworfen und bekommen nichts mehr geregelt. Jahrelange Arbeitslosigkeit, Nervereien mit Ämtern, Krankheiten, Alkoholismus haben die Menschen kaputtgemacht."
Den hungernden Kindern sollen Jugendamtssuppe und Spaghetti über ihre Not hinweghelfen. Gleichzeitig jedoch hat das Amt die Zahl der Familienhelfer aus Geldmangel massiv reduziert. Die Schulhöfe schließen am Nachmittag, die Jugendclubs am frühen Abend. Auch die evangelische Kirche stellt aus Kostengründen ihre Jugendarbeit mehr und mehr ein.
Den Kids bleibt die Straße, denn "zu Hause ist zuviel Streß" berichtet Sven, der mit 30 bis 40 Gleichaltrigen tagtäglich die Anwohner der Schillerpromenade derart drangsaliert, daß die allabendliche Konfrontation mit der Polizei garantiert ist.
Streit und Gewalt gehören zum Alltag vieler Familien. 1400 Neuköllner Kinder leben in Berliner Heimen, viele haben ihre Familien auf eigenen Wunsch verlassen. Rita, 38, aus der Schillerpromenade hat fünf Kinder von drei Vätern. Ihre Kleinen gehen oft weder zur Schule noch in den Kindergarten. Jugendknast, Psychiatrie, sexueller Mißbrauch - die Familie hat nichts ausgelassen. Das jüngste Mädchen ritzt sich seit Jahren die Unterarme auf. "Damit ich mich", sagte sie der Ärztin, "selbst spüren kann." Nach einer Heimeinweisung brüllte Rita das Jugendamt zusammen: "Für jedes Kind, das Sie mir wegnehmen, mache ich ein neues!"
Auf den Straßen sieht man viele Ritas. Blaugeschlagene Frauen begleiten ihre bereits am Vormittag alkoholisierten Männer. "Hör uff!" und "Mach mich nich an!" sind die gängigsten Dialogvarianten.
Die Aggressivität auf den meist völlig verdreckten Spielplätzen ist "so massiv, daß jüngere Kinder Angst haben dorthin zu gehen", berichtet eine Kinderclubleiterin.
Angst grassiert aber auch unter den Sozialarbeitern in den Jugendeinrichtungen. Einige Clubs stellten die Arbeit zeitweilig ein, weil ihre Mitarbeiter tagtäglich massiv ("Ich stech' dich ab") bedroht wurden. Streetball-Turniere mußten nach 20 Minuten abgebrochen werden, Frau Singers Streifenwagen verhinderten Schlimmeres.
Der Ton im Rollbergviertel, einem zubetonierten Hügel voller Sozialwohnungen nahe der Kindl-Brauerei, deren süßlicher Bierdunst sich über die Straßen legt, ist recht heftig. Am Nachmittag sammeln sich die 10- bis 25jährigen zum täglichen Rumgammeln, stets auf der Suche nach möglichen Opfern. Vorübergehende Frauen werden mit zotigen Zurufen bedacht. Die Standardbegrüßung für vorbeikommende Fremde lautet: "Was guckst du? Willste auf Schnauze?"
Zwei Jungen haben ein gestohlenes Fahrrad mitgebracht, daran ist aber niemand interessiert. "Nur 50 Mark - wer will kaufen?" Keiner will. Die beiden stoßen ihre Trophäe mit Schwung gegen eine der beschmierten Betonmauern. Das laute Krachen und Knacken begeistert die Umstehenden. Zwei Zuschauer springen von der Betonmauer auf die Speichen der Räder, die völlig verbiegen. Keine fünf Minuten und das Wrack bleibt achtlos im Sand liegen, die Truppe zieht weiter in den Abend.
Ein älteres Paar sitzt wenige Schritte entfernt auf einer Bank. Der Mann macht eine resignierende Handbewegung, seine Frau schimpft los. Seit Jahrzehnten wohnen sie hier, nun sind sie die letzten Deutschen im Block. Erst lag ein Drogentoter im Fahrstuhl, neulich wurde in der Nachbarwohnung jemand erstochen. Die Einbrüche zähle sie schon nicht mehr. "Wir sagen nichts mehr, wir leben schließlich mit den Tätern Tür an Tür." Die beiden kamen als Vetriebene nach Neukölln. "Jetzt haben wir unsere Heimat hier ein zweites Mal verloren."
