27.10.1997

MILITÄRGreise Popstars mit Ritterkreuz

Um die hochdekorierten Angehörigen von Wehrmacht und Waffen-SS hat sich eine seltsame Melange jüngerer Bewunderer geschart. Hitlers alte Helden werden von Bundeswehrangehörigen, Militaria-Liebhabern und unbelehrbaren Rechten verehrt.
Oberstleutnant Eberhard Taube von der Infanterieschule Hammelburg war die Sache sichtlich unangenehm - aber Befehl ist Befehl. In knappen Worten teilte Taube dem Vorsitzenden der Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger, Wolfram Kertz, 81, den Rückzug mit: Die Bundeswehr werde offiziell an den Feierlichkeiten zum 43. Treffen höchstdekorierter Wehrmachtssoldaten nicht teilnehmen: "Kein Ehrenzug, kein Musikkorps, kein Blumenschmuck, keine Fahnen, alles gestrichen."
Kertz, ein aufbrausender Managertyp, dessen Kampfgeist noch lange nicht erloschen ist, nahm es tapfer und straffte sich: "Offenbar leiden die Oberen hier plötzlich an Charakterbronchitis."
Solche Ablehnung ist Kertz bislang nicht gewohnt. Die wenigen hundert Ritterkreuzträger, die noch am Leben sind, gelten den meisten "Kameraden" damals wie heute als untadelige Ehrenmänner.
Tatsächlich findet sich in der Ordensgemeinschaft eine brisante Mischung aus unbedarft Tapferen, Unbelehrbaren und Rechtsradikalen - ein Old-Boys-Network, das sich seit kurzem verstärkt für den Nachwuchs öffnet. Die regelmäßigen Veranstaltungen sind Kontaktbörse für alle möglichen Interessenten aus dem rechten Spektrum. Um die rund 80 von Hitler für außergewöhnliche Tapferkeit ausgezeichneten alten Kämpfer, die vorvergangene Woche zum alljährlichen Veteranentreffen ins nordbayerische Hammelburg zogen, hat sich eine seltsame Melange jüngerer Bewunderer versammelt.
Die Veteranen werden von ihnen verehrt wie Popstars, die noch einmal hofhalten. Dutzende glühender Bewunderer - die jüngsten kaum älter als 20 Jahre - hängen begeistert an den Lippen der "Zeitzeugen", wenn die vom Krieg erzählen, "wie er wirklich war".
Devot bitten die Fans um Autogramme auf alten Porträtfotografien, am begehrtesten sind Signaturen auf Fotos, die Landser im Feld zeigen. Je höher der Rang, je schärfer die Division, je näher am "Führer", desto entzückter scheinen die Sammler über ihre Beute.
Zahlreiche Verehrer der Ritterkreuzträger wie der Hamburger Reservist Albrecht Hinrich Laue, 24, reisten demonstrativ in Uniform an: "Ich sehe klar die Tradition von Wehrmacht und Bundeswehr - da habe ich keine Berührungsängste."
Die meisten halten sich jedoch mit eindeutigen Lippenbekenntnissen zurück wie der junge André, ebenfalls aus Hamburg, der nach Haartracht und Kleidung - Bürstenschnitt, Schirmmütze, schmale Stoffhose - modisch in die frühen dreißiger Jahre passen könnte. Fällt in der Runde junger Männer um André das Wort "Unrechtsregime", hat man für den Gesprächspartner statt offenen Widerspruchs nur ein mitleidiges Lächeln übrig: Solche Kritiker der Kriegsgeschichte sind, so der Sprachgebrauch, offenbar Opfer der "Umerziehung" geworden. Politische Einsichten und die Erkenntnis, daß der Zweite Weltkrieg verbrecherisch war und die Soldaten der Wehrmacht für die falschen Ideale kämpften, sind hier nicht gefragt.
André pflegte etwa auch guten Kontakt zu dem jüngst verstorbenen "Landesgruppenchef Hamburg" der Ordensgemeinschaft, Ritterkreuzträger Albert Stenwedel, ehemals SS-Sturmbannführer und "einer der Gründer der SS-Leibstandarte aus dem Jahre 1933", wie er einem Autogrammjäger stolz aufs mit Hakenkreuz verzierte Kärtchen schrieb. Ausgewählten Fans vermittelte Stenwedel auch Kontakte zu hochrangigen Ritterkreuzträgern.
Dazu zählen SS-Größen wie der letzte Verteidiger der Reichskanzlei in Berlin, Wilhelm Mohnke, oder der Kommandeur der SS-Division "Leibstandarte SS Adolf Hitler", Theodor ("Teddy") Wisch - deren Unterschriften gelten als Highlights im Sammlergeschäft.
Mal sind es vergleichsweise harmlose, spleenige Typen wie der Optikermeister Reinhard Kroll, 36, aus Kassel, der leidenschaftlich Orden sammelt und bekennt, daß der Große Zapfenstreich für ihn "ein wirklich erhebendes Erlebnis" ist. Mal ist es ein Herr in den Fünfzigern, der einem jungen Burschen anbietet, er könne ihm "jedes Bild, alles Material" besorgen, denn er habe Verbindungen "zu allen rechten Gruppen" im Lande.
Vereinsmitglieder mit eindeutig rechter Gesinnung scheinen in der Ordensgemeinschaft jederzeit willkommen - wie etwa der Zernsdorfer Sicherheitsunternehmer Hans Hinrich Karck, 57, ein drahtiger Mann mit flinkem, alles kontrollierendem Blick. Sein Vater, SS-Sturmbannführer Georg Karck, starb im vorletzten Kriegsjahr an der Front in Frankreich.
