27.10.1997

BELGIENAuf Brautschau

Ein Pfarrer als Blaubart in Brüssel: Wieder erschüttert eine Mordaffäre die Belgier.
Es war ein schwarzer Tag im Land der finsteren Verbrechen: Vor dem Ausschuß, der die Affäre um den Kinderschänder Marc Dutroux untersucht, bezichtigten vorigen Montag vier Polizisten und Justizangestellte aus Charleroi einander der Lüge. Keiner von ihnen will dafür verantwortlich sein, daß eine Anzeige wegen Autodiebstahls im Sommer 1995 fünf Monate unbeachtet blieb.
Sie hätte auf die Spur von Dutroux führen können, der am 23. Juni 1995 den dunkelgrauen Citroën BX gestohlen hatte, mit dem er tags darauf die beiden Freundinnen Julie und Mélissa kidnappte.
Am selben Montag erinnerte eine Zeitungsnotiz an einen anderen belgischen Horrorfall: Aus der Umgebung von Mons wird wieder eine Frau als vermißt gemeldet - womöglich das fünfte Opfer eines Mörders, der seit Monaten die Polizei narrt und die Bürger in Angst und Schrecken versetzt. Der "Schlächter von Mons" verpackt die zersägten Leichenteile in Plastiksäcke und hinterlegt diese gut sichtbar am Straßenrand oder an einer Kanalböschung.
Und dann auch noch die Knochenfunde im Keller der Brüsseler Rue Vandermaelen. Es sind wahrscheinlich die Überreste von Familienmitgliedern des protestantischen Pfarrers Andras Pandy, der in den fünfziger Jahren aus Ungarn nach Belgien einwanderte.
Der Pastor, heute 70, wird verdächtigt, zwischen 1986 und 1989 zwei Ehefrauen, zwei Stieftöchter und zwei Söhne ermordet zu haben - und vielleicht noch weitere Frauen, deren Bekanntschaft er über Anzeigen in ungarischen Pfarrblättchen suchte.
Drei Serienmörder, die im kleinen, überschaubaren Belgien über eine lange Zeit unbehelligt ihre blutigen Spuren zogen, das mag ein Zufall sein. Doch das Land mit seinem unfähigen, korrupten Polizei- und Justizapparat, so bestätigt sich von neuem, machte es schlauen Psychopathen und Verbrechern leicht, ihr Unwesen zu treiben.
Pandy, Vater von neun Kindern und Stiefkindern aus zwei Ehen, hätte längst überführt werden können, wenn die Brüsseler Kriminalpolizei 1992 zwei Anzeigen seiner Tochter Agnes entschiedener verfolgt hätte. Die heute 39 Jahre alte Frau beschuldigte den Vater, seine Stieftochter Timea mißbraucht zu haben, woraufhin die 1984 einen Sohn gebar.
Außerdem gab Agnes eine Vermißtenanzeige auf: Ihre Mutter Ilona Sores und ihre beiden Brüder Daniel und Zoltan seien verschwunden; von Pandys zweiter Frau, Edith Fintor, und deren Töchtern Tunde und Andrea fehle ebenfalls jedes Lebenszeichen.
Pandy war ein seltsamer Gottesmann. Ende der sechziger Jahre hatte sich die ungarische Gemeinde in Brüssel von ihrem selbstherrlichen und habgierigen Pfarrer getrennt. Er habe mehr über Geld als über Gott gepredigt, erinnert sich ein alter Glaubensgenosse, und unnachsichtig die Kollekte eingetrieben. Nach der Trennung arbeitete Pandy in flämischen Schulen als Religionslehrer.
Drei Häuser besitzt Pandy in Brüssel, dazu noch ein Eigenheim in Dunakeszi, 20 Kilometer von Budapest entfernt. Dort fand die Polizei jetzt eine Schreibmaschine, mit der er angebliche Briefe seiner verschwundenen Angehörigen an sich selbst verfaßt hatte. Mit den gefälschten Lebenszeichen machte er der Brüsseler Polizei weis, daß Frau und Kinder ins Ausland verzogen seien. Von Lehrerkollegen hatte er sich schriftlich attestieren lassen, ein guter Vater und Pädagoge zu sein.
Seine Tochter Agnes wurde damals nicht zu den Aussagen und den Beweisstücken gehört. Ihr hatte er eine ganz andere Version erzählt: Seine erste Frau sei mit zwei Söhnen davongelaufen und später verbrannt, seine Stieftochter Tunde habe er vor die Tür gesetzt. Die zweite Frau sei mit einer Tochter zu ihrem Liebhaber gezogen. 1994 ließ er sich in Ungarn - in Abwesenheit seiner Frau - scheiden und begab sich erneut auf Brautschau.
In Brüssel wurde die Vermißtenanzeige zu den Akten gelegt. Die Stieftochter Timea, die gegen ihn hätte aussagen können, war zu diesem Zeitpunkt schon zu Verwandten nach Kanada gezogen.
Als im Gefolge der Affäre Dutroux ungelöste Vermißtenfälle jetzt neu aufgerollt wurden, begann die Polizei sich wieder mit dem Sonderling zu beschäftigen. In Ungarn hatte sich inzwischen die Familie Fintor an die Polizei gewandt, weil sie seit Jahren ohne Nachricht von Pandys zweiter Ehefrau Edith war. Die letzte schriftliche Auskunft hatte Pandy 1986 verfaßt: Seine Frau leide an unheilbarem Krebs und habe wohl nicht mehr lange zu leben.
Es war nicht das erste Hilfegesuch. Schon 1988 hatte Ediths Schwester in Ungarn den holländischen Pfarrer Andries Den Broeder angesprochen, der in ihrer Gemeinde zu Besuch war. Doch vergebens bemühte sich Den Broeder, in Brüssel mit Pandy in Kontakt zu kommen. Er schrieb schließlich an König Baudouin, dessen Büro den Brief an Justizminister Melchior Wathelet weiterleitete. Doch der antwortete nicht.
1993 machte Den Broeder noch einmal einen Vorstoß. Diesmal wandte er sich direkt an den Justizminister mit der Bitte, ihm eine zuständige Amtsperson zu benennen. Die Vermißte sei unter der Nummer 28.92.56-86 registriert, er solle einen Rechtsanwalt einschalten, lautete die unverbindliche Antwort.
Als die Affäre Dutroux Belgien erschütterte, so der empörte Pfarrer aus dem niederländischen Leusden, "kam in mir wieder dieses Gefühl der Ohnmacht hoch. Ich hatte nun den Beweis, daß es in der belgischen Justiz immer so zugeht. Und jeder bleibt ruhig auf seinem vertrauten Posten sitzen".
Wathelet nicht. Er hat den Job gewechselt und verdient nun das Doppelte als Richter am Europäischen Gerichtshof.
Von Schreiber und

DER SPIEGEL 44/1997
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