Wieder eine Handbewegung, die Stimme der Frau senkt sich: In einem Supermarkt der Hermannstraße kämen "DIE" immer wieder und würden palettenweise Lebensmittel an der Kasse vorbei raustragen.
"Arabisch einkaufen" heißt die Methode bei den Kiezkindern. Ein Filialleiter wurde niedergestochen, weil er altmodisch darauf bestand, daß die Ware ordnungsgemäß bezahlt wird.
Der Staat hat sich hier und anderswo zurückgezogen. Besonders abends. Im "Sonnencenter", einem wild beschmierten Sozialbetonblock der siebziger Jahre, haben einige Frauen eine Bürgerwehr gegründet. Wenn die Sonne untergegangen ist, gehen sie mit ihren großen Hunden Streife.
Wer noch irgend kann, flieht aus der Altstadt. Ein Hausmeister, seit 20 Jahren im Amt, klagt: "Ich habe noch nie so viele Umzugswagen wegfahren sehen wie jetzt." Seitdem die Politiker die Fehlbelegungsabgabe gestrichen haben, entstünden "neue Ghettos". Die verlassenen Sozialwohnungen werden mit Verschuldeten, Alkoholikern und Sozialfällen aus anderen Stadtbezirken belegt.
Neukölln ist Endstation. Die wenigen Studenten, die hier leben, verschweigen unter ihresgleichen so lange es geht, daß sie in diesem Stadtbezirk wohnen, und wenn sie es zugeben, fügen sie rasch hinzu: "Aber ich zieh' da bald weg!" Das Quartier hat keine attraktive Szene, kein nennenswertes alternatives Milieu, keine Subkultur.
Statt dessen locken überall Ecklokale, Stampen, Kneipen, an deren Türen Schildchen prangen wie: "Hier kannst Du futtern wie bei Muttern". Sie heißen "Bienenkorb", "Braunschweiger Eck" oder "Zum Hammer". Am Tresen trifft man Frauen wie Marita, deren Mann soeben einen Rettungswageneinsatz provoziert hat. Er lag im Alkoholkoma auf dem Spielplatz, umringt von einer gaffenden Kinderschar, die hoffte, einen Toten zu erleben.
Jetzt nüchtert er aus - bei einem Bierchen mit seiner Frau im "Boddin-Eck". Die kleinen Kinder der Familie drängeln: "Wir wollen nach Haus." Es ist 23 Uhr. Die Mutter raunzt die Kleinen an: "Jezz hört' uff. Hier iss' doch unsa Zuhause!"
Seit Jahrzehnten wird Neukölln aus einem burgähnlichem Rathaus regiert, hinter dessen dicken Mauern fest eingesessene Kommunalpolitiker beständig in ihren Posten rotieren und auf die Einhaltung der Verwaltungsvorschriften und vor allem der eigenen Beamtenlaufbahn achten. "Querdenker, Kreative und kritisch Engagierte haben in diesem eingefleischten Sumpf aus rechter SPD und CDU niemals eine Chance", sagt eine, die der Burg entflohen ist. "Man liebt die Bürokratie sondergleichen, der Dienstweg dauert eine, manchmal zwei Wochen."
Im Rathaus folgen die Lokalpolitiker dem Kanzler, der mit seinen Worten die Arbeitslosenzahlen ständig halbiert. Die Realität ist um so düsterer: Mit dem Ende der Berlin-Förderung fielen auch die industriellen Arbeitsplätze weg. Im September ging die letzte Neuköllner Eisengießerei in Konkurs. 400 Arbeitslose mehr.
Bürgermeister Bodo Manegold (CDU) hofft auf Investoren. Doch die haben mit zwei, drei neuen Glaspalästen keine Veränderung bewirkt. Einen Ausländerbeauftragten hält der Christdemokrat für überflüssig: "Dann haben wir noch einen Schwafler mehr, der die Welt verbessern will."