Karck macht kein Hehl daraus, daß er die jüngste deutsche Geschichte ganz anders sieht, als sie etwa in der Wanderausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die hier fast alle für einen "Skandal" halten, dargestellt wird: "Die kämpfende Truppe und Nazi-Verbrechen - das hat doch nichts miteinander zu tun", erklärt er. Auch die Nürnberger Prozesse seien für ihn zeitgeschichtlich irrelevant: "Wer da verurteilt wurde, ist für mich noch lange kein Kriegsverbrecher."
Daß sich Karcks Haltung mit der Gesinnung der Ordensspitze deckt, läßt sich im vereinseigenen Blättchen "Das Ritterkreuz" nachlesen. Neben kriegsverherrlichenden Berichten von allen Fronten ist da immer noch von "polnisch besetzten Gebieten" die Rede.
In einem Beitrag über die Wehrmachtsausstellung läßt sich der junge Geschichtsstudent Peter Hild aus Potsdam über die "zeitgeistverdorbenen Neudeutschen" aus. Er empört sich über den hessischen Kultusminister Hartmut Holzapfel, der seine Lehrer nötige, mit ihren Schülern "in Pilgerfahrten - dem Gang König Heinrichs nach Canossa gleich"- die Ausstellung zu besuchen.
Seit Monaten hatten die Ritterkreuzträger, die ihre Auszeichnung - wie der Eichenlaubträger Bruno Kahl, 75 - nicht selten persönlich aus Hitlers Hand empfingen, feste Zusagen vom Kölner Heeresamt. Wie seit Jahrzehnten sollte die Bundeswehr die Veranstaltung, für die der bayerische CSU-Ministerpräsident Edmund Stoiber ("Ich wünsche einen erfolgreichen Verlauf") die Schirmherrschaft übernommen hatte, feierlich begleiten.
Erst als Gewerkschaften, Grüne und Prominente wie der frühere SPD-Parteivorsitzende Hans-Jochen Vogel Verteidigungsminister Volker Rühe an seine 1995 vorgetragene Erklärung zum Traditionsverständnis der Bundeswehr erinnerten, daß die Wehrmacht nicht Vorbild sein könne, machte man auf der Hardthöhe einen - halbherzigen - Rückzieher.
Dem Chef des Kölner Heeresamts, Jürgen Reichhardt, der "ein Grußwort halten" und einen Kranz für die gefallenen deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs niederlegen wollte, wurde die Teilnahme untersagt. Doch bei der Totenehrung auf dem russischen Friedhof in Hammelburg und beim "Kameradschaftsabend" im Soldatenfreizeitheim Heinrich-Köppler-Haus waren Veteranen und Bundeswehrangehörige dann wieder vereint.
Brigadegeneral Wulf Wedde, Kommandeur der Infanterieschule Hammelburg, in der deutsche Soldaten auf internationale Einsätze vorbereitet werden (Kertz: "Viele von uns kennen die traditionsreiche Ausbildungsstätte noch von früher"), machte den Ritterkreuzträgern mit einem guten Dutzend weiterer geladener "Kameraden" seine Aufwartung.
Die "Beflissenheit", mit der die Bundeswehr "diesen Gruppen" begegne, erscheint dem ehemaligen stellvertretenden Chef des Streitkräfteamts in Bonn, Brigadegeneral a. D. Winfried Vogel, "völlig unangemessen". Die "saubere Trennung von Wehrmacht und Bundeswehr", kritisiert Vogel, der derzeit im Begleitprogramm der Wehrmachtsausstellung Vorträge über "die Traditionsdebatte" hält, sei "durch die oberste Führung nie konsequent eingefordert worden".
Es müsse "mehr Klarheit" herrschen in der "Grauzone" des Verhältnisses der Bundeswehr zur Wehrmacht, auch wenn die Bundeswehr zu einem gut Teil von ehemaligen Wehrmachtsangehörigen aufgebaut worden sei, fordert der Historiker Bernd Wegner von der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Es bestehe die Gefahr, daß wie in Veteranenkreisen häufig üblich die Politik vom militärischen Handwerk abgespalten werde und die "technokratische Bewunderung" als Gemeinsames, Verbindendes zwischen den Kameraden gelte.
Die zwanglosen Gespräche im Soldatenfreizeitheim jedenfalls sollten die "erwiesene Verbundenheit" (Kertz) zwischen Bundeswehr und ehemaligen Wehrmachtsangehörigen festigen. Zur mitunter dunklen Vergangenheit der Wehrmacht und der von manchem Ritterkreuzträger auch fiel dabei kein Wort: Von den 7318 mit der höchsten Auszeichnung des Zweiten Weltkriegs versehenen Soldaten gehörten immerhin 448 der Waffen-SS an.
In Hammelburg fielen keine neonazistischen Parolen, es wurden keine rechten Lieder gesungen, weit und breit war kein Skinhead zu entdecken, und niemand hob hier die Hand zum Führergruß. Die Teilnehmer fuhren teure Limousinen, waren fast alle gut gekleidet, trugen blankgeputzte Schuhe und dunkle Aktenkoffer.
"Wir sind viel zu stolz, um uns mit dem Pöbel von der Straße gemein zu machen", sagte Vereinsvorsitzender Kertz, der nach dem Krieg dem Flick-Konzern als Manager diente, während sich die schwere Kassetten-Eichentür des Festsaals hinter ihm schloß.
* Von rechts: Wolfram Kertz, Wulf Wedde, Bruno Kahl beim Totengedenken am 18. Oktober in Hammelburg.
Von Koelbl und

DER SPIEGEL 44/1997
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