20.10.1997

EXTREMISTENKrieger in Berlin

Getarnt hinter Moscheevereinen, formiert sich die palästinensische Islamisten-Organisation Hamas konspirativ in Deutschland.
Die vorlesungsfreie Zeit nutzt Ahmed C., 26, Student der Nachrichtentechnik an der Technischen Universität Berlin zur speziellen Fortbildung. Der Palästinenser aus dem ehemals von Israel besetzten Gaza-Streifen, der seit Anfang der neunziger Jahre in Berlin lebt, verbringt seine Freizeit vorwiegend im dritten Stock der Fabriketage eines Hinterhauses in der Finowstraße in Berlin-Neukölln.
Hier ist, so weist es das Türschild aus, der Moschee-Verein "Islamisches Kulturzentrum" zu Hause. Doch unter dem Dach des eigentlich harmlosen Betzirkels treffen sich auch Mitglieder der fundamentalistischen Hamas, der "Islamischen Widerstandsbewegung", aus Palästina. Auf das Konto des militärischen Hamas-Flügels gehen in Israel seit 1993 zahlreiche Bombenanschläge mit mehr als 80 Todesopfern und Hunderten von Verletzten.
Der TU-Student gehört zu den etwa 150 Hamas-Mitgliedern, die deutsche Verfassungsschützer in der Bundesrepublik orten und um deren Wirken sich israelische und deutsche Sicherheitsbehörden zunehmend streiten.
Israelische Militärs und Politiker warnen immer eindringlicher vor den Hamas-Kadern in Deutschland: Diese würden den Terror finanziell fördern. Beweise für die Planung von Attentaten von deutschem Boden aus konnten die Israelis allerdings bisher nicht vorlegen.
Ahmed stieß als 16jähriger während der Intifada, des Aufstandes der Palästinenser in den seit 1987 besetzten Gebieten, zur Hamas. Prügelnde und schießwütige Besatzungssoldaten, die der Empfehlung des damaligen Verteidigungsministers Jizchak Rabin, den Palästinensern "die Knochen zu brechen", folgten, haben den jungen Araber früh radikalisiert.
Die Hamas, in den siebziger Jahren zunächst als soziale Organisation von Scheich Ahmed Jassin gegründet, zog Ahmed wie viele junge Palästinenser rasch in ihren Bann. Neben sozialen Einrichtungen wie Krankenhäusern und Kindergärten baute die Hamas eine politische Kaderorganisation auf, die ihren Mitgliedern ein neues Selbstbewußtsein vermittelt.
Nicht nur in den besetzten und autonomen Gebieten Palästinas, auch im Ausland ist sie straff strukturiert. In Deutschland gelten Berlin und Aachen als Hamas-Schwerpunkte.
Die etwa 50 Kämpfer in Berlin sind in konspirativen Zellen von je fünf bis acht Mann organisiert. In den wöchentlichen Schulungen werden "alle islamischen Begriffe in allen Lebensbereichen" mit Absolutheitsanspruch definiert. Den jungen Palästinensern wird das Gefühl vermittelt, einer der "größten islamischen Bewegungen der Gegenwart" anzugehören.
Hamas-Schüler durchlaufen bis zur Aufnahme in eine Zelle eine zweijährige ideologische Ausbildung. Anschließend müssen sie auf den Gruppensitzungen Referate halten und sich der Kritik der Mitkämpfer stellen. Hamas-Zellenleiter, von denen ein knappes Dutzend in Berlin die örtliche Leitung der Organisation bildet, schreiben Beurteilungen, nach denen die jungen Kämpfer eingestuft werden.
Ein wesentliches Kriterium ist, ähnlich wie in einer kommunistischen Partei Leninscher Prägung, die Disziplin. Die Fundamentalistentruppe, ein reiner Männerbund, gliedert ihre Mitglieder dreistufig. Anfänger gelten als "Aspiranten", wer sich bewährt, steigt auf zum "zugehörigen Bruder", ganz Disziplinierte erlangen den Grad eines "echten Muslim".
Geschickt kombiniert die Hamas für ihre jungen Mitglieder strenge Schulung mit lockerer Freizeitgestaltung. In der Moschee in Berlin-Neukölln steht neben dem Bücherschrank mit dem Koran eine Tischtennisplatte, umrahmt von Hamas-Plakaten mit dem Porträt Scheich Jassins und Broschüren der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema "Politische Ideologie". Zur Stärkung der Sportsfreunde gibt's an der Theke im islamistischen Allzweckraum statt imperialistischer Coca-Cola Mangosaft aus arabischer Produktion.
