27.10.1997

SOFTWARE„Mißbrauch des Monopols“

Bill Gates hat einen mächtigen Feind mehr: Die amerikanische Justizministerin will verhindern, daß Microsoft künftig auch noch das Internet beherrscht.
So hatte sich William H. Gates III. die vergangene Woche nicht vorgestellt. Immerhin hatten die Finanzexperten des Software-Giganten Microsoft mal wieder so günstige Quartalszahlen in petto, daß ein erneuter Anstieg der Microsoft-Aktie sicher schien. Denn mit einem Umsatzplus von 36 Prozent und einem deutlichen Gewinnzuwachs glaubte Gates auch verwöhnte Börsianer zufriedenstellen zu können.
Der erwartete Run auf die Microsoft-Papiere blieb aus, und die guten wirtschaftlichen Daten nahm kaum jemand zur Kenntnis: US-Justizministerin Janet Reno hatte dem Software-Guru aus Redmond bei Seattle die Schau gestohlen.
"Microsoft nutzt sein Monopol auf ungesetzliche Weise, um seine Alleinherrschaft zu verteidigen und zu erweitern", erklärte die Ministerin am Montag vergangener Woche in Washington und reichte auch gleich eine Klage bei Gericht ein. Solange Bill Gates sein Verhalten nicht ändere, solle die Software-Firma, so der Antrag des Justizministeriums, täglich eine Million Dollar Strafe zahlen.
Tags darauf wurden auch die Wettbewerbshüter in Brüssel aktiv. Microsoft, so der Verdacht der EU-Kommission, nutze seine weltweit dominierende Marktstellung, um auch den europäischen Internet-Anbietern wettbewerbswidrige Knebelverträge aufzuzwingen.
Am Mittwoch zogen schließlich noch die Wettbewerbshüter in Tokio nach. Mit fernöstlicher Zurückhaltung, aber unmißverständlich forderten sie Gates auf, er möge ihnen "Erklärungen" über seine Geschäftspraktiken auf dem japanischen Markt geben.
Ärger mit Kartellbehörden, Untersuchungen, Strafandrohungen, Anfeindungen und Klagen gehören für die Microsoft-Juristen zum Tagesgeschäft. Doch so dick wie in der vergangenen Woche kam es selten für den mit Abstand größten und profitabelsten Software-Konzern der Welt (20 Milliarden Mark Umsatz, fast 6 Milliarden Mark Gewinn), dessen Betriebssysteme MS-Dos und Windows weltweit etwa 90 Prozent aller Personalcomputer steuern.
Bislang hatten die Wettbewerbshüter in den USA das Vorzeigeunternehmen des Computerzeitalters eher vorsichtig angefaßt. Denn Microsoft und sein kauziger Firmenchef, der sich in weniger als 20 Jahren zum reichsten Unternehmer der Welt hochgearbeitet hat, werden in den USA bewundert und gehaßt zugleich. "Es gibt nur einen Menschen mit weniger Freunden, und das ist Saddam Hussein", charakterisiert etwa der Software-Unternehmer Paul Grayson seinen Partner Gates.
Doch allein im vergangenen Geschäftsjahr überwies die Firma mehr als drei Milliarden Mark Steuern, und viele Kleinanleger sind mit Microsoft reich geworden. Da ist Kritik nicht gefragt.
Nun aber haben, zumindest vorübergehend, die Gegner die Oberhand gewonnen. Angeführt vom US-Verbraucheranwalt Ralph Nader sowie den Microsoft-Konkurrenten Sun und Oracle, machen sie lautstark Front gegen den immer mächtiger werdenden Quasi-Monopolisten. Mitte November will der umtriebige Nader in New York ein publikumswirksames Hearing über die Praktiken der Gates-Company veranstalten. Auch die behördliche Strafandrohung von täglich einer Million Dollar, hundertmal mehr als in solchen Fällen üblich, markiert eine neue Gangart der Kartellwächter.
Kern der Auseinandersetzung mit den Kartellbehörden ist der Vormarsch von Microsoft auf dem Internet. Immer mehr Computerbenutzer begeben sich mit der Navigationssoftware von Microsoft, genannt "Internet Explorer", auf die Reise durchs weltweite Datennetz. Doch diesen Erfolg, so argwöhnen die Kartellwächter, habe sich das Unternehmen mit unfairen Mitteln erkämpft. "Wir werden versuchen, dem ein Ende zu machen", erklärte Joel Klein, Chef der Antitrust-Abteilung in Renos Justizministerium.
Dabei sah es zunächst so aus, als habe der Software-Guru aus dem US-Staat Washington übersehen, daß sich mit dem zum World Wide Web aufgerüsteten Internet auch der PC und seine Software grundlegend ändern könnte. Erst als ein bis dahin unbekannter Student namens Marc Andreessen im Sommer 1995 quasi über Nacht zum Liebling der Wall Street avancierte, wachte Gates auf.
Mit seiner Firma Netscape hatte Andreessen einen "Navigator" entwickelt, mit dessen Hilfe sich jeder PC-Novize schon nach kurzer Zeit wie ein Profi im multimedialen Datendschungel des Internet zurechtfinden konnte. Innerhalb weniger Monate luden zig Millionen von Computerfreaks die zunächst kostenlos angebotene Steuerungssoftware, im Branchenjargon Browser genannt, auf ihre Festplatte.
Erst im Dezember 1995, just an dem Tag, an dem patriotische Amerikaner des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor gedenken, kündigte Gates den längst fälligen Gegenschlag an. Andreessen, so ließ er durchblicken, habe "einen schlafenden Riesen geweckt".
"Entschieden, schnell und atemberaubend", so der Hollywood-Manager Jeffrey Katzenberg, riß Gates das Ruder herum. "Das Internet", verkündete Gates mit Siegerpose, "ist für uns die wichtigste Entwicklung, die alles vorantreibt."