Manegolds Lieblingsbeweis dafür, daß es aufwärts geht, ist "das größte Hotel Deutschlands". Vom Estrel (2250 Betten) am Rande der Neuköllner Altstadt fällt der Blick aus den klimatisierten Zimmern auf die absolute Endstation des Bezirks: das Obdachlosenheim Teupitzer Straße. Hier vegetieren alte Männer in ihren Betten dahin. Sie leiden an der nach dem Heim benannten "Teupe-Krätze".
Im Keller weist eine große Bunkerschrift mit dickem Pfeil "ZUR DESINFEKTION". In dem ehemaligen Nazi-Lazarett gibt es einen Desinfektor, der sich um die Entlausung der 300 ausrangierten Neuköllner kümmert.
Von der künstlichen "Piazza" mit dezenter Pianomusik unter der Glaskuppel des Estrel bekommen die busweise herbeigeschafften Berlin-tut-gut-Touristen davon allerdings nichts mit.
[Grafiktext]
Kartenausriß: Berlin-Neukölln
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Kartenausriß: Berlin-Neukölln
[GrafiktextEnde]
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 43/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 43/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

HAUPTSTADT:
Endstation Neukölln

Video 01:44

Facebook im Wahlkampf Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?

  • Video "Facebook im Wahlkampf: Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?" Video 01:44
    Facebook im Wahlkampf: Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?
  • Video "Videoanalyse zum Nein in Italien: Bankenkrise könnte sich verschärfen" Video 02:08
    Videoanalyse zum "Nein" in Italien: "Bankenkrise könnte sich verschärfen"
  • Video "Erfolg für Naturschützer: US-Armee stoppt Pipeline-Bau durch Ureinwohner-Reservat" Video 01:37
    Erfolg für Naturschützer: US-Armee stoppt Pipeline-Bau durch Ureinwohner-Reservat
  • Video "Amateurvideos aus Sotschi: Riesenwellen treffen Olympiastadt" Video 01:01
    Amateurvideos aus Sotschi: Riesenwellen treffen Olympiastadt
  • Video "Video aus Australien: Segler von sinkendem Boot gerettet" Video 00:45
    Video aus Australien: Segler von sinkendem Boot gerettet
  • Video "SPIEGEL TV über Özil: Acht Millionen für den Vater" Video 01:59
    SPIEGEL TV über Özil: Acht Millionen für den Vater
  • Video "Webvideos der Woche: Landen, Ausflippen, Kuscheln" Video 03:08
    Webvideos der Woche: Landen, Ausflippen, Kuscheln
  • Video "Luftverschmutzung: Ein Jahr Feinstaub im Zeitraffer" Video 02:14
    Luftverschmutzung: Ein Jahr Feinstaub im Zeitraffer
  • Video "Videoanalyse zur Wahl in Österreich: Die Wähler sind müde" Video 03:11
    Videoanalyse zur Wahl in Österreich: "Die Wähler sind müde"
  • Video "Brand in Kalifornien: Mehrere Tote bei Feuer auf Raver-Party" Video 00:32
    Brand in Kalifornien: Mehrere Tote bei Feuer auf Raver-Party
  • Video "Filmstarts im Video: Runterkommen mit Tom Hanks" Video 07:46
    Filmstarts im Video: Runterkommen mit Tom Hanks
  • Video "Bewegender Appell vor der Präsidentschaftswahl: 89-Jährige Österreicherin warnt vor Rechtspopulismus" Video 02:34
    Bewegender Appell vor der Präsidentschaftswahl: 89-Jährige Österreicherin warnt vor Rechtspopulismus
  • Video "Polizeivideo aus Großbritannien: Schlagabtausch auf der Autobahn" Video 01:25
    Polizeivideo aus Großbritannien: Schlagabtausch auf der Autobahn
  • Video "Kino-Premiere in London: I am Bolt - der schnellste Mann der Welt" Video 01:41
    Kino-Premiere in London: "I am Bolt" - der schnellste Mann der Welt
  • Video "Harke, Rasenmäher, Laubsauger: Was hilft beim Kampf gegen das Laub am besten?" Video 03:18
    Harke, Rasenmäher, Laubsauger: Was hilft beim Kampf gegen das Laub am besten?
  • Video "Einsatz als Pflegevater: Hund zieht Tigerbabys auf" Video 01:23
    Einsatz als Pflegevater: Hund zieht Tigerbabys auf