In Palästinenserkreisen gilt der Mittdreißiger Abou Shewareb als Chef der Hamas in Berlin, was der aber bestreitet. Die Berliner Führungsspitze der Hamas ist eingebunden in das Netz der Hamas-Exilorganisationen. Enge Kontakte pflegen die Berliner mit der europäischen Zentrale in London, die mit dem "Palestinian Reliefand Development Fund", dem palästinensischen Hilfs- und Entwicklungsfonds, verflochten ist. Die Londoner Europazentrale gilt Geheimdienstlern als finanzielles und operatives Zentrum der Hamas.
Ein israelischer Armeesprecher hatte Anfang August behauptet, der Aachener Verein "Al-Aqsa e. V", benannt nach der großen Moschee in Jerusalem, unterstütze die Terrororganisation Hamas mit Millionenspenden. Vereinschef Mahmoud Amr, 39, der an der Technischen Hochschule Aachen Politologie und Soziologie studiert, beteuert dagegen, sein Verein sammle nur Geld "zur Unterstützung der armen und bedürftigen Menschen Palästinas" - etwa für Kleiderspenden, medizinische Geräte in Kliniken oder Lebensmittelhilfen an Witwen, Waisen und Kranke.
"Als Verein", so Amrs diplomatische Formulierung, habe Al-Aqsa mit der Hamas nichts zu tun. Was mögliche Hamas-Anhänger in seinem etwa 20köpfigen Verein angeht, weicht er aus: "Ich frage die Leute nicht, ob sie in der Hamas sind oder in der CDU."
Trotz intensiver Beobachtung inklusive Telefonüberwachung und dem Einsatz von V-Leuten haben Verfassungsschützer keinerlei Anhaltspunkte dafür gefunden, daß sich an der bisher bekannten Organisationsstruktur der Hamas etwas grundlegend geändert hat - die militärische Führung operiere von Syrien aus.
Auch der Verdacht, die "Spenden" des zivilen Zweigs der Organisation in Deutschland könnten aus Erpressungen stammen, ließ sich nicht beweisen. Nach jahrelanger Spür- und Späharbeit ziehen die Geheimdienstler das Fazit, daß sich der Verein in der Aachener Kapellenstraße "durchweg mit humanitären Dingen beschäftigt", so ein Verfassungsschützer. Für ein Verbot des gemeinnützigen Vereins gebe es folglich keinerlei gesetzliche Handhabe.
Hamas-Anhänger in Deutschland beschränken sich bislang auf verbale Ausfälle gegen Israel und die Juden, etwa auf einer Demonstration von 2000 Arabern in Berlin im Juni dieses Jahres gegen die israelische Politik. Dabei skandierten radikale Fundamentalisten Parolen wie "Juden, wir hassen euch!"
Anschläge in Europa, wissen Hamas-Kenner im Nahen Osten, gehören nicht zur Linie der Organisation. Auch die Selbstmordkommandos der Kassim-Brigaden, benannt nach dem gleichnamigen Geistlichen, der 1935 im Kampf gegen britische Truppen in Palästina fiel, haben bislang niemals von Europa aus operiert. Die Gefahr, glauben Sicherheitsexperten, nehme eher ab: Hamas-Gründer Scheich Jassin, der Anfang Oktober nach achtjähriger Haft in Israel entlassen wurde, habe angekündigt, seine Krieger auf einen gemäßigteren Kurs führen zu wollen.
Gegen Attentate speziell in Deutschland spricht außerdem, daß die Hamas-Strategen eine heimliche Sympathie für Deutschland hegen, wenn auch mehr für das Dritte Reich. Gern erinnern Hamas-Anhänger daran, daß die Nazis den Mufti von Jerusalem, Amin el-Husseini, offen unterstützten. Der Mufti, ein Verwandter des PLO-Chefs Jassir Arafat, wird von der Hamas als Vorkämpfer eines muslimischen Palästina hoch verehrt.
Als der von den Nazis als "Großmufti" hofierte Gelehrte 1941 den Führer traf, reckte er freudig den rechten Arm: zum "deutschen Gruß".
Von Klußmann und

DER SPIEGEL 43/1997
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