Eilig setzte der Firmenchef mehrere Hundertschaften seiner Programmierer auf die Entwicklung eines Browsers an und lenkte gleichzeitig einen Großteil seines Forschungsbudgets von damals gut zwei Milliarden Mark auf das Projekt Internet um. Nur ein halbes Jahr später hatten die Microsoft-Programmierer ihren ersten "Internet Explorer" fertig.
Der Browser-Krieg begann, und innerhalb kurzer Zeit holte der Spätstarter gewaltig auf. Inzwischen nutzt bereits jeder dritte Surfer den kostenlos im Internet angebotenen Browser von Microsoft (siehe Grafik Seite 123).
Eine wichtige Schlacht gewann Gates dann vor drei Wochen, als er die neueste Version seines Browsers auf den Markt brachte. Der "Internet Explorer 4.0" ist, da sind sich die Experten einig, dem aktuellen Konkurrenzprodukt von Netscape erstmals technisch überlegen.
Um den Absatz des neuen Browsers zu fördern, griff Gates zu einem umstrittenen, aber vielfach erprobten Mittel. Er versuchte, die PC-Hersteller dazu zu verpflichten, neben dem Microsoft-Betriebssystem "Windows 95" auch den "Internet Explorer" als Standardausrüstung auf jedem neuen Rechner zu installieren.
So setzte die Gates-Company selbst den mächtigen PC-Hersteller Compaq heftig unter Druck, bei seinen Rechnern ausschließlich den "Explorer" zu installieren. Schon im nächsten Jahr sollen dann das Betriebssystem und der Internet-Zugang zu einer Einheit verschmolzen werden.
Die dreisten Koppelgeschäfte erregten die Aufmerksamkeit der Kartellbehörden. "Die Art und Weise, wie Microsoft sein Produkt in den Markt drückt", klagt Wettbewerbshüter Klein, "ist ein Mißbrauch des Monopols." Damit und erst recht mit der geplanten Verschmelzung von Betriebssystem und Browser verstoße Gates gegen das vor zwei Jahren mit dem Justizministerium vereinbarte Stillhalte-Abkommen.
Mit diesem außergerichtlichen Abkommen hatte das Justizministerium 1995 nach fast fünfjährigen Verhandlungen seine Ermittlungen gegen Microsoft wegen Verstößen gegen die Wettbewerbsgesetze eingestellt. Im Gegenzug hatte Gates unter anderem zugesagt, seine Betriebssysteme nicht mehr zusammen mit anderer Software im Zwangspaket zu verkaufen.
Bis zum Freitag dieser Woche hat Gates nun Zeit, auf die Vorwürfe der Justizministerin, der sich die Staatsanwälte von sechs US-Bundesstaaten angeschlossen haben, zu antworten. Dann entscheidet ein Gericht, ob ein Prozeß eröffnet wird und ob Gates die von den Behörden geforderte Geldstrafe von einer Million Dollar täglich wirklich zahlen muß.
Schon jetzt ist klar, daß Gates vorerst keine Zugeständnisse machen wird. "Wir arbeiten in vollem Einklang mit den Gesetzen", behauptet er. Die Vorwürfe seien "unglücklich und fehlgeleitet".
Microsoft habe ein "Produkt namens Windows entwickelt", gibt er zu bedenken, und "wer will entscheiden, was alles dazu- gehört"? Die geforderte Zurückhaltung sei ähnlich absurd, als wenn die Behörden Ford in den dreißiger Jahren verboten hätten, Radios in Autos einzubauen.
Die geplante Verschmelzung von Betriebssystem und Browser sei zudem durch die Vereinbarung von 1995 gedeckt. Dort wurde nach langen Verhandlungen, bei denen vom Internet gar nicht die Rede war, festgehalten: Bei allen Beschränkungen sei es Microsoft "nicht verwehrt, integrierte Produkte zu entwickeln". Am Ende, meint Gates, laufe der Prozeß auf die Frage hinaus, "ob ein Gericht entscheiden kann, welche Innovationen wir anbieten".
Das wird eine harte Nuß für die Richter. Experten rechnen denn auch mit jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen. In der schnellebigen Computerbranche wird dann das Urteil, wie schon die außergerichtliche Einigung von 1995, wohl nur noch historische Bedeutung haben. Damals bezogen sich die Untersuchungen auf das Betriebssystem MS-Dos, das schon 1990 von Windows 3.0 abgelöst worden war.
Justizministerin Reno hält sich deshalb bei ihrem Vorstoß eine Hintertür offen und verlangt zunächst nicht allzuviel. Mit einem speziellen Hinweis in der Gebrauchsanweisung müsse jedem "Windows"-Käufer zumindest klargemacht werden, wie er den "Internet Explorer" wieder löschen und statt dessen einen Webbrowser der Konkurrenz installieren kann.
Netscape und andere Konkurrenten wollen sich deshalb auch nicht allein auf die Gerichte verlassen. Mit einer großangelegten Anti-Microsoft-Werbekampagne glauben sie den "Tyrannosaurus Rex der Computerbranche", so der gescheiterte Software-Unternehmer Philippe Kahn, eher stoppen zu können. Bis zu 250 000 Dollar soll jedes Mitglied der Protest-Allianz beisteuern.
Den Microsoft-Manager Mike Murray scheint das nicht weiter zu erschüttern: "Es ist ganz gleich, was Washington macht. Es ist egal, was die Konkurrenz macht. Wir gewinnen."
[Grafiktext]
Marktanteile der Web-Browser 1997
Umsatz und Gewinn von Microsoft
[GrafiktextEnde]
Von Kerbusk und

DER SPIEGEL 44/1997
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